Corona und das Schulsystem

Hygiene als Impulsgeber für die Hybridschule

Wie starten die Schulen nach den Sommerferien in das neue Schuljahr? Findet Unterricht wieder im Klassenzimmer statt oder bleibt es beim Homeschooling mit gelegentlichen Ausflügen ins Schulgebäude? Angesichts der Vorschriften für Abstand und Hygiene ist nun Kreativität gefragt, eine Kernkompetenz für das Leben im 21.Jahrhundert.

Erste Rückkehr in die Klassenzimmer

In einer Anzeigenkampagne wirbt das Bundesministerium für Gesundheit aktuell für die AHA-Formel: „Abstand (1,50 m) + Hygiene (Händewaschen) + Alltagsmasken. AHA! Diese drei Grundregeln gegen Corona bestimmen also weiter unseren Alltag - bis es einen Impfstoff gibt.“ Für die Schulen bedeutet dies: Hygiene und Abstand gelten auch hier auf unbestimmbare Zeit für den Schulalltag.

© Bundesministerium für Gesundheit

Meinen Workshop Agile Schule starte ich gerne mit folgendem Zitat: „Die Welt, für die unser Bildungswesen geschaffen wurde, existiert nicht mehr.“* Diese Feststellung ist ebenso ernüchternd, wie die Erkenntnis, dass die Transformation der „Industrieschule“ zur Schule für Bildung in der digitalen Welt bisher kaum stattgefunden hat - aber ist es nicht so, dass die aktuellen Herausforderungen wohl eher große Sprünge als kleine Schritte erfordern?

Alle Versuche der Reformpädagogen, Schule grundlegend zu verändern, sind bisher gescheitert. Mit „grundlegend“ meine ich die Abkehr von der 7G-Schule, die darauf abzielt, dass gleichaltrige Kinder beim gleichen Lehrer, mit den gleichen Lehrmitteln, im gleichen Tempo, das gleiche Ziel gleichzeitig und gleich gut erreichen. Trotz weitgehender Einigkeit darüber, dass Bildung in der digitalisierten Welt die Transformation des Schulsystems erfordert, hier gebe ich das Stichwort 4K-Lernen, scheint das Denken und Handeln in Jahrgängen, Klassenverbänden und Klassenzimmern, in Fächern oder Stundenplänen immun zu sein gegen jegliche weitreichende Veränderung. Was alle Visionen zeitgemäßen Lernens nicht geschafft haben, ist seit Corona Realität: die Erschütterung des Schulsystems in seinen Grundfesten – die AHA-Formel als Impuls, das Lernen komplett anders zu organisieren. Alles deutet darauf hin, dass mit Beginn des Schuljahres 2020/21 die zentrale Frage lauten wird:

Wie können die allgemeinbildenden Schulen den Bildungsauftrag unter Einhaltung der AHA-Formel erfüllen?

Kürzlich sprach ich mit einer Schulleiterin aus NRW: Sie denkt bereits weiter und plant für das neue Schuljahr 2020/21, die Klassen zu teilen und diese Halb-Klassen abwechselnd eine Woche in der Schule und eine Woche online zu unterrichten. Die Zahl der Schüler pro Klasse auf 15 zu beschränken ist auch der Vorschlag der spanischen Bildungsministerin Isabel Celaá, allerdings ohne Homeschooling: “Wir werden jeden Winkel in den Schulen für den Unterricht nutzen müssen,“ gemeint sind damit auch Bibliotheken, Turnhallen, die Aula, das Foyer oder Speisesäle. Experten der spanischen Gewerkschaften schätzen, dass dafür 30% mehr Lehrkräfte benötigt werden. Auf Nordrhein-Westfalen übertragen würde das bedeuten, geht man von den knapp 160.000 hauptamtlichen bzw. hauptberuflichen Lehrkräften an den allgemeinbildenden Schulen aus, dass fast 50.000 Pädagogen fehlen.

