Lernen zu Hause unter schwierigen Bedingungen

Mein Alltag als Lehrerin in Corona-Zeiten

Viele Schulen organisieren den Unterricht über Lernplattformen, auf denen die Lehrkräfte Aufgaben und Materialien bereitstellen. Wie soll das aber funktionieren, wenn Familien über keinen Internetzugang oder Computer verfügen? Die Autorin erzählt aus ihrem aktuellen „Unterrichtsalltag“ als Lehrerin an einer Grundschule.

Für manche Familien sind Aufgaben in Papierform besser geeignet als digitale Angebote.
Für manche Familien sind Aufgaben in Papierform besser geeignet als digitale Angebote. Foto: ©Andrey Popov/stock.adobe.com

Meine Schule befindet sich im Stadtgebiet Kassel Mitte, einem „Stadtteil mit Entwicklungsbedarf“. Das beinhaltet einen niedrigen Mietpreisspiegel und einen hohen Anteil von Familien mit Migrationshintergrund. Meine Schule setzt den Flexiblen Schulanfang um. Dabei wird das sog. „aufsteigende Modell“ favorisiert, das gemeinsame Unterrichten der Jahrgänge 1/2 – 2/3 – 3/4 – 4/1. Derzeit besteht die Lerngruppe der „Eulen“ aus elf Viertklässlern und zehn Erstklässlern. Es sind verschiedene Nationalitäten und verschiedene sprachliche Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler wie auch der Eltern in Deutsch, das meistens als Zweitsprache gelernt wird, vorhanden.

Freitag, 13. März 2020

An diesem Vormittag war fast die Hälfte aller Kinder vermutlich schon vorsorglich zu Hause geblieben, aus Angst, sich mit dem Corona-Virus anzustecken. Den Anwesenden sollten wir Unterrichtsmaterial mit zum Arbeiten nach Hause geben. Ich habe dann fast den gesamten Rest mit dem Fahrrad im „Kiez“ verteilt. Welch‘ gute Entscheidung! Denn die DIN-A4-Materialien passten zum Teil gar nicht in die schmalen Briefkastenschlitze der Häuser, die zumeist aus den 1950er-Jahren stammen. In einem Fall war niemand zu Hause, ich bin aber in den Wohnblock hineingekommen. Nächste Herausforderung: Die Klingelschilder in diesem Wohngebiet sind nicht beschriftet. Ich habe anhand der Schuhe, die bei dieser muslimischen Familie im Flur abgestellt werden, rekonstruiert, wo meine Schülerin wohnt und ihr das Paket vor die Tür gestellt.

Lernplattform ja, Internetzugang nein

Am Wochenende habe ich fast alle Eltern telefonisch erreicht, um ihnen mitzuteilen, dass die Schule vorerst bis zum 19. April geschlossen bleibt. Alle zu erreichen, ist deshalb außergewöhnlich, weil sich die Handynummern vieler Eltern häufig ändern und die neuen Nummern nicht immer mitgeteilt werden. Einen Schüler bzw. dessen Vater habe ich bis heute noch nicht persönlich kontaktiert. Ich soll aber gewährleisten, dass alle zu Hause etwas lernen - und das auch überprüfen. Die Schule hat die Lizenz für eine Online-Lernplattform erworben und einen deutschsprachigen Brief an alle Eltern geschickt und auch auf die Homepage gestellt. Ein Drittel meiner 21 Schülerinnen und Schüler verfügt jedoch über keinen Internetzugang, nur die Hälfte besitzt einen PC; alle anderen nutzen das Smartphone der Eltern oder ein Tablet zum Arbeiten mit den eingerichteten Lernplattformen. Die meisten bearbeiten analoge Aufgaben, die ich ihnen postalisch zukommen lasse bzw. auch weiterhin in den Briefkasten einwerfe, denn als Fahrradkurier an der frischen Luft bewegen darf ich mich ja.

Kreative Lösungen finden

In so einer Situation sind Improvisation und individuelle Lösungen gefragt. Hier ein paar Beispiele – die Namen wurden zum Schutz der Personen verändert:

Die zehnjährige Bilan ist vor drei Jahren aus einem afrikanischen Staat nach Deutschland gekommen und hat mehrere Schulwechsel innerhalb Kassels sowie drei Schuljahre hinter sich gebracht. Sie lebt mit ihren Geschwistern, das jüngste ist fünf Monate alt, in einer Stadtwohnung. Am Telefon bittet sie mich um etwas zu lesen. Ich durchforste das Bücherregal meiner Tochter und bringe ihr ein altersgerechtes Buch, was sie vermutlich gut lesen kann. Seitdem ich eine WhatsApp-Gruppe mit meiner Dienstnummer eingerichtet habe, nutzt sie diese Kommunikationsmöglichkeit und schickt mir z. B. Fotos von Aufgaben, die sie nicht versteht, und wir telefonieren darüber.

Malala hat auch mehrere Geschwister, allesamt Jungen. Die Familie wohnt in einem Mietshaus an einer sehr stark befahrenen Straße. Die Eltern sind sehr an der Bildung ihrer Kinder interessiert. Der Vater erklärt mir am Telefon, dass sie gerade das Konjugieren von Verben üben. Am Telefon teilt mir Malala mit, dass sie mich vermisst und dass sie sich auf die Schule freut. Sie ist eine von mehreren Mädchen, die in der Schule an einer Schreib-AG teilnehmen, die eine Sozialpädagogin anbietet. Das biografische Schreiben steht dabei im Vordergrund. Also habe ich ihr ein Diary in den Briefkasten geworfen und die Möglichkeit eröffnet, täglich etwas über die neue und ungewöhnliche Situation aufzuschreiben.

