Lehrkräfte und Schulleiter brauchen mehr Führungskompetenz

„Der Lehrerberuf verliert an Respekt“

Beleidigungen, Drohungen, Übergriffe – immer mehr Lehrkräfte erleben psychische oder physische Gewalt. Professor Claas Lahmann vom Universitätsklinikum Freiburg erklärt im Interview, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Eine Podiumsdiskussion im Forum Bildung auf der didacta 2020 widmet sich ebenfalls diesem aktuellen Thema

Verrohung im Umgang ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und wird auch in die Schulen getragen – bis hin zu physischer Gewalt gegen Lehrkräfte. ©diy13 - stock.adobe.com

Herr Professor Lahmann, wie viele Lehrkräfte haben bundesweit bereits Gewalt erfahren?

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat eine bundesweite Befragung durchgeführt. Dabei wurde differenziert, ob Gewalt an der eigenen Schule bekannt ist oder ob die Lehrkraft Gewalt persönlich erlebt hat. Die persönliche Erfahrung halte ich für aussagekräftiger: 23 Prozent haben psychische Gewalt erlebt, 6 Prozent waren von physischer Gewalt und 2 Prozent von Cybergewalt betroffen. Die Zahlen bei der Frage, ob Gewalt an der eigenen Schule bekannt ist, sind natürlich höher: Demnach berichten 55 Prozent von psychischer, 21 Prozent von physischer Gewalt und 29 Prozent von Cybergewalt.

Wie genau sieht Gewalt gegen Lehrkräfte aus?

Psychische Gewalt können Beleidigungen und Beschimpfungen der Lehrer im Unterricht sein. Manche Schüler kommentieren beispielsweise das Aussehen der Lehrkräfte, sagen Dinge wie „Dass Sie keinen Mann finden, ist ja kein Wunder“. Physische Gewalt kann direkt sein, dazu gehören aber auch Bedrohungen. Das geht teilweise so weit, dass Lehrkräfte wirklich geschlagen oder mit Messern bedroht werden. Wenn ein Kollege in ein Foto montiert wird oder Mails in seinem Namen versendet werden, ist das ein Beispiel für Cybergewalt. Schuldig sind aber nicht immer nur die Schüler. Bei Elternabenden kann es Situationen geben, in denen Lehrkräfte physisch von den Eltern angegangen werden. Es gibt zudem durchaus psychische Gewalterfahrungen
durch Kollegen und Vorgesetzte.

Hat sich die Gewalt gegenüber Lehrkräften in den vergangenen Jahren verstärkt?

Der Lehrerberuf verliert an Respekt. Lehrkräfte erzählen, dass sich das Klima in den Schulen verändert und die psychische Gewalt und mangelnde Wertschätzung durch Vorgesetzte zugenommen hätten. Zudem wird vermehrt von Angriffen im Internet gesprochen, auch weil die Verfügbarkeit höher ist: Kinder haben Smartphones und sind technisch fit. In Freiburg widmen wir uns in einem Lehrercoaching der Prävention der berufsbezogenen Belastungen bei Lehrkräften. In den Gruppen wird auch berichtet, dass sich die Situation bei Elternabenden verschärft hat. Die Vorwürfe der Eltern hätten zugenommen.

Wie können wir dieser Entwicklung entgegengewirken?

Es muss ausreichend Sensibilität für dieses Problem geschaffen werden – im Kollegium, bei Vorgesetzten und in Schulämtern. Führungskräfte müssen in Seminaren lernen, inwiefern sie ihren Führungsstil optimieren können, sodass Mitarbeiter gesund bleiben. Das gibt es schon in der Industrie, aber noch nicht im Bereich Schule. Lehrkräfte schließen ihr Lehramtsstudium ab, haben aber nie Führung gelernt – auch Schulleiter nicht. Lehrkräfte können sich zudem selbst schützen. Sie haben eine hohe soziale Verantwortung und sind sehr engagiert. Sie neigen dadurch häufig zur Verausgabung. Wenn dann Seitenwind kommt, geraten sie schnell in Schieflage. Sie müssen darauf achten, die übrigen Bereiche ihres Lebens, die nichts mit Schule zu tun haben, zu pflegen. Sie müssen ihre Ressourcen durch die Dinge im Leben aktivieren, die ihnen Kraft und Energie geben.

