bildung+ im Interview mit Prof. Dr. Markus Köster und Amina Johannsen

Vom Medienverleih zum Katalysator bei der Digitalisierung der Schulen

„Beste Bildung braucht beste Bedingungen. Dazu gehören neben moderner Ausstattung und innovativen Konzepten auch bestmöglich qualifizierte Lehrkräfte. Die Kommunalen Medienzentren sind Versuchslabore, in denen sich unsere Lehrerinnen und Lehrer unter realistischen Bedingungen mit neuer Technik vertraut machen und Unterrichtsideen ausprobieren können. Gemeinsam mit den Schulträgern machen wir unsere Lehrkräfte und Schulen fit für die Digitalisierung.“ (Pressemitteilung Schulministerium NRW vom 28.01.2020)

Workshop „Digitale Medien“ im MediaLab des LVR-Zentrums für Medien und Bildung/Medienzentrum Düsseldorf. © Hannah Heimbuchner, LVR-ZMB

bildung+ sprach mit Amina Johannsen, stellvertretende Leiterin des LVR-Zentrum für Medien und Bildung in Düsseldorf, und Prof. Dr. Markus Köster, dem Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen in Münster, über die Rolle der Medienzentren bei der Digitalisierung der Schulen.

b+: Ist Corona ein Beschleuniger für den Digitalpakt und die Digitalisierung der Schule?

Köster: Eindeutig, weil sich jetzt jede Lehrkraft Gedanken macht, wie man mit digitalen Instrumenten unterrichten kann. Wir werden natürlich auch Entwicklungen haben, die am Ende nach Standardisierung verlangen und die   Frustrationen hervorrufen , weil manche dann sagen werden: Jetzt habe ich mich auf dieses oder jenes Tool eingelassen … Aber wir wissen auch, insgesamt wird die Transformation leichter. Wer Moodle kann, lernt auch, mit anderen Plattformen umzugehen.
Es wird jetzt sehr viel ausprobiert und es muss ganz viel parallel passieren. Also müssen wir uns aktuell nicht die Frage stellen, ob es schöner wäre, wenn wir der Reihe nach und standardisiert vorgehen könnten. Deshalb können wir uns – auch wenn man das in der Krise gar nicht so laut sagen mag – eigentlich nur freuen, dass jetzt an vielen Stellen ausprobiert wird. Der Auftrag der beiden Landesmedienzentren und der Medienberatung NRW ging ja sowieso immer schon weit darüber hinaus, Medien bereitzustellen. Und auch die Medienzentren in der Fläche sollen Schulen sowohl bei der Infrastruktur beraten, als auch hinsichtlich der Arbeit mit digitalen Medien im Unterricht. Ich glaube, der große Wert der Medienzentren liegt im Moment gar nicht nur darin, dass sie Medien bereitstellen, sondern dass sie Lehrkräften Tipps geben können, wie diese überhaupt in dieser besonderen Situation geschlossener Schulen unterrichten können und ihnen zeigen, wie es funktioniert.  

Johannsen: Die Menschen merken auch, trotz aller Digitalisierung ist es gut, dass wir Einrichtungen vor Ort haben. Es gibt viele kommunale Lösungen, die sehr unterschiedlich sind – und es gibt unterschiedliche Gründe, warum Kommunen sich für „ihre“ Lösungen entschieden haben, die jetzt zum Teil ausgebaut werden. Und es wird eben auch Landeslösungen geben. 
Wir werden mit der Vielfalt leben müssen, können, dürfen. Darum ist es umso wichtiger, dass die Schulen, die von ihren kommunalen Schulträgern technisch medial ausgestattet werden, vor Ort eine pädagogische Unterstützung bekommen. Die Medienzentren sind kommunale Einrichtungen und haben eine zentrale Funktion als Schnittstelle zwischen Land und Schulträgern. Die Kommunen werden auch weiterhin darüber entscheiden, wie sie ihre Gelder einsetzen, um die digitale Infrastruktur für die Schulen zu schaffen und auszubauen. Die pädagogische Beratung erfolgt über die Medienberater*innen, die als Landesbedienstete bei den Medienzentren angedockt sind und als Lehrer*innen beratend unterstützen. Das kann ein fruchtbares Miteinander werden, um eben auch diesen verschiedenen kommunalen Lösungsansätzen gerecht zu werden. Klar,  der Ruf nach zentralen Lösungen ist immer groß, eine gemeinsame IT-Infrastruktur für alle Schulen in der Bundesrepublik zu schaffen. Aber momentan gibt es das eben nicht.

