Wie sich Emotionen auf das Lernen auswirken – und warum das auf die Agenda jeder guten Lehrkraft gehört

Voll motiviert

Schüler sind keine Lernroboter, sondern Menschen. Und Lehrer sind ebenfalls keine Maschinen, die jeden Tag rund laufen: Es treffen emotionale Wesen in Schule und Unterricht aufeinander. Das macht mal Freude, mal wirft es Probleme auf, die das Lehren und Lernen beeinträchtigen können. Doch es gibt Mittel und Wege, negative Situationen zu drehen.

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Abends in der Aula einer niedersächsischen Grundschule. Dutzende Eltern lauschen einem pädagogischen Fachvortrag zum Thema „Motivation“: Es geht darum, wie die Erziehenden das Lernen ihrer Kinder zuhause durch richtiges Verhalten unterstützen können. Das Vorträger-Duo gibt die Do’s und Dont’s zum besten. Es herrscht allgemeine Zustimmung im Auditorium – bis zu dem Hinweis, die typischen. „Wenn-Dann“-Klauseln im häuslichen Lernalltag tunlichst zu umschiffen. Viele Eltern sehen einander halb verwundert, halb ertappt an: Geht es denn auch ohne das Androhen
von Konsequenzen, falls das Kind dieses oder jenes für das Lernen tut oder nicht tut?

Die Vorträgerinnen wissen, welche Gedanken die Eltern gerade hegen. Ja, es geht, sagt eine der Pädagoginnen. Es muss. Denn durch derartige Szenarien, die Eltern ihren Kindern oft ausmalen, bauen sie einen immensen Leistungsdruck auf. „Wenn du dich nicht endlich mal auf den Hosenboden setzt, dann gehst du baden“ – derlei schürt Angst vor der Schule, vor dem eigenen Versagen, vor Strafen. Verständlich, wenn die von äußeren Zwängen getriebene Ungeduld mit den Eltern durchgeht, aber konstruktiv ist das nicht. Vor allem bei sensiblen Kindern gewinnen dann die negativen Emotionen im Bezug zum eigenen Lernen die Oberhand.

Unheilvolle Parallelen

In der Schule selbst ist es oft nicht viel anders. Große, lärmige Klassen, straffe Lernziel-Vorgaben, die oft überbordende Arbeits- und Stressbelastung: Ursachen, die Lehrer wider besseres Wissen pädagogisch fragwürdigen Druck ausüben lassen, gibt es viele. Aber bei allem Verständnis: Enttäuschung, Wut und Angst, die dadurch in den Schülern ausgelöst oder verstärkt werden, bremsen den Lernfortschritt, erzeugen Desinteresse und Störpotenziale, wirken sich schlecht aufs Klassenklima aus – und befördern damit letztlich noch die Stressfaktoren, die Lehrer solch zu affekthaften, hilflosen Reaktionen nach dem Schema „Zuckerbrot und Peitsche“ bringen.

Ein Teufelskreis, dem Pädagogen manchmal ratlos gegenüber stehen. Wie kann das aber auch anders sein, wenn die Lehrerausbildung den Zusammenhang zwischen Lernen und Emotionen (noch) nicht hinreichend reflektiert? Zugegeben: Emotionen sind nicht immer einfach fass- und erkennbar. Gefühle, die Lernende empfinden, bleiben sowohl den Lehrpersonen als auch den Mitschülern häufig verschlossen. Zudem bilden Schule und Unterricht vielerorts einen Kontext, der Emotionen eher unterdrückt, statt sie aktiv zu bearbeiten. Gerade deswegen gilt es, dem Umgang mit Emotionen in der Schule besondere Aufmerksamkeit zu widmen – im Dienste eines gelingenden Unterrichts mit lernfreudigen, motivierten Schülern.

