Die Lehrkraft als Mit-Mensch, Vorbild und Autorität

Wert-voll durch den Schulalltag

Müssen Lehrer neutrale Wissensvermittler sein, die ihre eigene Persönlichkeit hinter ihre Funktion und Aufgabe stellen? Die Eigenheiten, Ecken und Kanten vor ihren Schülern zu verbergen haben? Ganz im Gegenteil, sagen unsere Autoren, denn in Schule und Unterricht geht es immer auch um Beziehungen – und um den Austausch von Wertvorstellungen

Lehrer und Schüler im Klassenraum ©auremar - stock.adobe.com

An Lehreranwärter/innen werden im heutigen Schulalltag viele Anforderungen gestellt, auf die sie im Studium an den Universitäten mit unterschiedlichen Schwerpunkten vorbereitet wurden. Immer deutlicher kristallisiert sich für den Erfolg schulischen Handelns die Beziehungsebene heraus: Schüler begegnen Lehrkräften – oder Menschen begegnen Menschen; Schulen sind eben nicht nur Lern-, sondern auch Lebensräume. Dabei liegt der Ausgestaltung der Beziehungsebene ein individueller Wertekanon zugrunde: Werte beeinflussen unser Denken, Handeln und Fühlen.
Mit welchen Werten trete ich meiner Klasse gegenüber, welche Rolle spielen meine Werte in meinem Umgang mit meinen Schülern? Wenn ich mir meiner Werte bewusst bin, kann ich in vielen herausfordernden Situationen viel gelassener und professioneller reagieren und agieren.
Wir möchten dies an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn mein Wert „Gerechtigkeit“ ist und ich im schulischen Alltag als Lehrkraft „Ungerechtigkeiten“ erlebe und somit mit meinem Wert ein Konflikt entsteht, könnte es möglich sein, dass ich Schülern, die ungerecht zu ihren Mitschülern waren, mit viel mehr Härte begegne und sie entsprechend maßregle. Ich fühle mich persönlich von ihnen verletzt, da sie meinen Wert „Gerechtigkeit“ angegriffen haben.

Wo stehe ich, wo will ich hin?

Für die Berufseinsteiger/innen ist es besonders wertvoll, sich in jedem Fall mit ihren eigenen Werten auseinanderzusetzen. Denn Werte bestimmen nicht nur unser Denken, Handeln und Fühlen, sondern sie sind auch für unsere Haltung unseren Mitmenschen gegenüber verantwortlich. Wenn ich als Lehreranwärter/in, als Referendar/in in die Schule gehe, um zu unterrichten und gemeinsam mit meinen Kollegen zu arbeiten, muss ich mir auch darüber bewusst sein, mit welcher Haltung ich meinen Schülern im schulischen Alltag begegne.
Bin ich authentisch im Umgang mit ihnen, ohne zu sehr „Kumpel“ oder „Freund“ zu sein, wie empathisch kann ich meinen Schülern entgegentreten, ohne eine Gradwanderung zu betreiben, und in welchem Maß kann ich mitfühlend sein, ohne mich selbst in den Problemen und Sorgen meiner Schüler/innen zu verlieren?
Nach unserer Meinung ist es elementar, sich dieser Fragen zu Beginn der Ausbildung zu stellen. Den Lehrern kommt in der heutigen Zeit eine Schlüsselrolle zu. Durch den Ausbau der Ganztagsschulen sind sie viel mehr als nur Wissensvermittler für ihre Fächer, es genügt nicht mehr allein die fachliche Kompetenz, sondern es werden erhöhte Anforderungen an die Persönlichkeits- und Sozialkompetenz der Lehrkräfte gestellt: Wer bin ich als Mensch und was zeichnet mich aus? Für welche Überzeugungen stehe ich ein und wofür setze ich mich ein? Was ist mir wichtig? 