Köster: Zur Begriffsklärung: Wir sprechen in Nordrhein-Westfalen von Medien­entwicklungsplänen der Schulträger und Medienkonzepten der Schulen. Eigentlich läuft das inzwischen gut mit den Medienkonzepten. Bisher waren aber meist kleine Kerngruppen in den Schulen damit befasst. Also Lehrkräfte, die gesagt haben, das ist ein Thema, an das wir ranmüssen. Das Niveau der Konzepte ist in den letzten drei, vier Jahren kontinuierlich gestiegen. Was sich jetzt ändern wird, ist, dass diese Experten über nichts mehr in der Lehrerkonferenz reden können, bei dem die anderen nicht auch sagen: Na, da haben wir aber auch Erfahrungen, da haben wir aus der Fachlichkeit unseres Fachunterrichts auch eigene Wünsche. Der Geschichtslehrer, der bislang gesagt hat: „Mach du, lieber Informatiklehrer, mal unser Medienkonzept, vielleicht kann ich so ein Whiteboard ja auch gebrauchen“, der wird jetzt sagen: „Wofür denn genau? Und in welcher Weise will ich es in meinem Fach auch nutzen?“ Im Moment sind alle Lehrkräfte gezwungen, sich mit dem Thema Digitalisierung auseinanderzusetzen, das wird die Diskussionen in Zukunft sehr qualifizieren.

Johannsen: Und was die schulinterne Organisation von Klassentätigkeit betrifft, lernen die Pädagog*innen gerade, wie sie mit Lernmanagementsystemen ihre Klasse organisieren, Materialien digital verteilen, Schüler*innen sich in digitalen Fachgruppen verbinden, sie selbst sich mit Kolleg*innen austauschen, also wie sie digital ihren Unterricht und das Schulleben organisieren und auch Eltern einbinden können. Während der Corona-Krise kann sich niemand dem Ausprobieren digitaler Lösungen entziehen – was dabei gelernt wird, bleibt, auch für die Zeit nach Corona.

b+: Als ich vor den Schulschließungen im März bei Ihnen für dieses Interview angefragt habe, war ein Stichwort ja auch die Förderung von Medialabs mit 1 Million Euro durch das Land NRW …

Köster: … das sind immerhin knapp 20.000 Euro pro Medienzentrum. Ziel der Förderung ist es, Medialabs als digitale Klassenzimmer in den Medienzentren zu etablieren. Die geben Lehrkräften und Schulen die Chance auszuprobieren, was sie eigentlich an Technik für ihren Unterricht brauchen und was nicht, um das dann in ihr Medienkonzept zu schreiben. Wir sind sehr positiv überrascht, wie hoch die Resonanz auf das Programm ist. Ich war davon ausgegangen, dass es für viele schwierig sein würde, innerhalb von ein paar Monaten ohne entsprechende Vorarbeiten ein Ausstattungs- und Einsatzkonzept für ein digitales Klassenzimmer zu entwickeln. Aber schon jetzt haben zwei Drittel der rund 50 nordrhein-westfälischen Medienzentren einen Antrag eingereicht.
 

Auch für Grundschulkinder bieten die Lernlabore der Medienzentren schon vielfältige Möglichkeiten. © Tuula Kainulainen/LWL-Medienzentrum für Westfalen

