Tragfähigkeit der Erde – Verantwortung für die Zukunft

Nahrungsmittel-Konsum: Wie viel kann unser Planet noch tragen?

Die Weltbevölkerung wächst derzeit so schnell wie noch nie. Wie lange reichen Nahrungsmittel, Rohstoffe oder der Lebensraum noch? Am Beispiel der Nahrungsmittelproduktion wird die weltweite Situation im Hinblick auf zukünftige Möglichkeiten und Herausforderungen erläutert.

Foto: Mert Guller/unsplash.com

Sachanalyse

Der Begriff Tragfähigkeit gewann seit dem rasanten Bevölkerungswachstum ab 1950 und der veränderten Lebensweise vieler Menschen an Bedeutung. 

Im Zusammenhang mit der Tragfähigkeitsdiskussion wurde besonders unter Malthus auch der Begriff der Überbevölkerung geprägt. Anerkannt ist heute weitgehend, dass der Begriff menschenverachtend ist, da er begrifflich und inhaltlich nahe legt, es gäbe zu viele Menschen auf der Welt. Vielmehr werden politische Fehlleistungen oder besonders die ungenügende Verteilung von Ressourcen als Ursache für die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme der Welt verantwortlich gemacht. 

Grüne und Blaue Revolution 

Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts verlor das Thema Überbevölkerung an Bedeutung, da durch Ertragssteigerungen und technologische Entwicklungen, besonders während der «Grünen Revolution», die Ernährungssituation vieler Menschen erheblich verbessert werden konnte. 

Als «Grüne Revolution» wird eine Agrarreform bezeichnet, die in Indien entwickelt und dann auf Afrika, Lateinamerika und Asien ausgedehnt wurde. Dabei wurde die Produktivität in der Landwirtschaft tropischer Räume insbesondere durch den Einsatz von hoch ertragreichem Saatgut gesteigert. Allerdings erforderten die Anbauformen auch eine intensive Bewässerung und einen größeren Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Tatsächlich gelang die Produktionssteigerung, besonders von Weizen und Reis in vielen Entwicklungsländern. Andererseits verstärkten sich auch die Ungleichheiten in der Verteilung des Bodens und der Einkommen, sodass von der Grünen Revolution vor allem kapitalkräftige Bauern und Großgrundbesitzer profitierten. Zudem kam es zu ökologischen Schäden, beispielsweise durch den erhöhten bzw. falschen Einsatz von Mineraldünger und den Pflanzenschutzmitteln (Reuschenbach, 2012). 

In den 1970er-Jahren wurde unter dem Stichwort «Blaue Revolution» der Versuch bezeichnet, mithilfe von Aquakulturen die Probleme der Fischerei zu kompensieren und die Versorgung mit Fisch sicherzustellen. Die Blaue Revolution sollte aus den sozialen und ökologischen Problemen, die gerade auch in Indien aufgetreten waren, lernen. Dies gelang nur unzureichend, weshalb heute bezüglich entwicklungspolitischer Möglichkeiten eher Zurückhaltung herrscht. Aquakulturen werfen zahlreiche ökologische Fragen auf, die Forderungen nach der Verwendung lokaler Spezies und die stärkere Förderung kleingewerblicher Systeme wurden nur unzureichend umgesetzt (Henn, 2003). 

