Bildungsverband vermisst Rückhalt für den Lehrberuf

Wunschtraum Regelbetrieb

Seit Jahren schon verschlimmert sich an Deutschlands Schulen der Lehrermangel. Zwar präsentiert das Bildungsministerium regelmäßig neue „Offensiven“ für die Bildung, doch packe die Politik, so der Verband Bildung und Erziehung (VBE), das Übel nicht an der Wurzel: Der Lehrberuf müsse endlich attraktiver gemacht werden – mit Geld und Unterstützung

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Die Kultusministerien haben es über Jahre versäumt, ausreichend viele Lehrkräfte entsprechend des Bedarfes und der stetig neu hinzukommenden Anforderungen anzuwerben und einzustellen“, erklärte im Juli der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. „Dies wird sich stärker werdend fortsetzen – und zwar jedes Jahr, bis die Politik endlich bereit ist, den Beruf durch bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung attraktiver zu gestalten.“ Verschärft wird der Mangel während der Coronapandemie durch Lehrkräfte, die aufgrund einer attestierten (oder selbst erklärten) erhöhten Risikolage nicht vor Ort unterrichten können (oder wollen) und weil weniger Personen aus der Rente oder Pension zurückgeworben werden können. Der Seiteneinstieg bleibt damit die einzige Lösung der Kultusministerien, wobei hier weiterhin nur eine mangelhafte Qualifizierung besteht. „Deshalb blicken wir mit großer Sorge auf das neue Schuljahr und erwarten nochmals einen Mangelzuwachs“, so Beckmann. „Zahlen könne man jedoch noch nicht seriös nennen“, sagt er und verweist lediglich auf die Modellrechnung der Kultusministerkonferenz, die anhand des aus den Bundesländern gemeldeten Mangels validiert wird.

Grundsituation Lehrkräftemangel

Schon in den letzten Jahren wurde es immer schwerer, ausreichend originär ausgebildete Lehrkräfte zu finden. So gaben die Schulleitungen in der vom VBE beauftragten forsa-Schulleitungsbefragung 2018 an, dass an jeder dritten Schule Lehrkräfte fehlen; 2019 klagte jede zweite Schulleitung darüber, und im Frühjahr 2020 fehlten an fast 60 Prozent der Schulen Lehrkräfte. Bei diesen sind im Mittel rund zehn Prozent der Stellen nicht besetzt. Laut Beckmann können konkrete Zahlen erst nach Beginn des Schuljahrs genannt werden: „Alles andere ist unseriös.“
Orientierung bietet die Modellrechnung der Kultusministerkonferenz (2019), wonach 2020 der Bedarf von Lehrkräften an Grundschulen und Sekundarschulen (außer Gymnasium) das Angebot um 7.000 Vollzeitstellen übersteigt. Zudem ist einzurechnen, dass Stellen in Teilzeit besetzt werden und das negative Saldo aus dem Jahr 2019 von 6.600 Stellen vermutlich nicht ausgeglichen werden konnte. Die Bertelsmann Stiftung hatte im September 2019 eine Rechnung vorgelegt, wonach bis 2025 bis zu 26.300 Absolventen des Grundschullehramts fehlen.

Verschärfung durch aktuelle Pandemie

In der Coronazeit wird es Lehrkräften nach individueller ärztlicher Beurteilung entsprechend ihrer Risikofaktoren ermöglicht, von zu Hause aus zu arbeiten. Hier begleiten sie Schülerinnen und Schüler online, planen Unterricht, koordinieren, können Aufgaben korrigieren und übernehmen Organisatorisches. „Trotzdem fehlen sie als Lehrkraft an der Schule. Klassenleitungen und Fachlehrkräfte müssen vertreten werden oder der Unterricht fällt aus. Die Versprechung aus den Kultusministerien, dass ein Regelbetrieb angeboten werden kann, weckt falsche Erwartungen und kann deshalb nur zu Unmut führen“, sagt Beckmann. 

Ja, auch Geld macht den Lehrberuf attraktiver. Der VBE fordert eine gleichwertige, von Schulform und -stufe unabhängige Bezahlung © Stockfotos-MG – stock.adobe.com ©Stockfotos-MG - stock.adobe.com

