Plötzlich ist es den Kindern wichtig!

Im vergangenen Schuljahr führten Tina Vahldieck und eine Kollegin von der Grundschule am Rosenbusch versuchsweise den FREI DAY in einer dritten und vierten Klasse ein. Mittlerweile findet
der FREI DAY in der gesamten Grundschule statt. Im Gespräch mit Tobias Feitkenhauer erzählen
Klassenlehrerin Tina, Schülerin Lea und ihre Mutter Frau Ebbighausen über ihre Erfahrungen.

Anhand der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) suchen sich Schüler*innen am FREI DAY Themen aus, zu denen sie eigene Projekte gestalten wollen.

Tobias: Lea, ihr habt mittlerweile seit über einem Jahr einen FREI DAY bei euch an der Schule. Wie habt ihr denn im letzten Jahr damit angefangen?

Lea: Wir haben mit den 17 Zielen angefangen. Erst hat Frau Vahldieck erklärt, was der FREI DAY denn überhaupt ist, und dann hat sie uns die 17 Ziele vorgestellt. Dazu haben wir auch zwei oder drei Filme geschaut.

Tobias: Was habt ihr dann gemacht? Lea: Wir sind in Gruppenarbeit gegangen und sollten uns ein Ziel überlegen. Und ich hatte das Ziel 1 – keine Armut. Wir haben uns Sachen überlegt und dazu Plakate gemacht.

Tobias: Tina, was war dir wichtig, als du den FREI DAY in deiner Klasse eingeführt hast?

Tina: Es ging mir grundsätzlich darum, den Kindern zu vermitteln, worum es am FREI DAY geht, und mit den Kindern gemeinsam zu schauen, wie wir die Welt ein Stück besser machen können.
Als Erstes – Lea hatte es eben schon gesagt – haben wir Videos über die 17 Ziele geschaut, wo für Kinder deutlich gemacht wurde, was die Nachhaltigkeitsziele überhaupt sind und was es mit dem Jahr 2030 auf sich hat. Die Vereinten Nationen haben vereinbart, bis zu diesem Zeitpunkt bestimmte Dinge in der Welt umgesetzt zu haben oder verbessert zu haben, die für viele Kinder hier selbstverständlich sind. „Ja, wieso, wir haben doch alle ein Dach über dem Kopf und es gibt doch medizinische Versorgung und wir können alle in die Schule gehen“, sagen viele am Anfang. Den Kindern erst einmal bewusst zu machen, dass es aber nicht überall auf der Welt so ist und man selbst dazu beitragen muss, diese Situation zu verbessern, ist wichtig.

Tobias: Frau Ebbighausen, was waren Ihre Gedanken, als Lea und Frau Vahldieck zum ersten Mal über das neue Lernformat FREI DAY berichtet haben?

Fr. Ebbighausen: Also bei mir ging das. Meine Eltern haben Landwirtschaft und da ist man so etwas gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich kenne von zu Hause, dass wir sagen, dass wir uns mit der Generation, die jetzt heranwächst, eigentlich mehr zusammenschließen müssen. Denn es gibt viele Sachen, die nicht gut laufen. Man macht sich keine Gedanken darüber, dass zum Beispiel beleuchtete Luftballons eine Batterie haben und die hinterher in der Umwelt oder auf dem Acker landen. In der Generation von Lea findet durch diesen FREI DAY viel Umdenken statt. Die machen sich Gedanken darüber, wie viel Verpackung verwendet wird und dass ich Müll nicht auf die Straße werfe. Daher haben wir gesagt, warum denn nicht? Und es ist auch der Unterrichtstag, von dem am meisten zu Hause erzählt wird. Und das ist ja dann auch sehr beeindruckend. Von Mathe und Deutsch wird deutlich weniger erzählt als vom FREI DAY. Meine Schwiegereltern hatten damit sehr viele Probleme. Die waren eher ein bisschen skeptisch und haben gesagt: „Gehen die jetzt streiken?“

Tobias: Haben Sie auch mitbekommen, was Befürchtungen von anderen Eltern waren, als es um den FREI DAY ging?

Fr. Ebbighausen: Die Befürchtung war, dass die Kinder zu wenig lernen. Im letzten Schuljahr waren es ja nur die zwei Klassen und da wurde sehr viel geschaut, was die anderen drei Klassen in der Stufe machen und ob sie stofftechnisch überhaupt mitkommen. Bis zum Elternabend war sehr viel los. Als beim Elternabend das neue Lernkonzept vorgestellt wurde, gab es eigentlich gar keine Kritik mehr, weil erst mal alle baff waren über das, was sie gesehen haben. [Anmerkung: Am Elternabend haben die Kinder vorgestellt, was sie am FREI DAY erarbeitet haben.] Danach wurde gesagt „Okay, wir lassen das mal laufen.“

Tobias: Was hätten Sie sich als Elternteil gewünscht, als der FREI DAY eingeführt wurde?

