Lernkultur für die digitale Welt

Wie kommt die Zukunft in die digitale Schule?

Die Digitalisierung verändert, wie wir leben, lernen und arbeiten. Folge ist unter anderem eine enorme Wissensexplosion. Deshalb und auch angesichts der weiteren globalen Herausforderungen stellt sich die Frage, wie Schulen hierauf reagieren sollten. Dieser Beitrag versucht Antworten darauf zu geben.

Foto: © Katja Anokhina/Forum Bildung Digitalisierung

Auf den ersten Blick mag die Frage, wie Zukunft in die Schule kommt, irritieren. In politischen Sonntagsreden hören wir sie häufig auch andersherum: Wie wichtig Schule und Bildung für unsere Zukunft sei; ja, dass die heutigen Schülerinnen und Schüler die Zukunft der Gesellschaft seien und ihre Lehrkräfte dementsprechend mit einer gleichermaßen herausfordernden wie verantwortungsvollen Aufgabe betraut seien. Bei näherer Betrachtung ist die Frage jedoch gar nicht mehr so trivial – erst recht nicht in der Welt, in der wir heute leben und in der sich auch aufgrund der Digitalisierung mit rasantem Tempo die Art und Weise, wie neues Wissen konstruiert wird, verändert. Damit einhergehen neue und veränderte Berufsbilder und damit natürlich auch veränderte Anforderungen sowohl an die heutige junge Generation als auch an die Schule als Institution. 

Das ist die Strategie der Kultursministerkonferenz

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat in einem viel beachteten Strategiebeschluss 2016 beschrieben, wie aus ihrer Sicht die Herausforderungen einer „Bildung in der digitalen Welt” (KMK 2016) angegangen werden sollen. Teile dieser Strategie sind unter anderem:

  • ein umfangreicher Kompetenzkatalog und
  • die Selbstverpflichtung der Länder, dafür Sorge zu tragen, dass Kinder und Jugendliche, die „zum Schuljahr 2018/2019 in die Grundschule eingeschult werden oder in die Sek I eintreten, bis zum Ende der Pflichtschulzeit die in diesem Rahmen formulierten Kompetenzen erwerben können (KMK 2016, S. 13).

Eine umstrittene Frage im Anhörungsprozess, die dem Beschluss voranging, lautete, ob es für die Umsetzung ein eigenes Fach oder einen eigens ausgewiesenen Lernbereich bräuchte. Hierfür haben sich die Fachverbände die Gesellschaft für Informatik (GI 2016, S. 8) und die Gesellschaft für Medienkompetenz und Kommunikationskultur (GMK 2016, S. 5) ausgesprochen. Das Bildungsministerium einigte sich letztlich darauf, diesen Kompetenzkatalog als „integrativen Teil der Fachcurricula aller Fächer“ (KMK 2016, S. 6f.) anzusehen.

Digitale Kompetenzen im normalen Unterricht vermitteln – ist das machbar?

Beide Argumentationen sind nachvollziehbar, deshalb geht es an dieser Stelle gar nicht um eine Bewertung. Stattdessen stellen wir uns eine grundsätzliche Frage: Wie gut ist es im 45-minütigen Fachunterricht überhaupt möglich,

  • „digitale Kommunikationsmöglichkeiten zielgerichtet- und situationsgerecht aus[zu]wählen“ oder
  • „Bedarfe für Lösungen [zu] ermitteln und Lösungen [zu] finden bzw. Lösungsstrategien [zu] entwickeln“? (KMK 2016, S. 12f),

um nur zwei der rund 100 formulierten einzelnen Kompetenzen herauszugreifen. Die dringlichere Diskussion wäre deshalb, wie Schule in ihrer Lernkultur und Lernstruktur zukunftsorientierter gestaltet werden kann. 

Basiskompetenzen vs. digitale Kompetenzen

Natürlich geht es auch in einer zunehmend digitalisierten Zukunft darum, dass alle Kinder und Jugendlichen Lesen, Schreiben, Rechnen und weitere Basiskompetenzen in der Schule erlernen können. Auch ein bestimmter Kanon, sowohl an geschichts- und geisteswissenschaftlichem als auch an naturwissenschaftlichem Wissen wird weiterhin wichtig sein, um Bildungsgerechtigkeit in der digitalen Welt herzustellen. Aber angesichts des digitalen Wandels, der enormen Wissensexplosion und der globalen Herausforderungen stellt sich die Frage, wie Schulen hierauf reagieren können.

Das Leitmotiv kann hier nicht sein, immer mehr Aufgaben an Schulen zu delegieren und von Lehrkräften wie von Jugendlichen immer mehr Wissen und Kompetenzen zu erwarten, sondern den Kernauftrag von Schule neu zu fokussieren und zu rekalibrieren:

  • Was sind die wesentlichen Werte?
  • Was ist das wichtige Wissen?
  • Was sind die Kernkompetenzen, die junge Menschen in der Schule entwickeln können sollten?

Zur Beantwortung dieser Fragen müssen heute sowohl die Chancen und Herausforderungen der digitalen Welt, aber auch die Anforderungen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (vgl. zum Beispiel KMK/BMZ 2016) mit einbezogen werden. 

Unterricht neu denken

Einen wichtigen Diskussionsbeitrag haben hier der Philosoph Julian Nida-Rümelin und die beiden Bildungsforscher Manfred Prenzel und Klaus Zierer vor rund einem Jahr im Spiegel veröffentlicht. Unter anderem forderten sie

  • die „Stofffülle in den Lehrplänen drastisch zu reduzieren“,
  • „den Unterricht an Schlüsselproblemen unserer Zeit“ auszurichten
  • und die Lehrpläne dadurch zu flexibilisieren.

