… und was für Eltern von Grundschulkindern besonders wichtig ist

Was Lehrkräfte fordert …

Inklusion, Integration, Digitalisierung – die Anforderungen an die Schule und damit an die Lehrkräfte steigen, obwohl an vielen Schulen Lehrkräfte fehlen. Zwei Studien zeigen, was Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen als besondere Herausforderungen ansehen – und was Eltern nicht nur von Grundschulkindern von den Schulen und Lehrkräften erwarten.

© Pia Bublies

Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung fragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa Ende vergangenen Jahres rund 1.000 Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen nach den zurzeit größten Herausforderungen an ihrer eigenen Schule.

Größtes Problem: Lehrkräftemangel …

Für die Grundschullehrkräfte ist der Lehrermangel die mit Abstand größte Herausforderung: 40 Prozent der Befragten – weit mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen an Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien – nannten dieses Problem, noch vor Zusammenarbeit mit den Eltern (32 Prozent), Inklusion (31 Prozent) und Integration (25 Prozent). „Der akute Mangel an Lehrkräften ist aufgrund der demografischen Entwicklung aktuell besonders stark in den Grundschulen spürbar und wird in den nächsten Jahren die weiterführenden Schulen erreichen“, sagt Dr. Dagmar Wolf, Leiterin des Bereichs Bildung der Robert Bosch Stiftung.

... und keine wirkliche Lösung

Quereinsteigerinnen und -einsteiger aus anderen Berufen sollen an vielen Schulen die fehlenden Lehrkräfte ersetzen. Doch das funktioniert offenbar vor allem an Grundschulen oft nicht problemlos. Mehr als zwei Drittel der befragten Grundschullehrinnen und -lehrer berichten über Probleme mit Kolleginnen und Kollegen, die als Quereinsteiger an die eigene Schule gekommen sind – an den Sekundarschulen tut das nur etwa jede zweite Lehrkraft. Am häufigsten werden mangelnde pädagogische Fertigkeiten und Probleme im Umgang mit den Schülern genannt, 39 Prozent bemängeln die didaktisch-methodischen Fähigkeiten. Verwunderlich ist dies nicht: An Grundschulen, wo die Kinder lesen, rechnen und schreiben lernen, sind didaktisch-pädagogische Fähigkeiten besonders wichtig. Hier kommt es weniger als an Sekundarschulen auf fachliche Inhalte und Fachkenntnisse an. Die fachlichen Fähigkeiten ihrer quereingestiegenen Kolleginnen und Kollegen kritisieren nur 17 Prozent der befragten Lehrkräfte. Dass die Einarbeitung der Quereinsteigerinnen und -einsteiger mehr Arbeit für die ausgebildeten Lehrkräfte bedeutet, meint etwa jede/r zehnte Befragte (9 Prozent). Und so erhöht die geplante Entlastung mitunter die Arbeitsbelastung.

Verhalten der Schülerinnen und Schüler

Neben den Problemen, die quasi „von außen“ an die Schule herangetragen werden, ist das Verhalten der Kinder für Grundschullehrerinnen und -lehrer eine besondere Herausforderung. Fast jede dritte Grundschullehrkraft (30 Prozent) nannte diesen Aspekt. Bei den Lehrkräften an Haupt-, Realund Gesamtschulen waren es dagegen nur 21 Prozent, an den Gymnasien sogar nur 12 Prozent. Dass Schülerverhalten und Zusammenarbeit mit den Eltern an Grundschulen besonders schwierig sind, liegt möglicherweise auch daran, dass Schüler- und Elternschaft an Grundschulen, die von allen Kindern besucht werden, besonders heterogen sind – entsprechend schwierig ist es nach Aussagen des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sich mit den Eltern auf gemeinsame Erziehungsziele zu einigen.

Was hilft?

Um die eigene Schule zu verbessern, hält etwa jede dritte Grundschullehrkraft Unterstützung durch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen sowie andere externe Fachleute für hilfreich; bei den Lehrkräften an Haupt-, Real- und Gesamtschulen sind es nur 19 Prozent, an Gymnasien nur 17 Prozent. Auch die Förderung der Teamarbeit (25 Prozent) und die Aufstockung des Fachpersonals (21 Prozent) wünschen sich Grundschullehrerinnen und -lehrer deutlich häufiger als ihre Kolleginnen und Kollegen von anderen Schulformen.
Dass eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Arbeitsentlastung sowie kleine, homogene Klassen helfen würden, die eigene Schule zu verbessern, meint – schulartübergreifend – etwa jede vierte Lehrkraft.

Nebensache Digitalisierung

Mit Whiteboards, Computern und anderen digitalen Medien sind Grundschulen deutlich schlechter ausgestattet als die übrigen allgemeinbildenden Schulen: 40 Prozent der befragten Grundschullehrkräfte beurteilen die Ausstattung der eigenen Schule als schlecht oder gar sehr schlecht. Dass ihre Schule (sehr) gut ausgestattet sei, meint nur ein Viertel (26 Prozent). Trotzdem betrachten nur 6 Prozent der Grundschullehrerinnen und -lehrer die Digitalisierung als große Herausforderung. Bei den Gymnasiallehrkräften ist es dagegen jede Vierte.

