Ein Beispiel aus der Mitte Deutschlands

Wie Schulen mit Migranten umgehen

Wie werden Flüchtlinge ins deutsche Bildungssystem integriert? Welchen Herausforderungen stellen sich Lehrer und Eltern bis hin zu Behörden, Schulämtern und Kulturministerien? Und allem voran: Welche Reformen werden benötigt? Die realen Konsequenzen dieser Fragen erlebte eine Kollegin in einer ländlichen Grundschule.

Eine Schulklasse mit Kindern verschiedener Nationalitäten sitzt im Halbkreis vor einem Lehrer
Schule als Hort der Fröhlichkeit und Integration: Lehrer wie Schüler sind mit dem Herzen dabei, Flüchtlingskindern dabei zu helfen, ihre teils traumatischen Erlebnisse zu überwinden Foto: © dglimages/Fotolia.com

Die Grundschule unserer Kollegin, die gerne anonym bleiben möchte, besuchen 59 Schülerinnen und Schülern in einer kleinen Gemeinde in ländlicher Region. Zu Schuljahresbeginn startete die 1. Klasse mit 20 deutschen Schülerinnen und Schülern aus den nahegelegenen Ortschaften. Im Laufe der darauffolgenden Monate stießen in unregelmäßigen Abständen Flüchtlingskinder aus Syrien, Afghanistan, Serbien, auch aus arabischen und afrikanischen Ländern dazu. Mittlerweile betreut die Lehrerin zwischen 26 und 28 Erstklässler.

Der Unterricht muss irgendwie weitergehen

Die Neuzugänge sprechen kein Deutsch, nur wenige etwas Englisch. Manche Kinder haben Schreckliches auf der Flucht erlebt, wollen nicht sprechen, sind emotional aufgewühlt. Der Unterricht beginnt mit einer Deutschstunde: Einige Schülerinnen und Schüler beherrschen bereits einen Großteil des Alphabets, manche kennen ein paar Buchstaben, anderen ist unser Schriftbild fremd und ein Schüler ist vermutlich Analphabet. Doch irgendwie muss der Unterricht weitergehen: Mit ungebrochenem Engagement, gegenseitiger Hilfsbereitschaft und  positivem Aufeinanderzugehen im gemeinsamen (Schul-)Leben.

Aller Anfang ist schwer

Viele Interviewpartner in der Grundschule berichteten zu Anfang von chaotischen Zuständen. Besonders in ländlichen Regionen, wo viele Schulorte jahrelang mit sinkenden Schülerzahlen zu kämpfen hatten, verzeichnet man nun einen explosionsartigen Zuwachs. Zwar stellten sich Städte, Gemeinden und Schulen auf eine steigende Flüchtlingszahl ein, doch in der Praxis bedeutet dies oftmals Improvisation statt gezieltes Planen.

Neue Vorgehensweisen

Nach dem Registrieren der Flüchtlinge im Einwohnermeldeamt erfolgt die Zuteilung an eine Schule. Deutschlandweit gibt es unterschiedliche Modelle für das Verfahren. In oben erwähnter Schule bekam die Schulleiterin anfangs kaum Informationen. „Wir wussten nur, dass Flüchtlinge kommen werden, nicht wann oder wie. Das gesamte Kollegium hat die bestehende Schülerschaft auf die Aufnahme weiterer Kinder vorbereitet. Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, wie sich wohl ein neues Kind in der Fremde fühlt. Dass ein Kind keine Heimat mehr haben kann, berührte die Schüler besonders.“ So werden die Neuankömmlinge mit offenem Herzen erwartet. Die ersten Aufnahmen erfolgten dann von einem Tag auf den anderen, neue Schüler standen morgens ohne Ankündigung vor der Tür. Lehrkräfte wussten gerade einmal einen Namen und ein Geburtsdatum. Engagierte Lehrerinnen und Lehrer suchen die Flüchtlinge in ihren Unterkünften auf, um Elterngespräche zu führen; in der Anfangsphase ohne Sozialarbeiter oder Übersetzer.

Eingliederung und Intensivklassen

In der Grundschule erfolgt die Eingliederung meist in eine bestehende Klasse mit zusätzlichem Deutschunterricht, während an weiterführenden Schule oft Parallelklassen entstehen. In sogenannten Intensivklassen werden Seiteneinsteiger vorübergehend getrennt unterrichtet mit dem Fokus auf Deutschlernen, um dann im Laufe der Zeit in die entsprechende Regelklasse zu wechseln. „Wir haben Partnerschaften unter den Kindern gegründet, die sich gegenseitig unterstützen. Mittlerweile ist unsere Schülerzahl um 20 angestiegen. Daher haben wir zum Jahreswechsel zwei Intensivklassen“, berichtet die Schulleiterin. Zur Zeit gibt es jedoch nicht genügend Lehrer vor Ort und die Neueinstellungen dauern länger, als es die aktuelle Situation erfordert.

Sprachbarrieren und Kulturunterschiede

Integration und der Aufbau von Freundschaften ist im Anfangsstadium oft schwierig, da manche Kinder nur kurze Zeit bleiben, bevor die Familie wieder abgeschoben wird oder ein Umzug in eine andere Aufnahmestelle erfolgt. Und obgleich Kinder einer fremden Sprache mit großer Offenheit begegnen, ist und bleibt die Sprachbarriere eine enorme Herausforderung in der Kommunikation. Auch das emotionale Befinden der Flüchtlingskinder spielt eine große Rolle in der Grundschule. Erst im Laufe der Zeit kommen die Schicksale ans Tageslicht, die die Kinder belasten: Ein Mädchen hat auf der Flucht seine Mutter verloren und verweigert die Sprache. Ein kleiner Junge hat Trennungsängste, wenn der Vater sich von ihm am Schultor verabschiedet. So ist es verständlich, dass die Kinder Zeit brauchen, um in den Schulalltag zu finden. Viele von ihnen sind sehr lernwillig und neugierig. Hierzu gehören gut ausgebildete Kinder, die internationale Schulen besucht haben, bis hin zu Analphabeten, die nie eine Schule kennengelernt haben.

Es ist nicht zu verschweigen, dass auch Konflikte im Schulalltag entstehen, die bedingt sind durch Abstammung, Religion und Kultur der unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Beschimpfungen und körperliche Übergriffe können nicht immer vermieden werden, wie sich in der Schule zeigt. Doch daneben gibt es auch schöne Momente gelebter Integration: das gemeinsame Spiel der Kinder im Schulhof, das gegenseitige Helfen im Unterricht, die wachsenden Sprachkenntnisse, beginnende Freundschaften.

Sorge um Unterrichtsqualität

Ein Frage bleibt offen: Leidet die Unterrichtsqualität? Hier gehen die Meinungen von Eltern, Bildungsvertretern und Experten auseinander, praktische Erhebungen sind nicht eindeutig. Bei dem hohen Anspruch an bestimmte Lernziele müssen womöglich Abstriche gemacht werden. Doch wäre dies tatsächlich so schlimm? Sollten Schülern nicht zu eigenverantwortlichem, selbstbestimmtem Lernen zurückfinden und steht nicht das Heranwachsen zu offenen, wissbegierigen und sozialen Menschen im Vordergrund? Alle Planungen müssen zügig überholt werden, um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden.

Doch Fortschritt ist in Sicht:

  • Die Kommunikation zwischen den Behörden wird besser, Beratungsangebote und Fortbildungen durch Schulämter nehmen zu, das Kultusministerium baut neue Lehrerstellen auf.
  • Darüber hinaus muss in Zukunft manche Lehrkraft die Vorstellung eines „normalen“ Unterrichts aufgeben und wesentlich mehr individualisieren, differenzieren und wachsen lassen, wie man auch in der Schule langsam einzusehen beginnt. Ein Paradigmenwechsel in der Lehrerausbildung ist daher von Nöten: An Universitäten sollten alle Studierende, ganz gleich welcher Schulform, den professionellen Umgang mit Heterogenität im Unterricht erlernen.

Chance auf Wandel

Den Leistungsdruck des Schulsystems spüren nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrerschaft. Das Bildungssystem setzt hohe Lernstandards von Lernstandserhebungen bis hin zur Schulinspektion. Der Spagat zwischen diesen Anforderungen und der Realität vor Ort erscheint nun vielen unüberwindbar. Andere begreifen die Situation als Chance, die starren Strukturen des Bildungswesens zu reformieren. Vielleicht sogar Abschied zu nehmen von einem paradoxen Schulaufbau: Es gibt genügend gelungene Beispiele aus dem Ausland, die zeigen, dass alle Schüler gemeinsam und zugleich differenziert lernen können. Dort wird Integration und auch Inklusion als selbstverständlich begriffen und gelebt.

Die Unsicherheit hierzulande ist teils noch groß. Die einen empfehlen eine unaufgeregtere Einstellung, die anderen kämpfen zwischen Leistungsanspruch und praktischen Möglichkeiten. Eine große Offenheit, hohe Flexibilität und Geduld wird allen Beteiligten zur Zeit abverlangt. Über die vielfältigen Schwierigkeiten hinweg darf der Mensch jedoch nie aus dem Mittelpunkt entschwinden. Dies könnte ein guter Leitgedanke sein: nicht die Kinder der Schule anzupassen, sondern die Schule den Kindern.