Soft Skills als integraler Bestandteil

Wer diese Selbstoffenbarungen als überflüssige Informationen oder als Preisgabe von Privatem einschätzt, übersieht das Interesse der Jugendlichen an ihren Lehrkräften als Mit-Menschen, Vorbilder und als Autoritäten. Lehrkräfte stehen im Fokus ihrer Schüler, sie prägen und erziehen die Heranwachsenden. Für nichts anderes sind sie bei der Berufswahl angetreten. Dabei bedeutet die Betonung der Beziehungsebene keinen Verlust der Autorität einer Lehrkraft. 
Von einem Plus an Beziehung profitiert oftmals auch das Klassenklima, was eine zusätzliche Chance für gelingende Lehr- und Lernprozesse bedeutet. Eine Gefahr besteht darin, dass bei einer Überbetonung der Schüler-Lehrer-Beziehung Grenzen überschritten werden, indem eine freundschaftliche oder gar kumpelhafte Ebene betreten wird, die natürlich auch nicht zielführend ist. Lehrer/innen prägen zwar, aber prüfen auch, sind ansprechbar, aber auch weisungsbefugt. Hier gilt es, eine Professionalität zu entwickeln, die beiden Komponenten angemessen Rechnung trägt.
Deshalb plädieren wir für folgende Herangehensweise: Wenn die Beziehungsebene im Vordergrund steht, dann werden aus „Lernobjekten“ entsprechende Lernpartner/innen, mit denen die Lehrkraft gemeinsam einen Sachverhalt, eine Methode, eine Fragestellung erarbeitet. Bei elaborierten Herangehensweisen plant und entwickelt die Lerngruppe den Verlauf der Stunde bzw. der Unterrichtseinheit gemeinsam. Diese Schülerbeteiligung ist kein Selbstzweck, sondern dient der Motivation. Hinter dem „Lernen auf Augenhöhe“ steht die These, dass diese kooperative Kultur der Zusammenarbeit erfolgreicher ist, da alle Akteure den Unterrichtsprozess „mit-gestalten“. Zugleich werden zentrale „Ich-Kompetenzen“ wie Selbstbestimmung, Partizipation und Selbsterfahrung angebahnt und geübt. 

Fazit: Plädoyer für die Beziehungsebene

Schüler/innen als Lernpartner begreifen – das können Anwärter, die sich selbst als Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, einer eigenen Meinung, einer eigenen Haltung in Schule einbringen! Lehrkräfte, die nicht nur ihr Fach, sondern auch das Leben verstehen und meistern können. Menschen, die sich Zeit für ihre Schüler nehmen, sich für deren Alltag interessieren und einen Teil der eigenen Persönlichkeit preisgeben. 
Erst wenn Lehreranwärter und Referendare in ihrer Rolle mehr sein wollen als Fachvermittler, wenn sie als Persönlichkeiten ihren anvertrauten Mit-Menschen, den Schülern, begegnen und nicht nur Wissen, sondern auch Sein vermitteln und vorleben, dann schöpfen sie ihr Potenzial für die ihnen anvertrauten Schüler/innen für die Gesellschaft (!) voll aus. 
Und sie entfachen Begeisterung bei den Heranwachsenden, sorgen damit gleichzeitig für ihre eigene Resilienz und bringen mit ihrem Elan neuen Glanz in die schulische Wirklichkeit. 


Literatur

Autorenkollektiv (2017): Lernen auf Augenhöhe. Potenziale von Schülerinnen und Schülern fördern. In: Lernende Schule 80, S. 34–37.
Bogdanow, Pamela (2017): Die Lehrerpersönlichkeit der Zukunft. In: Burow, Gallenkamp (Hrsg.): Bildung 2030. Weinhein und Basel: Beltz S. 74-87ff.
Roth, Gerhard (2015): Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Stuttgart: Klett-Cotta.

Lernen auf Augenhöhe: Eine ausgeprägte Kooperationskultur fördert die „Ich-Kompetenzen“ der Schüler ©pressmaster - stock.adobe.com