Fr. Ebbighausen: Vielleicht vorher ein bisschen mehr Erklärung. Bis zum Elternabend konnten wir als Eltern erst mal nichts damit anfangen. Da fehlte zuerst diese Erklärung, dass es nicht um „Jetzt gehen die jeden Freitag streiken und Schule fällt aus“ geht, sondern: „Jedes Kind sucht sich sein eigenes Projekt und investiert die Zeit in das, wofür sich das Kind interessiert“.

Tobias: Kommen wir mal zu euren aktuellen Projekten, Lea. Als wir uns vor den Ferien gesehen haben, war dein Projekt der Wald. Woran arbeitest du denn jetzt gerade?

Lea: Das war mein Projekt. Es hat mich interessiert wegen des Borkenkäfers und dann habe ich immer mehr über den Borkenkäfer herausgefunden. Dann habe ich die Kulturfrauen aus dem Zweiten Weltkrieg dazu genommen. Es wurden viel zu viele Bäume gefällt und die Kulturfrauen haben auf dem Feld Bäume gepflanzt ...

Frau Ebbighausen: … und das sind jetzt im Moment auch die Fichtenwälder, die alle so unter dem Borkenkäfer leiden. Das war auch etwas, was ich vorher nicht wusste.

Tobias: Was machst du denn jetzt gerade eigentlich an einem FREI DAY in der Schule?

Lea: Wir haben vor ein paar Wochen über die Filmklappe [Anm.: ein Filmwettbewerb für Schüler*innen in Niedersachsen] erfahren und ich habe heute beim FREI DAY mit zwei, drei Freunden Playmobil mitgenommen. Wir haben es aufgebaut und dazu Fotos gemacht. Daraus wollen wir einen Stop-Motion-Film machen.

Tobias: Und was ist das Thema von eurem Film? Darfst du mir das schon verraten?

Lea: Ja, das haben wir schon der ganzen Klasse verraten. Da gibt es zwei Männer,
die schmeißen die ganze Zeit Müll weg und fahren mit dem Auto. Das hat eine Klasse gesehen. Sie macht sie darauf aufmerksam und sagt: „Aufheben!“ Erst sagen sie
Nein, aber dann helfen sie beim Müllsammeln mit.

Tobias: Das ist ja eine tolle Geschichte! Das finde ich super. Ich bin gespannt auf den Film. Tina, wir haben ja jetzt eine besondere Situation. Letztes Jahr konntet ihr den FREI DAY unter Normalbedingungen durchführen. Wie macht ihr das aktuell?

Tina: Also jetzt aktuell ist es ja erst mal so, dass wir seit Ende der Sommerferien mit der ganzen Schule den FREI DAY durchführen. Das ist natürlich erst mal ein ganz tolles Gefühl, am Freitagmorgen in die Schule zu kommen und zu wissen, heute arbeiten alle am Thema Zukunft und an den Nachhaltigkeitszielen.
Corona schränkt uns dabei natürlich schon ein bisschen ein. Letztes Jahr haben wir uns mit den zwei Klassen oft am Freitagmittag getroffen. Zwei oder drei Kinder haben dann einen Vortrag vor allen 50 Kindern gehalten. Also wir haben da als Erwachsene teilweise echt gesessen und gestaunt, wie die Kinder an einem FREI DAY einen Vortrag hinkriegen, dass alle mitgerissen werden, was ihnen im normalen Unterricht viel, viel schwerer fallen würde. Am FREI DAY haben sie einfach ein ganz anderes Feuer dafür, da läuft das so.
Solche Sachen würden wir uns momentan natürlich auch wünschen. Wir machen jetzt am Freitagmorgen immer eine Ansage für die ganze Schule, wo ein paar Ideen eingeworfen werden. Auf klassenübergreifende Projekte warten wir jetzt noch ein bisschen.

Tobias: Lea, was ist der große Unterschied für dich zwischen einem FREI DAY und einem normalen Schultag?

