Ungesundes Arbeitsklima

Mobbing im Lehrerzimmer: Wehren Sie sich!

Mobbing ist eine Konfliktkonstellation, in der eine Übermacht eine einzelne Person gewaltsam isoliert und im schlimmsten Fall sogar krank macht. Wieso wird gerade in sozialen Berufen so viel gemobbt und wie kann man sich als Lehrer dagegen wehren?

Eine Frau sitzt mit dem Kopf zwischen den Knien an der Wand.
Professionelle Beratung zu beanspruchen, ist oft der einzige Weg, sich aus der Mobbing-Falle zu befreien. Foto: Wokandapix/pixabay.de

Kurz nach ihrem Umzug tritt Vera S. nach dem Zweiten Staatsexamen ihre erste Stelle an einer kleinen Grundschule in einem Dorf im hessischen Bergland an. Sie trifft dort auf eine Schulleiterin und sieben Kolleginnen im Alter zwischen 45 und 60, die schon seit langem zusammenarbeiten. Vera S. ist seit Jahren der erste Neuzugang im Rahmen dieses eingespielten Kollegiums.

Neue Unterrichtsmethoden stoßen nicht immer auf Begeisterung

In ihrer Ausbildung hat sie die Prinzipien des Offenen Unterrichts kennengelernt und erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Daran knüpft sie jetzt in ihrer 1. Klasse an: Morgenkreis und Einübung in die Freiarbeit sind wichtige Bestandteile ihres Unterrichts. Sie setzt phasenweise fibelunabhängiges Material zum Schreiben‑ und Lesenlernen ein. Die Kinder arbeiten an Gruppentischen und beziehen bisweilen auch den Flur oder den Schulhof als Arbeitsbereich ein. Einmal pro Woche findet ein gemeinsames Frühstück in der Klasse statt. 

Zuerst wird nur schlecht über das Opfer geredet

Schon bald beginnen die Probleme. Im Lehrerzimmer wird sie von den Kolleginnen ständig kritisiert. Erst hinter vorgehaltener Hand, dann direkt: Sie vernachlässige die Aufsichtspflicht, wenn sie die Kinder außerhalb des Klassenzimmers arbeiten lasse. Ihre Klasse halte keine Disziplin. Immer sei es laut, wodurch Schüler in anderen Klassen in ihrer Konzentration gestört würden. Ihre Klasse sei im Stoff deutlich zurück.

Später folgen Taten

Nach kurzer Zeit stellt sie fest, dass sie Informationsmaterialien, wie Vorbereitungspapiere für eine Konferenz, nicht oder zu spät erhält. Bei der Verteilung von Material wird sie immer häufiger übergangen. Bald sind die Probleme nicht mehr auf das Lehrerzimmer beschränkt. Auf dem Schulhof hält eine Kollegin Vera S. mehrmals in lautem, harschen Ton von den Schülern fern, weil sie die Kinder nicht in Zweierreihen aus der Klasse auf den Hof führt und Rangeleien in einer Jungengruppe nicht unterbindet. Von Eltern erfährt sie durch Zufall, dass sich zwei Kolleginnen im Rahmen eines Elternsprechtags negativ über sie geäußert haben. 

Die Hausmeisterin entfernt Kinderzeichnungen, die sie auf dem Flur vor dem Klassenraum ausgestellt hat, und wirft sie in den Müll. Auf der Suche nach Kreide wird sie von ihr in einen entlegenen Winkel im Keller geschickt, wo sie lediglich einige wenige, bereits feuchte Kreidestücken findet – am nächsten Tag verteilt die Hausmeisterin im Lehrerzimmer neue Kreide. 

Schließlich wendet sich auch die Direktorin gegen Vera S.

Die Schulleiterin verhält sich zunächst abwartend, schließt sich aber nach einigen Wochen den Angriffen der Kolleginnen an. Auf dem Flur äußert sie gegenüber einer Kollegin – sodass Vera es mitbekommt, dass sie erwäge, die Schulaufsicht einzuschalten. 

Selbstzweifel setzen ein

Nach wenigen Monaten zweifelt die junge Lehrerin an ihrer pädagogischen Kompetenz. Obwohl sie eine Vielzahl von positiven Rückmeldungen seitens ihrer Schüler und deren Eltern erhält, kann sie ihren Unterricht und ihre Umgehensweise mit den Schülern nur noch negativ betrachten. 

Gesundheitliche Beschwerden treten auf

Kurz vor Weihnachten bekommt Vera S. schmerzhafte Nasennebenhöhlenbeschwerden. Sie hat Probleme mit dem Einschlafen, und nachts wacht sie manchmal schweißgebadet mit dem Gedanken an die Schule auf. Morgens muss sie sich überwinden aufzustehen; die Vorstellung, wieder im Lehrerzimmer sitzen zu müssen, ruft Angst bei ihr hervor. Als sie zu einer privat organisierten Weihnachtsfeier als einziges Kollegiumsmitglied nicht eingeladen wird, empfindet sie dies geradezu als Erleichterung. 

Vera S. ist ein Opfer von Mobbing – und sie ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren wurden immer mehr Fälle von Mobbing in den Schulen öffentlich – über Zeitungen, Fachzeitschriften oder Publikationen von Lehrerselbsthilfegruppen. Dabei sind es nicht nur die Kollegen, die als Akteure auftreten. Immer wieder fühlen sich Lehrer auch von der Schulaufsichtsbehörde oder der Schulleitung mit z. T. rüden Methoden angegriffen und in die Ecke gedrängt. 

Wie sich Mobbing definiert und was Sie dagegen tun können, lesen Sie auf Seite 2.