Inklusive Theaterprojekte

"Macht einfach Spaß"

Von Aschenputtel bis zur Rocky Horror Picture Show: Kinder und Jugendliche mit Behinderungen spielen an Förderschulen und Grundschulen Theater und gewinnen so an Selbstvertrauen. Ein Bericht zum inklusiven Theaterfestival Klatschmohn in Hannover.

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Auf der Theaterbühne stehen fünf Stühle, auf denen fünf Jugendliche sitzen. Vor ihnen knien fünf Klassenkameraden, mit Blick ins Publikum. Nach und nach stellen sich die Laienschauspieler dem Publikum in ihren Rollen z. B. als schöner Prinz oder hässliches Mauerblümchen vor – immer wenn sie sprechen stehen sie auf, sodass ihre bunten Kostüme voll zur Wirkung kommen. In der Mitte steht die Hauptperson, gespielt von Jannis: „Ik bin de Aschkegremer“, sagt er voller Überschwang – und bevor die Zuschauer sich fragend anschauen können, springt der vor Jannis kniende Übersetzer auf und bringt Licht ins Dunkel: „Ich bin Aschenputtel.“

Theaterspielen verbindet – die Akteure mit dem Publikum, aber auch die Schauspieler selbst, weil sie einander mit ihren Stärken und Vorlieben wunderbar ergänzen. Darum ist ein Theaterprojekt ideal geeignet für Inklusionsexperimente.

Lange Produktionszeit

„Aschkegremer – Ostfriesisch für Anfänger“ heißt das Theaterstück, das die 14 bis 19 Jahre alten Schüler der Auricher Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung aufführen. Dabei bringen sie dem Publikum auf dem inklusiven Theaterfestival Klatschmohn in Hannover, das zumeist an Plattdeutsch nicht gewohnt ist, viele neue Wörter und Ausdrücke bei. „Antrekken“ ist das plattdeutsche Wort für „anprobieren“, „bitje later“ heißt „etwas später“, „Bring mi mej danzmontur“ bedeutet „Bring mir mein Ballkleid“. Die unterschiedlich stark behinderten Schüler stellen mit viel Spielwitz ihr schauspielerisches Talent unter Beweis, nehmen sich selbst auf den Arm („Ist das Russisch? Die Sprache versteht doch kein Schwein!“) und bringen damit die vielen Zuschauer immer wieder zum Lachen. Am Ende des rund 20-minütigen Stückes gibt es viel Beifall, und die Schauspieler sind so begeistert, dass sie dem Publikum zuklatschen. „Ich verkleide mich gerne, kann hier Platt sprechen, das macht einfach Spaß. Ich spiele gerne Theater“, sagt Jannis.

Einstudiert wurde das Stück im Wahlpflichtfachkurs Theater der Förderschule Aurich. Ab dem achten Jahrgang haben die dortigen Schüler die Wahl zwischen wöchentlich zwei Stunden in Musik, Töpfern, Werken oder eben Theater. Bislang kam immer ein WPK Theater zustande – das Interesse der Schüler daran ist groß, nicht zuletzt, weil in jeder Unterrichtsstunde auch gespielt wird. „Ich gebe keinen festen Stoff vor. Die Schüler schreiben gerne Sketche, so entwickelt sich mit der Zeit ein Stück und ihre Ideen fließen mit ein“, sagt Förderschullehrer Manfred Brüggemann. Seit zehn Jahren zeigen seine Schüler in Hannover ihre besonderen Bearbeitungen von Stoffen wie der Rocky Horror Picture Show.

Brüggemann betont: „Für Aufführungen werden oft fertige Stücke präsentiert, die lange einstudiert wurden. Es soll perfekt sein, gerade für Eltern, die zuschauen. Das ist ein Fehler, denn diese Stücke haben mit den Jugendlichen nichts zu tun. Bei uns muss kein Text auswendig gelernt werden, dass ergibt sich automatisch bei den Proben.“ Lenchen Holthuis, pädagogische Mitarbeiterin im WPK Theater, lenkt den Blick auf die besondere Leistung der Jugendlichen: „Nicht alle Schüler können Plattdeutsch. Es ist ganz viel Konzentration nötig. Jeder bekommt eine Rolle und steht am Ende des Schuljahres mit dem Stück auf der Bühne.“

Britta Jandt, Leiterin der zwischen Weser und Leine gelegenen Grundschule Duingen, hat für ihre 4. Klasse eine Bühnenfassung des Kinderbuches „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler geschrieben. Einstudiert hat sie es weitgehend außerhalb des Unterrichts. „Wir haben in der Vergangenheit in Alfeld selbst einen Theatertag organisiert und das hatte den Kindern so gut gefallen, dass sie mich überredet haben, dass sie dieses Jahr wieder vor Publikum auftreten und wir für das Festival ‚Klatschmohn‘ ein Stück vorbereiten. Das war schon eine sehr große Motivation“, sagt Jandt. Zu den 16 Schülern, die in Hannover auf der Bühne standen, gehören drei Kinder mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen und zwei Kinder, die noch nicht lange in Deutschland leben. Jandt: „Das Theaterspielen erhöht den Zusammenhalt einer Gruppe. Es geht mir aber nicht vornehmlich darum, behinderte und nicht-behinderte Kinder dadurch näher zusammenzubringen, sondern es ist für alle gleich wichtig, z. B. vor einem Publikum aufzutreten. Ob man sich dafür begeistern kann, hat nichts damit zu tun, ob ein Kind behindert ist oder nicht.“