Lea: Am Montag kommt man in die Schule  und weiß, jetzt arbeite ich das und das muss ich arbeiten. Und am FREI DAY weiß man, dass man sich jetzt um die Welt kümmert und erst mal der Klasse noch etwas erzählt oder sofort mit einem Projekt startet. Und man kann sich das Projekt auch selber aussuchen.

Tobias: Tina, was hat der FREI DAY denn bei deinen Schülerinnen und Schülern verändert? Tina: Ich sehe tatsächlich auch ganz viel. Die Kinder bekommen einen viel schärferen Blick für Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Es ist der Wahnsinn, wenn wir Freitagmorgen uns zusammensetzen und so ein bisschen Ideen zusammentragen, von was die alles erzählen. Viele Kinder haben gesagt, wir achten jetzt viel mehr darauf, wie wir den Müll trennen oder dass wir die Waschmaschine erst anmachen, wenn sie voll ist. In ganz vielen Bereichen haben die einfach einen viel besseren Blick jetzt. Und ich denke, dass es echt viel wert ist, dass die Kinder einfach bewusster mit der Umwelt umgehen.

Tobias: Frau Ebbighausen, was würden Sie sagen, ist jetzt anders, seit es den FREI DAY an der Grundschule am Rosenbusch gibt?

Fr. Ebbighausen: Ja, also an dem Tag ist Lea schon mal begeistert von der Schule. Ich kann das als Elternteil ignorieren und sagen: „Das ist nicht mein Ding. Mach du da, was du willst, wir kümmern uns um Mathe und Deutsch.“ Oder ich kann das auch als Chance nutzen und sagen: „Ich möchte diese Begeisterung zu Hause weiter halten, weil ihr dann vielleicht auch Mathe, Deutsch einfacher fällt.“ Lea fällt es aufgrund ihrer Lernschwäche Deutsch nicht sehr leicht, da müssen wir kämpfen. Dann ist das ganz gut, wenn die Begeisterung vom FREI DAY hinterher noch für das Fach Deutsch anhält.

Tobias: Tina, was würdest du denn einem Lehrer oder einer Lehrerin empfehlen, die einen FREI DAY bei sich an der Schule einführen möchte?

Tina: Wenn es eine Kollegin ist oder ein Kollege, auf jeden Fall Schulleiter oder Schulleiterin erst mal hinter sich stehen haben. Ohne die Schulleitung kann man das Ganze nicht angehen. Und dann ist wirklich die Information, das Einbeziehen aller total wichtig. Frau Ebbighausen hat es eben schon gesagt, sie fand die Idee eigentlich gut, hat sich aber anfangs nicht so richtig informiert gefühlt. Also am besten gleich alle mit ins Boot holen – alle Kollegen, alle Eltern, die Schulleitung. Gerade bei den Eltern sollte man diese Verunsicherung gar nicht erst so aufkommen lassen.
Es ist natürlich so, dass jeder mal in der Schule war und die Schule so kennt, wie sie zu dem Zeitpunkt war. Jeder kennt es so, wie es gewesen ist, und denkt dann, so muss es immer noch sein. Es hat sich aber in den letzten Jahren viel geändert und es muss sich noch viel in der Bildungslandschaft ändern. Viele sind auch im Fächerkorsett gefangen – wir brauchen so und so viele Stunden Mathe, wir brauchen so und so viele Stunden Deutsch. Der Lehrer steht vorne, richtert mir das ein. Aber so funktioniert es einfach nicht mehr. Ich denke, das spiegelt das auch wider, was Frau Ebbighausen eben gesagt hat, das ist der Tag, von dem Lea am meisten erzählt. An diesem Tag nehmen die Kinder so viel mit. Es steckt so viel Mathe und Deutsch da drin. Vorher war es mir doch egal, ob ich den Abschreibtext jetzt mit einem Fehler oder mit zehn Fehlern gemacht habe. Aber wenn ich eine Botschaft habe, die ich weitergeben möchte an andere, dann ist es mir wichtig, dass es alle verstehen und dass die Rechtschreibung entsprechend ist. Ja, plötzlich ist es den Kindern wichtig.

Tobias: Das freut mich sehr zu hören. Lea, was ist denn jetzt dein nächstes Projekt, wenn du dein Waldprojekt abgeschlossen hast?

Lea: Frau Vahldieck hat uns vom Unverpackt-Laden erzählt und dass wir vielleicht jemanden interviewen könnten, die Chefin vom Unverpackt-Laden. Und das haben wir dann auch gemacht. Daran werde ich mit meiner Freundin arbeiten.

Tobias: Lea, Tina, Frau Ebbighausen, vielen Dank für das tolle Gespräch.