Klasse leiten präsentiert:

Schule in Corona-Zeiten aus Sicht eines Lehrers

„Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird“ und alles wieder zur Normalität zurückkehrt“, berichtet der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. „Meine Antwort: niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.“ Horx führt weiter aus: „Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können.“*

Schule in Corona-Zeiten aus Sicht eines Lehrers
Nicht kleinteilige Planung der Lehrkraft, sondern Eigenverantwortung ist gefragt beim Online-Lernen Foto: Tumisu/pixabay.com

Lehrerinnen und Lehrer sind als Akteurinnen und Akteure schon mittendrin in der Gestaltung einer neuen Welt. Seit einer Woche müssen sie digitale Lernwelten für die Schülerinnen und Schüler entwickeln. Ein Lehrer, der die Veränderungen in dieser neuen Form des Lernens nicht als Tiefenkrise sieht, sondern auch als mögliche Chance, ist Marcus Mayer, der mit anderen ein Projektteam zur digitalen Schule leitet.

Herr Mayer, als Sie die plötzliche Meldung von der Aussetzung des Präsenzunterrichtes hörten, was war Ihr erster Gedanke?

Es war für mich fast eine Erleichterung, da plötzlich digitale Lernangebote nicht mehr infrage gestellt wurden, sondern als Anordnung durch die Schulleitung umgesetzt werden müssen. Gleichzeitig wurde mir aber auch nochmal bewusst, dass digitale Lernformen für einige Kolleginnen und Kollegen wirklich komplett neu sind und diese nun aus ihrer eigenen unterrichtlichen Komfortzone heraustreten müssen. Das verursachte bei vielen zunächst einmal Unsicherheit, die man ernst nehmen muss.

Sie haben also schon Erfahrung. Welche Online-Lernangebote haben Sie denn bereits vorher für Schülerinnen und Schüler entwickelt?

Ich habe bereits vor vielen Jahren mit dem Online-Unterricht begonnen. Zwar im Weiterbildungssektor, was aber sicherlich eine ähnlich große Herausforderung für alle Beteiligten war, da die „Schülerinnen und Schüler“ in ihren Erstausbildungen überwiegend klassischen Präsenzunterricht erfahren haben.

Und wie haben Sie Ihre erste Online-Stunde in Erinnerung?

Die erste Online-Stunde lief bei mir schrecklich ab, da ich versucht habe, um jeden Preis den Präsenzunterricht auf die Online-Stunde zu übertragen. Dies ist nicht möglich, da man als Lehrkraft die sozialen Prozesse, die während eines normalen Unterrichts klassischerweise ablaufen, online nicht wahrnimmt. Man bekommt nicht mit, welche Schülerinnen und Schüler aktiv mitarbeiten und bei welchen inhaltlichen Fragen wer Schwierigkeiten hat. Weiterhin gibt es Teilnehmende, die online unter Umständen den ganzen Unterricht alleine bestreiten. Im Präsenzunterricht würde man das sofort bemerken und sich bemühen, die unterschiedliche Beteiligung in der Klasse auszugleichen. Die gleiche Schwierigkeit besteht auch für Schülerinnen und Schüler, die nur „eingeloggt“ sind, sich aber vielleicht gar nicht vor ihrem PC befinden. Als Lehrkraft stelle ich dann Fragen, auf die keine Rückmeldung kommt. Das kann einen sehr verunsichern. Allerdings sind dies alles Dinge, die im klassischen Präsenzunterricht ebenfalls oder ähnlich auftreten können. In diesem Fall hat sich jedoch jeder ein Handlungsrepertoire angeeignet, das man vielleicht für die digitalen Lernformen noch erlernen muss.

Es gibt also auch Fallstricke, für die Lehrkräfte erst einmal eine gewisse Achtsamkeit entwickeln müssen. Ist es dann nicht zeitlich viel aufwendiger, digitale Lernangebote im Gegensatz zum Präsenzunterricht zu erstellen?

Der zeitliche Aufwand ist für alle Lernenden und alle Lehrenden der gleiche. Eine Lehrkraft, die viel Zeit in die Vorbereitung von Präsenzunterricht legt, wird diese Zeit auch für digitale Angebote benötigen.

Ist es denn für bestimmte Fächer leichter, digitale Aufgaben zu generieren?

