Ein BNE-Rollenspiel

Droht dem Dorsch in der Ostsee die Überfischung?

Der nachhaltige Umgang mit Ressourcen macht auch vor dem heimischen Dorsch keinen Halt. Um Schülerinnen und Schüler für diese natürliche Ressource zu sensibilisieren, eignet sich das folgende Unterrichtskonzept inklusive Downloadmaterial für den Biologie- oder NaWi-Unterricht.

Foto: flyupmike/pixabay.com

Was darf es denn sein: eine Kabeljau-Lasagne, gedünstetes Kabeljau-Filet in Senfsoße oder doch lieber gegrillt? Am besten schmeckt uns der fangfrische Fisch im Urlaub an der Küste. Und noch besser, wenn wir ihn selbst gefangen haben. Doch jetzt tobt unter Fischern, Anglern, Wissenschaftlern, Politikern und Umweltschützern ein heftiger Streit um den Dorsch (Material 1). Manche behaupten, die Dorschbestände in der westlichen Ostsee seien seit Jahren maßlos überfischt und seien ernsthaft bedroht. Fischer und Kutterkapitäne fürchten dagegen um ihre wirtschaftliche Existenz, weil sie ab 2017 viel weniger Dorsch fangen dürfen als zuvor. Als Verbraucher fragen wir uns, ob wir noch mit ruhigem Gewissen Kabeljau essen können. Ich erinnere mich an Medienberichte über den völligen Zusammenbruch der Kabeljaubestände vor Neufundland infolge jahrelanger Überfischung. Trotz zehnjähriger Fangpause haben sich die Kabeljaupopulationen vor der Ostküste Kanadas nicht wieder erholt. Die Fischereiwirtschaft ist zusammengebrochen. Die gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen sind an der kanadischen Küste dramatisch. Droht dieses Szenario jetzt auch an der Ostseeküste?

Dorsch, bzw. Kabeljau (Gadus morhua)

Die deutschen Bezeichnungen für den Dorsch sind etwas verwirrend. Der wissenschaftliche Name dieser Fischart lautet Gadus morhua. Sie wird in der Nordsee Kabeljau genannt. Nur die noch nicht geschlechtsreifen Fische nennt man dort „Dorsche“. Die Fischer der Ostsee sprechen dagegen nur von Dorschen. Wegen ihres grünlichen, gelblichen oder rötlichen Fleckenmusters werden sie auch „Ostseeleopard“ genannt. Dieser Raubfisch ernährt sich hauptsächlich von Krebsen, Würmern und anderen Weichtieren. Große Exemplare – Dorsche können bis zu 1,50 m lang und 50 kg schwer werden – fressen auch Sprotten, Heringe und Lodden. 

Der Kabeljau ist eine nordatlantische Fischart, die Wassertemperaturen zwischen 0 und 15 °C bevorzugt. Gegenüber dem Salzgehalt des Wassers ist er sehr tolerant. Er verträgt einen Salzgehalt von 3,5 %, und auch das schwach salzige Brackwasser der Ostsee. 

Im Unterschied zur Nordsee sind die Bedingungen für die Entwicklung des Dorschlaichs in der Ostsee sehr instabil. Als Laichgebiet benötigt der Dorsch in der Ostsee Gewässertiefen von 40 bis 60 m bei einer Temperatur von 1,5 bis 10 °C. Da die Ostsee nicht überall gleich tief ist, stehen dort nur bestimmte Areale für die Laichablage zur Verfügung. Der Dorschlaich der westlichen Ostsee benötigt wegen seiner geringen Schwebefähigkeit einen Salzgehalt von 1,5 %, während er sich in der östlichen Ostsee auch noch bei 1,1 % entwickeln kann. Außerdem muss genügend Sauerstoff (2 ml/l) in diesem Tiefenwasser vorhanden sein. Verringert sich einer der beiden Faktoren, sieht es schlecht aus für die nächste Dorsch-Generation. 