Vermeintliche Lösung: Seiteneinstieg

Laut der forsa-Umfrage von 2020 werden mittlerweile an der Hälfte aller Schulen Seiteneinsteigende beschäftigt. In Berlin machten sie im letzten Schuljahr 
60 Prozent der Neueingestellten aus, in vielen ostdeutschen Ländern 30 Prozent, in westdeutschen Flächenländern um 10 Prozent (Quelle: Abfrage der „Rheinischen Post“). Das Problem: Sie werden nicht ausreichend vorqualifiziert; es fehlt die Zeit, um sie von Lehrkräften anlernen und begleiten zu lassen, und es gibt kaum Angebote der beruflichen Weiterqualifizierung. Beckmann kritisiert: „Hier werden willige Menschen, die sich für Bildung engagieren wollen, von Anfang an demotiviert. Es braucht dringend Standards für Qualifizierungsangebote und Kooperationszeiten, sonst machen sich die Kultusministerien lächerlich.“
Hierauf weist der VBE fortwährend hin. So forderte er u. a. eine halbjährige Qualifizierung ein, etwa im April und August 2017, im Januar und Oktober 2018, im März, September und November 2019 sowie im März 2020. Die Forderungen wurden auch in einem Positionspapier zusammengestellt, wonach Seiteneinsteigenden durch Vorqualifizierung und berufsbegleitende  Qualifizierung der Nacherwerb eines Lehramts ermöglicht werden soll. Beckmann äußert Unverständnis: „Immer noch wird so getan, als würde der Lehrkräftemangel jeden Sommer wieder vom Himmel fallen. Mit zu wenig Vorbereitung werden dann zu viele Seiteneinsteigende in das System gegeben. Die Bertelsmann Stiftung konnte in einer Auswertung für Berlin exemplarisch zeigen, dass Seiteneinsteigende zudem vor allem dort eingesetzt werden, wo der pädagogische Bedarf am größten ist, nämlich in Schulen in schwierigen sozialen Lagen. Hier lag ihr Anteil in Kollegien bei durchschnittlich zehn Prozent und damit doppelt so hoch wie an Schulen mit finanziell besser gestellten Kindern.“

Fehlende Alternativen

Neben dem Seiteneinstieg wurden in den letzten Jahren auch vielfach Personen aus der Rente oder Pension für den Schuldienst zurückgewonnen. In der aktuellen Pandemielage und unter Berücksichtigung des deutlich höheren Risikos ab einem bestimmten Alter wird dies in diesem Jahr noch weniger zu einer Entlastung vom Mangel beitragen können.

Studieren vor und nach Corona: Lernen wird digitaler, Studierende wünschen sich mehr Lernvideos

Die Coronakrise hat deutschlandweit für einen Digitalisierungsschub in Lehre und Studium gesorgt. Aber bereits vor dem Studium gehörte Onlinelernen zum Alltag der meisten Studierenden in Deutschland. Das zeigt eine repräsentative Befragung von über 2.000 Studierenden an staatlichen und privaten Hochschulen bundesweit, die der Fachbereich onlineplus der Hochschule Fresenius gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Statista realisiert hat.

75 Prozent der Studierenden gaben an, mehr als die Hälfte der Zeit, die sie für das Studium aufwenden, mit digitalen Geräten zu verbringen. 15 Prozent verbringen sogar mehr als 90 Prozent ihrer Studienzeit an Handy, Tablet und Co. Vor allem nutzen die Studierenden das Internet für die Literaturrecherche (76 Prozent). Auch administrative Prozesse wie zum Beispiel die Einschreibung erfolgt weitgehend online. Das Lernen in virtuellen Klassenräumen hat sich dagegen noch nicht durchgesetzt. Es wurde vor der Coronakrise nur von zwölf Prozent der Studierenden genutzt. Viele wünschen sich mehr Online-
videos für die Lehre (47 Prozent) und mehr E-Learning-Angebote zum Selbststudium (44 Prozent). 34 Prozent möchten mehr Prüfungen als Onlinevariante ablegen.

Lernen: am liebsten „Nine-to-five“
Die zeitliche Entgrenzung des Studiums durch digitale Angebote erlaubt grundsätzlich das Lernen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Studierenden arbeiten aber gern im geregelten Rhythmus. Die bevorzugte Lernzeit ist „Nine-to-five“: 60 Prozent lernen bevorzugt tagsüber. Das trifft auch auf Studierende im Onlinestudium zu. Erwartungsgemäß höher ist die Bereitschaft zum Lernen nach 18 Uhr bei den Studierenden in berufsbegleitenden Studiengängen (33 Prozent zu 24 Prozent). Das Wochenende ist, wenn es nach den Vorlieben geht, bei Studierenden aller Studienrichtungen tabu: Nur zwei Prozent arbeiten bevorzugt am Wochenende.
www.hs-fresenius.de
 

Bezahlung und Rahmenbedingungen

Um die Attraktivität des Berufsfelds zu steigern, braucht es zudem die gleichwertige Bezahlung unabhängig von Schulform und -stufe. Hier sei insbesondere die gleiche Eingangsbesoldung A13 umzusetzen, fordert der Verband. Zudem müssen dringend bessere Arbeitsbedingungen mit Fokus auf Gesundheitsschutz umgesetzt werden. „Jede Forderung der Politik muss mit entsprechenden Ressourcen für die Schule unterlegt werden“, so Beckmann.

Entlastungsangebote? Fehlanzeige

Eine weitere Forderung des VBE ist die Einsetzung von multiprofessionellen Teams. Durch deren breite fachliche Aufstellung ist es so besser möglich, die Kinder individuell zu fördern. Gleichzeitig wird die Lehrkraft entlastet, sagen fast alle Schulleitungen, die ein solches Team haben (forsa 2020). Allerdings gebe es dies nur an der Hälfte der Schulen: „Hier ist Politik in der Pflicht, schnellstmöglich nachzusteuern und diese Unterstützung nicht länger zu verweigern“, sagte Beckmann.

VBE / mho