Ich glaube, dass der Einsatz digitaler Aufgaben unabhängig vom Fach ist. Sicherlich unterscheiden sich aber die digitalen Angebote bei den Fächern. Eine Variante, die im Matheunterricht erfolgreich sein kann, ist sicher auf ein gesellschaftliches Fach nicht ohne Probleme zu adaptieren. An der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule haben zwei Sportkollegen gerade einen Moodle-Kurs entwickelt. Online-Unterricht geht wirklich in jedem Fach. Hier ist die gleiche Kreativität wie auch sonst in der Unterrichtsvorbereitung gefragt.

Welche Vorteile und welche Nachteile sehen Sie bei digitalen Lernangeboten?

Große Vorteile sehe ich darin, dass sich ort-, zeit- und materialunabhängig arbeiten lässt. Lernende können eigene Materialien und Lerntechniken nutzen (Text, Videos). Zudem kann jede Person in ihrem eigenen Tempo die Aufgaben bearbeiten und Pausen individuell planen. Eigenverantwortung wird nicht mehr hinterfragt. Entweder der/die Lernende organisiert sich selbst oder erfolgreiches Lernen wird nicht möglich sein.

Alle Vorteile könnten natürlich je nach Person auch Nachteile darstellen. Unterricht in digitalen Varianten ist definitiv nicht für jeden etwas. Meiner Meinung nach ist die Grundvoraussetzung für den Erfolg des digitalen Lernens die eigene Motivation des Schülers/der Schülerin. Diese kann intrinsisch sein, in dem man sich freiwillig für digitale Lernformen entscheidet oder natürlich auch extrinsisch ausgelöst werden, wie jetzt durch die Situation mit dem Coronavirus. Außerdem ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis anonymer, sofern von Beginn an in digitalen Varianten gelernt wird.

Wäre für Sie auch eine Leistungsüberprüfung online denkbar?

Bei der Leistungsüberprüfung sollte es weniger um das Ergebnis in Form einer Note gehen, sondern eher darum, Schülerinnen und Schüler anzuregen, ihre eigenen Lernprozesse kritisch zu hinterfragen. Es geht darum, den Lernenden zu verdeutlichen, dass sie für den eigenen Lernprozess selbst verantwortlich sind und die Lehrkraft dabei nur unterstützt. Dafür könnten Online-Lernerfolgskontrollen oder das Führen eines digitalen Lernjournals sinnvoll sein. Beim Ausfüllen eines Lernjournals hat die Lehrkraft die Möglichkeit zu erkennen, bei welchen Themen vielleicht noch Probleme bestehen, und daraus resultierend weitere Angebote einzustellen. Sicherlich stellt das eine Herausforderung dar, weil wir am Ende im Zeugnis eine Note brauchen. Die könnten Lehrkräfte aber auch über Hausarbeiten, Fallstudien o.Ä. erhalten.

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Was werden Sie nächste Woche in Ihrem Online-Unterricht anders als diese Woche machen?

Ich empfinde die komplette Umstellung auf digitales Lernen sehr herausfordernd und spannend. Daher werde ich einiges in meinem Unterricht umstellen und neu entwickeln müssen, z.B. die Erstellung von digitalen Lernjobs, die ein selbstorganisiertes Lernen ermöglichen. Da ich schon immer überwiegend selbstorganisierte Lernformen angewendet habe, fällt mir die Umstellung nicht so schwer, da digitales Lernen eben vor allem an der Selbstorganisation der Lernenden ansetzt, die natürlich durch die Lehrkraft adäquat unterstützt werden muss. Wir befinden uns aktuell in einer enormen Krise; doch jede Krise birgt auch Chancen. Und diese sehe ich für Schulen in der schon längst fälligen Auseinandersetzung mit digitalen Lerninhalten. Veränderungen lösen zunächst immer Angst und Unsicherheiten aus, können aber auch neue Perspektiven, kreative Einfälle und eine fruchtbare Zusammenarbeit durch gegenseitige Unterstützung im Kollegium ermöglichen.

Herr Mayer, wir danken Ihnen für den Einblick in Ihre Erfahrungen und schließen mit den Worten von Matthias Horx: „Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt.“*


Anmerkung

* Horx, Matthias: 48 – Die Welt nach Corona. Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei” ist, https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona, abgerufen am 22.03.2020.