Im Gespräch mit einem Kinder- und Jugendpsychiater

Zwischen Klassenarbeit und Kriegstrauma

Flüchtlingskinder, die es bis nach Deutschland schaffen, haben überlebt. Häufig tragen sie aber noch den seelischen Ballast schrecklicher Erlebnisse mit sich herum. Lesen Sie hier, wie eine kinderpsychotherapeutische Behandlung ihnen helfen kann, sich wieder in den Lernalltag einzufinden.

Nahezu jedes Flüchtlingskind hat Furchtbares erlebt. Das muss aber nicht automatisch zu Verhaltens- und Lernstörungen führen. Foto: © Lydia Geissler/Fotolia.com

Herr Prof. Dr. Adam, Sie sind Kinder- und Jungendpsychiater. In welchem Kontext haben Sie bereits mit Flüchtlingskindern gearbeitet?

Wir haben in Eberswalde ein großes Einzugsgebiet bis an den Stadtrand von Berlin. Dort leisten wir eine allgemeine kinderpsychiatrische Pflichtversorgung für Kinder, Jugendliche und deren Familien, zunehmend auch für Flüchtlingskinder. Vor meiner Tätigkeit in Eberswalde habe ich an der Uniklinik in Hamburg eine Versorgungsstruktur für Flüchtlingskinder aufgebaut und zum Thema geforscht. In den 90ern und Anfang der 2000er behandelte ich dort Kinder, Jugendliche und Familien aus Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien oder dem Kosovo sowie Kindersoldaten, beispielsweise aus Sierra Leone oder Liberia. Sie wiesen Verhaltensauffälligkeiten auf, hatten emotionale Störungen oder posttraumatische Belastungsstörungen. Außerdem habe ich Psychotherapie-Projekte im Ausland organisiert, unter anderem in Kapstadt, Mosambik und Uganda.

Wie beeinflussen eventuelle Lernschwierigkeiten den Unterricht?

Die Kinder haben oft Konzentrationsstörungen und sind abgelenkt, in sich gekehrt oder verträumt. Manche sind nicht nur „liebe, brave depressive Opfer“, sondern aggressiv. Sie richten ihre Wut und Verzweiflung nach außen und werden deshalb von anderen abgelehnt. Für die Schulen und Kindergärten ist es natürlich eine Herausforderung, mit diesen Verhaltensproblematiken zurechtzukommen. Dabei spielt auch die Zusammensetzung innerhalb der Lerngruppe eine Rolle, ob man zum Beispiel zwei Flüchtlingskinder in einer ganz normalen Klasse hat oder eine spezifische Aufnahmeklasse. Manchmal haben die Kinder unabhängig von Fluchterfahrungen Lernprobleme und sind körperlich, seelisch oder kognitiv beeinträchtigt. Flüchtlingskinder sind aber nicht nur geschädigt. Sie haben überlebt und wollen nicht nur als schwach angesehen werden. Manche Kinder entwickeln sich in ganz schwierigen Bedingungen gut. Es geht dann darum, ihre Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, und die Ressourcen der Kinder und Jugendlichen zu erkennen. Deshalb sollte auch der Nutzen von Kinderpsychotherapie betont werden. Gerade für arabische junge Männer, die aus einer sehr patriarchal strukturierten Gesellschaft kommen, ist die Inanspruchnahme von Psychologie oder Psychotherapie das Eingeständnis von Schwäche. Ihnen kann man zeigen, dass sie die Möglichkeit bietet, in einer gesicherten Beziehung über schwierige Themen zu reden.

Welche Therapieformen nutzen Sie bei Flüchtlingskindern?

Zuerst machen wir eine allgemeine kinderpsychiatrische Diagnostik. Dazu gehören Gespräche, unter Umständen spezifische Tests mit den Kindern und Eltern, bei Bedarf mit Dolmetschern. Ich bin nicht so davon begeistert, wenn man im Zusammenhang von Flüchtlingskindern immer nur über Traumatherapie redet. Die Kriterien zur Diagnose einer posttraumaischen Belastungsstörung sind nur für Erwachsene entwickelt worden. Auch Kinder ohne diese spezifische Störung können durch furchtbare Erlebnisse sehr belastet sein, aber andere Probleme entwickeln: Kleinkinder lassen sich nicht mehr von den Eltern beruhigen, zeigen Einnässen, ständiges Schreien oder Fütterstörungen. Schulkinder haben Probleme in der Schule oder haben Zwangs- oder Tic-Störungen. Jugendliche entwickeln depressive Zustände oder richten Aggressionen nach außen. Flüchtlingskinder können alle Störungen des Kindes- und Jugendalters zeigen, müssen es aber nicht. Daher benötigen sie eine fachgerechte Diagnostik, die nicht nur auf „Trauma“ fokussiert ist. Insgesamt nutzen wir alle Behandlungsmethoden, die die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu bieten hat.

Welche Kriterien entscheiden dann über das individuelle Therapieverfahren?

Hier muss man sehen, wie alt die Kinder sind, was sie erlebt haben und welche Verhältnisse innerhalb der Familie herrschen. Danach richtet sich dann das therapeutische Angebot.

Mit Jugendlichen nutzen wir gesprächsorientierte Verfahren, bei denen man bestimmte Konflikte innerhalb der Familie aufarbeitet. Hier geht es oft um das Unaussprechliche, das die Kinder überlebt haben: Manchmal wird verhaltenstherapeutisch gearbeitet, manchmal tiefenpsychologisch orientiert oder familientherapeutisch. Bei Bedarf müssen zusätzlich Medikamente eingesetzt werden. Wir arbeiten auch viel mit Kreativ- und Bewegungstherapien. Unabhängig von der Therapieform ist es wichtig, eine vertrauensvolle Beziehung zu den Kindern aufzubauen.

Wie müssen Lehrer und Erzieher geschult werden, um angemessen auf Flüchtlingskinder eingehen zu können?

Einerseits muss man sich vorbereiten, andererseits wird es bestimmte Situationen geben, die auszuhalten sind. Lehrerinnen und Lehrer sollten hier auf jeden Fall Unterstützungsangebote wie Supervision bekommen.

In unserem Buch versuchen wir die psychologischen Grundlagen zu beschreiben, die es braucht, damit Konzepte für den Unterricht und den Umgang in der Schule entstehen können. Wie lassen sich zum Beispiel Themen wie Krieg, Heimat oder Identität thematisieren? Der Ansatz, dies in den Unterricht zu integrieren, ändert sich, abhängig davon, ob es sich um ein Alphabetisierungsprogramm handelt, um eine Schulklasse in einer Flüchtlingseinrichtung, oder um eine Lerngruppe, in der auch deutsche Kinder sind.