Quereinstieg im Lehrerberuf

Wir sind die Neuen!

Deutschlandweit fehlt es an Lehrern. Besonders in Fächern wie Physik oder auch Französisch können freie Lehrerstellen nicht besetzt werden. Hier sind dann oft Quereinsteiger gefragt, um die Stellen aufzufüllen. Wie aber kann die Professionalität gesichert werden? Mit guter Vorbereitung, Kooperation und einigen Sprüngen ins kalte Wasser.

Ein Mann und eine Frau schauen durch ein Fenster.
Immer nur eitel Sonnenschein? Der Lehrberuf ist anspruchsvoller, zeitintensiver und fordernder, als viele meinen – insbesondere unter jenen, die aus einer anderen Branche in den Schuldienst wechseln. Foto: © contrastwerkstatt/stock.adobe.com

Quereinsteiger/innen im Lehrerberuf in Niedersachsen verfügen über kein Lehramtsstudium, haben jedoch einen Vorbereitungsdienst bzw. ein Referendariat erfolgreich absolviert. Voraussetzung dafür ist ein Masterabschluss in einem Fach, das einem Schulfach entspricht und als Mangelfach gilt. Außerdem müssen sie über ausreichende Kenntnisse in einem zweiten Fach verfügen, nachgewiesen z. B. durch einen Bachelor-Abschluss oder eine Zwischenprüfung. Diese Abschlüsse werden dann dem Ersten Staatsexamen gleichgesetzt. Das Zweite Staatsexamen erhält der Quereinsteiger durch die Prüfung im Rahmen des Vorbereitungsdienstes, der je nach Bundesland 18 bis 24 Monate dauern kann. Mit dem Zweiten Staatsexamen erhält der Quereinsteiger einen vollwertigen Lehrertitel, etwa Realschullehrer/in im Sekundarbereich 1. Eine Verbeamtung auf Lebenszeit ist auf diesem Wege ebenfalls möglich, sofern der Quereinsteiger die entsprechende Altersgrenze (in Niedersachsen das 47. Lebensjahr) nicht überschreitet.

Welche persönlichen Voraussetzungen sind für einen Quereinstieg erforderlich?

Der Gedanke, einen sicheren Job und häufig Ferien zu haben, sollte kein Entscheidungsgrund für einen Quereinstieg im Lehrerberuf sein. Für Menschen, die bisher in ihrem Beruf wenig Kontakt zu Schulen sowie Schülerinnen und Schülern hatten, empfiehlt sich möglicherweise ein Praktikum oder eine Hospitation, um Einblick in diese vielfältige Tätigkeit zu bekommen.

Lehrerinnen und Lehrer sind nur zum Teil auf fachlicher Ebene herausgefordert. Zu den wichtigsten Voraussetzungen gehören das wirkliche Interesse an den Schülerinnen und Schülern sowie Multi-Tasking- und Organisationsfähigkeiten. Auch die erforderliche Teamfähigkeit wird im Lehrerberuf unterschätzt. Insbesondere die Arbeit an Gesamtschulen erfolgt in Jahrgangsteams, in denen eine enge Zusammenarbeit und genaue gegenseitige Abstimmung stattfindet.

Lehrerinnen und Lehrer werden im Schulalltag zudem nicht nur mit fachspezifischen, sondern vielen verschiedenen anderen Themen konfrontiert. Kulturausflüge, Sozialtraining und Verkehrssicherheitstraining sind nur einige Beispiele.

Die vermeintlich kurzen Arbeitszeiten trügen. Zu weiteren, oft nicht bekannten, Arbeitsbelastungen gehören Unterrichtsvorbereitungen, fachfremder Unterricht, Konferenzen, Teambesprechungen, Eltern- und Schülergespräche, Konzipieren und Korrigieren von Klassenarbeiten, Vertretungsstunden oder Schulentwicklung.

Von der Übersetzerin zur Realschullehrerin – ein Erfahrungsbericht

Jeden Tag saß ich allein am Computer in meinem Büro und bearbeitete die Wörter und Zeichen der Übersetzung. Es war sehr ruhig. Ich musste den Übersetzungsauftrag unter Zeitdruck bearbeiten und die Tätigkeit war immer die gleiche. Es war wichtig, ständig schnelle, kostengünstige, hochqualitative Arbeit zu leisten, damit ich weitere Aufträge bekam. Zunehmend wurde mir bewusst, dass mir im Beruf als freiberufliche Übersetzerin die sozialen Kontakte und die Kommunikation mit Gleichgesinnten fehlten. Ich hatte den falschen Beruf gewählt.