Zentrale Rolle der Nahrungsmittelproduktion 

Deutlich wird, dass die Nahrungsmittelproduktion in der Tragfähigkeitsdiskussion eine zentrale Rolle spielt. Sie muss eine konstante Versorgung der Menschen ermöglichen. Allerdings ist sie heute keineswegs mehr die einzige Einflussgröße. Bereits 1971 warnte der Club of Rome in seinem ersten Bericht «Grenzen des Wachstums» vor den Folgen zunehmen der Umweltbelastungen und der Übernutzung nicht erneuerbarer Rohstoffquellen und setzte damit eine intensive Diskussion um die Tragfähigkeit angesichts des stetig steigenden Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums in Gange. Diese umfassende Sichtweise hat in den letzten Jahren sowohl an Bedeutung als auch an Akzeptanz zugenommen. Denn ob alle Menschen dieser Welt überleben können, hängt vor allem von den heutigen und zukünftigen Mustern von Konsum und Ressourcenverbrauch ab (Odenwald, 2008). In diesem Zusammenhang erhielt der ökologische Fußabdruck eine besondere Bedeutung, besagt er doch, wie groß der eigene Ressourcenverbrauch ist und wie viele Welten dafür nötig wären. Würden alle Menschen so leben wie in Europa, bräuchte es dafür rund 2,5 Erden (rund 4 Hektar pro Kopf). Würden alle Menschen weltweit den gleichen Lebensstandard aufweisen, dürften wir nur rund 1,2 Hektar pro Kopf verbrauchen. Fakt ist, dass die Menschheit derzeit also über ihre ökologischen Verhältnisse lebt. 

Besonders eindrücklich zeigt sich dies am Beispiel der Nahrungsmittelproduktion:

  • Die Weltmeere sind weitgehend leer gefischt, Aquakulturen noch keine überzeugende Alternative.
     
  • Regenwälder werden für die Produktion von Soja als Tierfutter, für die Pflanzung von Biotreibstoffen oder Holzplantagen gerodet.
     
  • In den fruchtbarsten, aber auch ärmsten Gebieten der Welt werden Cash Crops, für den Export bestimmte Produkte, angebaut, statt Nahrungsmittel für den Eigenbedarf zu erzeugen.
     
  • In den Industrieländern ist der Konsum von Fleisch derart angestiegen, dass oft nur noch im Ausland produzierte und über weite Strecken transportierte Fleischerzeugnisse den heimischen Bedarf decken können. Zudem stellt die tierische Produktion gegenüber der direkten Nutzung von Getreide einen höchst ineffizienten Einsatz der Ressourcen dar. Es entsteht ein Mangel an Getreide, der durch die Abholzung weiterer Flächen, den Einsatz von Düngemitteln, gentechnisch produzierten Produkten oder höherem Wasserverbrauch zu kompensiert wird. Resultat sind steigende Transportkosten, Flächenverluste, massiv steigende Getreidepreise und enorme Umweltbelastungen.
     
  • Durch zunehmend verstärkte Konkurrenz und Produktionsverlagerungen in sogenannte Niedriglohnländer ist der Preisdruck enorm – und die am Anfang der Produktionskette stehenden Menschen verdienen kaum mehr genug, um ihre Lebensgrundlage zu finanzieren.
     
  • Für die Gewinnung mineralischer Rohstoffe wie Aluminium, Kupfer, Kohle oder Eisen werden immer größere Flächen umgegraben, die dann für die landwirtschaftliche Produktion nicht mehr zur Verfügung stehen.
     
  • Weil für die meisten Menschen in Industrieländern alle Nahrungsmittel zu jeder Jahreszeit zur Verfügung stehen sollen, werden riesige Mengen an Gemüse und Obst in Treibhäusern von Spanien produziert. Dies verbraucht gigantisch viel Wasser und Energie und verursacht lange Transportwege. Zudem arbeiten viele Menschen dort zu widrigsten Bedingungen. 

Die weltweite Nahrungsmittelsituation verändert Böden, den Wasserhaushalt, die Nutzung der Meere, sie beeinflusst den Klimawandel und die Energiebereitstellung. Die globalen Zusammenhänge wirken sich existentiell auf allen räumlichen Maßstabsebenen aus. 


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Nachhaltigkeit ist die Forderung der Stunde. Aber denken wir auch daran, wenn wir zu Weihnachten Spargel aus Peru essen oder wenn zahlreiche noch verwertbare Nahrungsmittel im Müll landen? Dieses Heft legt den Fokus auf Nachhaltigkeit rund ums Thema Alimentación und will dazu beitragen, Schüler für globale Mitverantwortung und Engagement beim Naturschutz und beim Erhalt der Umwelt zu sensibilisieren.

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Neue Gewohnheiten 

Die weltweiten Ernährungsgewohnheiten werden sich auch in Zukunft weiter wandeln. Nahrung soll gesund und vielfältig sein, sie muss schnell und einfach zubereitet werden können und das ganze Jahr über so vielfältig wie möglich erhältlich sein. Dies für alle Menschen bereit zu stellen, ist kaum leistbar. Nicht zuletzt deshalb wird von vielen Regierungen und Organisationen (u. a. Welternährungsorganisation FAO) seit Jahren vehement auf die zu erwartende Nahrungskrise hingewiesen. Problempunkte stellen sich in folgenden Bereichen:

  • Immer mehr Menschen gleichen ihre Esskultur zentraleuropäischen Gewohnheiten an: mehr Fleisch, abwechslungsreiches Essen, ausländische Produkte und nicht zuletzt immer mehr Essen. Gemäß FAO müsste sich deshalb für den Bedarf aller Menschen im Jahr 2050 die Lebensmittelproduktion verdoppeln; eine Situation, die kaum realistisch ist.
     
  • Regierungen und private Investoren aus Ländern mit ausreichend Kapital, aber wenig bis keinen eigenen landwirtschaftlichen Flächen kaufen Agrarland in Sudan, Simbabwe, Brasilien oder Indonesien. Damit sind Agrarland und Nahrungsmittel zum globalen Spielball von Handel, Spekulationen und Exportorientierung geworden, es entstehen neue Abhängigkeiten wie zur Zeit der Kolonialisierung. Die Situation für die Länder, in denen für ausländische Investoren produziert wird, ist meist ungeklärt und unsicher – profitieren werden die Menschen dort kaum vom Handel mit den Acker- und Weideflächen.
     
  • Immer mehr hochwertige Ackerböden werden verbaut. Zudem sinkt die Anzahl der Landwirte bei wachsender Bevölkerungszahl. Der Druck auf die Produktion, aber auch auf Speicher- und Transportkapazitäten wächst weiter an, besonders weil viele Produkte nicht in Europa angebaut werden. Dies verteuert die Lebensmittel, was zu gewalttätigen Protesten, zunehmender Armut und verstärkten Disparitäten führt.
     
  • Wasser, die Grundlage für die landwirtschaftliche Produktion schlechthin, wird zunehmend knapper, zudem ist Wasser immer häufiger verschmutzt. Durch häufige Dürren und Überschwemmungen, aber auch den Klimawandel wird diese Situation noch verschärft. Die landwirtschaftliche Produktion kann deshalb kaum mehr durch zunehmende Bewässerung gesteigert werden.
     
  • Getreide am Anfang der Nahrungsmittelproduktionskette wird nicht mehr nur unmittelbar für den Direktverzehr produziert, sondern zunehmend mehr als Tierfutter. Aufgrund der deutlich geringeren Effizienz bei der Verwertung wird Getreide aller Art aber zunehmend knapp, die Probleme verstärken sich. 

Gentechnologie als Lösung? 

Unter anderem wird nach grüner und blauer Revolution die Gentechnologie als Lösungsansatz diskutiert. Durch wissenschaftliche Innovationen soll es möglich sein, beispielsweise Getreidesorten zu entwickeln, die auf trockenen und regelmäßig überfluteten Böden gleich ertragreich sind. Daneben werden Experimente gestartet, wonach Fleisch im Labor wachsen kann oder Ballons voller Fische die Aquakulturen ersetzen (Blawat, 2009) – der Erfolg dieser Ideen war bislang mäßig. Ausprobiert wird in verschiedenen Ländern auch, lokale Tier- und Pflanzenarten zu fördern, die bereits seit Generationen Bestand haben, wie beispielsweise ganz robuste Kartoffeln in Peru. Alle diese Methoden haben bislang weder einen Durchbruch in der Nahrungsmittelproduktion erzielt, vor allem auch weil sie ethisch und biologisch höchst umstritten sind – noch konnten sie die weltweiten Sorgen um die Nahrungsmittelkrise beruhigen. Es liegt also sehr im Interesse der heutigen Generation, sich zu Konsum, Produktion und globalen Zusammenhängen Gedanken zu machen, wenn wir auch in Zukunft noch gesund und ausreichend essen möchten.