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Trotz geschlossener Schulen den Kontakt behalten

Björn Lengwenus, Schulleiter einer Hamburger Grund- und Stadtteilschule bis zur Oberstufe, berichtet, welche Herausforderungen die Schulschließungen für alle Schulen bedeuten und welche – auch kreativen – Lösungsmöglichkeiten es gibt: Vom Material-Bringdienst bis zum digitalen Pausenhof.

Trotz leerer Schulhöfe den Kontakt versuchen, zu behalten © Atlantis/stock.adobe.com

Herr Lengwenus, seit mehr als drei Wochen ist das Schulleben wie überall auch in Hamburg lahmgelegt (in vielen Bundesländern sind zurzeit gerade Osterferien). Die Lehrerinnen und Lehrer in der ganzen Bundesrepublik versuchen unterschiedliche Wege, um mit ihren Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben. Welche Möglichkeiten nutzen Sie bzw. das Kollegium, um einen Austausch mit den Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen?

Es ist unglaublich in welcher Geschwindigkeit das Lehrerkollegium versucht hat, sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Es wurden Padlets erstellt, die unterschiedlichsten Plattformen ausprobiert, Klassengespräche über Messenger-Dienste initiiert und vieles mehr. Wir haben überhaupt nicht regulierend eingegriffen. Alle sollten das auswählen und probieren was ihnen nahe war.

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie dabei gestoßen und haben Sie Lösungen gefunden?

Unsere Schule liegt in einem der sozial schwächsten Stadtteile von Hamburg und wir mussten feststellen, dass das mit der Digitalisierung nicht ganz so einfach ist. Viele haben keine gut funktionierende Internetverbindung, an dem einzigen Computer des Hauses sitzt vielleicht der Papa und macht selbst „Homeoffice“. Je jünger die Schülerinnen und Schüler, je schwächer in der Schulleistung desto komplizierter. Wir haben schnell gemerkt, dass wir auch neben dem Online-Unterricht Materialien nach Hause zu den Schülerinnen und Schülern bringen müssen.

Wir haben dann eine eigene Poststelle eingerichtet, die von unseren Honorarkräften betrieben wird, die eigentlich von Lernförderung bis zur Ganztagsbetreuung eingesetzt werden. Nun bringen die jungen Menschen die Lernpakete durch den Stadtteil und ganz Hamburg bis zur Fußmatte. 250 bis 400 Pakete jeden Tag seit Beginn der Schulschließung. Unser „Kulturhof“ ist der Umschlagplatz, wo die Sendungen nach Postleitzahlen sortiert werden.

Welche Sorge beschäftigt Sie als Schuleiter im Augenblick vor allem?

Ich habe Angst, dass wir in der Krise die Schwachen verlieren. Wer sich gut organisiert, wer die richtigen Arbeitsgeräte und vielleicht gute Unterstützung zu Hause hat, der übersteht die Zeit leicht. Wer aber zu sechst in der Zweizimmerwohnung wohnt, wer Schwierigkeiten mit dem Lernen hat oder technisch nicht gut ausgestattet ist - für den wird es kompliziert. Da droht es immer, dass wir den Kontakt verlieren.

Können Sie diesen Schülerinnen und Schüler und ihren Familien trotz der Situation Unterstützung bieten?

Wir haben eine „Task Force“ für genau diese Kinder eingerichtet. Diese werden jeden Tag für mehrere Stunden telefonisch im Einzelgespräch „betreut“. Die Kolleginnen und Kollegen sortieren dann übers Telefon auch schon mal die Unterrichtsmaterialien oder lassen sich vorlesen.

Jede Schule und jede Schülerschaft ist anders, haben Sie trotzdem ein paar konkrete Tipps, wie Schulen mit der jetzigen Situation umgehen können?

Ich finde, dass Schule sich nicht zu ernst nehmen sollte. mal ehrlich: Wieviel lernt man denn sonst in drei/vier Wochen? Da fallen auch Stunden aus, es gibt Wandertage oder Schülerinnen und Schüler werden krank.

