Reflektiert Entscheidungen treffen

Politischer Konsum am beispielhaften Unterrichtsmaterial Palmöl

Der Kunde ist König, so sollte es auf funktionierenden Wettbewerbsmärkten sein. Was aber macht „König Kunde“ mit seiner Macht? Bei Kaufentscheidungen stehen oftmals der Preis und die Qualität eines Produktes im Mittelpunkt. Politischer Konsum bedeutet hingegen, auch soziale und ökologische Faktoren mit in den Blick zu nehmen.

Fragend in den Spiegel schauen
Bei der genaueren Beschäftigung mit den komplexen sozialen und ökologischen Zusammenhängen bei der Herstellung eines Produkts riskiert der politische Konsument auch, eigene Standpunkte und Verhaltensweisen in Frage zu stellen. Foto: © Peter Hermes Furian/stock.adobe.com

Fachlicher Hintergrund

Die Forderung nach mehr politischer Partizipation ist in unserer repräsentativen Demokratie ein Dauerthema. Eine Form, die bereits wichtige historische Vorläufer – wie die Boston Tea Party – hat, ist der politische Konsum. Eine Definition hierzu findet sich auf Unterrichtsmaterial 2. Der reflektierte Einkauf der Bürgerinnen und Bürger, der u. a. durch einen veränderten Lebensstil und neue Informationsmöglichkeiten in puncto Verbraucherschutz zunehmend Verbreitung findet, setzt auch Unternehmen immer stärker moralisch unter Rechtfertigungsdruck. Sie müssen daher nicht nur die gewohnten betriebswirtschaftlichen Größen wie Kosten-Nutzen-Abwägungen berücksichtigen, sondern sollen auch „für Durchbruch und Einhaltung von Menschenrechten sorgen, faire Arbeits- und Handelsbedingungen garantieren und dabei auch die Normen des Tierschutzes beachten“ (Baringhorst, S. 39).

Reaktionen auf das Marktverhalten der Konsumenten sind beispielsweise Werbekampagnen oder Zertifizierungen durch unabhängige Agenturen (Unterrichtsmaterial 3). Laut Baringhorst könnte politischer Konsum zwar noch stärker genutzt werden, doch „nach der Wahlbeteiligung [sei er] die wohl am stärksten verbreitete Form politischer Partizipation. Gut die Hälfte der befragten Bundesbürger […] werden in einer groß angelegten repräsentativen europäischen Vergleichsstudie von Jan van Deth u. a. als ‚politische Konsumenten‘ eingestuft.“ (ebd.) Damit liege Deutschland im europäischen Mittelfeld, während in Skandinavien und in der Schweiz der Anteil deutlich höher sei (vgl. ebd.).


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Wirtschaft und Ethik

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Zur Ausgabe

Didaktische Überlegungen

Beim Fallbeispiel Palmöl werden die Schülerinnen und Schüler mit einem Rohstoff konfrontiert, der für die globalisierte Wirtschaftswelt zunächst unerlässlich und für den auch die Frage nach Alternativen nicht einfach zu beantworten ist. In der Reihe sollen zunächst die Präkonzepte der Lernenden erhoben werden, weshalb hier ein Einstieg über eine Fotoseite gewählt wird (Unterrichtsmaterial 1). Da Palmöl in vielen Produkten wie Nahrungsmitteln, Kosmetika und Reinigungsmitteln vorhanden ist, werden die Schülerinnen und Schüler auch direkt als Konsumierende angesprochen. Zusätzlich werden Probleme angesprochen, die mit dem Online-Handel einhergehen. Die Fotos bereiten für die weitere Bearbeitung vor und bieten die Möglichkeit, bei den jeweiligen Teilaspekten wieder auf sie zurückzugreifen.

Aufbauend auf möglicherweise bereits vorhandene Vorkenntnisse sollen die Schülerinnen und Schüler in Unterrichtsmaterial 2 und Unterrichtsmaterial 3 mit zwei zentralen Fragestellungen zur individuellen Urteilsbildung konfrontiert werden („Was ist politischer Konsum?“, und „Schaffen Gütesiegel Klarheit im Produktdschungel?“).

Das Unterrichtsmaterial 4a / 4b und 5 greifen diese Fragen im exemplarisch gewählten Kontext des Palmöl-Anbaus – unter besonderer Berücksichtigung der Frage nach dem Problem der Arbeitsbedingungen bei der Palmölproduktion – wieder auf. Hier bietet sich außerdem ein fächerübergreifendes Arbeiten mit den Fächern Erdkunde oder Biologie an. Nicht angesprochen werden können im Detail die unfairen Arbeits- und Vertragsbedingungen sowie Kinderarbeit (vgl. dazu zur Vertiefung Regenwald e.V. 2013). Bei der Bearbeitung von Unterrichtsmaterial 5 würde sich allerdings ein Exkurs zu den Kinderrechten anbieten, sofern diese ebenfalls angesprochen werden sollen.

Unterrichtskonzept
  • Zielgruppe: Sekundarstufe II
  • Idee: Die vorliegende Unterrichtseinheit soll am Beispiel des Palmöls aufzeigen, welche Probleme beim Kauf von Produkten entstehen können und welche Handlungsoptionen sich für Konsumenten ergeben. Dadurch sollen die Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken über nachhaltigen Konsum und zu bewussteren Konsumentscheidungen angeregt werden.
  • Zeitbedarf: 6 Unterrichtsstunden

Die Inhalte der Einheit greifen Fragen nach sozialer und ethischer Marktwirtschaft auf und können bspw. mit den Themenfeldern Globalisierung, Ökologie und Ökonomie verbunden werden, die in allen Bundesländern zu verbindlichen Inhalten der Kerncurricula/Lehrpläne zählen. Die Schülerinnen und Schüler können dabei an Ihre Präkonzepte zu Globalisierungsfragen und als Konsumentinnen und Konsumenten im Alltag anknüpfen, benötigen aber kein Fachwissen zur Bewältigung der Einheit, da diese als geschlossener Beitrag verstanden werden kann.

Da die Lernenden in ihrem Lebensalltag immer wieder mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert werden, sollen sie hier einige analysieren, um zu Lösungen zu gelangen und damit in besonderer Weise die politische Urteilsfähigkeit stärken. Letztlich sollen sie aber auch den Begriff „politischer Konsum“ verinnerlichen und für sich selbst entscheiden, wie sie konsumieren, sodass ebenfalls die Handlungskompetenz gestärkt wird. Durch Sozialformenwechsel und Präsentationsaufgaben werden die Lernenden ferner zur Sozial- und Methodenkompetenz befähigt.

Erwartungshorizont

Bei den Fotos auf U 1 wird über einen gefüllten Einkaufswagen und ein Brot mit Nussnugatcreme u. a. die Vielfalt der Produkte angesprochen, in denen Palmöl enthalten ist (vgl. U 4). Zudem wird gerodeter Regenwald (vgl. U 4), die Problematik der Kinderarbeit (vgl. U 5) und ein Gütesiegel (vgl. U 3) gezeigt. Die Schülerinnen und Schüler sollen ihre spontanen Eindrücke festhalten und basierend auf ersten Emotionen Bezüge untereinander herstellen. U 2 enthält eine Definition des politischen Konsums, mögliche Motive für dieses Phänomen und eine differenzierte Einschätzung zur Wirksamkeit. Die Schülerinnen und Schüler sollen dann in Partnerarbeit darüber sprechen, ob sie selbst bereits politisch konsumiert haben. Vertiefend zu diesem Lebensweltbezug sollen sie anschließend in der Klasse die Wirksamkeit dieser Partizipationsform reflektieren. Hier bietet es sich an, weitere Partizipationsmöglichkeiten zum Vergleich in die Diskussion einzubringen.


Literatur

Baringhorst, Sigrid: Politischer Konsum – eine neue Form kreativer politischer Partizipation, in: Neue Gesellschaft/ Frankfurter Hefte: Der Kapitalismus und seine Kritik, 4/2012, Berlin, S. 38–41.

Meyer-Heidemann, Christian: Teilhabe durch Konsum? Ökonomische und politische Bildung zwischen Konsumentenrolle und Bürgerexistenz, in: Seeber, Günther (Hrsg.): Befähigung zur Partizipation. Gesellschaftliche Teilhabe durch ökonomische Bildung Schwalbach/Ts. 2009, S. 71–88.

Regenwald e. V. (Hrsg.): Palmöl – Treibstoff der Sklaverei. Verfügbar unter: https://www.regenwald.org/regenwaldreport/2013/386/palmoel-treibstoff-der-sklaverei-1 (30.10.2019).