Heute ist mein Arbeitsalltag ein ganz anderer. Und ich bin glücklich darüber. Aus dem Wunsch heraus, in meinem Berufsalltag mehr soziale Kontakte zu haben, wagte ich den Neuanfang und begann den Vorbereitungsdienst in der Sekundarstufe 1.

Ich war sehr neugierig auf die völlig neuen Aufgaben, die mich erwarten würden. In den Bereichen Didaktik und Methodik hatte ich bisher wenig Kenntnisse. Ich war zudem gespannt auf die Herausforderung, mit üblichen Klassenstärken von 30 Schülerinnen und Schülern umzugehen.

Im Vorbereitungsdienst wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Es galt, eine 8. Klasse allein und eigenverantwortlich vier Stunden in der Woche in Englisch zu unterrichten. In weiteren Lerngruppen sollte ich bei einer erfahrenen Lehrkraft hospitieren und durch Zuschauen weitere Erfahrungen sammeln. Zudem konnte ich dort einige Unterrichtsstunden unterrichten und mich von der Lehrkraft beraten lassen. In den begleitenden Seminaren zu meinen Fächern Englisch und Französisch und zu Pädagogik konnte ich meine Kenntnisse in der fachspezifischen Didaktik, Methodik und in Pädagogik erweitern. In meiner Ausbildungsschule wurde ich als Quereinsteigerin wertschätzend empfangen. Schulleitung und Kollegen empfanden die Arbeit mit einer Quereinsteigerin als Bereicherung. Ich hatte Berufserfahrung. Ich hatte diese in einem anderen Bereich gewonnen, aber das daraus entstandene Selbstbewusstsein, die Kenntnis erforderlicher Kommunikations- und Teamstrukturen, die Organisationsfähigkeit sowie Grundfertigkeiten wie Zuverlässigkeit und Zielorientiertheit waren sehr hilfreich. Außerdem konnte ich „neues“ Wissen zum Beispiel im EDV-Bereich zum Schulalltag beitragen.

Die Zielorientiertheit half mir auch beim Lernen und Umsetzen der Seminarinhalte in den Unterrichtsbesuchen. Zunächst hatte ich Bedenken, dass das fehlende Lehramtsstudium mir erhebliche Nachteile dabei bringen könnte. Es gelang mir jedoch, die erforderlichen Inhalte schnell und pragmatisch zu erfassen und das für den guten Unterricht Wesentliche einzusetzen. Die wichtigsten wissenschaftlichen Studieninhalte wurden im Seminar in reduziertem Maße thematisiert und waren somit sehr bereichernd.

Die Tatsache, dass ich selbst zwei Kinder habe, und zu wissen, wie Kinder so „ticken“, war beim Umgang mit den Schülerinnen und Schülern sehr hilfreich. Eine neue Erfahrung war dabei, dass ich mich als Lehrerin wesentlich intensiver auf die Menschen, d.h. die Schülerinnen und Schüler, einlassen musste, als vorher bei meiner Tätigkeit in der freien Wirtschaft. Zugewandtheit und die Auseinandersetzung mit ihren Persönlichkeiten, das Interesse an ihren Wünschen, Problemen und Freuden schafft eine fruchtbare Schüler-Lehrer-Beziehung und ein gutes Lernklima. Im Umgang mit Schülerinnen und Schülern sind Zugewandtheit, Struktur und Konsequenz zu meinen persönlichen Zauberworten geworden.

Eine weitere neue Erfahrung war, dass Erfolg in diesem Beruf auf andere Art und Weise messbar ist als über Beförderung, neue Aufträge oder etwa ein größerer Verdienst. Für mich ist es ein Erfolg, wenn Schülerinnen oder Schüler mich anstrahlen, mir vertrauen, Fortschritte machen und in Klassenarbeiten oder Prüfungen zeigen, dass die von mir vermittelten Inhalte bei ihnen angekommen sind, oder wenn sich zurückhaltende Kinder plötzlich mündlich beteiligen.

Ich empfinde es auch als positiv, dass es in diesem Beruf keine wiederkehrende Routine wie im Büro gibt. Es entstehen immer neue Situationen, auf die ich als Lehrerin reagieren muss. Der Tag ist nie langweilig.

Aus diesen vielfältigen Gründen würde ich den Schritt des Quereinstiegs immer wieder gehen und kann anderen nur Mut machen, sich ebenfalls auf diesen Weg zu begeben.