Ich finde es total wichtig, dass der positive Kontakt bestehen bleibt. Schule ist doch so viel mehr als Unterricht. Wir müssen Schule als „guten Ort“ auch in diesen Zeiten zelebrieren. Mit lustigen Onlineaktionen, Wettbewerben. Wir haben zum Beispiel eine tägliche „Late Night Show“ ins Leben gerufen. Die Kinder können im Studio anrufen und ich als Schulleiter moderiere. Jeden Abend gibt es eine neue „Show“ auf YouTube. Unsere Schülerinnen und Schüler lieben diese und viele schreiben, dass sie sich trotz Corona als Gemeinschaft fühlen. Mit dieser Idee haben wir einen „digitalen Pausenhof“ geschaffen, wo sich alle unsere 1.600 Schülerinnen und Schüler einmal am Tag „begegnen“ können - wenn auch nur online.

Ihr Schule hat verschiedene Schwerpunkte: Auf Sport und Kunst wird ein besonderes Gewicht gelegt, der Einsatz von digitalen Medien ist längst eine Selbstverständlichkeit, Sie selbst unterrichten das Fach Glück. Warum ist in dieses Thema als Fach wichtig?

Für die meisten unserer Schülerinnen und Schüler stellt sich die Frage, warum sie überhaupt etwas lernen sollen. Viele sind von ihrer eigenen Biografie betrogen worden. Da ist es schon eine unglaubliche Leistung, wenn sie alleine aufstehen und alleine zur Schule kommen. Das darf man nie vergessen. Bevor man als Schulleiter über Pünktlichkeit sinniert, müssen die Kinder doch eine Vision vom Leben haben. Um das eigen Glück zu finden, muss man das Glück wenigstens einmal gesehen haben.

Wer den Applaus eines Publikums auf der Bühne erlebt, einen Pokal in den Himmel streckt, der schafft doch seiner Zukunft eine gute Vergangenheit. Wir zeigen den Schülerinnen und Schülern, wie schön das Leben sein kann und kreieren Erlebnisse. Am Lagerfeuer zu sitzen und unterm Sternenhimmel ohne Zeltdach einfach einzuschlafen, sind solche Momente. Wer all das spürt, weiß irgendwie auch warum er Mathe lernen sollte. Am Ende sind bei uns auch die Schulabschlüsse wichtig - aber irgendwo muss eben auch die Kraft herkommen diese zu bewältigen.

Ist das Konzept Ihrer Schule besonders geeignet, um eine Krisensituation wie diese zu bewältigen und auch wieder in ein reguläres Schulleben zurückzukehren?

Vielleicht sind diese Ansätze tatsächlich eine gute Grundlage für die Bewältigung einer solchen Krise. Kinder stark zu machen, ist unser Ziel. Nur starke Kinder, werden starke Schüler, starke Menschen und können auch Rückschläge und Krisen überwinden.

Waren diese Erfahrungen Grundlage Ihres Buches „Glück“, das gerade erschienen ist?

Genau, aufgrund dieser Erfahrung und mit so vielen Erlebnissen rund ums Glück habe ich mein Buch geschrieben. Ein echtes Herzensbuch. Der Verlag fragte mich zwei Tage nachdem meine kleine Tochter geboren wurde und eigentlich hatte ich rund um Schule und Familie gar keine Zeit. Aber meine Frau sagte: „Du wolltest doch schon immer genau dieses Buch schreiben - dann musst du es jetzt auch tun. Wir schaffen dir die Zeit dafür!“ Dann hab ich´s geschrieben und damit gehört es zu einem großen Teil meiner Familie, die in diesem Jahr oft auf den Papa verzichten musste. Ein echtes Glück, so eine Familie zu haben. Glück ist auch Dankbarkeit.

Herr Lengwenus, vielen Dank für das Gespräch.

Cover vom Buch „Glück“: Ab 11 Jahren, 160 Seiten, 15 €. ISBN: 978-3-551-25263-0.
Ab 11 Jahren, 160 Seiten, 15 € ISBN: 978-3-551-25263-0.

Das vollständige Interview können Sie in der nächsten Ausgabe von gruppe &spiel 2/20 nachlesen. In der Ausgabe 4/19 „Schule lernt spielen“ beschreibt Björn Lengwenus, wie seine Schule die Methode Spiel nutzt und umsetzt.

Zeitschrift
gruppe & spiel Nr. 4/2019 Schule lernt spielen Kinder erschließen sich ihre Umwelt über das Spiel, es ist eine natürliche Beschäftigung, die die Basis legt für jedes weitere Lernen. Mit jedem Entwicklungsschritt verändert sich das kindliche Spiel, doch mit Schuleintritt tritt das ziellose, freie Spielen nicht selten in den Hintergrund – dabei ist es immer noch wesentlich und kann für viele Lernbereiche genutzt werden.

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