Schule leiten präsentiert:

Homeschooling braucht Strukturen und Begegnung

Deutschlands Schülerinnen und Schüler lernen derzeit vermutlich so divers wie noch nie: Während die einen jeden Tag vielfältige Aufgaben erhalten und nutzen und andere mehr schlecht als recht ihre Aufgaben erledigen, werden andererseits viele Lernende gar nichts für die Schule tun (können) – aus den unterschiedlichsten Gründen. Was können Lehrkräfte, was können Schulen in diesen Zeiten tun, um ihre Schützlinge bestmöglich zu unterstützen?

Wenn Kinder zuhause allein lernen, sind sie besonders auf Feedback angewiesen.
Wenn Kinder zuhause allein lernen, sind sie besonders auf Feedback angewiesen. Foto: © mashiki/Photocase Addicts GmbH

Zwei Szenarien

  1. Felix, 15 Jahre alt, ist von seiner Mutter derzeit kaum aus dem Bett zu kriegen. Wenn er gegen Mittag aufsteht, chattet er erst einmal mit seinen Freunden, danach daddelt er. Auf die Frage, wann er seine Lernpakete abarbeiten will, winkt er ab: „Der Mathelehrer hat gesagt, wir sollen die Aufgaben erst nach fünf Wochen abgeben.“
     
  2. Lena, 11 Jahre alt, sitzt morgens um 9 Uhr – noch im Schlafanzug – vor dem Rechner und in der Videokonferenz ihrer 5. Klasse. Der Lehrer leitet das Klassengespräch im Fach Englisch. Es geht darum, kurze Alltagsgespräche zu verfolgen und zu verstehen. Nach 45 Minuten endet die digitale Stunde mit einigen Hinweisen zur analogen Weiterarbeit und aufmunternden Worten.

Viele offene Fragen

Man erkennt an den Szenarien, dass es nicht allein darum geht, für die Schülerinnen und Schüler Lernpakete zu schnüren, sondern auch darum, sie beim Bearbeiten von sinnvollen Aufgaben zu unterstützen. Auf einmal ist jedes Kind, ist jede/r Jugendliche auf sich allein gestellt. Lernen als sozialer Prozess kann nur noch – wenn überhaupt – digital vermittelt stattfinden.

Das Alter der Kinder spielt bei der Planung des Schultages ebenfalls eine wichtige Rolle. Während ältere sich 20 Minuten lang auf ein Thema konzentrieren können und erst dann einen Wechsel der Lernform benötigen, ist diese Spanne bei Erstklässlern deutlich geringer. Pubertierende sind in einer besonderen Situation, da sie ständig Herausforderungen suchen. Insofern ist genau zu überlegen, wie der „Stundenplan“ aussehen soll und wie weitere Herausforderungen eingebaut werden können. Folgt der Stundenplan genau dem bisherigen in der Schule? Wie sehen die Aufgabenblöcke aus? Sprechen sich die Fachlehrerinnen und -lehrer ab, um die Lernportionen wirksam zu verteilen? Wie soll das Verhältnis von digitalem und analogem Lernen aussehen? Und: Was gibt es neben kognitiven Herausforderungen noch an individuellen und sozialen Aufgaben zu erledigen? Nicht zuletzt: Wie verfolge ich als Lehrkraft den Lernfortschritt meiner Schülerinnen und Schüler und wie gebe ich ihnen ermutigende Rückmeldung?

Was können Lehrerinnen und Lehrer tun?

In der Aufbereitung des Schulstoffs ist es hilfreich für die Lernenden, wenn die Portionen „bekömmlich“ sind und mit praktischen Beispielen einladen und neugierig machen. Hinweise, wie viel minimal und wie viel maximal jeden Tag bewältigt werden sollte, unterstützen dabei. Geben Sie als Lehrkraft klare Anweisungen und formulieren Sie einen klaren Erwartungshorizont!

Da die Schülerinnen und Schüler nicht direkt nachfragen können, freuen sie sich über Tipps und Hilfen für Lernwege bei der Bewältigung der Aufgaben. Manche Lehrkräfte erstellen auch selber Erklärvideos und verschicken sie oder stellen sie auf eine Plattform. Dadurch sind sie wenigstens persönlich „sichtbar“. Es ist auch möglich, telefonische Kontaktzeiten oder Sprechzeiten anzubieten.

Und auch für die Art des Lernens außerhalb der Schule gibt es die Möglichkeit von wirksamem Feedback: kein pauschales Lob („gut gemacht“ oder “ Du kannst gut rechnen!“), sondern individuelle Rückmeldung zum Lernprozess, z.B.: „…das (= genau beschreiben) hast du besser gemacht hast als zuvor! Ich freue mich über deinen Fortschritt!“ Damit können die Lernenden den Fortschritt auf sich selbst beziehen und erleben Selbstwirksamkeit – die beste Motivation überhaupt! Anschließend können dann Hinweise folgen, welche Schritte notwendig sind, um das Ziel zu erreichen.

Aber nicht nur Aufgaben, die kognitive Anstrengungen erfordern, sind gefragt! Viele Schulen sind bereits dazu übergegangen, Herausforderungen – auch als Wettbewerb – zu formulieren: Welche Klasse läuft die meisten Kilometer? Wer kann originelle Bewegungsübungen als kreative Pause beisteuern? Wer hat eine neue Breakdance-Choreografie einstudiert? Wer hat etwas Besonderes gebacken oder gebastelt? Wer hat getüftelt oder tolle Naturbeobachtungen gemacht?

