Interview über das Programmieren im Unterricht

Eine Sprache, die verbindet

Programmieren macht Spaß, fördert logisches Denken, stärkt die Kreativität und das „Wir-Gefühl“. In England steht Coding deshalb längst auf dem Stundenplan. In Deutschland sind die Schulen noch nicht ganz so weit – hier erfahren Sie warum.

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Herr Professor Aufenanger, ist das Erlernen von Programmiersprachen genauso wichtig wie Rechnen, Schreiben und Lesen?

Prof. Aufenanger: In der Politik wird oft gesagt, dass man Programmiersprachen lernen muss, um nicht den Anschluss in der digitalen Welt zu verpassen. Wenn man es jedoch genauer betrachtet, geht es weniger um das Erlernen der Programmiersprachen. Es geht eher darum, ein Verständnis für informatische Prozesse zu entwickeln und die digitale Welt zu begreifen. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit, Aufgaben klar zu strukturieren und Probleme lösungsorientiert zu bewältigen.

Warum ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche ein Verständnis für digitale Zusammenhänge entwickeln?

Prof. Aufenanger: Es hilft ihnen, sich selbstbestimmt in der digitalen Welt zurechtzufinden und erleichtert ihnen, die Zusammenhänge zu verstehen. Die Gefahr auf dubiose Angebote hereinzufallen oder sorglos E-Mail-Anhänge von unbekannten Absendern zu öffnen, wird durch zunehmende digitale Kenntnis verringert.

Prof. Dr. Stefan Aufenanger

Prof. Dr. Stefan Aufenanger ist Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz, Mitglied des Beirats der Stiftung Digitale Spiele-Kultur sowie Mitherausgeber der Zeitschrift „Computer+Unterricht“ des Friedrich Verlags.

Wie sollte der Unterricht idealerweise gestaltet werden, damit Schüler digitale Kompetenzen erwerben können?

Prof. Aufenanger: Es gibt in dieser Hinsicht eine Differenz zwischen den Informatikern und den Medienpädagogen. Die Informatiker wollen gerne ein Pflichtfach Informatik an den Schulen einführen. Als Medienpädagoge denke ich, dass die Herausforderungen der digitalen Welt in jedem Lernbereich angesprochen werden sollten. Das heißt, die Schülerinnen und Schüler können in jedem Schulfach lernen, wie die digitale Welt funktioniert, wo die Probleme liegen und was sie verstehen müssen, um sie zu durchschauen. Natürlich gehört auch das Programmieren dazu, aber es ist nur ein Baustein von vielen.

Welche Fähigkeiten werden durch das Programmieren gestärkt?

Prof. Aufenanger: Beim Programmieren geht es in erster Linie darum, eine Aufgabe strukturiert zu bearbeiten und Lösungswege aufzuzeigen. Sich einfach nur vor den Rechner setzen und einen Code eingeben, funktioniert nicht. Es erfordert sehr viel mehr Kreativität und Durchhaltevermögen. Außerdem schult es die Fähigkeit, komplex zu denken, um die einzelnen Programmierschritte auf ein Minimum zu reduzieren.

In der Regel werden Programmier-Aufgaben in kleinen Gruppen gelöst. Trägt die gemeinsame Arbeit vor dem Computer dazu bei, die Klassengemeinschaft zu stärken?

Prof. Aufenanger: Das ist tatsächlich ein Phänomen, das wir seit 10 bis 15 Jahren in den Schulen beobachten, in denen der Computer kreativer eingesetzt wird. Die Schüler kooperieren unheimlich gern miteinander, wenn sie am Computer beschäftigt sind. Wir haben in einer Studie bereits im Kindergarten herausgefunden, dass Kinder am Computer fast nie gestritten, sondern sich gegenseitig geholfen haben. Beim Spiel in der Puppenecke haben wir dagegen die Beobachtung gemacht, dass sich die Kinder viel eher um etwas streiten.

Was ist der Grund dafür?

Prof. Aufenanger: Meiner Auffassung nach spielt Besitz – vor allem bei Jugendlichen – keine so große Rolle mehr. In der virtuellen Welt kann man nichts besitzen, sondern man kann es gemeinsam benutzen. Ich sehe das bei meinen beiden ältesten Enkelkindern. Sie sind acht und zwölf Jahre alt und spielen ständig zusammen Minecraft. Bei diesem Spiel verfolgen sie ein gemeinsames Ziel und unterstützen sich gegenseitig.

Zeitschrift
Computer + Unterricht Nr. 107/2017 Coding

Coding, oder Programmieren, gilt vielen, nicht zuletzt den Verantwortlichen in der Bildungspolitik, als das Zauberwort der Stunde. Aber ist der Sprung ins Digitalzeitalter wirklich schon getan, wenn sich Schülerinnen und Schüler bereits ab der ersten Klasse darin üben, Codes zu schreiben?

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Wann wird Coding in Deutschland fester Bestandteil der Schule?

Prof. Aufenanger: In England ist das ja schon der Fall. In Deutschland wird es viel, viel länger dauern. Wir haben das Problem, dass wir nicht genügend Lehrer dafür haben. Das Fach Informatik hat im Studium eine hohe Abbruchquote und Informatik als Lehramt wird auch nicht so häufig gewählt. Um angehende Pädagogen mehr für dieses Thema zu begeistern, ist es wichtig, dass die Digitalisierung an allen Standorten und in allen Fächern Teil der Lehrerbildung wird.

Viele Eltern haben die Sorge, dass Kinder und Jugendliche zu viel Zeit vor dem Rechner verbringen und sich nicht mehr in der realen Welt zurechtfinden. Ist dies berechtigt?

Prof. Aufenanger: Nein, das ist überzogen. Es gibt zahlreiche Studien über Spielsucht von Jugendlichen. Die Anzahl jener, die tatsächlich spielsüchtig sind, schwankt dabei zwischen 1,5 und 4 Prozent. Ich rate Eltern immer, sich selbst ein Bild zu machen und Dinge auszuprobieren. Nur so kann man verstehen und nachvollziehen, was Kinder und Jugendliche an den neuen Technologien so fasziniert.