Sie adressieren damit richtigerweise die Verantwortlichen in Bildungspolitik und Bildungsverwaltung. Bislang haben die Thesen und Forderungen allerdings nur wenig Resonanz erfahren. Das ist schade, denn eine Diskussion darüber wäre unbedingt nötig.

Lernende Schule Nr. 79/2017 Digitalisierung in der Schule

Die Digitalisierung verändert alle Lebens- und Arbeitsbereiche. Damit stellt sie Schulen vor neue Herausforderungen, bietet aber zugleich neue Potenziale für Lehrkräfte und den Unterricht. Worum es neben der technischen Infrastruktur oder der schulische Nutzung von Endgeräten noch geht, lesen Sie in dieser Ausgabe.

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Neuer Orientierungsrahmen ermöglicht gelungene Praxisbeispiele

Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Bildungspraxis und Bildungspolitik hat das Forum Bildung Digitalisierung einen sogenannten Orientierungsrahmen für „Gute Schule in der digitalen Welt“ entwickelt. Neben einer Lernkultur, die alle Lernenden fördert und fordert und einer Beziehungskultur, die auf Werten und Wertschätzung beruht, wird hier die Qualitätsdimension der Zukunftskultur ausgeführt:

  • Wie kann an Schulen zukunftsorientiert mit Wissen gearbeitet werden?
  • Wie können Schülerinnen und Schüler lernen, mit ergebnisoffenen Situationen umzugehen sowie zielorientiert und reflektiert zu handeln?
  • Wie können Freiräume geschaffen werden, in denen Lernende und Lehrende eigene Schwerpunkte setzen und ihre Potenziale entfalten können? 

Es gibt sicherlich ganz verschiedene Wege, diese Fragen zu beantworten. Auf der Website www.forumbd.de soll eine Sammlung gelungener Praxisbeispiele aufgebaut werden, um Schulen Inspiration für ihre eigene Schul- und Unterrichtsentwicklung zu geben. Zwei kleine Beispiele, wie die Zukunft in die Schulen kommen kann: 

  • Lernprodukte:
    Viele Schulen berichten, dass mit der Nutzung digitaler Medien quasi automatisch eine stärkere Orientierung des Lernprozesses auf Produkte einhergeht – angefangen von der am Computer erstellten Ergebnispräsentation bis hin zu Prototypen – ist die Bandbreite der möglichen Lernprodukte vielfältig. Lernprodukte können in allen Fächern erstellt werden, eignen sich für die Binnendifferenzierung und bieten die Chance, sowohl fachbezogenes Wissen zu vertiefen als auch Medienkompetenzen zu erwerben. Ein besonderes Erlebnis einer Schule war, als der von den Schülerinnen und Schülern erstellte Blog mit verschiedenen Erklärtexten tatsächlich von einer anderen Schule als Lernmaterial genutzt wurde. 
     
  • Forschendes Lernen:
    Die altbekannte Methode des Projektlernens oder des forschenden Lernens bietet sich förmlich dazu an, mit den Möglichkeiten digitaler Medien kombiniert zu werden. Auf diese Weise lassen sich ergebnisoffene Lernarrangements gestalten, deren Aufwand sehr unterschiedlich sein kann.Von dem Unterrichtsprojekt in einem Fach über einige Stunden hinweg, über ein fächerübergreifendes Projekt, das einige Tage oder Wochen dauern kann, bis hin zu einem fest im Stundenplan verankerten Projekttag. Das Projektlernen kann stärker lehrerzentriert oder stärker selbstorganisiert sein, auch je nach Erfahrung der Schülerinnen und Schüler. Und es kann mehr oder weniger gesteuert werden durch instruktive Phasen – wobei der Input nicht nur durch die Lehrkraft erfolgen kann, sondern auch durch Texte oder Videos – zum Beispiel aus einer Fachzeitschrift oder von einer Uni-Vorlesung. Ein besonderes Erlebnis einer Schule war, als sich einige Schülerinnen und Schüler in einem Projekt so vertieft und auf der Höhe des Forschungsstands mit einem Thema beschäftigt haben, das der Universitäts- Dozent sie direkt in ihr Seminar einladen wollte. 

Digitalisierung braucht nicht immer große Investitionen

Diese zwei kleinen Beispiele zeigen, wie auch unter den bestehenden Rahmenbedingungen eine stärkere Zukunftsorientierung in einzelnen Unterrichtsfächern oder in Schulen verankert werden könnte – natürlich reizen diese weder das Denk- und Machbare aus und können beliebig intensiv weiterentwickelt werden. Das Schöne ist, dass dafür keine großen Investitionen notwendig sind – das meiste kann man tatsächlich schon mit den Mitteln machen, die an Schulen, in den Elternhäusern oder an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stehen. Das heißt natürlich nicht, dass an den Rahmenbedingungen nichts getan werden müsste – die Liste hier ist lang, von der Verbesserung der technischen Ausstattung und Wartung, über die Unterstützung von Schul- und Unterrichtsentwicklung und Fortbildungen bis hin zur Veränderung der Lehrpläne und Prüfungsformate. Aber Schulen können bereits jetzt in kleinen Schritten anfangen, stärker zukunftsorientiert zu lernen und zu arbeiten. 


Quellen: