Stressabbau steigert Lernerfolg und Wohlbefinden

Dem Druck begegnen

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Man muss sagen: leider. Denn nicht nur erwachsene Berufstätige sehen sich täglich mit Leistungs- und Erfolgsdruck konfrontiert – auch immer mehr Kinder und Jugendliche klagen darüber. Damit beginnt oft eine verhängnisvolle Abwärtsspirale: Wer alles dafür tut, die geforderte Leistung zu bringen, verliert seine Motivation und Konzentration, macht mehr Fehler und wird häufig krank oder flieht in Süchte. Unsere Autorin Susanne Krämer beschreibt in ihrem neuen Buch eine Strategie gegen den Stress und für eine neue Schulkultur: die Achtsamkeit.

Wörteransammlung von stressigen Begriffen
Der Zeitplan ist eng gestrickt. Prüfungen, Hausaufgaben, außerschulische Aktivitäten – da bleibt nicht viel Zeit für Entspannung, oder? Foto: TeroVesalainen/Pixabay

Ich bin auf so einem hohen Stresslevel (…) während der Klausuren und dann habe ich eine Schreibblockade, ich komme nicht weiter. Ich weiß überhaupt nichts mehr.“ – Dieser Zustand, den eine Oberstufenschülerin des Friedrich-Ebert-Gymnasiums Berlin beschreibt, wird zunehmend symptomatisch für Kinder und Jugendliche in Deutschlands Schulen. Deutliche Anzeichen von Stress, wie Einschlafschwierigkeiten, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Müdigkeit, weisen laut der Stress Studie 2015 der Bielefelder Universität jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland auf. Die Auswirkungen des Leistungsdrucks zeigen sich schon früh: In einer bundesweiten Befragung durch den Deutschen Kinderschutzbund (2012) gaben 33 Prozent von fast 5000 Kindern zwischen sieben und neun Jahren die Schule als Stressauslöser Nummer Eins an. Dabei konnte seit 1998 durch die Inter- nationale HBSC-Studie (2014) eine kontinuierliche Steigerung des Stresslevels beobachtet werden (siehe Grafik).

Diese alarmierende Entwicklung zieht zudem weitere Probleme nach sich: Gestresste Kinder verfügen über eine niedrigere Problemlösungskompetenz und weisen oftmals ein erhöhtes Aggressionspotenzial auf, das Selbstwertgefühl sinkt und auch die Beziehungen zu Gleichaltrigen und Eltern verschlechtern sich. Entspannung wird nicht selten im Konsum von Alkohol gesucht. An Gymnasien geben 46 Prozent der regelmäßigen Alkoholkonsumenten an, dass sie unter einem „hohen Leistungsdruck“ stehen (DAK 2010).

Medizinisch nachweisbar

Dass die angeführten Symptome und Verhaltensmuster die Lernmotivation und -fähigkeit nehmen, liegt auf der Hand, aber die Auswirkungen sind auch ganz unmittelbar auf neuronaler Ebene zu beobachten, das Stresshormon Cortisol hemmt die Aktivität im Hypocampus, der sowohl für das Überführen von Informationen vom Kurz- ins Langzeitgedächnis, als auch beim Erinnern und der Emotionsregulation eine wichtige Rolle einnimmt.

Gefragt nach den Gründen des Stresses, nennen die Schüler/innen, neben dem äußeren Grund des Zeitdrucks (41 Prozent) hauptsächlich ihren „eigenen inneren“ Druck (40%): „Auch unter Druck möchte ich alles gut machen (41 Prozent)“ (Juvenir, 2015). Dagegen fällt der Druck durch eine Erwartungshaltung der Eltern relativ gering aus (16 Prozent). Dies ist ein immer häufiger zu beobachtendes Phänomen. Der Hamburger Leiter der Kinder- und Jugendpsychatrie, Michael Schulte Markwort, beschreibt in seinem Buch „Burn-out Kids“, wie immer mehr Eltern „hochgradig besorgt und ratlos“ einem Leistungsdruck gegenüberstehen, den sie selbst nicht explizit setzen (2015, S. 11).

Stress im Leben – Stress beim Lernen

Es ist unsere Gesellschaft, die einen immanenten Leistungsdruck vorlebt, sodass die Schüler/-innen den Druck bereits internalisiert haben. Die Beschleunigung der Gesellschaft führt zu immer mehr Ängsten, den Anforderungen nicht standhalten zu können. Dazu kommt als weitere Stressquelle die mediale Reizüberflutung. Soziale Netzwerke, ständige Erreichbarkeit und permanente Beschallung stören die Aufmerksamkeitslenkung und schüren weitere Ängste, nicht mehr „dazu“ zu gehören. Die Forderung, mehr für eine gesunde und lernfreundliche Schule zu tun, ist nicht neu. Bereits 1890 betonte der amerikanische Psychologe William James in seinem  Werk „Principles of Psychology“ die Schulung einer fokussierten Aufmerksamkeit als Grundvoraussetzung von effektivem Lernen. Erst die Angstfreiheit sowie eine innere Zentrierung schaffen den geeigneten Lernrahmen.

Achtsam werden

In diesem Kontext entstehen vielversprechende Ansätze in achtsamkeitsbasierten Programmen. Konzepte aus dem angloamerikanischen Raum wurden für den deutschen Raum sowohl zur Stärkung der Lehrpersonen – welche ebenso extremen Belastungen ausgesetzt sind – als auch der Schülerinnen und Schüler weiterentwickelt und implementiert. Noch sind es nur einzelne Projekte, doch das Interesse im Bildungssektor ist groß. Und das nicht ohne Grund: Achtsamkeitsübungen, die leicht im Unterricht eingebunden oder individuell geübt werden können, entwickeln die exekutive Aufmerksamkeit, da der Hippocampus in Struktur und Funktion gestärkt wird (Hölzel et al. 2007), fördern kognitive Flexibilität und Merkfähigkeit und verbessern die Konzentration sowie das Arbeitsgedächtnis (Flook et al 2010).

Dies kann einen Weg bieten, aus unseren Schulen wieder einen Lernort zu machen, der zu dem Ursprungsgedanken der Bildung zurückkehrt, der altgriechischen Begriff "scholë" bedeutet „Muße“. Die Muße, das Innehalten, um den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. Es braucht eine druck- und angstfreie Atmosphäre, die Raum zum neu Denken und Entwickeln bietet.

Auch die anfangs zitierte Schülerin hatte Gelegenheit in einer AG Achtsamkeitsübungen kennenzulernen. Ihr Fazit: „Sie helfen mir, wenn ich auf so einem hohen Stresslevel bin (…). Dann einen Schritt zurückzutreten, noch mal durchzuatmen, sich einfach ein Stück davon zu distanzieren (…). Das hilft mir, in die Mitte zu kommen, den Fokus zu finden und gibt mir so viel an Lebensqualität.“