Herausforderungen und Chancen in der Coronakrise

Bildung am Limit - aber nicht am Ende

Direkt mit Schülern zu arbeiten, ist essenziell für den Einstieg in den Lehrberuf. Doch die
Coronakrise hat das blockiert. So gilt es, gegebene Strukturen bestmöglich zu nutzen, um den Kontakt zu Schülern, Mentoren, Seminar- und Fachleitern zu halten. Da diese Strukturen regional aber bisher unterschiedlich ausgeprägt sind, ist vor allem eines gefragt: Kreativität

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Wenn Sie dies lesen, sind Deutschlands Schulen – so hofften wir bei Redaktionsschluss Ende März – möglicherweise wieder geöffnet, und das Tagwerk des Lehrens und Lernens geht wieder seinen gewohnten Gang. Auch wenn das derzeit noch in den Sternen steht, können wir bereits jetzt feststellen: Als die Bildungseinrichtungen Ende Februar dichtmachten, war das für Schüler, Eltern und Lehrkräfte ein Schock, obwohl die meisten Schulleitungen alle kurz vorher darauf eingeschworen hatten. Eine bis dahin einzigartige Zäsur, die sich aber durchaus wiederholen kann, falls Corona erneut grassieren sollte. 
Referendare trifft die Schließung von Schule, Uni und Studienleitung besonders hart, denn sie sind Lehrer und Lerner zugleich, müssen einerseits mit den vorhandenen (digitalen) Mitteln ihre Schüler mit Unterrichtsstoff versorgen und sich andererseits auf ihre Examensprüfungen vorbereiten. Von jetzt auf gleich kein direkter Austausch mit Mentoren, Seminar- und Fachleitern, keine Hospitationen mehr – viele Referendare fühlen sich, als würden sie in der Luft hängen. Sollten sie dann noch selbst Kinder haben, die sie zu Hause versorgen müssen, stehen sie vor einer großen Dreifachbelastung.

Versäumnisse früherer Jahre

Jetzt rächt sich, dass die Bildungspolitik lange Zeit geschlafen hat. Zum Beispiel bei der Digitalisierung: Das längst überfällige Milliardenpaket des DigitalPakts kam erst 2019 –
viel zu spät, als dass es heute schon ernsthaft Wirkung zeigen könnte. Zum Beispiel bei der Lehrerausbildung: Medienkompetenz und neue, digital gestützte Lernformen sind bislang nur Randthemen; man verließ sich offenbar darauf, dass die Technikaffinität junger Nachwuchslehrer schon irgendwie auf den Schulunterricht abfärben würde. Enorm spät kommt obendrein der Ausbau von Glasfaser- und 5G-Netzen – der jetzt in der Coronakrise noch schleppender vorangeht als sowieso schon. 
Wie veraltet und kränklich unsere digitale Infrastruktur ist, wird spätestens jetzt offenbar, da die Lehrkräfte und Schüler ihren Job im Homeoffice machen müssen und dafür logischerweise einen hohen, reibungslosen Datendurchsatz benötigen, ganz zu schweigen von einer Netzwerkumgebung, die den Zugriff auf den Schulserver oder die Schul-
cloud erlaubt. Es ist aber bittere Realität, dass viele Schulen dies immer noch nicht bieten können. Deren Lehrkräfte stehen dann auf verlorenem Posten, die Lernziele rücken in die Ferne. Sicher, Telefon- und E-Mail-Korrespondenz sind dann besser als nichts, aber diese Vermittlungskanäle erschweren die Moderation und Lernbegleitung. Die Schüler sind weitgehend auf sich allein und die Hilfe ihrer Eltern gestellt. 
Zudem kann die Hardware Probleme bei der Unterrichtsversorgung machen, denn nicht jede Lehrkraft und schon gar nicht jeder Schüler (siehe Kommentar S. 19) verfügt zu Hause über einen adäquat ausgerüsteten Rechner, der zu allen nötigen multimedial-interaktiven Anwendungen kompatibel ist. Einheitlich bestückte und administrierte Leih-PCs für alle, gestiftet vom Schulträger, wären eine Lösung, werden aber wohl vorerst ein Wunschtraum bleiben. So sehen Bildungsexperten schon jetzt die Gefahr, dass informationstechnologisch unterentwickelte Regionen, Schulen und Haushalte durch die Coronakrise noch weiter ins Hintertreffen geraten und sich in der Bildung eine Zweiklassengesellschaft verfestigt – auch international. Laut Unesco hat weltweit fast jeder zweite (Hoch-)Schüler aufgrund der Coronakrise derzeit keinen Zugang mehr zu seiner Bildungseinrichtung. Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay erklärte daher, die Krise sei eine Gelegenheit, Bildung zu überdenken, Fernunterricht auszubauen und die Bildungssysteme widerstandsfähiger, offener und innovativer zu machen. So mag diese Ausnahmesituation – denn die deutsche Schulpflicht schließt Homeschooling normalerweise aus – auch eine Chance eröffnen, das Bildungssystem neu zu denken und die Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen.

Teamwork: wichtiger denn je

Derzeit aber müssen alle aus der momentanen Situation das Beste machen. Denn grundsätzlich gilt unverändert: Wie jede Lehrkraft sind Referendare dazu angehalten, den vorgegebenen Schulstoff weiter zu vermitteln – wenn auch freier in der Gestaltung. Sie organisieren die neuen Abläufe, halten den Kontakt und übermitteln den Lernstoff so gut wie aktuell möglich. Immerhin birgt der Lehrplan oft erstaunlich viel Spielraum, besonders in diesen Zeiten: Während manche Lehrer regelmäßig physische Pakete mit Arbeitsmaterial zusammenstellen und an die Familien ausliefern, sind andere auf digitalen Unterricht via Onlinetools umgestiegen. Oder sie probieren in Eigeninitiative ganz neue Wege aus, wie jüngst ein Pädagoge namens Lars Zumbansen, der einen Schüler mit einer VR-Brille ausstattete – und „geflasht“ war über dessen Nachbildung eines Van-Gogh-Gemäldes in 3D (Quelle: Twitter). 
So oder so ist es sinnvoll, mit den Schülern per E-Mail oder – falls vorhanden – Schulportal feste Zeiten zu vereinbaren, wann sie Aufgaben erhalten und diese erledigt haben sollen. Ihre Arbeitsergebnisse können die Schüler dann z. B. mit dem Handy fotografieren, im Schulportal hochladen oder ihren Lehrern mailen. Der Zeitrahmen sollte etwas großzügiger gesteckt sein als üblich. Beim virtuellen Unterricht bietet es sich an, mehrere Themen bzw. Aufgaben zur freien Wahl bereitzustellen und den jeweiligen Lernweg den Kindern zu überlassen. Bei der Nutzung sozialer Netzwerke ist jedoch Vorsicht geboten – Datenschutz bleibt auch während der Coronakrise wichtig!
Allerdings schaffen Eltern die Grundlagen für selbstgesteuertes Lernen, wenn sie angenehme Situationen und Umgebungen nutzen, um mit dem Kind in den (Lern-)Dialog zu kommen. Ein Spaziergang in der Natur bietet die Lerngrundlage für die Biologie von Pflanzen und Pilzen; beim Backen vermitteln Eltern physikalische Maßeinheiten. Lernbeispiele aus dem Alltag gibt es zuhauf. In jedem Fall sollten Eltern und Lehrer in der aktuellen Phase eng zusammenarbeiten – und für einen kontinuierlichen Informationsaustausch sorgen, der etwa in von Lehrern organisierten virtuellen oder telefonischen Elternsprechstunden erfolgen kann. Das Ziel: Im Idealfall entsteht im Teamwork ein flexibel anpassbarer, grober Lehrplan für die kommenden Wochen, der berücksichtigt, dass das Lernen weitestgehend vom Kind gesteuert werden kann. Die positiven Synergieeffekte des Lernens in der Peergroup allerdings wird auch das bestorganisierte Homeschooling nicht ersetzen können. Bleibt also nur zu hoffen, dass dieser Spuk bald vorüber sein wird.

Mutter und Kind beim Homeschooling
Zur Stelle sein, ohne anwesend zu sein: Digitale Medien können den Unterricht und den Kontakt zu den Schülern aufrechterhalten – idealerweise im Team mit den Eltern. Der Datenschutz muss aber auch in Krisenzeiten gegeben sein ©goodluz - stock.adobe.com

Die Zeit nutzen

Etwas weniger Kreativität erfordert die Kommunikation mit Mentoren, Fach- und Seminarleitern. Referendare, die Feedback und Anleitung brauchen, müssen nun eben gänzlich auf Videotelefonie und Onlinedienste umschalten, doch sich auch klar darüber sein, dass noch niemand, selbst nicht die dienstälteste Lehrereminenz, eine solche Kontaktsperre erlebt hat. Deshalb werden Nachwuchslehrer auf einige ihrer Fragen zu Homeschooling und ihrer Ausbildung auch nicht immer gleich Antworten erhalten. Immerhin scheint es bis dato so zu sein, dass Referendare ihre gewählten Prüfungsthemen zunächst beibehalten können. Was sein wird, wenn die Schulen weiterhin geschlossen bleiben, vermag freilich noch niemand zu sagen. Da hilft nur, Geduld zu haben, bis Institutionen und Ausbilder selbst in die neue Situation hineingewachsen sind, und sich in Eigenverantwortlichkeit für das Lernen der Schüler zu üben. Die Zeit dafür ist momentan jedenfalls da – jenes kostbare Gut, das viele Referendare im normalen Schulbetrieb so häufig vermissen.