Lernkultur für die digitale Welt

Wie kommt die Zukunft in die digitale Schule?

Die Digitalisierung verändert, wie wir leben, lernen und arbeiten. Folge ist unter anderem eine enorme Wissensexplosion. Deshalb und auch angesichts der weiteren globalen Herausforderungen stellt sich die Frage, wie Schulen hierauf reagieren sollten. Dieser Beitrag versucht Antworten darauf zu geben.

Foto: © Katja Anokhina/Forum Bildung Digitalisierung

Auf den ersten Blick mag die Frage, wie Zukunft in die Schule kommt, irritieren – hört man sie in politischen Sonntagsreden doch häufig auch andersherum: Wie wichtig Schule und Bildung für unsere Zukunft sei; ja, dass die heutigen Schülerinnen und Schüler die Zukunft der Gesellschaft seien – und ihre Lehrkräfte dementsprechend mit einer gleichermaßen herausfordernden wie verantwortungsvollen Aufgabe betraut seien. Bei näherer Betrachtung ist die Frage jedoch gar nicht mehr so trivial – erst recht nicht in der Welt, in der wir heute leben und in der sich auch aufgrund der Digitalisierung mit rasantem Tempo die Art und Weise, wie neues Wissen konstruiert wird, verändert. Damit einhergehen neue und veränderte Berufsbilder – manche Berufe sind gar vom Aussterben bedroht (vgl. Osborne/Frey 2013) – und damit natürlich auch veränderte Anforderungen sowohl an die heutige junge Generation als auch an die Schule als Institution. 

Die Kultusministerkonferenz hat in einem viel beachteten Strategiebeschluss 2016 beschrieben, wie aus ihrer Sicht die Herausforderungen einer „Bildung in der digitalen Welt” (KMK 2016) angegangen werden sollen. Teil dieser Strategie ist unter anderem ein umfangreicher Kompetenzkatalog und die Selbstverpflichtung der Länder, dafür Sorge zu tragen, dass diejenigen Kinder und Jugendliche, die „zum Schuljahr 2018/2019 in die Grundschule eingeschult werden oder in die Sek I eintreten, bis zum Ende der Pflichtschulzeit die in diesem Rahmen formulierten Kompetenzen erwerben können“ (KMK 2016, S. 13). Einer der umstrittenen Punkte im Anhörungsprozess, der dem Beschluss voranging, war die Frage, ob es hierfür ein eigenes Fach oder einen eigens ausgewiesenen Lernbereich bräuchte – hierfür haben sich die beiden Fachverbände, die Gesellschaft für Informatik (GI 2016, S. 8) und die Gesellschaft für Medienkompetenz und Kommunikationskultur (GMK 2016, S. 5) ausgesprochen – oder ob dies als „integrativer Teil der Fachcurricula aller Fächer“ (KMK 2016, S. 6f.) gelingen kann, worauf sich die Bildungsministerinnen und -minister letztlich einigten. Beide Argumentationen sind nachvollziehbar, deshalb geht es an dieser Stelle gar nicht um eine Bewertung – sondern stattdessen um eine etwas grundsätzlichere Frage: „Wie gut ist es im 45-minütigen Fachunterricht überhaupt möglich, ,digitale Kommunikationsmöglichkeiten zielgerichtet- und situationsgerecht aus[zu]wählen‘ oder „Bedarfe für Lösungen [zu] ermitteln und Lösungen [zu] finden bzw. Lösungsstrategien [zu] entwickeln“, um nur zwei der rund 100 formulierten einzelnen Kompetenzen herauszugreifen (KMK 2016, S. 12f)? Die dringlichere Diskussion wäre deshalb, wie Schule in ihrer Lernkultur und Lernstruktur zukunftsorientierter gestaltet werden kann. 

Nur damit kein Missverständnis entsteht: Natürlich geht es auch und in einer zunehmend digitalisierten Zukunft vielleicht sogar noch mehr darum, dass alle Kinder und Jugendliche Lesen, Schreiben, Rechnen und weitere Basiskompetenzen in der Schule erlernen können. Auch ein bestimmter Kanon, sowohl an geschichts- und geisteswissenschaftlichem als auch an naturwissenschaftlichem Wissen wird weiterhin wichtig sein, um Bildungsgerechtigkeit in der digitalen Welt herzustellen. Aber angesichts des digitalen Wandels, der enormen Wissensexplosion und der globalen Herausforderungen stellt sich die Frage, wie Schulen hierauf reagieren können und sollten. Das Leitmotiv kann hier nicht sein, immer mehr Aufgaben an Schulen zu delegieren und von Lehrkräften wie von Jugendlichen immer mehr Wissen und Kompetenzen zu erwarten, sondern den Kernauftrag von Schule neu zu fokussieren und zu rekalibrieren: Was sind die wesentlichen Werte, was ist das wichtige Wissen und was sind die Kernkompetenzen, die junge Menschen in der Schule entwickeln können sollten? Zur Beantwortung dieser Fragen müssen heute sowohl die Chancen und Herausforderungen der digitalen Welt, aber auch die Anforderungen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (vgl. zum Beispiel KMK/BMZ 2016) mit einbezogen werden. 

