Nur gemeinsam sind wir eine Klasse

Gelungene Inklusion in einer Schülerschule

Inklusion mal anders herum: Die Antonius-von-Padua-Schule im hessischen Fulda ist eine ehemalige Fördereinrichtung, die sich für regelschulfähige Kinder geöffnet hat – mit verblüffendem Erfolg. Lesen Sie, wie sich die Schule vom Exoten zum Erfolgsmodell gemausert hat

Kinder aus einer Inklusionsklasse lernen gemeinsam
So sieht Inklusion aus: Kinder mit und ohne Förderbedarf, mit Schwerstmehrfachbehinderung bis zur Hochbegabung, lernen gemeinsam mit- und voneinander Foto: © Antonius-von Padua-Schule

Anne und Janine schreiben gerade Buchstaben in ihren Hefter. Marcel, der eine augenscheinliche Körperbehinderung hat, bearbeitet ein Steckbild. An einem der Gruppentische, die unsortiert im Raum verteilt sind, grübelt Nico über einer Prozentrechnung, die eigentlich Lerninhalt der Gymnasialstufe wäre. Im nächsten Moment unterbricht der hochbegabte Achtjährige seine Matheaufgabe, da ihn Lena um Hilfe bei ihrem Arbeitsblatt zur Addition im Zahlenraum bis 20 bittet. Und zwischen den niedrigen Schülertischen liegt Robert in seinem Liegerollstuhl. Er hat eine Schwerstmehrfachbehinderung, die seine Teilnahme am Unterricht erheblich erschwert. Seine Brille hängt schief auf der Nase. Eine der Lehrerinnen rückt sie ihm wieder zurecht, tupft etwas Speichel von seinen Mundwinkeln und streichelt dabei sanft die Hand.

Skepsis ist gewichen

Insgesamt drei Gruppen der integrativen Grundstufe der Antonius-von-Padua-Schule (APS) teilen sich den Platz. Einzelne Flächen sind nicht durch Wände oder Mobiliar abgetrennt, sondern nur am Bodenbelag erkennbar; in den Lernbereichen bewegt man sich auf Teppichboden. Insgesamt werden hier 30 Kinder unterrichtet, zehn davon mit einer sogenannten geistigen Behinderung. Anfangs waren Eltern skeptisch, ihr regelschulfähiges Kind einer ehemaligen Sonderschule anzuvertrauen. Doch nach dem ersten eigenen Eindruck der Atmosphäre waren die meisten schnell überzeugt, hier die richtige Schule für ihr Kind gefunden zu haben.

Erfolgsversprechendes Konzept

Beim Betreten des neuen Schulgebäudes, das im November 2015 feierlich eingeweiht wurde, erschließt sich alles auf einen Blick. Man ist mittendrin. Das Motto „Gemeinsam sind wir Klasse“ ist hier lebendig und spürbar. „Die Kinder haben sich vom ersten Tag an wohl gefühlt“, erinnert sich Schulleiter Hanno Henkel. „Als nach einer Woche Handwerker abends eine optionale Trennwand geschlossen ließen, reagierten die Kinder morgens beinahe verzweifelt und wollten umgehend ihren großen Raum zurück haben.“ Das Konzept einer sogenannten Flüsterschule wirkt sich positiv auf alle Beteiligte aus. Nicht nur die Lehrkräfte wissen das sehr zu schätzen; auch Neuzugänge, denen der Ruf als Schreikind vorauseilte, passen sich innerhalb weniger Tage an das ruhige Raumklima an, berichtet Henkel.

Inklusion als Selbstverständlichkeit entdecken

Die inklusive Grundstufe der APS existiert offiziell seit Schuljahresbeginn 2014/15. Hervorgegangen ist sie aus einer über einhundertjährigen Förderschule. Nach dem Leitgedanken „jeder ist anders“ lebt die Einrichtung bereits seit vielen Jahren praktische Inklusion. Henkel versteht darunter, dass Menschen auch dann als unbedingt gleichwertig und gleichberechtigt gelten müssen, wenn sie starke Auffälligkeiten aufweisen. „Unsere Schüler lernen gemeinsam und zugleich individualisiert. Das Vorurteil, dass langsamer Lernende die Schnelleren ausbremsen würden, kann ich nur widerlegen. Eine Förderung im Bereich der geistigen Entwicklung ist ebenso gewährleistet wie ein erfolgreicher, die staatlichen Standards erfüllender Grundschulunterricht.“ Notwendig dafür ist, das Primat der Gleichzeitigkeit aufzugeben.