Was Emotionen bringen – und was sie provozieren

Schauen wir zunächst allgemein auf die Bedeutung von Emotionen für unser Leben. Kaum jemand wird anzweifeln, dass Emotionen…

  • die Aktivierung und die Antriebskraft eines Menschen beeinflussen;
  • auf motivationale Orientierungen und Absichten wirken;
  • Schaltstellen für kognitive Prozesse sind.
  • Überwiegen negative Emotionen, nutzen wir (oft unbewusst) verschiedene Bewältigungsstrategien, etwa:
  • Ablenken,
  • Neubewertung des erlebten Ereignisses,
  • Problemlösung bzw. künftige Problemvermeidung,
  • Selbstbelohnung,
  • physische Ersatzbefriedigungen,
  • Abregieren oder Unterdrückung des Gefühls,
  • Vergleich mit noch schlechteren Situationen,
  • Rückzug.

Für das Lernen in der Schule ist das bedeutsam,
denn laut vieler Studien …

  • nimmt in den ersten Schuljahren das Erleben positiver Gefühle kontinuierlich ab;
  • wird der Schulalltag oftmals von dem Erleben unangenehmer Gefühle bestimmt;
  • ist Langeweile ein im Unterricht häufig erlebtes Gefühl.

Die Forschung nennt für den Einfluss von Gefühlen auf Kognition, Emotion und Handeln vier mögliche Erklärungen:

1. Stimmungskongruenz

Stimmungen beeinflussen die Auswahl von Informationen aus einem Zusammenhang. Gefühl und Auswahl stimmen überein: angenehme Aspekte bei positiven Gefühlen und unangenehme Aspekte bei negativen Gefühlen.

2. Informationsverarbeitung

Stimmungen sind mit unterschiedlichen Arten der Informationsverarbeitung verknüpft. Negative Gefühle fördern analytisches Denken, positive Gefühle erleichtern intuitivganzheitliche Denkmuster.

3. Informationspotenzial

Positive oder negative Stimmung ist selbst eine Informationsquelle. Positive Stimmung bedeutet eine sichere Situation und fördert die Aufnahme von Informationen.

4. Stimmungserhalt

Wer positive Gefühle erlebt, möchte sie aufrechterhalten, sie weiter ausleben, etwa mittels Belohnung bzw. Fokussierung positiver Lebensaspekte und/oder prosozialem Verhalten.
In Lernsituationen wählen Individuen vorzugsweise Aufgaben, deren Lösung Erfolg versprechen und vermeiden solche, die ihre positiven Gefühle gefährden könnten.

Die Macht der Emotionen im Unterricht

Emotionen beeinflussen unser Wahrnehmen, Denken und Handeln, wenngleich wir uns dessen oft wenig bewusst sind. Emotionen haben daher auch einen bedeutenden Anteil daran, ob schulische Prozesse – im Großen wie im Kleinen – gelingen oder misslingen. Welche Einflüsse haben dabei die Gefühle der Lehrerinnen und Lehrer? Welcher Zusammenhang besteht zwischen ihren Emotionen und denen der Schülerinnen und Schüler? Und wie kann man zu diesen emotionalen Prozessen Zugang finden? Dieses Buch stellt dar, in welcher Weise sich die Psychoanalytische Pädagogik
seit ihren Anfängen mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat. An vielen konkreten Beispielen aus dem Schulalltag zeigt es, wie mit Hilfe aktueller Konzepte die Dynamik schwieriger schulischer Situationen besser verstanden und die Professionalität schulischen Denkens und Handelns gesteigert werden kann.

Margit Datler: Die Macht der Emotionen im
Unterricht. Psychosozial-Verlag,
244 Seiten, ca. 24,90 €,
ISBN-13: 978-3-8379-2186-1

Gefühle wie Stress und Versagensangst entstehen leider auch oft in den Familien. Lehrkräfte sollten dann im Gespräch mit den Eltern einen Konsens finden, der solchen Lernhemmnissen vorbeugt ©JackF - stock.adobe.com

Schwierige Basis

Klar muss aber sein, dass keiner dieser Ansätze bevorzugt werden sollte, zumal es noch weitere Einflussgrößen gibt. Ferner bestehen Wechselwirkungen – nicht nur zwischen Emotion und Motivation, sondern auch zwischen Emotion und Lernen. Dieser Fakt schließt einfache Erklärungsmuster aus. So sind die Wechselwirkungen zwischen Emotionen und Lernen auch äußerst komplex, ja sie können z. T. sogar paradox sein:

  • Emotionen wirken nicht zwangsläufig direkt auf das Lernergebnis. Sie beeinflussen andere psychische Prozesse wie Motivation, Handlungskontrolle und Lernverhalten, die ihrerseits auf die Lernleistung einwirken.
  • Weder hemmen negative Emotionen zwangsläufig das Lernen, noch wirken angenehme Gefühle stets positiv auf das Lernen. Positive und negative Gefühle führen nicht unbedingt zu gegensätzlichen Effekten, sondern können zumindest kurzfristig gleichartige Effekte auslösen.

