Erfahrungsbericht der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule

Digitales Lernen wird Normalität

Und jetzt sind wir alle mittendrin im Projekt „Schule in einer digitalisierten Welt“: zwar anders, als es wohl die meisten geplant haben, durchaus ein bisschen plötzlich, mit dem Gesamtkollegium als unglaublich große „Projektgruppe“ und vielleicht zuweilen unvorbereitet oder auch unfreiwillig, aber die aktuelle Lage lässt uns keine – oder zumindest nicht viele – andere Möglichkeiten. Die Heinrich-Emanuel-Merck-Schule, eine berufliche Schule in Darmstadt bietet einen kleinen Einblick in die Herausforderungen der ersten Woche.

Durch die Corona-Krise wird sich digitales Lernen viel schneller verbreiten
Durch die Corona-Krise wird sich digitales Lernen viel schneller verbreiten

Am Freitag, dem 13., wurde in den meisten Bundesländern die Schulschließung plötzlich verkündet, verbunden mit vielen Unklarheiten, wie Schulen jetzt ganz genau mit dieser Situation umzugehen haben. Trotz der ersten offiziellen Ansage, das Kollegium am Montag zur einer Präsenz-Dienstversammlung einzuladen, entschloss sich die Schulleitung der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule, die für Montag angesetzte Dienstversammlung gleich als Online-Gesamtkonferenz stattfinden zu lassen. Begeistert zeigt sich Schulleiter Peter Schug von der hohen Teilnehmerzahl von 96 Prozent des Kollegiums: „Fast alle, bis auf ein paar angestellte Lehrkräfte mit geringer Stundenzahl, waren dabei.“ Es sei zwar nicht leicht gewesen, die Kolleginnen und Kollegen nicht sehen zu können, sondern nur in eine Kamera zu sprechen, aber hier sei für künftige Online-Veranstaltungen schon unterstützende Technik auf dem Weg. „Die Rückmeldungen waren einfach toll und haben unsere Schulleitungsentscheidung für diese Art der Konferenz absolut bestätigt, freut sich Schug. „Überrascht war ich, dass es so gut funktioniert hat, ohne jegliche Probe. Und auch die Vorbereitungszeit hat sich nicht von der einer Präsenzkonferenz unterschieden. “

Herr Schug, welche Herausforderungen sehen Sie für Ihr Kollegium in der aktuellen Stunde?

„Das Problem in einer beruflichen Schule ist die Vielfalt der Fächer und Kollegien. Wir haben digitale Cracks einerseits und die analogen Lehrkräfte anderseits. Wir können also nur in kleinen Schritten oder kleinen Gruppen entsprechende Vorbereitungen treffen. Aktuell sind es die Stunden der digitalen Cracks, da sie im Kernfokus nicht unbedingt in der Lernvermittlung die Face-to-Face Kommunikation benötigen. Wichtig dabei ist, die Balance zwischen den einzelnen Gruppen zu finden. Die Veränderungsangst der ,Analogen‘ sollte in eine Einsicht zur Öffnung in den eigenen Kompetenzen umgeleitet werden. Als ein Ergebnis nehme ich im Moment wahr, dass sich die Gruppen aufeinander zu bewegen und gegenseitig unterstützen. Es klingt vielleicht jetzt unangebracht. Aber diese Krise wird die digitale Entwicklung von Schule enorm beschleunigen.“

Und wie kann dieses Sich-aufeinander-zu-Bewegen aussehen? Was genau erwarten Sie von Kolleginnen und Kollegen, die sich schon gut mit digitalen Medien auskennen und von denjenigen, die noch sehr unsicher sind?

