Berufliche Belastung gesund meistern: Reflektieren, priorisieren und Bilanz ziehen

Aktiv gegen Stress

Auch wenn Lehrkräfte ihre Berufszufriedenheit in vielen Studien insgesamt als hoch angeben, bleibt die hohe Belastung ein Dauerthema. Lars Schmoll, Referent der SchiLf Akademie, erklärt im Interview, wie Lehrkräfte den Schulalltag gesund meistern können

Junge Frau und Mann Joggen
Berufliche Belastung gesund meistern: Reflektieren, priorisieren und Bilanz ziehen © Wellnhofer Designs - stock.adobe.com

Herr Dr. Schmoll, rund ein Drittel der Lehrkräfte gibt an, unter zu hohen Belastungen zu leiden. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Belastungsfaktoren im Schulalltag?

Die Ursachen sind vielschichtig und bei jedem individuell. Grundsätzlich lässt sich aber angesichts der Arbeit in große Klassenund mit schwierigen Schülern sagen: Vielen macht besonders die hohe Interaktionsdichte zu schaffen. Diese ist ohne ein vernünftiges Classroom-Management nur schwer zu bewältigen.

Bedeutet das also, dass die Lehrkräfte permanent Entscheidungen treffen müssen? Also z. B. Fragen beantworten, Aufgaben verteilen, Streit schlichten?

Richtig. Zu den weiteren Faktoren zählen neben der Lärmbelastung die zum Teil fehlende Kooperation im Kollegium und zu wenig Unterstützung durch die Schulleitung. Viele Kollegen haben auch Schwierigkeiten damit, Beruf und Privatleben zu trennen. Und nicht zuletzt bedrückt viele Lehrer auch das gesunkene Prestige ihres Berufs. Auf die meisten Punkte haben Lehrkräfte ja leider selbst keinen Einfluss.

Was können sie trotzdem unternehmen, um gesund und zufrieden ihren Beruf auszuüben?

Der wichtigste Punkt, zu dem ich rate, ist gleichzeitig der schwerste: die Arbeit am eigenen Selbst. Dabei sollte jeder seine Ansprüche und Ziele reflektieren und seine Work-Life-Balance analysieren. Durch die Forschung wissen wir heute viel über einzelne Belastungstypen im Lehrerberuf (vgl. etwa die Schaarschmidt-Studie).

Wo fange ich damit an?

Im Rahmen einer einmaligen Reflexion gilt es, Bilanz zu ziehen. Werden Sie sich darüber klar, welche Ansprüche und Ziele Sie verfolgen und gleichen Sie diese mit Ihren Möglichkeiten ab. Wer zum Beispiel erkennt, dass er nur schwer Beruf und Familie vereinbaren kann, sollte sich Unterstützungssystem aufbauen – etwa, indem er Menschen findet, die ihn bei der Kinderbetreuung entlasten.

Und wie lässt sich der Schulalltag „entstressen“?

Lehrkräfte sollten vor allem die folgenden
vier Punkte umsetzen:

  • Eine gute Alltagsvorbereitung bringt Entlastung im Schulalltag.
  • Sie sollten sich Rückzugsräume zur Regeneration schaffen. Das sind oftmals kleine Verschnaufpausen – wie die fünf Minuten im leeren Klassenzimmer –, um neue Energie zu tanken.
  • Auch ein klarer Schnitt nach dem Unterricht ist wichtig, um sich zu erholen. Jeder findet sicher eine gute Möglichkeit, um abzuschalten: Für manche ist der kurze Mittagschlaf wichtig, andere gehen zum Laufen oder machen Yoga.
  • Und schließlich schafft eine Mikroplanung Sicherheit: Wenn ich Tages- und Wochenpläne anlege, in denen ich Aufgaben wie Elterngespräche oder Treffen mit der Schulleitung notiere, habe ich den Kopf für meine Arbeit frei.

In einer solchen Planung müssen sich auch die genannten Rückzugsräume finden. Wenn ich am Mittwoch eine Freistunde habe, sollte ich diese so planen, dass ich mich erholen kann. Etwa indem ich mir vornehme, einen Spaziergang zu machen oder eine CD zu hören.