Doch inwieweit sind diese Effekte für Lernen funktional? Die Wirkung von Emotionen ist durchaus von den Ereignissen abhängig, die sie ausgelöst haben. Dies wirft zwei Fragen auf: Unter welchen Bedingungen entstehen positive, das Lernen fördernde Emotionen?

Und: Wie können diese im Unterricht gezielt gefördert werden?
Ein Beispiel dafür wäre das sogenannte „Flow“-Erlebnis – die Genugtuung, die bei den meisten Menschen die gelungene Bearbeitung einer anspruchsvollen Lernaufgabe auslöst. Mit „Wohlbefinden“ allein – einem ohnehin unterschiedlichst konnotierten Begriff – ist es also nicht getan. Unser Blick muss sich vielmehr richten auf ganz bestimmte theoretisch begründbare Kategorien und Qualitäten des emotionalen Erlebens.

Angstfreies Lernen …

Und genau hier scheint es noch alltagspraktische Lücken zu geben. Denn selbst erfolgreiche Lerner sind selten frei von der negativen Emotion der Angst, einem unter Schülern weit verbreiteten Gefühl. Vor allem quält viele die Angst davor, nach der Schule ins Leben zu gehen, sie sehen einen Mangel an „weltlichem“ Rüstzeug, der sie hindern mag, ihr berufliches und privates Leben zu meistern. In Internet-Blogs etwa sind immer wieder entsprechende Kommentare zu lesen: Als Abiturient könne man zwar ein Gedicht in vier Sprachen analysieren, aber beispielsweise nicht mit alltäglichem Formularkram umgehen. Müsste die Schule den Heranwachsenden also nicht mehr Sicherheit vermitteln?
Das sollte sie eigentlich tun, meint Philipp Ostermann, ein 2014 mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichneter Pädagoge. „Doch eigentlich möchte ich als Lehrer auch denken: Wenn du fähig bist, in vier Sprachen eine Gedichtanalyse zu verfassen, dann sollte es dir doch auch möglich sein, einen deutschen Mietvertrag zu lesen und zu wissen, was drinsteht. Ich frage mich manchmal: Woher kommt diese Angst?“ Da kann aber auch Ostermann nur spekulieren: „Vielleicht hat es etwas mit der immer komplexer werdenden Wirklichkeit zu tun. Ich sehe das auch oft bei den Eltern. Schon in der Mittelstufe haben Eltern Angst, dass ihre Kinder in der Schule einen Fehler machen. Es zeigt sich da wohl eine gewisse Abstiegsangst. Dabei ist die eigentlich gar nicht begründet. Die Akademikerarbeitslosigkeit in Deutschland ist immer noch gering.“

… erfordert einen schülerzentrierten Konsens

Stichwort Elternhaus. Ostermann sieht auch hier eine Ursache für die Angst der Schüler: „Ich höre immer wieder von Kindern, die angebrüllt werden, wenn sie mit einer schlechten Note nach Hause kommen, oder die Taschengeld abliefern müssen. Das nimmt bisweilen krasse Formen an. Ich habe von Schülern gehört, die für eine Eins 100 Euro bekommen, für eineZwei 50, für eine Vier müssen sie 50 Euro an die Eltern zahlen und für eine Fünf 100.“ Kinder, die derart gedrillt und mit einer großen Portion Versagensangst in die Schule kommen, bringen bereits verfestigte, das Lernen hemmende Emotionen mit. Ein Gegensteuern oder Ausgleichen ist für die Lehrer äußerst schwierig. Um so wichtiger, dass Eltern und Schule am gleichen Strang ziehen – und auf Basis eines Bildungskonsens die Kinder lernende Individuen sein lassen, statt sie in ein starres Korsett aus wirtschaftlichen, sozialen und ideellen Ansprüchen zu zwängen.