Demokratie und Vielfalt in der Bildung

Die zunehmenden Übergriffe sind jedoch kein schulisches Problem – die Schule spiegelt lediglich die Verfasstheit unserer Gesellschaft. So sieht Jürgen Böhm, der Bundesvorsitzende des Deutschen Realschullehrerverbands (VDR), auch einen Verlust an demokratischem Bewusstsein als Ursache für die zunehmende Verrohung. Er forderte am Rande des Präsidentschaftswechsels in der Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin daher die Stärkung der demokratischen Werte an den Schulen und differenzierte gleichberechtigte Bildungswege in Deutschland: „Die Herausforderungen, die es in der Europäischen Union und im gesamten Europa zu bewältigen gilt, können nur durch Aufklärung, Bildung und demokratische Erziehung gemeistert werden.“ Dafür müssten an den Schulen in Deutschland entsprechende materielle, inhaltliche und personelle Rahmenbedingungen geschaffen werden. „Es muss Schluss sein mit ständigen ideologiebelasteten oder
vom Sparzwang getriebenen Schulstrukturreformen und Vereinheitlichungstendenzen, die letztlich der Bildung und unserem demokratischen Gemeinwesen schaden“, betonte Böhm.
Dr. Stefanie Hubig, Kultusministerin in Rheinland-Pfalz, macht für das Jahr 2020 in der KMK das Thema „Europa – (er)leben und gestalten“ zum Motto und stellte es in der feierlichen Amtsübergabe im Bundesrat in den Mittelpunkt. „Mit diesem Leitsatz macht die Präsidentin den besonderen Stellenwert der Europäischen Union und seiner Werte deutlich“, begrüßt Böhm das formulierte Ziel. Hubig möchte mit einer Stärkung der Europabildung vor allem bei den jungen Leuten ein deutliches Signal gegen Extremismus, Populismus und Nationalismus setzen.

„Nicht tatenlos zusehen“

Böhm hob hervor, dass die Schulen und Bildungseinrichtungen zu Beginn des neuen Jahrzehnts besonders gefordert seien, die Schülerinnen und Schüler darauf vorzubereiten, sich für gemeinsame Werte und Belange einzusetzen. Sie müssten dazu erkennen, dass es nicht selbstverständlich sei, in einer freien Gesellschaft zu leben und seine Persönlichkeit frei entfalten zu können. Europa erlebe aktuell einen Wandel in seiner Struktur, der Brexit werde nun wohl endgültig real, und extremistische Kräfte zögen die jungen Menschen populistisch auf ihre Seite. Man könne diesen Entwicklungen nicht tatenlos zusehen und müsse sich gemeinsam mit Lehrkräften, Eltern und der gesamten Gesellschaft dagegenstellen. Dazu gehöre auch, dass die Lehrkräfte von ihrem jeweiligen Dienstherrn ganz klar und vehement vor Übergriffen geschützt werden und entsprechende Instrumente an die Hand bekommen, um die Demokratie und die demokratischen Werte an den Schulen umsetzen zu können.
„Wir als Lehrkräfte dürfen vor den Feinden der Demokratie, der Freiheit und unserer europäischen Werte nicht zurückweichen“, so Böhm. „Im 30. Jahr der deutschen Wiedervereinigung ist es wichtiger denn je, sich für mehr Qualität in der Bildung, für qualifizierte Lehrkräfte, und einen klaren Bezug zur gesellschaftlichen Realität einzusetzen.“ Das neue Jahrzehnt müsse ein Jahrzehnt der Aufklärung, der Demokratie und der Bildung werden. Aufklärung und Demokratie erfordern Vielfalt auch in der Bildung. Jedes Kind müsse seinen Bildungsweg gehen können. „Dabei gibt es
keine Königswege und neben der akademischen Bildung muss gleichberechtigt die vielfältige berufliche Bildung stehen“, fordert Böhm abschließend.