Aber der Arbeitsumfang verringert sich ja durch die Umsetzung dieser Tipps nicht.

Leider nein. Daher ist es wichtig, die eigenen Ansprüche kritisch zu prüfen und Prioritäten zu setzen. Man sollte sich dabei den Pareto-Effekt vor Augen halten: Dieser besagt, dass ich für 80 Prozent des Ergebnisses 20 Prozent des Gesamtaufwandes benötige. Die übrigen 20 Prozent der Ergebnisse verursachen mit 80 Prozent die meiste Arbeit.

Viele Lehrerinnen und Lehrer sind aber Perfektionisten.

Natürlich muss ich beim Korrigieren einer Klausur versuchen, 100 Prozent zu geben. Aber wenn ich abends noch schnell eine E-Mail an einen Kollegen schreibe, reichen meist 80 Prozent.

Wie können Lehrkräfte berufsbedingte gesundheitliche Probleme vermeiden?

Zum Erhalt der Gesundheit ist selbstverständlich ebenfalls ein gesunder Lebensstil wichtig: also gesunde Ernährung sowie ausreichend Schlaf und Bewegung. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, was uns gesund hält.

Und wie lautet die Antwort auf die Frage der Gesundheitsentstehung?

Zu den starkmachenden Faktoren zählen an erster Stelle positive soziale Kontakte. Es ist also wichtig, sich in der Freizeit mit Menschen zu umgeben, die einem guttun – das können selbstverständlich auch Kollegen sein. Auch sollten wir unseren Fokus auf das positive Erleben richten und auch kleine Erfolge wahrnehmen. Ein Stichwort ist hier die Achtsamkeit. Auch das aktive Erholen ist ein weiterer wichtiger Punkt. Dabei müssen wir aufpassen, dass wir nicht einfach zur Entspannung vor den Fernseher fläzen – auch wenn dies bequem erscheint. Viel effektiver
sind etwa autogenes Training oder progressive Muskelentspannung.

Gibt es Warnsignale, die leicht übersehen werden?

Burn-out macht sich nur sehr langsam bemerkbar. Die Forschung unterscheidet gar zwölf Stufen bis zum Burnout. Deshalb ist es wichtig, sich immer wieder ehrlich zu fragen: „Wie geht es mir?“ Wer sich bei der Arbeit unwohl in seiner Haut fühlt oder Bauchschmerzen hat, sollte handeln. Gleiches gilt, wenn Schlafprobleme auftreten.

Wohin können sich Lehrkräfte wenden, wenn sie merken, dass sie das Lehrersein überfordert?

Im Idealfall sollten sie diese Sorgen mit der Schulleitung besprechen können. Dieser Dieser große Schritt setzt allerdings ein stabiles Vertrauensverhältnis voraus. Leider gibt es an den meisten Schulen keine Supervision, die besonders Berufseinsteigern nützen würde. Nur wenige ziehen auf eigene Initiative einen Coach oder Psychologen zu Rate.

Aber die Schulleitung kann doch dafür sorgen, dass ihr Kollegium gesund bleibt. Wie unterstützen Sie diese bei dieser Aufgabe?

Etwa im Rahmen der Schulinternen Lehrerfortbildung der SchiLf Akademie. Dabei kann ich sehr individuell auf die Schule und die Lehrkräfte eingehen. Für jeden Einzelnen wird so Handlungssicherheit erreicht und Fragen der besseren Zusammenarbeit werden im Team beantwortet. Die Seminare sind für viele Lehrkräfte eine Initialzündung, etwas zu verändern.

Verraten Sie uns noch Ihre persönlichen Strategien?

Mein Sport ist mir heilig – so trainiere ich jede Woche Fußball und gehe zum Laufen. Auch im Garten und durch meine Kinder und Haustiere finde ich Entspannung. Und nicht zuletzt ist Humor eine gute Basis, um Krisen zu bewältigen. Sprich: Sich nicht immer selbst so ernst und wichtig nehmen.

Dr. Lars Schmoll ist Gymnasiallehrer, Coach, Hochschuldozent und Seminarleiter an der SchiLf Akademie