Mehrstufiges Medienkonzept

Wirkungsvoller Unterricht mit Smartphones und Tablets

Aus der Not heraus wurde an einem Gymnasium in Freiburg ein fünfstufiges Medienkonzept etabliert, das bereits im Jahr 2016 mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet wurde. Im ganzen Land gibt es Schulen, die sich bereits vor Jahren auf den Weg ins digitale Zeitalter gemacht haben. Von deren vielfältigen Erfahrungen und den bezwungenen Herausforderungen können andere profitieren.

Ein Lehrer schaut sich verschiedene Pläne und Entwürfe an.
Ein Medienkonzept für die Digitalisierung der Schule zu entwickeln ist gar nicht so leicht. Foto: Pexels/Pixabay

Fehlendes Medienkonzept: die mediale Ausgangslage der Schule

Die Medienausstattung am humanistischen Friedrich-Gymnasium war zum Verzweifeln: In den 30 Klassenzimmern standen verstaubte Overheadprojektoren. Im ganzen Gebäude gab es gerade mal einen Computerraum mit 15 langsamen Rechnern. Vor allem die jungen Kolleginnen und Kollegen forderten, dass jedes Klassenzimmer eine zeitgemäße Medienausstattung mit Beamer, Computer, Dokumentenkamera und interaktivem Whiteboard erhalten sollte. Die dafür notwendige Investition von über 200.000 € wurde jedoch vom Schulträger abgelehnt. Zudem bemängelten einige der erfahrenen Lehrerinnen und Lehrer, dass die Nutzung der teuren Medien­einheiten nur lehrerzentriert in Form von Frontalunterricht möglich sei. Not macht bekanntlich erfinderisch und so kam im Kollegium die Idee auf, die Mini-Computer im Unterricht zu nutzen, die nahezu jeder Lernende und Lehrende stummgeschaltet in seinen Taschen hat: Smartphones!

Schritt 1: Schülerprojekt zum Smartphone-Einsatz im Unterricht

Zwischen dem schriftlichen und dem mündlichen Abitur sollte der Physik-Leistungskurs des Gymnasiums herausfinden, welche Möglichkeiten das Smartphone im MINT-Unterricht bieten kann. Das Ziel des Schülerprojekts war die Gestaltung einer Ausstellung mit dem Titel „Smartphones im Unterricht? Schüler zeigen, was möglich ist!“. Ein Smartphone-Experte für den Physik-Unterricht von der Pädagogischen Hochschule Freiburg fungierte als Berater für die Schüler. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit von vier Wochen konnten die Schülerinnen und Schüler den ca. 250 Ausstellungsbesuchern an acht Ständen über 60 Smartphone-Experimente für den MINT-Unterricht präsentieren. Danach fragte selbst der Lateinlehrer, wie das Smartphone auch seinen Unterricht verzaubern könnte.

Schritt 2: Smartphone-BYOD-Schulversuch 

Nach dem Erfolg des Schülerprojekts und dem Interesse von zahlreichen Lehrerinnen und Lehrer, wurde in der nächsten Gesamtlehrerkonferenz entschieden, dass im nächsten Schuljahr die privaten Smartphones der Schüler gemäß des „Bring Your Own Device“-Konzepts (BYOD) für den Unterrichtseinsatz in allen Fächern probeweise zugelassen werden.

Zur Verbindung der Schüler-Smartphones mit dem Internet wurden vier WLAN-Access-Points in tragbaren Kisten angeschafft. Die WLAN-Kisten standen im Lehrerzimmer zum Ausleihen für die Klassenzimmer bereit und mussten dort mit der bereits vorhandenen Netzwerkdose verbunden werden. Für den einjährigen Probelauf wurde die Schulordnung um klare Regeln für den sinnvollen Smartphone- und WLAN-Einsatz im Unterricht ergänzt. Natürlich haben nicht alle Schülerinnen und Schüler ein Smartphone. Um die Lehrmittelfreiheit also nicht zu verletzen, erfolgte der Kauf von acht Leih-Geräten. Ist im Unterricht ein 1:1 Szenario erforderlich nimmt der Lehrer die entsprechende Anzahl an mobilen Endgeräten aus dem Lehrerzimmer in den Unterricht mit.

Die Evaluation am Ende des Smartphone-Schulversuchs zeigte, dass viele Kolleginnen und Kollegen vom Mehrwert der mobilen Endgeräte im Unterricht überzeugt wurden. Zudem konnte dem Schulträger in der Schulpraxis demonstriert werden, dass ein gutes Tablet in Lehrerhand eine fest installierte Medieneinheit mit Computer, Dokumentenkamera und interaktiven Whiteboard in allen Klassenzimmern vollständig ersetzen kann.