Gerade darin besteht das Problem für den Dorsch in der Ostsee. Viele Flüsse aus den umgebenden Ländern füllen das Ostseebecken mit 

Bildung für nachhaltige Entwicklung 

Dieses hochaktuelle Thema betrifft nicht nur die Menschen in den Küstenregionen, sondern auch Urlauber und Verbraucher von Fischprodukten. Und natürlich geht es auch um die Verwendung von Steuergeldern, also um politische Entscheidungen. Somit ist dieses Thema sehr gut geeignet, den Biologie- oder NaWi-Unterricht im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zu gestalten. Dabei geht es um die Frage, wie wir die natürliche Ressource „Dorsch“ nachhaltig nutzen können. Nachhaltige Nutzung bedeutet, dass sich die Fischbestände so regenerieren können, dass sie auch künftig ihre Funktion im Ökosystem Meer erfüllen können und von nachfolgenden Generationen befischt und als wertvolles und leckeres Nahrungsmittel genossen werden können. Ökologische, wirtschaftliche und soziale Faktoren und Interessen sind zu erforschen und müssen bei der Suche nach Lösungen berücksichtigt werden. 

Unterhalte ich mich im Hafen mit Fischern über die neuen EU-Fangquoten und Laichschutzgebiete, kann ich ihre Existenzangst und Frustration gut nachvollziehen. Höre ich dann Vorträge von Meereswissenschaftlern über die Auswirkungen der Fischerei, des Klimawandels und der Umweltbelastungen durch Überdüngung, Schiffsverkehr und Müll, so kann ich die Sorge um das Ökosystem Meer und ihre Lebewesen ebenso gut verstehen. Eine typische Dilemma-Situation. Schnelle und einfache Lösungen des Problems gibt es nicht. Vielmehr geht es um einen sinnvollen Interessenausgleich, um den Weg einer nachhaltigen Nutzung des Meeres zu beschreiten. 

Ein wesentliches Ziel des Biologie- und NaWi-Unterrichts ist es, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, sich mit naturwissenschaftlich und gesellschaftlich relevanten Problemen auseinander zu setzen. Dabei sollen sie lernen, sich in die Lage verschiedener Akteure im gesellschaftlichen Diskurs zu versetzen, die verschiedenen Argumente zu verstehen, zu überprüfen und zu bewerten. 

Der Erwerb naturwissenschaftlicher Grundkenntnisse bildet die Basis für eine fachlich gut begründete Meinungsbildung und Diskussion. 


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Meer – Verantwortung übernehmen

In den Unterrichtsbeiträgen wird aufgezeigt, wie die Schülerinnen und Schüler die bereits deutlich beeinträchtigten Meere wertschätzen und schützen lernen. Sie lernen, wie ihr eigenes Handeln Einfluss hat auf das, was in den Meeren passiert und wie sie ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung entwickeln können.

Zur Ausgabe

Einstieg in das Thema 

Für den Einstieg in das Thema und für eine erste Erschließung des Problems eignet sich der Film „Dorschfischer in der Ostsee vor dem Aus“ aus der ARD-Sendung Panorama 3 vom 17. 6. 2016. Über die artspezifischen Besonderheiten des Dorsches können sich die Lernenden entweder selbstständig im Internet informieren oder sie nutzen den Text aus den Fachinformationen in diesem Artikel. Ihre gewonnenen Erkenntnisse können sie dann im „Steckbrief Dorsch“ (s. Material) systematisch zusammenfassen.

Mit einem Rollenspiel in die Diskussion kommen 

Um die o. g. didaktischen Ziele zu erreichen, scheint mir die Methode des Rollenspiels (siehe Heft 16 „Immunbiologie“) am besten geeignet zu sein. Obwohl es hier nur um eine Fischart in einer begrenzten Meeresregion geht, ist das Thema dennoch vielschichtig und komplex. Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 9 und 10 können sich im Rahmen des Ökologie-Unterrichts oder auch im Wahlpflichtunterricht mit der Problematik auseinandersetzen. Für sie habe ich Rollenbeschreibungen mit passenden Recherche-Aufgaben vorbereitet (s. Karteikarten). Folgende Rollen habe ich angelegt, wobei alle Personen fiktiv sind: 

