Lesen muss man lernen!

Lesen lernen: zwischen analog und digital

Fast 20 Jahre nach dem „PISA-Schock“ geht es immer noch und immer wieder um die Lesekompetenz, also um den Erwerb von Fähigkeiten des analytischen und selektierenden Lesens. Wie sich das Lesenlernen durch die digitalen Medien verändern wird, ist derzeit schwierig zu beurteilen. Lesen Sie hier warum.

Junge hat ein gezeichnetes Buch in der Hand
Zwar können in einem einzigen Tablet oder eBook-Reader Tausende Bücher stecken, aber fürs Lesenlernen ist ein gedrucktes Buch immer noch die beste Wahl. Foto: © alien185 - stock.adobe.com

Der Bundesverband Leseförderung vertritt diesbezüglich eine klare Position: Es ist sein Ziel, vor allem Kinder und Jugendliche zu fördern und ihre Zugänge zu Schrift- und Bildsprache sowie ihre Lese-, Schreib-, Literatur- und Medienkompetenz zu verbessern. Wir Menschen lesen, weil wir die Welt verstehen und gestalten wollen. Wir wissen, dass Lesen und Schreiben dazu beitragen können, Grenzen zu überwinden, Fähigkeiten zu entwickeln und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Darin wird deutlich, dass Medien für uns eine wichtige Rolle spielen. Literaturpädagogische Methoden verbinden das analoge Lesen mit digitalen Medien, um das Potenzial beider Medien zu erkennen und zu nutzen.

Digitale Medien als fragwürdiger Hoffnungsträger

Das Digitalpaket der Bundesregierung suggeriert, dass ausschließlich eine „digitale Schule“ eine fortschrittliche Schule sei und ausreichende Lesemotivation hervorrufen würde. In der Debatte um digitales Lernen geht es bislang wenig um ein Konzept, wie das Lesenlernen auf digitalen Geräten erfolgen sollte. Dabei hat uns die Hattie-Studie gelehrt, dass es die Persönlichkeit der Lehrperson ist, die die Lernmotivation beflügelt (vgl. Newsteachers 2019). Mit dem Einsatz von digitalen Medien wird lediglich die diffuse Hoffnung verbunden, die eklatant schlechten Ergebnisse der letzten IGLU-Studie zu verbessern: Hier wurde bescheinigt, dass jedes fünfte Kind aller deutschen Viertklässler nicht hinreichend flüssig und sinnerfassend lesen kann. Das ist ein Verhängnis, denn genau in dem Alter, in dem das Lesen zur Bildung maßgeblich beiträgt, werden diese Kinder ihrer Chancen beraubt.

Der Bundesverband Leseförderung e.V.

… wurde 2009 mit dem Ziel gegründet, bundesweit alle lesefördernden Akteure miteinander zu vernetzen. Er setzt sich für eine professionelle und nachhaltige Förderung der Lese-, Schreib-, Literatur- und Medienkompetenz in Deutschland ein. Die preisgekrönten Kinderbuchautoren Kirsten Boie und Paul Maar bekannten sich 2012 mit der gemeinsamen Übernahme der Schirmherrschaft zum Anliegen des Verbandes. Das Angebot umfasst:

  • Beratung und Information über Möglichkeiten der Leseförderung;

  • Fachtagungen und Seminare;

  • Austausch und Vernetzung mit allen in der Leseförderung Tätigen

  • Weiterbildung Lese- und Literaturpädagogik (berufsbegleitend, deutschlandweit) für Interessier te aus pädagogischen und sozialen Bereichen, aber auch aus Bibliotheken, Buchhandel und Verlagen.

www.bundesverband-lesefoerderung.de

Keine vertiefende Verarbeitung

Wenn Kinder zur Schule kommen, können die meisten selbstständig Spiele, Lernspiele oder Filme auf dem Tablet und Smartphone bedienen / konsumieren. Das Hin-und-her-Schalten zwischen verschiedenen Aufmerksamkeitsquellen ist den neuronalen Verknüpfungen im kindlichen Gehirn nicht zuträglich. Es hat noch keinen Steuermechanismus entwickelt, sich auf das Wesentliche und auf Verlangsamung einzulassen. Das digital geprägte Gehirn scannt den Text nach Informationen, Links, Hinweisen, Bildern. Eine vertiefende Verarbeitung des Gelesenen kann aufgrund der sprunghaften, kurzen Aufmerksamkeit und der vielen Reize nicht erfolgen.

Die Stavanger-Erklärung

In einer interdisziplinären Studie haben 130 Leseforscherinnen und -forscher untersucht, wie sich die Digitalisierung auf unsere Lesepraxis auswirkt. Diese Ergebnisse sind in der „Stavanger-Erklärung“ zusammengefasst: Die Experten und Expertinnen empfehlen, das analoge Lesen zu fördern und parallel am Bildschirm das verständnisorientierte Lesen zu trainieren. Etliche Untersuchungen (Motorik, Tastsinn, Augenbewegungen) haben ergeben, dass Texte auf Papier besser behalten werden. „Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien nicht gleichwertig.“ (vgl. FAZ 2019) Das Fazit aus vier Jahren Forschungsarbeit, das uns in diesem Zusammenhang interessiert, lässt aufhorchen: Die Forscherinnen und Forscher befürchten den Verlust der Kulturtechnik des intensiven Lesens.