Einen wichtigen Diskussionsbeitrag haben hier der Philosoph Julian Nida-Rümelin und die beiden Bildungsforscher Manfred Prenzel und Klaus Zierer vor rund einem Jahr im SPIEGEL veröffentlicht (Nida-Rümelin u. a. 2018): Unter anderem forderten sie, die „Stofffülle in den Lehrplänen drastisch zu reduzieren“, „den Unterricht an Schlüsselproblemen unserer Zeit“ auszurichten und die Lehrpläne dadurch zu flexibilisieren. Sie adressieren damit richtigerweise die Verantwortlichen in Bildungspolitik und Bildungsverwaltung; bislang haben die Thesen und Forderungen allerdings nur wenig Resonanz erfahren. Das ist schade, denn eine Diskussion darüber wäre unbedingt nötig. 

Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Bildungspraxis und Bildungspolitik hat das Forum Bildung Digitalisierung einen sogenannten Orientierungsrahmen für „Gute Schule in der digitalen Welt“ entwickelt (vgl. ForumBD 2018). Neben einer Lernkultur, die alle Lernenden fördert und fordert und einer Beziehungskultur, die auf Werten und Wertschätzung beruht, wird hier die Qualitätsdimension der Zukunftskultur ausgeführt: Wie kann an Schulen zukunftsorientiert mit Wissen gearbeitet werden? Wie können Schülerinnen und Schüler lernen, mit ergebnisoffenen Situationen umzugehen sowie zielorientiert und reflektiert zu handeln? Wie können Freiräume geschaffen werden, in denen Lernende und Lehrende eigene Schwerpunkte setzen und ihre Potenziale entfalten können? 

Es gibt sicherlich ganz verschiedene Wege, diese Fragen zu beantworten. Auf der Website www.forumbd.de soll eine Sammlung gelungener Praxisbeispiele aufgebaut werden, um Schulen Inspiration für ihre eigene Schul- und Unterrichtsentwicklung zu geben. Zwei kleine Beispiele, wie die Zukunft in die Schulen kommen kann: 

Lernprodukte: Viele Schulen berichten, dass mit der Nutzung digitaler Medien quasi automatisch eine stärkere Orientierung des Lernprozesses auf Produkte einhergeht – angefangen von der am Computer erstellten Ergebnispräsentation bis hin zu Prototypen ist die Bandbreite der möglichen Lernprodukte vielfältig. Lernprodukte können in allen Fächern erstellt werden, eignen sich für die Binnendifferenzierung und bieten die Chance, sowohl fachbezogenes Wissen zu vertiefen als auch Medienkompetenzen zu erwerben. Ein besonderes Erlebnis einer Schule war, als der von den Schülerinnen und Schülern erstellte Blog mit verschiedenen Erklärtexten tatsächlich von einer anderen Schule als Lernmaterial genutzt wurde. 

Forschendes Lernen: Die altbekannte Methode des Projektlernens oder des forschenden Lernens bietet sich förmlich an, mit den Möglichkeiten digitaler Medien kombiniert zu werden, um auf diese Weise ergebnisoffene Lernarrangements zu gestalten – der Aufwand kann dabei sehr unterschiedlich sein, von dem Unterrichtsprojekt in einem Fach über einige Stunden hinweg, über ein fächerübergreifendes Projekt, das einige Tage oder Wochen dauern kann, bis hin zu einem fest im Stundenplan verankerten Projekttag. Das Projektlernen kann stärker lehrerzentriert oder stärker selbstorganisiert sein, auch je nach Erfahrung der Schülerinnen und Schüler. Und es kann mehr oder weniger gesteuert werden durch instruktive Phasen – wobei der Input nicht nur durch die Lehrkraft erfolgen kann, sondern auch durch Texte oder Videos – zum Beispiel aus einer Fachzeitschrift oder von einer Uni-Vorlesung. Ein besonderes Erlebnis einer Schule war, als sich einige Schülerinnen und Schüler in einem Projekt so vertieft und auf der Höhe des Forschungsstands mit einem Thema beschäftigt haben, das der Universitäts- Dozent sie direkt in ihr Seminar einladen wollte. 

Diese zwei kleinen Beispiele zeigen, wie auch unter den bestehenden Rahmenbedingungen eine stärkere Zukunftsorientierung in einzelnen Unterrichtsfächern oder in Schulen verankert werden könnte – natürlich reizen diese weder das Denk- und Machbare aus und können beliebig intensiv weiterentwickelt werden. Das Schöne ist, dass dafür keine großen Investitionen notwendig sind – das meiste kann man tatsächlich schon mit den Mitteln machen, die an Schulen, in den Elternhäusern oder an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stehen. Das heißt natürlich nicht, dass an den Rahmenbedingungen nichts getan werden müsste – die Liste hier ist lang, von der Verbesserung der technischen Ausstattung und Wartung, über die Unterstützung von Schul- und Unterrichtsentwicklung und Fortbildungen bis hin zur Veränderung der Lehrpläne und Prüfungsformate. Aber Schulen können bereits jetzt in kleinen Schritten anfangen, stärker zukunftsorientiert zu lernen und zu arbeiten. 


Quellen: