Interview über den Unterricht in heterogenen Klassen

Spürbare Entlastung

Welchen Herausforderungen stehen Lehrkräfte in heterogenen Klassen gegenüber? In diesem Interview erhalten Sie nicht nur wertvolle Praxis-Tipps. Sie erfahren auch, wie Sie Ihren Unterricht effektiv an die lernrelevanten Unterschiede anpassen!

Junge guckt wütend auf sein Arbeitsblatt
Die Leistungsheterogenität, aber auch die soziale und ethnische Vielfalt, haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen Foto: Nicole Honeywill/unsplash.com

Herr Hoppe, die Leistungsheterogenität, aber auch die soziale und ethnische Vielfalt, haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Besonders in den Bundesländern, in denen die elterliche Entscheidung die weitere Schullaufbahn bestimmt, sehen sich Lehrkräfte vor neuen Herausforderungen. Sie brauchen neue Konzepte für das Unterrichten in heterogenen Klassen.

Günther Hoppe: Das ist richtig. Es ist möglich, Schule und Unterricht so zu gestalten, dass niemand überfordert wird und niemand sich langweilt. Die Umsetzung ist allerdings für viele Lehrerinnen und Lehrer eine große Herausforderung, bei der sie Unterstützung brauchen. Heterogenität ist heute normal und der Unterricht kann an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet werden.

Sie haben viele Jahrzehnte Erfahrungem in der Unterrichtsentwicklung gesammelt. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht? Verbessert oder verschlechtert sich das Leistungsniveau der Schülerschaft?

Günther Hoppe: Weder noch. Es verändert sich. Nach meinen Einschätzungen hat sich das Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler gewandelt – und mit diesem Lernverhalten auch die Fähigkeit, Informationen im Langzeitgedächtnis zu speichern. Sicherlich trägt auch meine Beobachtung, dass im Unterricht zu wenig intelligent geübt wird, zu dieser Veränderung bei. Andererseits sind viele Kinder couragierter als die Generationen vor ihnen, sie bedienen versiert moderne Technik und sind selbstbewusster.

Welche Probleme sehen Sie, wenn diese Generation mit bewährtem Unterricht beschult wird?

Günther Hoppe: Traditioneller Unterricht ignoriert die Lern- und Leistungsunterschiede weitestgehend. Er fokussiert auf die Mitte. Die Starken und Schnellen werden unterfordert, die Schwachen und Langsamen schalten ab. In diesem Lehrkraft-zentrierten Unterricht bekommen alle Schüler und Schülerinnen einer Klasse das Gleiche vermittelt, weil sich das Lernangebot an dem fiktiven Durchschnittsschüler orientiert. Dadurch wird der Unterricht den unterschiedlichen Lernbedürfnissen und -voraussetzungen nicht gerecht.

Welche Lösung sehen Sie?

Günther Hoppe: Jeder und jede hat Anspruch auf Förderung – sowohl schwächere als auch stärkere Schülerinnen und Schüler. Im kooperativen Unterricht aktivieren Lehrkräfte jede Einzelne, jeden Einzelnen und fördern nachhaltig Wissen.

Wie sieht ein solcher kooperativer Unterricht in der Praxis aus?

Günther Hoppe: Kooperativer Unterricht bietet verlässliche Strukturen: Dabei lernen die Schülerinnen und Schüler konsequent im Dreischritt:

  1. Die Denkphase in Einzelarbeit
  2. Die Austauschphase in Partner- oder Gruppenarbeit
  3. Die Präsentationsphase, bei der die Lernergebnisse vorgestellt und evaluiert werden.

Durch die Ritualisierung wird die Lehrkraft entlastet und kann sich um einzelne Schülerinnen und Schüler kümmern.

Auf was müssen Lehrkräfte besonders achten?

Günther Hoppe: Kooperative Lernformen in den Unterricht einzuführen, gelingt am besten im Lehrerteam. Bevor mit der praktischen Umsetzung begonnen wird, sollte jeder wissen, was ihn erwartet. Sinnvoll ist es, im Vorfeld kooperativen Unterricht an anderen Schulen zu beobachten und eine schulinterne Lehrerfortbildung zu planen, bei der das Kollegium die Möglichkeit bekommt, sich praxisnah mit dem kooperativen Lernen auseinanderzusetzen. Ich empfehle, Lerngruppen schrittweise in Etappen an eigenverantwortliches und kooperatives Lernen heranzuführen und zuerst nur eine Methode exemplarisch zu trainieren.

Welchen Effekt hat dieser Unterricht?

Günther Hoppe: Kooperatives Lernen fördert die Entwicklung von Lernkompetenzen und gleichzeitig die Entwicklung von Selbstständigkeit. Schülerinnen und Schüler üben im strukturierten Unterricht Methoden, die es ihnen ermöglichen, Informationen besser zu verarbeiten, zu strukturieren und zu verstehen. Sie erkennen ihre Potenziale, werden individuell wahrgenommen und können entsprechend gefördert werden. Gleichzeitig erleben sie den Unterricht als spannend. All das führt dazu, dass sie ein gutes Lern­ergebnis erzielen – wie Untersuchungen zeigen. Und schließlich führt mehr selbstständiges Schülerarbeiten spürbar zu einer Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer.

Gibt es etwas, das dabei oft schief läuft?

Günther Hoppe: Ich beobachte, dass relativ häufig die individuellen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler unpräzise erfasst werden.

Dadurch wird eine Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts erschwert. Wir wissen, dass erfolgreiches Lernen an der Schnittstelle zwischen Können und Nichtkönnen stattfindet. Um Förderschwerpunkte zu bilden, benötigen Lehrkräfte diagnostische Kompetenzen.

Welchen zeitlichen Rahmen gilt es einzuplanen, wenn an einer Schule das kooperative Lernen eingeführt werden soll?

Günther Hoppe: Hilfreich ist es, in einem Jahrgangsteam oder in einem Fachbereich zu beginnen. Die Planung und die Einführung ausgewählter Methoden, die Unterrichtsbeobachtungen und Trainingsworkshops brauchen Zeit und Struktur.

Möchten Sie unseren Lesern noch etwas mit auf dem Weg geben?

Günther Hoppe: Ich habe erfahren, wie mit relativ geringem Aufwand Veränderungen im Unterricht möglich sind, die die Schüleraktivität sichtbar erhöhen und nachhaltiges Lernen bewirken. Kooperatives Lernen ist für mich ein großartiges Prinzip, das zu einem umfassenden Lernzuwachs führt.

Günther Hoppe

Günther Hoppe verfügt über langjährige Erfahrungen als Lehrer, Schulleiter und Regierungsschuldirektor. An der SchiLf Akademie leitet er unter anderem Seminare zum Thema „Kooperatives Lernen in heterogenen Lerngruppen“. Dabei erleben die Teilnehmenden selbst, wie die Lehrmethode funktioniert und erarbeiten individuelle Konzepte