Deutsch als Fremdsprache: Über mich – über dich

Biografisch-produktiver Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Schule

Jugendliche, die im Sekundarstufenalter nach Deutschland eingewandert oder geflohen sind, haben meist bereits mehrere Jahre Schulbesuch erlebt und besitzen Schrifterfahrung. Hier erfahren Sie, wie eingewanderte Schülerinnen und Schüler zunehmend komplexere Texte verfassen lernen - mit Arbeitsblättern zum Download.

Ein produktiver Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Schule ist ein wichtiger Bestandteil der erfolgreichen Integration von eingewanderten Schülerinnen und Schülern. Foto: Mimi Thian/Unsplash

Jugendliche aus Syrien verfügen vielfach über eine Schulfremdsprache (Englisch oder Französisch) und damit über das lateinische Schriftsystem. Jugendliche aus vielsprachigen afrikanischen Ländern haben, sofern sie zur Schule gehen konnten, dort oft Englisch oder, in Teilen Westafrikas, Französisch als Unterrichtssprache gelernt: In einigen Ländern dient die Kolonialsprache (und deren Schrift) als Schulsprache. Trotz aller Problematik ist es in Deutschland ein Vorteil, bereits die lateinischen Grapheme zu kennen. Jugendliche ohne Kenntnis des lateinischen Schriftsystems durchlaufen an Schulen zuvor eine Alphabetisierungsphase; dies ist nicht Gegenstand dieses Unterrichtsmodells zum Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Schule.

Die Jugendlichen lernen allmählich, sich in der neuen Lebenswelt und Schule zu orientieren, Deutsch rezeptiv und produktiv zu gebrauchen und ihre bisherige Sprache zu bewahren; das ist von großer Bedeutung. Über sich zu sprechen, das Eigene auch auf Deutsch zu erklären, wird mit der Zeit ein Bedürfnis. Wenn sie Gehör finden, berichten viele gerne über sich, sprechen auch über ihre Sprachen und ihr Sprachlernen. Eine Anfangsschwierigkeit liegt im Fehlen sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten. Diese Jugendlichen brauchen sprachliche Muster, sie erwerben Hör- und Leseverstehen, um etwas erfahren oder mitteilen zu können. Geeignete deutschsprachige Texte sind nötig.

Jugendliche müssen oft in formalen Situationen Auskunft über sich geben: Name, Alter, Herkunft, Wohnort, Sprachkenntnisse, Absichten usw. Sie brauchen dafür in der neuen Lebenswelt Gesprächspartner und deutsche Sprachmittel. In der Schule können schon früh basale Angaben mittels eines tabellarischen Lebenslaufs oder als Portfolios mit gestalteten Seiten vorbereitet werden. Ein Sprachenportfolio unterstützt die Mehrsprachbewusstheit sowie die Sprachlernbewusstheit der Lernenden.

7. bis 9. Schuljahr, Alter ca. 13 bis 15 Jahre Dauer: 2 Unterrichtsstunden, Anregungen für die Weiterarbeit

Der Unterrichtsvorschlag ist für Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe geeignet, Grundkenntnissen des Deutschen werden vorausgesetzt. Der Unterricht kann in Vorbereitungsklassen durchgeführt werden, in denen der Austausch über Herkunft und Sprache ohnehin unerlässlich ist.

Besonders produktiv und integrativ wirkend ist ein solcher Austausch zwischen relativ neu zugewanderten und länger hier lebenden Schülerinnen und Schülern in Regelklassen. Ausgehend von den Arbeitsblättern werden die Schülerinnen und Schüler angeregt, über sich, ihre Sprachen und über ihre Wünsche und Träume zu berichten und sich darüber auszutauschen. Das Material dazu finden Sie unten als Download.

Die Teilhabe an der neuen Lebenswelt geht jedoch über Portfolios hinaus. Zurückhaltung der Lehrperson beim Nachfragen ist dennoch erforderlich: Jugendliche sollten nur das preisgeben, was sie preisgeben wollen. Keinesfalls dürfen sie zu Äußerungen gedrängt werden.

Intentionen

Für Jugendliche in Vorbereitungsklassen: Das Modell will Jugendliche, die neu in Deutschland sind, dazu befähigen, Mitteilungen über sich zu machen und diese mit anderen auszutauschen. Es leitet zum Verstehen von deutschsprachigen Texten und zum persönlichen Ausdruck an und stellt dafür Sprachmittel und Textformate bereit, verbindet Textproduktion mit Textrezeption. Es nutzt biografische Kurztexte als Material. Dabei ist es möglich, vertiefend und ratsam, Fremdsprachen und die bisherige lebensweltliche Sprache als Parallelversionen zu nutzen, statt sie beiseite zu lassen.

Für Jugendliche in Regelklassen: Für alle Jugendlichen ab Klasse 8 steht das Verfassen eines Lebenslaufs auf dem Programm. Austausch und Auseinandersetzung mit den anderen darüber ist eine Art der Vertiefung; Versionen in anderen Textformaten und Sprachen erweitern und vertiefen zusätzlich. Hier kann Zusammenarbeit erfolgreich sein.

Folgende Ziele werden verfolgt:

  • Sprachmittel für das Sprechen über sich erwerben und sich mit anderen austauschen,
  • biografische Texte evtl. parallel in mehreren Sprachen verfassen, z. B. in deutscher, englischer und herkunftssprachlicher Version,
  • sich in unterschiedlichen Textformen (tabellarisch, im knappen Fließtext, erzählend) ausdrücken und so
  • zunehmend höhere sprachliche Niveaustufen bzw. Schwierigkeitsgrade und weitere Textsorten erreichen.

Für beide Gruppen: Die Kenntnis mehrerer Formen und der Austausch im Gespräch darüber wirken für alle vertiefend, ebenso die Formulierung in einer anderen lebensweltlichen Sprache oder in einer Schulfremdsprache. Hier geht es weniger um Wortschatz als um die verschiedenen Textformate. Der Lernwert liegt im Stil der eigenen Texte und im Textaufbau, dabei auch in der Entscheidung zwischen Alternativen. In Auseinandersetzung mit der eigenen und mit anderen Sprachbiografien wird das gemeinsame Lernen aller durch Reflexion und Reformulierung lebendig.

Ausgangspunkt sind Arbeitsblätter. Die Jugendlichen begegnen darin Textformen und Sprachmitteln, ohne lange verbale Erklärungen, die für manche schwierig wären. Vertieft wird dies durch Paralleltexte in einer oder mehreren anderen Sprachen.

Durch biografische Texte ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler lernen alle, diese Texte zu verstehen, und sie erfahren inhaltlich etwas über Menschen in der pluralen deutschen Gesellschaft. Die Texte wirken musterbildend, aber nicht uniform. Paralleltexte in der Schulfremdsprache und den Herkunftssprachen sind denkbar, wenn die Lernenden dies wollen und schaffen. Durch biografischen Austausch untereinander und, wenn möglich mit Deutschsprechenden, erfahren die Jugendlichen sich in ihrer Individualität als besonderen Teil einer Gemeinschaft mit deutscher Sprache. Sie müssen ihre Sprachen nicht verstecken, schon damit nicht eine Konfliktzweisprachigkeit erzeugt wird. Diese Sprachen sind eine Bereicherung im Lernen aller, auch im Hinblick auf entstehende Language Awareness. Ihre biografischen Darstellungen können kooperativ erfolgen, verschiedene Textsorten werden genutzt, um sprachlichen Ausdruck und poetische Sensibilität zu entwickeln und so zur Anerkennung in der Gemeinschaft beizutragen.

Bald werden die deutschen Texte ausführlicher, umfangreicher, sprachlich ausgebauter. Während am Anfang tabellarische Angaben stehen können, erfolgt bald ein Übergang zu verbundenen Texten mit basalem Wortschatz und kurzen Sätzen. Es folgt der Ausbau durch längere Sätze, etwa per Attribut. Von Anfang an ist es ein Ziel, sprachlich basale Texte bewusst zu gestalten, auch kooperativ, indem Zeilenumbrüche geplant und mündliche Vortragsweisen der Texte geübt werden: als gestaltete Prosa, als Poëm, als Rap, vertieft mittels Sprachbildern. Dabei ist die wichtigste Intention, die Lernenden in ihrer neuen Sprache zum Selbstausdruck und zu verschiedenen Sageweisen zu ermutigen und daneben ihre bisherigen Sprachen sichtbar zu machen. Daraus ergeben sich auch grammatische Erkenntnisse wie die, dass im Deutschen das pronominale Subjekt immer ausgedrückt werden muss – im Gegensatz zu einigen anderen Sprachen wie Italienisch, Türkisch, Russisch, in denen es mit dem Verb verschmolzen sein kann: Kooperative Arbeit kann in sprachhomogenen oder sprachheterogenen Gruppen stattfinden.


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Grenzenlos

Das, was Menschen durch Kultur, Herkunft und Sprache trennt, muss nicht als fremd, sondern kann als bereichernd empfunden werden. Man kann gemeinsam etwas Neues entstehen lassen – über alle Grenzen hinweg. „Grenzenlos“, so das Thema dieser Ausgabe von gruppe & spiel möchte zeigen, wie man Geschichten erfinden kann, die die Ideen aller wertschätzen; wie man mit Spielen verdeutlicht, dass nicht nur die eigenen Regeln ihre Berechtigung haben und wie man sich fühlt, wenn man die Regeln der anderen nicht kennt – eine eindrückliche Erfahrung.

Zur Ausgabe

Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Schule: Unterrichtsidee

Ausgangslage: Die neu in Deutschland lebenden Schülerinnen und Schüler haben im Sprachkurs bereits erste Orientierungen gewonnen und mehrere Deutschlerneinheiten hinter sich, sie kennen grundlegende Kontaktformeln, einige Alltagsthemen und die Basisgrammatik. Elementares Sprechen über sich stand am Anfang: wie ich heiße, mein Aussehen und meine Körperteile, meine Familie und mein neues Zuhause, usw. Allzu private Fragen werden in der Gruppe vermieden und allenfalls im Zweiergespräch zwischen Jugendlichem und Lehrperson gestellt.

Alternativen für die Niveaugruppen: Für die schriftliche Darstellung, an der der Textaufbau per Beispiel gelernt wird, werden zwei Alternativen angeboten:

  • die tabellarische Variante (Material 1) in zwei bis drei Sprachen nebeneinander für das Grundniveau,
  • als Fließtext-Variante (Material 2), was durch ein Arbeitsblatt für weitere Sprachen erweitert werden kann, für fortgeschrittene Anfänger (Material 3 bis 4), sowie als rhythmisierte Variante/ gestalteter Text und evtl. Vorstufe zu einer Art einfachem Rap (Material 5), der ebenfalls in mehreren Sprachen getextet und gesprochen werden kann,

Die mündliche Präsentation der Produkte besteht bei Material 2 bis 4 auf jeden Fall im Vorlesen, ggf. und je nach der Sprache des Textes erfolgt es durch Schülertandems im Wechsel der Zeilen oder der Sprachen. Das Vorlesen muss geübt und begleitet werden. Das gilt ganz besonders für Material 5, falls die Version Rap realisiert wird, was für das Deutsche auch eine anspruchsvolle phonetisch/phonologische Übung ist.

Als eine Methode bildlichen Gestaltens haben sich „Sprachbilder“ durchgesetzt, mit denen Kinder, Jugendliche und sogar Erwachsene die Einstellung zu ihren Sprachen auszudrücken können: Wo in mir fühle ich welche Sprache? Die Sprachbilder sind auch hier zu empfehlen, ggf. zusätzlich die Alternative eines dritten Mädchens mit längerem Rock, falls Mädchen aus sehr konservativen Familie dies wollen.

Niveau 1 für Anfänger – Kurzbiografie

Im Sprachkurs: Der biografische Einstieg wird als zweisprachig vorgeschlagen, damit sich die Lernenden nichtdeutscher Familiensprache mitsamt ihrem bisherigen Leben angenommen fühlen.

