Blick über den Tellerrand

Lehreralltag im Vergleich: Deutschland vs. Kanada

Während die Schulen sich hierzulande mit der wachsenden Heterogenität noch recht schwer tun, läuft das Handling in Kanada deutlich routinierter ab. Doch ist das Image des Erzieherberufs in beiden Ländern gleich? Unsere Interview-Partnerinnen klären auf.

Eine Erzieherin liest einer Gruppe Kinder aus einem Buch vor
Imageproblem beiderseits des Atlantiks: Der Beruf Erzieherin ist in der Gesellschaft nicht sonderlich hoch angesehen Foto: © highwaystarz/Fotolia.com

Monika aus Deutschland

Monika arbeitet als Staatlich anerkannte Erzieherin in einem hessischen Kindergarten im ländlichen Bereich. Nach dem Realschulabschluss absolvierte sie eine zweijährige schulische Ausbildung an einer Fachschule für Sozialpädagogik und im Anschluss ein einjähriges Berufspraktikum.

Brenda aus Kanada

Brenda arbeitet als Erzieherin in der Stadt Brantford in der kanadischen Provinz Ontario. Ihr aktueller Arbeitsplatz ist eine „Childcare facility daycare“, eine Einrichtung für frühkindliche Erziehung bis hin zum Schulalter. Die Berufsbezeichnung ist „Registered early childhood educator“. Nach dem Highschoolabschluss absolvierte sie ein zweijähriges Studium der Fachrichtung „Early childhood education“ mit integrierten Praxisphasen an einem College.

Wie setzt sich Ihre Kindergartengruppe zusammen?

Monika: Zur Zeit betreue ich 20 Kinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren. Im Laufe des Jahres wächst die Gruppe auf 24 Kinder an. Ich bekomme Unterstützung von einer weiteren Fachkraft und einer Praktikantin drei Tage in der Woche.

Brenda: Momentan befinden sich 20 Kinder im Alter zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren in meiner Gruppe, die von insgesamt zwei Erziehern betreut werden.

Gibt es einen Personalschlüssel?

Monika: Ja, der Personalschlüssel laut MVO-Hessen ist:

  • Krippe: max. zehn Kinder bis drei Jahre = mind. 2 Fachkräfte
  • Kindergarten: max. 25 Kinder von drei Jahre bis Schuleintritt = 1,75 Fachkräfte
  • Hort: max. 20 Schüler = 1,5 Fachkräfte
  • Integration im Regelkindergarten: max. 20 Kinder, davon ein I-Kind = 1 zusätzliche Fachkraft für 15 Stunden pro Woche.

Brenda: Ja, das „Board of education“ (= Bildungsministerium; Red.) der Provinz Ontario hat zum zahlenmäßigen Verhältnis von Erziehern und Kindern verbindliche Vorgaben festgelegt:

  • 0 – 18 Monate = 1 : 3
  • 18 – 30 Monate = 1 : 5
  • 2,5 – 3,5 Jahre = 1 : 8
  • 3,5 – 4,5 Jahre = 1 : 10
  • 4,5 – 6 Jahre = 1 : 11
  • 6 – 10 Jahre = 1 : 15

Was können Sie zum Stichwort Heterogenität in der Gruppe sagen?

Monika: Wir haben zur Zeit keine ausländischen Kinder, alle sprechen Deutsch. Offiziell sind auch keine Kinder mit Handicaps darunter, doch fast jedes Kind benötigt individuelle Betreuung. Auffälligkeiten gibt es vorwiegend im sozialen Bereich.

Brenda: Unsere Kindergruppen sind sehr vielfältig was Herkunft, Sprache, Religion und auch Förderbedarf betrifft. Ein hoher Anteil Einwandererkinder ist nicht außergewöhnlich. Bis zu 50 Prozent müssen erst noch die englische Sprache erlernen. Außerdem haben viele Kinder Handicaps wie Sprachverzögerungen, Hörschwäche, Autismus, Down-Syndrom oder Verhaltensauffälligkeiten.

Wurden Sie für diesen besonderen Förderbedarf geschult?

Brenda: Ja, während meines Studiums. Außerdem habe ich zahlreiche Fortbildungen absolviert, in denen ich u. a. die Zeichensprache erlernt habe.

Ist es nicht schwierig, Kinder zu integrieren, wenn die Hälfte nicht die Landessprache spricht?

Brenda: Nicht wirklich. Kinder sind wie Schwämme, die jedes Wort schnell aufsaugen. Anfangs verständigen wir uns durch Mimik und Gestik. Eine Herausforderung stellen hingegen Elterngespräche dar. Ich habe mit vielen Eltern zu tun, die aus Afrika oder arabischen Ländern eingewandert sind, die noch kein Englisch sprechen.

Was sagt Ihnen der Begriff „Inklusion“, findet sie an Ihrer Einrichtung statt?

Monika: Der Leitgedanke ist „automatisch dazugehören“ – jeden so annehmen, wie er ist. Das wirft viele Fragen auf: Wie gelingt die praktische Umsetzung? Woher kommt fachkompetente Unterstützung, wo es momentan knapp mit Fachkräften ist? Wie muss ein bestehendes Konzept geändert werden? Wird zusätzliche Mehrarbeit vergütet? In meiner Einrichtung ist das Thema Inklusion nicht aktuell, sondern vielmehr Integration.

Brenda: Inklusion bedeutet, alle Kinder gleichermaßen zu akzeptieren. Das war mal ein Thema Ende der 1990er-Jahre. Doch wir diskutieren aktuell nicht darüber, denn das ist selbstverständlich.

Ist die Integration von Flüchtlingen für Sie aktuell?

Monika: Zur Zeit haben wir noch keine Flüchtlinge in unserer Gemeinde.

Brenda: Nun, da Kanada ein Einwanderungsland mit vielen Immigranten ist, ist auch dieses Thema nichts Neues für uns. Wir begegnen ständig in unserem Alltag einem „melting pot of nationalities“ (= Schmelztiegel oder Sammelbecken von Nationalitäten; Red.).

Wie steht es mit Öffnungszeiten und Kosten für die Betreuung?

Monika: Der Kindergarten ist von 7:30 bis 13:30 Uhr geöffnet. Ein Platz kostet 100 Euro im Monat.

Brenda: Die Einrichtung ist von 6:30 bis 17:30 Uhr geöffnet. Das ist optimal für berufstätige Eltern. Ein Platz ist sehr teuer und richtet sich nach dem Einkommen der Eltern. Viele geben daher ihr Kind in eine „home daycare“ (private Anbieter, die Betreuung im eigenen Haus anbieten; Red.). Finanzielle Beihilfe gibt es in besonderen Fällen.

Verfolgt Ihre Einrichtung ein bestimmtes pädagogisches Konzept?

Monika: Unsere pädagogischen Schwerpunkte sind Natur und Bewegung. Wir bieten unseren Kindern vielfältige sinnliche Möglichkeiten und schaffen die Bedingungen dafür, dass Naturerlebnisse erfahrbar werden und die Welt auf verschiedensten Lernwegen begreifbar wird. Dies erreichen wir mit unserem teiloffenen Raumkonzept, dem naturnahen Außengelände und unserem Kindergartenwald. In der Begegnung mit der Natur, beim freien Experimentieren und Untersuchen, erkennen die Kinder Vorgänge und begreifen Zusammenhänge. Außerdem verfolgen wir den Ansatz, dass „Experten“, ältere Kinder, ihrem „Patenkind“, jüngeren Kindern, helfen.

Brenda: Wir orientieren uns an dem sogenannten „emergent curriculum“, das ursprünglich aus Italien kommt. Es besagt, dass Kinder ihrem eigenen Interesse folgen. Das bedeutet in der Praxis, dass wir jedes Kind genau beobachten und ihm dann nach seiner Vorliebe hin entsprechendes Lernmaterial anbieten. Das ist zugleich einfach und effektiv, bedeutet aber auch viel Arbeit für die Erzieher.

Beschreiben Sie einen typischen Tagesablauf.

Monika:

  • Bis 9 Uhr freies Spiel, anschließend Aufräumen.
  • Morgendlicher Stuhlkreis im Turnraum mit Liedern, Erlebnisberichten, Gruppenspielen.
  • Hände waschen, Frühstück, Zähne putzen, anziehen.
  • Um 11 Uhr raus in die Natur: Spielplatz, Wald und Wiese.
  • Um 12:30 Uhr zurück in den Kiga zur Brotzeit,
  • ab 13 Uhr Entspannen im Turnraum bis zum Abholen.

Brenda: In rund halbstündigem Takt wechseln sich freies Spiel, Essenszeiten mit Hände waschen und Zähne putzen, sowie Stuhlkreise ab.

  • Um 10:30 Uhr und 16:30 Uhr sind die Kinder für je eine Stunde draußen auf dem Spielplatz.
  • Von 12:30 bis 14:30 Uhr ist Schlafenszeit, während der umfangreiche Berichte zu Gesundheit und Entwicklungsstand jedes einzelnen Kindes geschrieben werden.
  • Mahlzeiten und Getränke werden von der Einrichtung gestellt.

Wie ist Ihr Beruf in Deutschland angesehen?

Monika: Leider ist unser Beruf nicht hoch angesehen, dabei tragen wir große Verantwortung für viele kleine Menschen. Ich finde es gut, dass durch die vergangenen Streiks der Beruf der Erzieherin in den Fokus gestellt wurde. Doch es geht auch um die (finanzielle) Wertschätzung anderer sozialer Berufe, etwa in der Krankenund Altenpflege.

Wie ist Ihr Beruf in Kanada angesehen?

Brenda: Im Gegensatz zu Lehrern sind wir Erzieher in Kanada leider nicht besonders angesehen. Manche sehen uns schlicht als Babysitter.