Friedrich Jahresheft präsentiert:

„Toll zu sehen, was Lehrkräfte und Schulen derzeit leisten!“

In diesem Interview sprechen wir mit Schulforscherin Dr. Birgit Eickelmann über die Chancen und Risiken der Corona-Krise für die Unterrichtsentwicklung mit digitalen Werkzeugen. Außerdem darüber, wie man bei der derzeitigen Fülle an Online-Unterrichtsmaterial die Spreu vom Weizen trennt.

Foto: Annie Spratt/unsplash.com

Frau Eickelmann, liegen nach Ihren Erfahrungen und Beobachtungen Chancen in der Corona-Krise für die Unterrichtsentwicklung mit digitalen Werkzeugen?

Ja, auf jeden Fall. Was wir derzeit sehen, ist, dass viele Lehrkräfte sich auf den Weg gemacht haben. Auch viele, die bisher in Sachen Nutzung digitaler Werkzeuge zum schulischen Lernen eher zurückhaltend waren. Wenn man sich die Angebote und Ideen anschaut, z.B. in den sozialen Medien, dann ist man überwältigt, sowohl vom Umfang aber vor allem auch von der Kreativität.

Aber die momentan gemachten Lehr- und Lernerfahrungen kommen doch sicherlich auch an Grenzen?

Das liegt an ganz unterschiedlichen Dingen. Ich will mal zwei hervorheben. Zum einen sind wir, wenn es um die Nutzung der Potenziale digitaler Medien in der Schule geht, in der Breite in Deutschland insgesamt nicht gut aufgestellt.

Dr. Birgit Eickelmann ist Professorin für Schulpädagogik an der Universität

Dr. Birgit Eickelmann

Professorin für Schulpädagogik (UPB), Leiterin des Nationalen Forschungszentrums der Studie ICILS 2018

Aber es gibt viele Konzepte und Beispiele, die zeigen, wie Unterricht so funktionieren kann, dass Lernergebnisse und Lernprozesse verbessert werden können. Und auch wie Schule sich so entwickeln kann, dass sie dem Bildungsauftrag in einer von Digitalisierung geprägten Welt nachkommen kann. Das haben wir mit vielen Beispielen sehr schön mit dem diesjährigen Friedrich-Jahresheft #schuleDIGITAL zusammengestellt. Wie kann Unterricht entwickelt werden? Wie sehen gelingende Ansätze für Schulentwicklung aus? Wie kann voneinander gelernt werden? Wie gelingt die Verzahnung zu dem großen Querschnittsthema Inklusion? Wie kann und sollte Schule der Zukunft aussehen? Die Konzepte, die wir in dem Heft vorstellen, sind größtenteils jetzt auch in Zeiten der Schulschließungen nutzbar und unterstützen nachhaltige Digitalisierungsprozesse in Schulen, da sie wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Einblicke zusammenbringen.

Friedrich Jahresheft 2020 #schuleDIGITAL

Die Geschwindigkeit und Komplexität der Digitalisierung übersteigt stellenweise die eigene Vorstellungskraft. Es stellt sich die Frage, wie trotz der Rasanz und Vielschichtigkeit, dem Anspruch nachgekommen werden kann, das eigene schulische Bildungsangebot so zu gestalten und weiterzuentwickeln, dass nicht die Technologien, sondern die Schülerinnen und Schüler, ihre Lernprozesse und Lernergebnisse sowie die eigenen pädagogischen Ansprüche als Lehrerin bzw. Lehrer im Vordergrund stehen.

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Und wo stoßen wir noch an Grenzen?

Naja, nach einer anfänglichen Euphorie, wie das Digitale in Zeiten der Schulschließungen helfen kann, den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten, weicht die Erkenntnis, dass wir nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen erreichen und auf die Distanz hin unterstützen können. Im Hintertreffen sind derzeit die Kinder und Jugendlichen, die von zu Hause keine Unterstützung bekommen können und die vielleicht auch gar nicht über die für das Fernlernen benötigten Endgeräte verfügen. Ein Handy mit begrenztem Datenvolumen ist nicht gerade sehr hilfreich, wenn man für mehrere Fächer Aufgaben und Texte einschicken soll oder an Videokonferenzen und anderen Austauschmöglichkeiten teilnehmen soll.

Die soziale Spaltung spielt also eine Rolle?

Wir sehen jetzt doch sehr deutlich, dass uns die fehlende technische Ausstattung an Grenzen bringt. Aus der ICILS-2018-Studie wissen wir zudem, dass vor allem die Jugendlichen aus sozial bzw. sozio-ökonomisch benachteiligten Familien über eher geringe digitale Kompetenzen verfügen. Das ist eine Ausgangslage, die für Deutschland wenig schmeichelhaft ist und die wir sicherlich auch nicht in dieser Krisenzeit überwinden können. Im Gegenteil, wenn es uns jetzt nicht gelingt, alle Schülerinnen und Schüler über ganz verschiedene Kanäle zu erreichen, ist davon auszugehen, dass sich diese Ungleichheiten noch verstärken. Denn auf der anderen Seite kommt ja auch dazu, dass die anderen Schülerinnen und Schüler, diejenigen mit den besseren Lernchancen, jetzt zu Hause ganz anders lernen können. Viele von ihnen werden von den digitalen Möglichkeiten profitieren und einige sogar mehr und besser lernen als im Unterrichtsgleichschritt in der Schule.

Welche Unterrichtsmaterialien und Aufgaben sind jetzt empfehlenswert? Gibt es Qualitätskriterien?

Ja. Da es verschiedene Länder gibt, die auch im schulischen Bereich zumindest regional auf Distance Learning setzen, z.B. Kanada oder Neuseeland, haben wir seit Jahren doch recht viele Forschungsbefunde dazu. Es braucht viel mehr Planung und Unterstützung einzelner Lernender, verschiedene Weg der Kommunikation, auch sogenannte asynchrone Kommunikation. Weil wir synchrone Kommunikation so sehr in und an Schule schätzen, finden Videokonferenzen und Messengerfunktionen im Moment viel Anklang. Wichtig ist auch die zeitnahe Rückmeldung zu Lernergebnissen, z.B. wenn die Schülerinnen und Schüler Aufgaben einschicken. Die müssen dann auch durchgesehen werden und Rückmeldungen gegeben werden. Das ist etwas, was im normalen Unterricht ja schon nur mit hohem Aufwand möglich ist. Daher sind Formen der Kooperation, gemeinsames Arbeiten an Aufgaben, gegenseitiges Feedback und Aufgabenformate, die Entwicklungen zulassen, besonders motivierend. Am Ende des Tages wird aber auch klar, dass Schülerinnen und Schüler dafür Kompetenzen benötigen, die nicht nur im Digitalen liegen und die Kompetenzen im Bereich des selbstverantwortlichen und selbstorganisierten Lernen erfordern. Wer das nicht kann, benötigt umso mehr Unterstützung. Und es ist toll zu sehen, was Lehrkräfte und Schulen hier derzeit leisten. Man sieht aber mit der Zeit nun auch, dass das bei Lehrkräften an Belastungsgrenzen stößt und auch nicht alle mitziehen. Viele würden aber sicherlich sich auch noch mehr einbringen, wenn die technischen Voraussetzungen vorhanden wären. Auch unter dem Aspekt von Datenschutz. Aber das ist ein anderes Thema …

Frau Eickelmann, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Kai Müller-Weuthen.