Verlauf:

  1. Je nach Klassengröße werden Gruppen gebildet; Kriterium der Gruppenbildung kann eine gemeinsame Sprache sein. Die Jugendlichen tauschen sich über ihre Herkunft und Erstsprachen aus, während die Lehrperson zur Beratung zur Verfügung steht.
  2. Der Gesamtgruppe wird ein kurzer tabellarischer Lebenslauf als Formblatt zum Ausfüllen vorgestellt (Material 1). Jugendliche mit Anfängerkenntnissen in Deutsch arbeiten am Textverstehen. Ggf. stellen sie Fragen dazu. Ob solche Fragen von Mitschülerinnen und Mitschülern oder von der Lehrperson beantwortet werden, wird von Fall zu Fall entschieden. Fortgeschrittenere Schülerinnen und Schüler arbeiten nach der Vorlage Material 2.
  3. Die linke Spalte wird von allen mit den Angaben ausgefüllt. In Regelklassen können Mitschülerinnen und Mitschüler den neu eingewanderten Jugendlichen dabei helfen. Falls die Schüler in einer anderen Sprache schreiben können, übertragen sie die Angaben in ihrer weiteren Sprache in die rechte Spalte.
  4. Die Produkte können in der Klasse ausgehängt und später gesammelt werden. Das Aushängen können die Jugendlichen selbst vornehmen, um sich anschließend beim Vorlesen auch mündlich vorzustellen.

Niveau 2 – Sprachlernberichte in mehreren Sprachen

Als Ausgangspunkt dienen hier Berichte von Jugendlichen, die in verschiedenen Klassen schon von ihrem Sprachlernprozess erzählt haben (Material 3–4). Sie können hilfreiche Sprachmuster liefern; im Unterricht werden nach dieser Anregung eigene Berichte der Schülerinnen und Schüler verfasst; in Regelklassen bieten fortgeschrittene Jugendliche sprachliche Unterstützung. Ziel ist es, deutsche Fließtexte und dazu Entsprechungen in anderen Sprachen zu verfassen. Dabei entsteht auch Bewusstheit über die eigenen Sprachlernprozesse.

Verlauf:

  1. Die Schülerinnen und Schüler sitzen an Gruppentischen, die Lehrperson verteilt Beispieltexte an die Gruppen, sodass jeder in der Gruppe dieselbe Vorlage bekommt. Gemeinsam wird der Text lesend erschlossen, die Lernenden erklären sich gegenseitig die Ausdrücke, schlagen sie im Wörterbuch nach oder erfragen sie. Ihr Text sollte verstanden sein, damit sie ihn vorlesen können.
  2. „Schreibe, wie du Sprachen gelernt hast! Du kannst die Sprache aussuchen.“ Nun geht es um die Darstellung des Spracherwerbs im eigenen Text. Die Schülerinnen und Schüler schreiben zunächst in einer Sprache ihrer Wahl. Es soll auch eine deutschsprachige Version entstehen. Dabei können sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig helfen oder die Lehrperson fragen.
  3. Die Texte in Deutsch und anderen Sprachen werden geübt und dann vorgelesen. Das kann nach Sprachen geschehen: erst alle Texte in Deutsch, dann alle arabischen usw. Es ist wichtig, dass zum Vorlesen unterstützende Kommentare erfolgen: „Deine Sprache klingt warm und fließend. Heißt das genau wörtlich dasselbe?“ Usw.
  4. Auch hier sollen die Texte eine Weile an der Pinnwand sichtbar sein. Es kann ein Zeitfenster zum Ansehen geben. Dabei tauchen evtl. Fragen nach der Schrift auf: welche Buchstaben sich entsprechen, ob es überhaupt eine Buchstabenschrift ist, ob man von links nach rechts schreibt oder in Gegenrichtung. So entwickelt sich Interesse an den Sprachen, das bestärkend wirkt. Später werden die Blätter in den persönlichen Ordner übernommen.
  5. Schließlich ist es – als ganzheitliche Vertiefung – möglich, die Texte rhythmisch zu gestalten, sodass sie als Rap mündlich angeboten werden können, vgl. Material 5. Das braucht etwas Übung, die auch die Phonetik und die Motorik unterstützt, es darf Spaß machen.
Arbeitsblätter: Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Schule