Schritt 3: BYOD-Medienausstattung der Klassenzimmer

In der Schulkonferenz am Ende des Schuljahres sprachen sich Schüler, Lehrer und Eltern einstimmig dafür aus, mobile Endgeräte dauerhaft in den Unterricht zu integrieren und die Schritte 3 bis 5 des Medienkonzeptes in Angriff zu nehmen. Im darauffolgenden Herbst erhielten alle 30 Klassenzimmer des Gymnasiums eine fest installierte Medientechnik für mobile Endgeräte. Die mediale Infrastruktur beinhaltet einen fest installierten WLAN-Access-Point mit Schalter, einen Beamer mit AppleTV-Aufsatz, einen HDMI-Dongle für Android und Windows sowie einen Smartphone- und Tablet-Halter zum Einsatz der mobilen Endgeräte als Dokumentenkamera. Die mediale Ausstattung der Klassenzimmer ist somit mit allen mobilen Endgeräten und Betriebssystemen kompatibel.

Schritt 4: Tablet-Ausstattung aller Lehrerinnen und Lehrer

Für den Einsatz im Unterricht und die Unterrichtsvorbereitung zu Hause erhielt jeder Lehrer das Angebot, ein eigenes Tablet zu bekommen (iPad Pro 10,5'' mit Stift und Tastatur). Damit die 900-€-teuren Lehrer-Tablets auch wirklich sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden, müssen bei einer Leihgabe bestimmte Bedingungen erfüllt werden. So verpflichten sich die Lehrerinnen und Lehrer, Erfahrungsberichte in einem bestimmten Zeitraum zu verfassen. Nach einem halben Jahr und nach zwei Jahren Tablet-Einsatz ist ein kurzer Erfahrungsbericht erforderlich. Außerdem übernehmen sie die Verantwortung bei Beschädigung oder Diebstahl der Geräte. Diese und weitere Bedingungen wurden in einem privatrechtlichen Tablet-Leihvertrag festgehalten, den im ersten Schuljahr 90 % aller Kolleginnen und Kollegen unterschrieben. Im Rahmen eines pädagogischen Tages erhielten die Lehrerinnen und Lehrer eine ganztägige Fortbildung zum Tablet-Einsatz im Unterricht. Zudem wurden mehrere schulinterne Fortbildungen angeboten.

Die Erfahrungsberichte der Lehrerinnen und Lehrer nach dem ersten halben Jahr Tablet-Einsatz zeigten einen beachtlichen Erfolg: „Durch das iPad in Lehrerhand lässt sich der Unterricht viel abwechslungsreicher gestalten“, „Das Lehrer-Tablet ist so vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser“, „Das iPad ist zu einem unverzichtbaren Teil meines Unterrichts geworden.“ Aber es zeigte sich auch, dass einige Kolleginnen und Kollegen trotz der Fortbildungen nur einen kleinen Bruchteil der neuen digitalen Möglichkeiten im Unterricht einsetzen: „Leider fehlt mir die Zeit, um mich mit den vielen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die das Lehrer-Tablet tatsächlich bietet.“

Nach der Auswertung der positiven Erfahrungsberichte wurde in der Gesamtlehrerkonferenz entschieden, die analogen Klassenbücher abzuschaffen und durch eine digitale Klassenbuch-App zu ersetzen.

Schritt 5: Tablet-Ausstattung der Schülerinnen und Schüler

Zuletzt war geplant, die Schülerinnen und Schüler am Friedrich-Gymnasium jeweils in der 9. Klasse mit eigenen Tablets auszustatten. Der Unterrichtseinsatz des Tablets sollte dann über vier Schuljahre hinweg bis zum Abitur erfolgen. Beim Kauf von Schüler-Tablets führt an einer Elternfinanzierung nahezu kein Weg vorbei. Diskutiert wurden dazu Modelle wie Leasing, Ratenzahlung oder die 50-%-Finanzierung durch Sponsoren. Aufgrund der Lehrmittelfreiheit müssen bei jedem Modell für einkommensschwache Familien auch Leih-Tablets angeboten werden. Mit den Erfahrungen des Tablet-Einsatzes in den Klassen 9 – 12 sollte dann geprüft werden, ob es sinnvoll ist, bereits Schülerinnen und Schüler in Klasse 5 (Nutzung in der Klassenstufe 5 – 8) mit Tablets auszustatten.

Die Umstellung vom traditionellen Unterricht zum Unterricht mit 30 Schüler-Tablets verlangte von den beteiligten Lehrerinnen und Lehrern zunächst einen hohen zeitlichen Arbeitsaufwand. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich in Apps und Lernplattformen neu einarbeiten und dazu passende Aufgabenstellungen erarbeiten. Zusätzlich sollte in Tablet-Klassen immer die Frage im Vordergrund stehen, ob der Einsatz der Technik an dieser Stelle im Unterricht sinnvoll ist und ob durch die Aufgabe am mobilen Endgerät wirklich ein Mehrwert für die Lernenden entsteht. Nach ersten Erfahrungen in den Tablet-Klassen beantragten einige Lehrerinnen und Lehrer zusätzliche fachspezifische Fortbildungen, um den Unterricht mit Schüler-Tablets noch besser zu machen.