  • Fischer
  • Mitglied im Anglerverband
  • Besitzer und Kapitän eines Ausflugsbootes für Angler
  • Hobbyangler
  • Biologin am GEOMAR Helmholtz-Zentrum
  • Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
  • Meereswissenschaftlerin am THÜNEN-Institut

Die QR-Codes sind mit den entsprechenden Texten im Internet verlinkt. Wenn die Unterrichtszeit für die Recherche zu wertvoll erscheint, schlage ich vor, die Vorbereitung im Sinne eines „Flipped Classroom“ (siehe Heft 19 „Auf digitalen Wegen“) zu Hause erfolgen zu lassen. Möchte man die ökologischen Grundlagen vertiefend behandeln, dann bietet sich auch der Einsatz einiger Arbeitsblätter an, die für das Thema „Meeresfisch – frisch auf den Tisch“ entwickelt wurden (siehe Seite 30– 33). Neben den sieben Rollen der Hauptakteure brauchen wir noch eine Moderatorin oder einen Moderator. Diese Aufgabe setzt voraus, dass die Person einer Diskussion nicht nur aufmerksam folgen, sondern diese auch durch passende Fragen und Impulse in Gang bringen und lenken kann. Sollte diese Aufgabe zu anspruchsvoll sein, darf sie auch von der Lehrkraft übernommen werden. 

Neben der Moderation wird noch eine Anwältin des Publikums gesucht. Sie sammelt leise im Hintergrund Fragen und Statements von den Zuschauern und trägt sie etwa nach drei Vierteln der Diskussionszeit vor. Dabei kann sie einzelne Beiträge aus dem Publikum auswählen und ähnliche zusammenfassen. 

Somit müssen sich alle Mitglieder der Klasse auf das Rollenspiel inhaltlich vorbereiten. Die Zuschauer können ihre Rolle selbst definieren, z. B. als Verbraucher, Urlauber, Angler, Tourismusmanager, Umweltschützer etc. 

Sollte dieses Rollenspiel schon im 7. oder 8. Jahrgang eingesetzt werden, scheint mir die Internet-Recherche mit relativ langen Texten zu anspruchsvoll. Für diese Altersgruppe habe ich daher alternative Rollenbeschreibungen angefertigt (s. Karteikarten), die auf der Rückseite das jeweilige Thema inhaltlich zusammenfassen. Dadurch wird die Wissensbasis und Flexibilität in der Argumentation sicherlich eingeschränkt, aber eine sinnvolle Diskussion wird dennoch gut möglich sein. 

Ablauf im Unterricht 

Für den Ablauf dieser Unterrichtseinheit schlage ich folgende Phasen vor:

  1. Thema und Problemerfassung
  2. Verteilung der Rollen
  3. Recherche und Auseinandersetzung mit dem Thema und der eigenen Rolle
  4. Vorbereitung des Raums: Podium und Zuschauerplätze
  5. Rollenspiel
    • Eröffnung durch den Moderator: Thema und Problemstellung
    • Durch Impulse und Fragen gelenkte Diskussion
    • Einbeziehen der Fragen und Meinungen aus dem Publikum
    • Abschlussrunde: persönliche Statements der Podiumsteilnehmer
  6. Auswertung des Rollenspiels. 

Für ungeübte Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, dass sie lernen, während des Rollenspiels in ihren Rollen zu bleiben. Sie stellen dann eine andere Person und nicht sich selbst dar. Das kann man ihnen am besten in Phase 2 verdeutlichen. Ein zur Rolle passendes Kleidungsstück oder Accessoire kann hilfreich sein, um sich mit der Rolle besser identifizieren zu können. Für alle sichtbare Namenschilder sind ebenfalls nützlich. 

Die Auswertung des Rollenspiels ist eine unverzichtbare Phase, damit sich die Teilnehmer der Diskussion von ihren dargestellten Rollen wieder distanzieren können und ihre eigene – möglicherweise jetzt veränderte – Meinung kundtun. Und auch die Zuschauer sollten ein Feedback geben dürfen.