„Genau das, was bei uns entstanden ist: Solidarität und gegenseitige Unterstützung mit dem Ziel zur Haltungsänderung und Öffnung für diese Arten der Kommunikation. Einige unserer Kolleginnen und Kollegen haben schnell ein eigenes digitales Unterstützungssystem für das Gesamtkollegium erstellt: Online-Fragestunden, Tutorials, Kompetenz- und Wissensweitergabe usw. Wirklich faszinierend! Was ich nicht möchte, ist, dass Ängste geschürt werden, z.B. mit Sprüchen wie ‚So, jetzt siehst du, wo du stehst! Du bist abgehängt!‘ Bisher hat mich das Miteinander im Kollegium aber wahnsinnig beeindruckt. Es existiert ein neues Wir-Gefühl.“

Nötiges Equipment zur Erstellung von Online-Unterricht

Die Erstellung digitaler Lerninhalte erfordert auch eine entsprechende technische Grundausrüstung. Andreas Voigtländer, Abteilungsleiter an der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule mit hoher technischer Expertise, hat dazu folgende Empfehlungen: „Zuhause sollte jede Lehrkraft ein robustes Laptop besitzen (Dienstgerät!), den sie/er auch in der Schule benutzen kann. Idealerweise sollte dieses Laptop über eine Stifteingabemöglichkeit verfügen. Um ergonomisch arbeiten zu können, ist eine Dockingstation für dieses Laptop unabdingbar. Man kommt aus dem Unterricht, schließt sein Laptop zuhause an der Dockingstation an und hat dann eine große Tastatur und einen großen Bildschirm zur Verfügung. Zusätzlich ist eine Internetanbindung Pflicht. Dabei ist eine Geschwindigkeit von 20 Mbit/s im Downstream völlig ausreichend. Den Einsatz eines Tablets als primäres „Lehrendengerät“ kann ich nur bedingt empfehlen. Tablets sind in ihren Softwaremöglichkeiten begrenzt – sie haben andere Stärken.“

Herr Schug, angenommen, die Corona-Krise ist vorbei, wie geht es in Bezug auf Digitalisierung an Schulen weiter?

„Durch diese Krise wird sich vieles verändern. Es wird eine weltweite Neuausrichtung nicht nur im Lernen stattfinden – vergleichbar mit einem „Reset“. Vieles muss sich neu erfinden und vieles wird nicht mehr wie vorher sein. Es ließe sich mit Online-Handel versus Handel vor Ort vergleichen. Dieser Wandel und der zunehmende Wettbewerb werden auch im Bildungssektor Einzug halten. Zum Beispiel darf sich die Diskussion um eine Erleichterung des Alltags, wie die Einführung eines elektronischen Klassenbuchs, nicht über Jahre hinausziehen.

Meiner Einschätzung nach wird der Umgang mit individuellen Leistungsdaten zur Optimierung des persönlichen Lernportfolios in der Erfassung von Daten in der zukünftigen Bildungsvermittlung ein Wettbewerbsfaktor sein. Hier darf eine Schule der Zukunft die internationalen Veränderungen nicht aussitzen, sondern muss sich den für ihre Anforderungen besten Weg suchen. Es wird überall Alternativen geben. Es werden auch nicht mehr alle den gleichen Weg gehen können. Jedes Kollegium muss sich unter den -Bedingungen vor Ort neu aufstellen und entsprechende passgenaue Ziele finden, die dann von allen Beteiligten aus Schule, Politik, Wirtschaft, Kommune, Wissenschaft und mit den Eltern vereinbart und möglichst schnell umgesetzt werden müssen. Die Herausforderung dabei ist, dass der Bestand dieser Vereinbarungen sehr wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein wird aufgrund stetig neuer Entwicklungen.

Konkret heißt das: Die Digitale Schule wird sich weiterentwickeln, aber nicht nur in digitaler Ausrichtung, sondern auch im Einbezug von Künstlicher Intelligenz, in der zukünftigen Face-to-Face-Vermittlung oder von Dingen, von den wir noch gar nicht wissen, dass es sie gibt oder geben wird. Wir müssen also auch in Bildungseinrichtungen wach sein und aufmerksam in allen Richtungen wahrnehmen und agieren. Das ist übrigens auch das Erfolgsprinzip von Viren, wenn sie überleben wollen.

Herr Schug und Herr Voigtländer, wir danken Ihnen für das Gespräch.