Umdenken ist gefragt

Das erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und Einfühlungsvermögen von allen Beteiligten. „Unsere Schüler nehmen den differenzierten Unterricht ganz selbstverständlich an. Wir Kollegen müssen uns erst daran gewöhnen, dass wir weitestgehend auf den typischen Frontalunterricht mit einheitlichem Lernziel verzichten können.“ Die Lehrerschaft musste also umdenken, die Lernstand-Diskrepanz zwischen den Schülern überwinden und eine innere Differenzierung unterschiedlicher Niveaus annehmen. Um eine intensive Unterrichtsvorbereitung für einen vielfältigen, bunten Unterricht kommt keine Lehrkraft mehr herum. Eine erhöhte Teamarbeit ist dafür genauso erforderlich, wie die Nähe zu jedem einzelnen Schüler. Beides ist für die unterschiedlichen Lernpotenziale entscheidend.

Zwischen Curriculum und Unterricht

Inhaltlich orientiert sich der Unterricht in der APS am aktuellen Kerncurriculum für die Grundschule. Den Spagat zwischen standardisiertem Curriculum, das den Übergang auf weiterführende Schulen sichert, und der Anpassung des Unterrichts an die individuellen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler, stellt die zentrale Herausforderung für eine inklusive Schule dar. Henkel begegnet dieser Problematik tagtäglich: „Das Curriculum darf keine Barriere für junge Menschen sein, vielmehr sollte es jedem Lernenden ermöglichen, das zu lernen, was ihm möglich ist.“

Kanadisches Modell

Die inklusive Grundschule verfolgt die Anpassung in drei Stufen anhand des sogenannten „Kanadischen Modells“:

  • Unterstützung,
  • Flexibilisierung,
  • Individualisierung.

Henkel erläutert: „Zunächst begegnen wir individuellen Problemlagen mit geeigneten Strategien und Techniken, wie zum Beispiel Unterstützter Kommunikation und individualisierten Arbeitsmaterialien. Für jedes Grundschulkind erstellen wir einen individuellen Förderplan, der ständig an notwendige Veränderungen angepasst wird. Für einige Kinder wird es notwendig sein, die Anforderungen an das Curriculum sehr weitreichend anzupassen. Wir bieten den Schülern auch die Möglichkeit, sich den Unterrichtsstoff der ersten beiden Schuljahre bei Bedarf innerhalb von drei Jahren anzueignen.“

Lernen nach Kompetenzraster

Um einen möglichst differenzierten und individualisierten Unterricht anbieten zu können, überträgt die APS die Lernziele des Kerncurriculums konsequent in Kompetenzraster. Dies trägt zum einen den durch die aktuellen Lehr-Lern-Studien (etwa PISA) gewonnenen Erkenntnissen Rechnung, nach denen die deutschen Schulen im internationalen Vergleich erheblichen Nachholbedarf in der Entwicklung von Kompetenzen aufweisen. Zum anderen schafft es die Voraussetzungen für eigenverantwortliches und selbsttätiges Lernen durch die Schüler. Henkel ist überzeugt: „Dies sollte unser Ziel für die Zukunft sein: Eigenständiges Lernen wie in einer ‚Schülerschule‘.“

Vorbild „Schülerschule“ von Barbiana

Was ist eine „Schülerschule“? Sollte nicht in jeder Schule der Lernende im Mittelpunkt stehen? Doch scheint es, als ob die Schüler aus dem Zentrum ihrer Schule geraten sind. Henkel gibt zu bedenken: „Obwohl unsere Schulen demokratische Bürger hervorbringen wollen und sollen, gibt es erstaunlich wenige Möglichkeiten für Schülerinnen und Schüler auf wichtige Bedingungen ihres Lernens Einfluss zu nehmen.“ Nur wenn das Lernen den individuellen Lernvoraussetzungen folgt, wird es erfolgreich gelingen. „Eine Schülerschule ist jedoch nicht nur Utopie“, weiß Henkel, „sie existierte tatsächlich im Italien der 1960er-Jahre, in den Bergen oberhalb von Florenz.“ In der „Scuola di Barbiana“ wurden alle Entscheidungen von Schülern getroffen. Ein Pfarrer ermunterte die älteren Schüler dazu, die jüngeren zu unterrichten. Als er starb, führten die Schüler im Alleingang die Schule fort – mit Erfolg. Henkel dient sie als Vorbild: „Die Faszination, die von diesem Konzept ausgeht, ist heute noch spürbar. Was wir von den Barbiana-Schülern übernehmen sollten, ist das Vertrauen in das aufrichtige Wollen und die Ernsthaftigkeit der Motive der Kinder. Dass sie gemeinsam und gewaltfrei lernen wollen und sich auch gegenseitig lehren können. Dies bedeutet im Umkehrschluss für uns Lehrer, uns auf die Dinge zu beschränken, die nicht den Entscheidungen der Kinder überlassen werden können. Wohin uns dieser Weg führen wird, muss heute offenbleiben. Die Zukunft wird es zeigen.“