Vielfalt als Thema für den Lese- und Schreibunterricht

Übers Meer der Fantasie

Mit Geschichten über den Tellerrand hinausschauen, den eigenen Horizont erweitern – und daraus einen Schreibanlass machen: eine schöne Möglichkeit, Kinder kreativ an Interkulturalität heranzuführen und zugleich die Lese-Schreibkompetenz zu fördern. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem neuen Buch der Literatur-Didaktikerinnen Karin Vach und Gabriela Scherer, das im Friedrich-Verlag erschienen ist

Der Pinguin aus dem Buch "Viele Grüße, Deine Giraffe"
Fremde Welten verstehen – etwa den Pinguin und seine Heimat: Dies geht schreibend, aber auch bastelnd, wie die Unterrichtsreihen zum Kinderbuch „Viele Grüße, Deine Giraffe“ zeigen Foto: @ Anna Garbe
Über die Lektüre

In ihrem Buch „Interkulturelles Lernen mit Kinderliteratur“ stellen die Autorinnen Unterrichtsreihen für den Umgang mit Vielfalt vor – u.a. auf Basis der Lektüre des Kinderbuchs „Viele Grüße, Deine Giraffe“ von Megumi Iwasa: Giraffe wohnt in der afrikanischen Savanne. Ihre Tage verlaufen eintönig und sie sehnt sich nach einem Freund. Also beschließt sie, einen Brief zu schreiben: „Du sollst ihn dem ersten Tier übergeben, das dir hinter dem Horizont begegnet“, sagt sie zu Pelikan, der gerade (ebenfalls aus Langeweile) einen Postdienst eröffnet hat. Und so findet der Brief seinen Weg zu Pinguin, der weit entfernt in der Walsee lebt. Eine echte Brieffreundschaft entsteht. Eines Tages beschließt Giraffe, ihren Brieffreund zu besuchen – und zwar als Pinguin verkleidet. Gar nicht so einfach, wenn man eine Giraffe ist ...

„Viele Grüße, Deine Giraffe“ kann als Briefroman betrachtet werden, der vorwiegend aus der Korrespondenz besteht, die zwischen der Giraffe, die in der Savanne des südlichen Afrikas lebt, und dem Pinguin vom Walsee hin- und hergeht. Gerahmt werden die Briefe durch eine heterodiegetische Erzählung, in welcher der Erzähler aus der Übersicht von den Erlebnissen der Tiere erzählt. Es handelt sich hier um eine Tiergeschichte, in der die Tiere mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet werden (vgl. Haas 2000; Rathmann 2012). (…) Die wichtigste Gattung der sogenannten Tierliteratur ist die Fabel, in der Tiere Verweisfunktion für menschliches Verhalten erhalten. Auch diese Tiergeschichte kann als Form der Uneigentlichkeit gedeutet werden, und zwar insofern, als dass sie im übertragenen Sinne zu verstehen ist. So wird für die Idee der Interkulturalität geworben, welche die Begegnung mit dem Fremden als Gewinn versteht. Denn hier wird vom Zusammentreffen, dem interkulturellen Austausch und wechselseitiger Bereicherung erzählt. (…) Eine weitere Lesart ist auch, Kinder zu ermutigen, gegen die eigene Langeweile und Einsamkeit etwas zu tun und selbst aktiv zu werden. (…)

Buch: Viele Grüße, Deine Giraffe
Megumi Iwasa: Viele Grüße, Deine Giraffe. Moritz Verlag, ISBN: 978-3-89565-337-7, 10,95 Euro.

Verbindung des Fiktiven mit der Lebenswelt

Zu Iwasas Kinderbuch wurden zwei Unterrichtsvorschläge in zwei Klassen erprobt. (…) Für die Erprobung von Unterrichtsvorschlag 1 hatte die Klassenlehrerin einer 2. Klasse einer städtischen Grundschule das Buch den Kindern in einer jeweils verlängerten Frühstückspause vorgelesen. Pro Einheit wurden zwei Kapitel vorgestellt. Im Anschluss an die Lektüre setzte nun die oben vorgeschlagene Doppelstunde an, die von einer Lehramtsstudentin durchgeführt wurde.