Lernziele aus Elternsicht

Nach einer Umfrage im Auftrag der Roland Berger Stiftung hat das Thema Digitalisierung auch für die Eltern von Grundschulkindern keinen besonderen Stellenwert. Bei der Umfrage zur „Chancengerechtigkeit und Bildungsförderung sozial benachteiligter Kinder“ befragte das Institut für Demoskopie Allensbach im Juni diesen Jahres 1.273 Deutsche im Alter ab 16 Jahren. Der Umgang mit Computern und Internet liegt der Studie zufolge auf der Rangliste der Lernziele in der Grundschule nur auf Platz 19. Besonders wichtig ist den Eltern dagegen, dass ihre Kinder Rechtschreibung und Grammatik gut beherrschen. 88 Prozent der befragten Eltern nannten dieses Lernziel – vor Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit (66 Prozent), Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme auf andere (64 Prozent) und Teamfähigkeit (63 Prozent). Dass die Grundschule ihren Kindern Allgemeinbildung und Freude am Lesen vermittelt, halten jeweils 62 Prozent der befragten Eltern von Grundschulkindern für besonders wichtig. Häufiger als gute Mathematikkenntnisse (54 Prozent) werden von den Eltern die Lernziele Konzentrationsfähigkeit (58 Prozent), Höflichkeit und gute Manieren (57 Prozent) sowie Selbstbewusstsein genannt.
Umweltbewusstsein (51 Prozent), Toleranz und Verständnis für andere Kulturen (49 Prozent), Selbstbeherrschung und Disziplin (48 Prozent), kritisches Denken (48 Prozent), Fantasie und Kreativität (46 Prozent), Durchsetzungsfähigkeit (46 Prozent), sinnvoller Umgang mit Medien wie Fernsehen und Internet (44 Prozent) und Respekt vor Lehrkräften und Autoritätspersonen (43 Prozent) liegen in der Rangliste der wichtigen Lernziele ebenfalls noch vor Computerkenntnissen, die sich mit den Englischkenntnissen Rang 19 teilen.

Spaß an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Fragt man Grundschullehrerinnen und -lehrer, warum sie sich für ihren Beruf entschieden haben, nennt mehr als die Hälfte (55 Prozent) Spaß an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als wichtig(st)en Grund. Für etwa jede/n Vierte/n war es das Interesse an Erziehung (26 Prozent) und Freude am Lehren (23 Prozent). Das Interesse an den Fächern, die unterrichtet werden, spielt bei Grundschullehrkräften (4 Prozent) eine deutlich geringere Rolle als bei den Kolleginnen und Kollegen an Gymnasien (26 Prozent) bzw. Haupt-, Real- und Gesamtschulen (12 Prozent).

Gleiche Bezahlung – verschiedene Meinungen

Wenn’s ums Geld geht, sind nicht nur die Gehaltsunterschiede, sondern auch die Meinungsunterschiede groß. Laut ForsaUmfrage fänden es drei von vier befragten Lehrkräften richtig, wenn alle Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen das gleiche Gehalt bekämen und in die Besoldungsgruppe A oder E 13 eingestuft würden. Neun von zehn Grundschullehrkräften befürworten das Einheitsgehalt, bei den Gymnasiallehrerinnen und -lehrern sind es nur 43 Prozent. Mehr als die Hälfte der Gymnasiallehrkräfte (54 Prozent) ist gegen die gleiche Bezahlung für alle.

Ältere Kinder, andere Lernziele

Eltern älterer Kinder (bis 16 Jahre) setzen bei den Lernzielen (teilweise) andere Prioritäten. Zwar genießt auch bei ihnen die Vermittlung von Rechtschreib- und Grammatikkenntnissen höchste Priorität: 82 Prozent nennen dies als besonders wichtiges Lernziel. Doch die Vermittlung von Allgemeinbildung (besonders wichtig für 76 Prozent der Befragten), Englisch- (74 Prozent) und guten Mathematikkenntnissen (66 Prozent) ist den Eltern wichtiger als Lernziele wie Selbstbewusstsein (63 Prozent), Pünktlichkeit (62 Prozent) und Konzentrationsfähigkeit. Auch die Vermittlung von Computer- und Internetkenntnissen gehört bei den Eltern mit Kindern unter 16 zu den Top-Ten der wichtigen Lernziele.

Literatur

Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung (2018), deutsches-schulportal.de/schulkultur/elternarbeit-ist-eine-der-groesstenherausforderungen
Roland Berger (Hrsg.) (2019), Chancengleichheit und Bildungsförderung sozial benachteiligter Kinder, www.rolandbergerstiftung.org/fileadmin/ Downloads/Umfrage/Umfrage_der_Roland_Berger_ Stiftung.pdf