Mehr Raum, mehr Personal und weniger Lernvielfalt für die Schüler*innen … ist das alles was uns zu einer zukunftsfähigen Schule einfällt, Corona hin oder her?

Könnte die Lösung nicht lauten: Andere Räume, anderes Lernen und andere Didaktik dank umfassenderer Digitalisierung. Und: vielleicht benötigen wir gar nicht mehr Pädagogen, wenn die vorhandenen anders arbeiten.

Die folgenden Thesen verstehe ich als einen Diskussionsbeitrag zur Zukunft der Schule als eine lernende agile Hybridschule, eine Schule, die wir gemeinsam und co-kreativ erschaffen müssen:

  1. Jeder Lernende benötigt ein eigenes Tablet (oder Notebook) – ein Smartphone ist dafür kein Ersatz. Die Nutzung als Lernmedium muss erlernt werden.
  2. Online-Unterricht braucht keine Klassenverbände – warum soll eine Lektion nicht für hundert Schüler*innen gestreamt werden, vielleicht sogar in Kooperation mehrerer Schulen? So werden Ressourcen frei für individuellere Förderung in den Präsenzphasen.
  3. Curricularinhalte sollten zu Lernfeldern verbunden und phänomenbasiert, fächerverzahnt und projektorientiert behandelt werden.
  4. Selbstorganisiertes Lernen muss früh erlernt und ständig erweitert werden – jüngere Schüler*innen brauchen dabei mehr direkte Lernerfahrungen (Unterricht), ältere weniger.
  5. Aus Schulgebäuden müssen inspirierende Lernlandschaften werden, Labore, Werkstätten, Ateliers und Bühnen.
  6. Außerschulische Lernorte bieten vielfältige Lernerfahrungen als zusätzliche Lernorte neben Schule und häuslichem Schreibtisch.
  7. Interaktion und Selbstorganisation bestimmen das Handeln des Einzelnen und der Schule als Organismus.
  8. Die Erfüllung des Bildungsauftrags und der Bildungsgerechtigkeit sind die Maßstäbe für den Bildungserfolg. Auf dem Weg dahin gibt es keine Tabus.

Die Digitalisierung ist nur ein Mittel, ein mächtiges Mittel zwar, aber auch nicht mehr – vergleichbar mit einem motorisierten Fahrzeug, das uns schneller ans Ziel bringt. Wohin die Reise geht, das müssen wir allerdings selbst entscheiden. Und, wir sollten nie vergessen, dass das Ziel nicht die Digitalisierung der Bildung, sondern die Bildung für eine zunehmend digitale Welt ist.

Einige Wochen nach den Schulschließungen habe ich eine Reihe von Interviews zu den Erfahrungen mit dem „Homeschooling“ geführt. Auf die Frage, was denn am hilfreichsten in den ersten Wochen war, antwortete eine Lehrerin der Erich-Kästner-Stadtteilschule in Hamburg: „… die Erfahrungen unserer Schüler*innen mit selbstorganisiertem Lernen. Auf diese Kompetenzen konnten wir mit unseren Online-Angeboten bauen.“

In einem anderen Interview, das ich vor einigen Jahren geführt habe, formuliert Prof. Beat Döbli-Honegger: „Es geht um die Frage, ob und wie sich Unterricht mit und ohne digitale Medien aufgrund der Digitalisierung ändert. Vielleicht müssen wir mehr Theater spielen, um soziale Kompetenzen, Kreativität und Teamfähigkeit zu fördern. 

Die Bildung in der digitalen Welt findet nicht nur digital statt! Aber selbstverständlich existieren Unterrichtsmethoden, welche durch digitale Medien wichtiger und/oder einfacher werden.“

Bis wir die AHA-Formel für eine zeitgemäße Schule gefunden haben, werden wir viel ausprobieren und diskutieren müssen, trotz oder wegen Corona schneller, als wir es noch vor Monaten erahnen konnten.


*Ch.Fadel, M.Bialik, B.Trilling – Die vier Dimensionen des Lernens (CCR-Framework)