Matteo, der Älteste von drei Geschwistern, hat eine Konsole, aber keinen häuslichen PC. Es ist ihm in den letzten Unterrichtswochen schwer gefallen, sich auf das Ausüben von Kulturtechniken zu konzentrieren. Zu Hause hat er in der ersten Woche noch nichts „für die Schule“ gemacht. Die drei in die Familie involvierten Familienhelfer versuchen zu erreichen, dass die Kinder wenigstens einmal täglich rauskommen. Auf dem wohnblocknahen Spielplatz kann man oft Fixerspritzen finden. Aber jetzt sind ohnehin alle Spielplätze geschlossen.

Luan lebt zurzeit hauptsächlich bei seinem Vater, der mir am Telefon erklärt, dass er seinem Sohn bereits die von mir angegebene Internetseite zum Üben geöffnet hat. Am letzten Schultag vor der allgemeinen Schulschließung haben wir mit dem Familienhelfer und der Schulpsychologin zusammengesessen und über dieses depressive Kind gesprochen. Um ihn bin ich besonders besorgt. Der Vater hat mir mitgeteilt, dass er mit seinem Sohn noch einmal umzieht und erst Mitte April wieder über einen Internetanschluss verfügt.

Akram ist arabischer Herkunft und aus Ostdeutschland nach Hessen gezogen. Ihn habe ich überhaupt nur einmal für eine halbe Stunde am 12. März, dem Tag seiner Schulanmeldung, gesehen. Am 13. März musste ich ihn zum Gesundheitsamt schicken, damit er gegen Masern geimpft wird. Telefonisch habe ich dann versucht mit ihm zu klären, welches Material für ihn geeignet sein könnte („Das Einmaleins kann ich noch nicht so gut!“) und auch für ihn Hefte bestellt und ihm zugeschickt.

Valeas Mutter habe ich erst in der zweiten Woche der Schulschließung erreicht. In meiner Adressenliste war die Appartementnummer falsch, deshalb ist meine Post nicht angekommen. Wir sind jetzt auch per WhatsApp in Kontakt. Als Dank für die Übermittlung der Zugangsdaten für die Lernplattform hat sie mir zwei Herzen und zwei Kuss-Emojis zugeschickt.

Abboud, der in diesem Schuljahr zu früh eingeschult wurde, weil sein Geburtsdatum nicht stimmte (was sich aber erst im November herausstellte), wird ohnehin drei Jahre im „Flex“ der Schule verweilen. Für ihn habe ich einen Schuhkarton mit Playmobil zum Thema Bauernhof zusammengestellt und ihm vorbeigebracht. Eine arabisch sprechende Mutter aus der Parallelklasse habe ich gebeten, mit Abbouds Vater zu telefonieren und sich nach dem Befinden der Familie zu erkundigen. Die gleiche Mutter hatte auch schon zwei Gespräche zwischen mir und dem Vater gedolmetscht, deshalb konnte ich so vorgehen.

Favio hat mit seinen Eltern die ersten drei Jahre seines Lebens in Italien verbracht, wohin seine Eltern geflohen waren. Er ist sehr interessiert und verfügt über viel Sachwissen; allerdings ist er auch extrem „hibbelig“ und mitteilungsbedürftig. Davon habe ich meiner Familie erzählt, aber einen realistischen Eindruck bekamen mein Mann und meine Tochter erst, als Favio einen Sprachanruf per WhatsApp tätigte. Meine Familie lachte mich aus, denn ich kam kaum zu Wort, so viel hatte er zu sagen; dass ihm das Mathebuch kaputt gegangen sei, aber nur ein bisschen; und dass er die Aufgaben verstehe. Dem armen Favio wird es in den kommenden Wochen an ausreichender Bewegung fehlen!

Jasinas Eltern stammen aus einem arabischen Kriegsgebiet. Sie selbst ist in Deutschland geboren. Der Vater hat einen Friseurladen. Er ruft mich an und bittet um Aufgaben auf Papier, weil Jasina mit dem Laptop nicht gut arbeiten kann. Es ist für mich kein Problem, Jasina weiterhin mit Arbeitsheften zu versorgen.

Mittwoch 1. April 2020

Heute packe ich wieder große Briefumschläge und schicke den „großen Eulen“ (vom 4. Schuljahr) ein paar Fabeln mit Fragen zum Textverständnis sowie eine Bastelidee. Die „kleinen Eulen“ (vom 1. Schuljahr) bekommen Ausmalbilder und einen glänzenden Luftballon, der dazu anregen kann, sich in der häuslichen Umgebung zu bewegen. Ich habe jeweils einen frankierten und an mich adressierten Rückumschlag in jede Versandtasche gesteckt und meine Schülerinnen und Schüler zum Schreiben und Malen aufgefordert:

  • Was gefällt dir an der Situation?
  • Was machst du den ganzen Tag?
  • Was wünschst du dir?

Nun bin ich auf Antworten gespannt sowie auf die künftigen „Unterrichtswochen“.


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