Für die Schülerinnen und Schüler, die technisch „abgehängt“ sind, haben sich Lehrerinnen und Lehrer bereits andere Wege ausgedacht: Es wird mit Büchern gearbeitet – und die (Klassen-)Lehrkräfte führen regelmäßig Telefongespräche mit ihren Schützlingen, in denen es einerseits um das Lernen, aber noch häufiger um das Ermutigen und Durchhalten geht.

Was ist die Aufgabe der Eltern?

Die Hauptaufgabe der Eltern ist in diesen Zeiten, dass der Tagesablauf für die Kinder und Jugendlichen strukturiert – und wie z.B. von der Schule für die Lernzeit vorgeschlagen – verläuft. Dazu gehören auch Pausen. Und dazu passt z.B. auch, dass die Schülerinnen und Schüler angezogen – und nicht im Schlafanzug wie in Szenario 2 – am digitalen Unterricht teilnehmen. Alles andere signalisiert eine geringere Ernsthaftigkeit. Zum strukturierten Lernen gehört auch eine äußere Struktur: Immer derselbe Platz, der bereits genannte Zeitplan und Ruhe für konzentriertes Arbeiten.

Um die Eltern nicht in die Rolle von „Ersatzlehrkräften“ zu drängen, können Schulen dies in einem Hinweisblatt an die Eltern vermerken. Wir wissen aus der Hausaufgabenforschung, dass es wichtig ist, dass Eltern sich für die Erledigung der Hausaufgabe ihrer Kinder interessieren, aber dass es Konflikte mit sich bringen kann und auch die Qualität des Lernfortschritts nicht erhöht, wenn sie diese kleinschrittig mit ihnen gemeinsam erledigen. Hilfreicher ist es, sich hier als Eltern nicht zu sehr einzumischen.

Was können Schulleitungen tun?

Was ist mit all denjenigen, die keinen Rechner oder Drucker zuhause haben? Schulleitungen können – sofern es digitales Lernen in ihrer Online-Schule gibt – nach Möglichkeiten suchen, zumindest Tablets auszuleihen oder vieles über das Smartphone laufen zu lassen, worüber statistisch gesehen die meisten Lernenden verfügen.

Schulleiterinnen und Schulleiter haben derzeit viele Koordinierungsaufgaben: Sie sorgen für den Informationsfluss zwischen den Kolleginnen und Kollegen und betreiben auch die Kommunikation mit den Eltern verstärkt – je jünger die Kinder sind, umso intensiver. Es ist wichtig, Eltern zu vermitteln, dass sie eine wichtige Ressource in diesem Prozess sind und hier vor allem lenkende und überwachende Aufgaben haben.

Werben Sie als Schulleitende in der Kommunikation mit den Eltern auch für die Lehrerinnen und Lehrer. Je höher das Deputat und je vielfältiger die Fächerverteilung, desto höher ist der Aufwand der Rückmeldung zu den Lernleistungen, die viel regelmäßiger und umfangreicher als bisher bei den Lehrenden auflaufen. Es kostet Zeit, individuell an jedes Kind zurückzumelden, wie es seine Aufgaben erledigt hat.

Eine besondere Herausforderung ist sicher, die technischen Voraussetzungen für digitales Unterrichten und die digitale Zusammenarbeit zu schaffen bzw. sicherzustellen. Dabei gibt es Unterstützung durch die Ministerien, durch die Fortbildungseinrichtungen der Länder und die Landesmedienzentralen.

Denken Sie als Schulleitung bitte daran, sich möglichst mit umliegenden Schulen zusammenzuschließen und abzusprechen, was die Nutzung von Apps, Onlineportalen etc. angeht. Viele Eltern, die mehrere Kinder in unterschiedlichen Schularten haben, sind genervt vom Online-Dschungel der verschiedenen Altersgruppen.

7 Tipps für Lehrerinnen und Lehrer während der Corona-Krise

  1. Belassen Sie es nicht beim bloßen Stellen von Aufgaben, schaffen Sie soziale Netzwerke mit Ihren Schülerinnen und Schülern! Bleiben Sie in regelmäßigem sichtbaren bzw. hörbaren und damit persönlichen Kontakt.
     
  2. Organisieren Sie Projektarbeiten, möglichst in Gruppen.
     
  3. Sorgen Sie für Strukturen und klare Arbeitszeiten.
     
  4. Geben Sie Rückmeldung zu den Lösungen der Schülerinnen und Schüler, die sich auf sie selbst und ihren Lernfortschritt beziehen – und legen Sie auch die Aufgaben entsprechend an, damit nicht eine Lawine über Sie hereinbricht!
     
  5. Nutzen Sie auch – aber bitte nicht ausschließlich – Lernplattformen, die zu den Inhalten und Zielen des Unterrichts passen.
     
  6. Sofern digital unterrichtet wird: Achten Sie darauf, dass genügend Zeit für das Arbeiten mit Papier und Stift bleibt. Denkbar ist zum Beispiel ein Verhältnis von 50-50. Bei aller Bedeutung, die digitale Medien gerade haben, sind sie nur ein Werkzeug, das Lernen erfolgt in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen!
     
  7. Ermutigen Sie Ihre Schülerinnen und Schüler auf vielfältige Weise und versuchen Sie sie so gut wie möglich auch emotional zu unterstützen.

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