Lesen analog lernen

Wie sich die Bereitschaft und die Fähigkeit zum intensiven, vertieften Lesen entwickeln, hängt maßgeblich vom basalen Leselernprozess ab und der Unterstützung, die Kinder dabei erfahren. Für Kinder in der Primarstufe geht es nicht um den Verlust des intensiven Leseerlebnisses, denn ein Verlust setzt ein Vorhandensein voraus. Um eine bewusste Entscheidung zu treffen, was, wie und wo wir lesen, muss erst die Lesefertigkeit und -fähigkeit erworben werden. Diese Phase des Lesenlernens sollte, das ist unsere Überzeugung, analog erfolgen, denn Lesenlernen gelingt am besten im Schneckentempo. Dies sind neben anderen Beispielen, die Gründe, die gegen digitales Lesenlernen sprechen:

  • Bedeutung der haptischen Erfahrungen
  • Konzentration und Gedächtnis: Über die ständige Verfügbarkeit digitaler Amüsements werden „Freiräume“ zur Entwicklung kreativer Tätigkeiten eingeschränkt – dies verstärkt zudem die gebremste Entwicklung kognitiver Fähigkeiten.
  • Der langsame Leseprozess stellt einen Ausgleich für die unablässigen digitalen Verlockungen dar.
Ausstellung: 1000 Bücher – 1000 Chancen: Books for Future Die neue Wanderausstellung zu: Klima, Energie, Umwelt, Natur, Artenvielfalt

Es gibt sie, die packenden Geschichten über Klimawandel, Umweltzerstörung und über eine lebenswerte Welt! Büchern, die dazu motivieren, unsere Welt positiv mitzugestalten, widmet der Bundesverband Leseförderung eine Wanderausstellung. Darin enthalten: Jede Menge thematisch passende Bücher und konkrete Vermittlungskonzepte, die kreative Zugänge eröffnen, die Emotionen der jungen Leserinnen und Leser ansprechen und damit eine starke Wirkung für Denken und Handeln erzeugen. Die Buchausstellung kann ab 01.01.2020, in Kisten verpackt, mit einer Leihgebühr an interessierte Bibliotheken, Kindergärten, Schulen u.v.m. verschickt werden.

www.bundesverband-lesefoerderung.de

 Vertieftes Lesen fördern

Das vertiefte Lesen lässt sich fördern, indem wir Orte und Gelegenheiten in Schulen, Bibliotheken und Schulbibliotheken anbieten, die herausfordernde, bereichernde und auch anstrengende Leseerlebnisse schaffen, an denen Kinder vertiefte Leseerlebnisse entdecken und üben können. Und das kann und muss die Primarstufe möglich machen. Von der Gestaltung der Leselernumgebung wird es abhängen, wie Schüler und Schülerinnen Denken lernen, Wissen erlangen und in demokratischen Gesellschaften partizipieren.

Digitale Ergänzungen

Inzwischen gibt es wieder herausragende Sachbücher, die ohne und mit Augmented Reality (AR) ein Sachbuchthema aufmachen und zur eigenen Kreativität mit Programmen wie iMovie und Comic Life anregen. Literaturpädagogische Projekte verknüpfen hier das analoge Lesen mit digitaler Ergänzung und schaffen damit für beide Formen einen nachhaltigen Rahmen. Wir brauchen gesicherte Erkenntnisse, wie digitales Lesen das Gehirn und damit unser Denken verändert. Und so lange haben wir die Verantwortung, das Beste für das Lesen in der Grundschule zur Verfügung zu stellen. Und das ist zum jetzigen Zeitpunkt das BUCH zum Anfassen.

Geschichten selbst erfinden!

Mit dem neuen Spiel „Kreative Bildergeschichten“ aus der tiptoi® CREATEReihe werden Grundschulkinder zu fantasievollen Geschichtenerzählern – ganz ohne Lese- und Schreibkenntnisse. In drei Spielvarianten entstehen lauter selbst erfundene und einzigartige Abenteuer-, Detektiv-, Freundschafts- und Spukgeschichten zum Aufnehmen, Speichern und immer wieder Anhören. Die perfekte Verknüpfung von analog und digital!

Spielprinzip

Zu jeweils sechs von insgesamt 70 Bildkarten nehmen die Spieler mit dem tiptoi® Stift eine Geschichte auf und untermalen sie mit Geräuschen. Sind zu jeder Bildkarte Kreativbeiträge aufgenommen, macht der Stift aus den Aufnahmen der Grundschulkinder eine vollständige Hörgeschichte.

Spielvarianten

Einsteiger vervollständigen vorgegebene Teile einer Geschichte, die der tiptoi® Stift erzählt. Fortgeschrittene lassen sich nur noch Bildkarten vom tiptoi® nennen. Und Profi-Erzähler erfinden völlig frei eigene Geschichten.

Förderschwerpunkte

Das Spiel regt nicht nur die Kreativität der Grundschulkinder an, sondern fördert auch ihr Sprachgefühl und das Selbstbewusstsein, vor anderen zu sprechen.

www.ravensburger.de


Literatur

Newsteachers 2019, Neue Hattie-Auswertung: Digitale Medien machen Schulunterricht nicht immer besser https://www.news4teachers.de/2019/01/neue-hattie-auswertung-digitale-medien-machen-schulunterricht-nicht-immer-besser/

Quelle: "Lesen und Denken lernen zwischen analog und digital" von Manuela Hantschel, bildung lernen 2/2019, S. 14-16.