Die Entdeckung der Flaschenpost

Die Kinder kamen zunächst zu Beginn des Unterrichts im Kreis zusammen. Sehr überzeugend berichtete die Lehrerin, dass sie heute Morgen am Fluss entlang gefahren sei und dabei etwas Besonderes entdeckt habe. Die Kinder waren gespannt und staunten, als sie aus ihrer Tasche eine Flaschenpost holte. (…) Die Kinder vermuteten, dass die Flaschenpost von einem anderen Menschen und aus einem anderen Land kommen könnte. Ein Kind allerdings gab zu bedenken, dass die Flaschenpost auch vom Pinguin stammen könne. Einige Kinder lachten zunächst, vermutlich weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass die Fiktionalität der Geschichte in ihre wahrgenommene Realität hineinreichen könne, aber dann ließen sie sich auf das gedankliche Experiment ein und überlegten, ob der Brief in der Flasche auch von der Giraffe, von der Robbe, vom Pelikan oder vom Wal in Iwasas Geschichte verschickt worden sein könnte. Mit großer Spannung wurde die Glasflasche geöffnet und der Brief herausgeholt. Vorsichtig wurde der Brief (eine vergrößerte Kopie des Briefs im Buch) entrollt. Als erstes informierte das Kind, welches den Brief öffnete, dass der Brief auf Deutsch geschrieben sei. Im Anschluss daran zeigte es ihn im Kreis herum. Alle Kinder wollten den Brief gern vorlesen und meldeten sich dafür. Nachdem ein Kind den Brief vorgelesen hatte, erkannten sie den Zusammenhang mit der Lektüre. Die Mimik der Kinder ließ erkennen, dass sie sich über den Brief freuten. Aber diese Flaschenpost gab ihnen auch Rätsel auf. Das Spiel mit der Fiktionalität war spannend und bot Anlass für verschiedene Überlegungen. So vermuteten einige, dass die Lehrerin für den Wal den Brief geschrieben habe. Andere meinten auch, dass ein Wal gar nicht schreiben könne. (…) Im weiteren Verlauf überlegten sie, wie es nun mit der Flaschenpost weitergehen könne. Der Vorschlag der Lehrerin, auch mit einer Flaschenpost zu antworten, wurde freudig und zugleich auch etwas zurückhaltend aufgenommen. (…)

Buch: interkulturelles Lernen mit Kinderliteratur
Gabriela Scherer, Karin Vach: Interkulturelles Lernen mit Kinderliteratur. Unterrichtsvorschläge und Praxisbeispiele. Friedrich Verlag. ISBN: 978-3-7727-1304-0, 29,95 Euro.

Ideen für eigene Briefe entwickeln

Zur Vorbereitung der eigenen Briefe an den Wal erwies es sich als günstig, dass gemeinsam auf einem Papier mit großem Format der Aufbau eines Briefes erarbeitet und visualisiert wurde. (…) Auf die Frage, was sie denn dem Wal schreiben könnten, ließ die Lehrerin ein Kind vorlesen, was denn der Wal von ihnen wissen wolle: „Erzähl mir etwas von dir.“ Weitere Überlegungen betrafen den Abschluss des Briefes. Ein Kind konnte weiterhelfen und erläuterte, dass man am Ende „liebe Grüße“ und „dein“ oder „deine“ schreiben könne und dann den Namen einsetzen müsse. Im Mittelpunkt der weiteren Überlegungen stand aber die Frage, was die Kinder von sich erzählen sollten. Es entwickelte sich ein Gespräch, bei dem die Kinder verschiedene Vorschläge einbrachten. (…) Im nächsten Schritt ging es dann um die Vorbereitung der Briefe. Dazu gehörten Überlegungen, mit welchem Stift sie schreiben dürften, in Schreibschrift oder Druckschrift, auf welchem Papier und ob sie die Briefe auch noch einmal abschreiben müssten. Je nach Klassensituation, sind verschiedene Möglichkeiten zu empfehlen. Hier bewährte sich die Variante, dass die Kinder mit Bleistift schrieben und nach der Korrekturdurchsicht der Lehrerinnen ihre Texte mit Füller überschrieben. (…) Die eigentliche Schreibphase umfasste insgesamt einen Zeitraum von etwa 60 Minuten, was durch die große Motivation und konzentrierte Arbeit der Kinder realisiert werden konnte. Es wäre durchaus denkbar gewesen, das Schreiben früher zu beenden. Die Kinder waren jedoch mit viel Elan und Ausdauer bei ihrer Arbeit. Einige Kinder waren früher fertig, deren Briefe konnte die Lehrerin mit den Kindern bereits besprechen und so die Abschrift bzw. das Überarbeiten vorbereiten. Andere Kinder brauchten länger und begannen erst später, an der Gestaltung zu arbeiten. Am Ende waren alle sehr stolz auf ihre Briefe. (…)