So früh wie möglich wieder selbst unterrichten

Gute Aussichten für geflüchtete Lehrer auf den Wiedereinstieg

Geflüchtete Lehrkräfte absolvierten im Programm "Lehrkräfte Plus" Fortbildungen, um in Deutschland wieder arbeiten zu können. Vor einer Klasse zu stehen, bedeutet den Teilnehmenden viel, aber wie ist für sie die Perspektive?

Eine Frau mit Kopftuch guckt durch ein Bücherregal.
Die Teilnehmenden sind fachlich sehr kompetent. Sie haben vorher bereits als Lehrkräfte gearbeitet. Foto: © Myvisuals/stock.adobe.com

Frau Vanderbeke, Sie betreuen das Programm "Lehrkräfte Plus" an der Ruhr-Universität Bochum. Nach einem Jahr hat der erste Jahrgang das Programm abgeschlossen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Wir haben sehr intensive Erfahrungen gemacht, weil wir sehr eng mit den Teilnehmenden zusammengearbeitet haben. Es war sehr spannend, wir haben viel über die Menschen gelernt, aber auch über die Systeme, aus denen sie kommen.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Teilnehmenden sind fachlich sehr kompetent, sie haben ja schon als Lehrkräfte gearbeitet. Mich hat beeindruckt, dass ihnen die persönlichen Beziehungen zu ihren Schülerinnen und Schülern sehr wichtig sind. Vorschläge, wie sie da konkret handeln können, haben sie mit großer Offenheit angenommen. Klar, die Unterschiede zwischen den Bildungssystemen sind groß. Viele haben berichtet, dass sie hauptsächlich Erfahrungen mit Frontalunterricht haben, oft vor größeren Gruppen. Hinzu kommt: Viele unserer Teilnehmenden kommen aus Syrien, und gerade dort gab es genaue Vorgaben, welche Inhalte sie unterrichten mussten.

Haben die Teilnehmenden dann in der Praktikumsphase einen Kulturschock erlebt?

Nein. Viele haben uns erzählt, dass sie die pädagogischen Ansätze in Deutschland schon als sehr anders erleben. Sie haben darauf aber offen reagiert und vieles ausprobiert. Ab und an war die Umsetzung der neuen Ideen auch noch etwas kompliziert. Ich habe einige Stunden von Lehrkräften besucht, die naturwissenschaftliche Fächer unterrichten. Im Chemie-Unterricht haben sie beispielsweise die Lerngruppen viele Experimente selbst machen lassen. Mir haben sie erzählt, dass das in ihrer Heimat oft nicht möglich war, weil die Ausstattung fehlte.

Welchen Eindruck haben die Teilnehmenden denn vom deutschen Schulsystem?

Wieder in die Schule zu gehen, war für sie der spannendste Teil des Programms. Viele waren am Anfang etwas überrascht von der Art und Weise, wie Schülerinnen und Schüler mit Lehrkräften umgehen – sie haben mehr Disziplin erwartet. Aber das hat sich schnell eingespielt. Den Teilnehmenden war wichtig, so früh wie möglich wieder selbst zu unterrichten. Eine Teilnehmerin hat in zwei Monaten gleich 19 Stunden selbst gehalten: Das finde ich beeindruckend. Wir haben ganz oft gehört, wie viel es den Teilnehmenden bedeutet, ihre Kompetenzen nun in Deutschland einbringen zu können. Sehr schön war auch, dass wir po- sitive Reaktionen von den Schulen bekommen haben.

Zu Beginn des Programms hatten Sie erwartet, dass die Sprachkenntnisse die größte Herausforderung sein würden. Hat sich das bewahrheitet?

Ja, es war sehr anspruchsvoll, das C1-Zertifikat in nur einem Jahr zu erreichen. 13 der 25 Teilnehmenden haben die Prüfung bereits geschafft, die anderen holen das noch nach. Besonders die Fachsprache ist für die Lehrkräfte schwierig. Deshalb brauchten sie noch lange, um den Unterricht vorzubereiten. Wir haben darauf reagiert und Zusatztutorien angeboten. In meinen Unterrichtsbesuchen hatte ich übrigens gar nicht den Eindruck, dass die Sprache ein Hindernis ist. Ich glaube, es hängt viel mit dem Gefühl zusammen, die Lehrkräfte können noch mehr Selbstsicherheit bekommen. Das kommt sicherlich mit mehr Routine.

Welche Perspektiven haben die Teilnehmenden denn nun nach dem Abschluss des Programms?

Alle Teilnehmenden sehen ihre Zukunft im deutschen Schulsystem, das finde ich sehr erfreulich. Zahlen, wer was genau macht, gibt es erst nach dem Abschluss des Programms. Die Perspektiven sind gut. Es gibt zum Beispiel das Arnsberger Programm: Die Teilnehmenden unterrichten zwei Jahre lang 12 Stunden pro Woche und nehmen parallel an einem vertieften Sprachkurs und pädagogisch-interkulturellen Kursen teil. Nach den zwei Jahren haben sie dann die Chance auf eine entfristete Stelle. Die Bezirksregierung Düsseldorf plant nun auch, dieses Programm anzubieten.

Nun startet der zweite Jahrgang – werden Sie das Programm verändern?

Wir werden mehr Zeit in der Schule einplanen, indem wir das Schulpraktikum verlängern und eine Blockphase einführen, in der die Teilnehmenden die ganze Woche in der Schule verbringen. Dabei ist uns wichtig, dass sie mehr vom Schulleben außerhalb des Unterrichts mitbekommen, zum Beispiel Konferenzen und Elternarbeit. Außerdem werden wir die pädagogisch-interkulturelle Qualifizierung stärker mit den Sprachkursen vernetzen, also die Inhalte zusammen denken. Und schließlich arbeiten wir an einem Alumni-Programm.

Haben Sie im Vergleich zum ersten Jahrgang andere Bewerbungen bekommen?

Wir haben etwas weniger Bewerbungen bekommen. Die Lehrkräfte waren noch qualifizierter, fast alle haben die formalen Voraussetzungen erfüllt. Spannend finde ich, dass nun zum ersten Mal ein Sportlehrer dabei sein wird – wir freuen uns auf ein weiteres Fach.

Quelle: Stiftung Mercator