Johannsen: Dieser Wunsch nach neuen Raumkonzepten und der damit verbundenen Möglichkeit, Beratungssituationen anders zu gestalten, ist wirklich interessant. Medialabs oder Makerspaces sollen Räume abbilden, die Lehrkräften, aber auch  Schul­trägern, die Möglichkeit geben, neue Technik auszuprobieren und die dadurch veränderte Unterrichtspraxis aktiv zu gestalten, sich darüber auszutauschen. Hier kommen dann wieder die Medienberater*innen ins Spiel, die im Medialab pädagogisch tätig sein können und mit den Lehrkräften überlegen, wie sie digitale Medien einsetzen, was sie bei der Verwaltung von Geräten bedenken müssen, welchen Einfluss die technische Verwaltung auf die pädagogische Arbeit mit Kindern hat: Welche Apps wählen wir aus? Wie wird kollaboratives Lernen mit digitalen Geräten sinnvoll gestaltet? Medienkonzepte werden weiterentwickelt und gleichzeitig wird auch mit digitalen Methoden gearbeitet, zum Beispiel mit Tablets, die auch in der Moderatoren- und Lehrerqualifikation eine immer größere Rolle spielen. 
Nicht drüber reden, sondern direkt einsetzen! Wir haben schnell gemerkt, dass Webinare kein Ersatz für die Live-Kollaboration sind, für dieses gemeinsame Erkunden bestimmter Methoden und Techniken. 
Wenn alle Schüler*innen und Lehrkräfte wieder zurück in die Schule kommen, wird digitale Technik sicher verstärkt eine Rolle spielen. Allerdings werden solche „analogen“ Medialabs und Makerspaces, die sich derzeit in den Kommunen etablieren, eine wichtige Funktion spielen: Sie sind der Ort für den  realen Austausch über  Neuanschaffungen von Technik und Lernsoftware und deren  pädagogisch-technischem Einsatz entlang des Medienkompetenzrahmens NRW. Die Medienzentren sind damit sehr gut für die weitere Digitalisierung in den Schulen aufgestellt. Aber, das muss man auch sagen, der jetzige „digitale“ Druck entsteht ja nicht nur bei den Lehrkräften, sondern auch bei den Schulträgern und bei den Bezirksregierungen.  Auch in der Lehrerfortbildung wird man über neue und ergänzende Formen zu analogen Fortbildungen nachdenken müssen. 

b+: Müssen wir nicht sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, wir brauchen andere Räume, die anderes Lernen und andere Lernformen ermöglichen? Der Digitalpakt fördert ja auch digitale Medien für den naturwissenschaftlichen Unterricht …

Johannsen: Als wir den Medienverleih im Medienzentrum Düsseldorf vor zwei Jahren umgestaltet haben, war da mit einem Mal dieser große leere Raum. Wir wissen, Räume können gute Partner sein, pädagogische Partner. Also haben wir uns von Medienzentren anderer Bundesländer anregen lassen, von einem modularen System von Sitzecken oder Bastelecken, die Stationsarbeit einfach schneller möglich machen. Mittlerweile fragen Kolleg*innen aus der Abteilung Schulbau der Kommune an, die gerne mal in unser Medialab kommen möchten, weil sie sich Gedanken machen, wie sie Schulen anders bauen können. Besonders inspirierend fand ich eine Grundschule, da haben sie die komplette Dachetage mit Werkräumen neu gestaltet, mit einem modularen, sehr freundlich anmutenden System. In so einer Umgebung wird Digitalisierung schneller umsetzbar, weil sie schon in diesem praktischen Bereich mitgedacht wird. Es geht um neue Formen des Miteinander­lernens, Räume spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Köster: Es geht insgesamt eben nicht um digitale Bildung, sondern um Bildung in der digitalen Welt. Das heißt erstens, dass natürlich nicht alle Bildungsprozesse digital werden sollen und können. Zweitens, dass sich schulische Bildung auch kritisch mit Prozessen dieser digitalen Welt auseinandersetzen muss – sprich, Medienkompetenz vermitteln muss – und auch einen kritisch-reflektierten Umgang mit Tools und negativen Einflüssen der digitalen Medien. Deshalb ist es wichtig, nicht möglichst viel „digitalen Kram“ in die Schule zu schaffen, sondern wirklich von der Pädagogik her zu denken. Es geht nicht darum, das neueste, schnellste und derzeit coolste Gerät zu beschaffen, sondern sinnvolle Technik, die für einen besseren Unterricht sorgt. 

b+: Wie verändert sich denn der Medienverleih? Früher haben sich die Schulen Filme und Projektoren geliehen … leiht sich heute eine Schule 3D-Drucker für ein Projekt über ein halbes Jahr? Sind das Konzepte, die Sie schon praktizieren oder die angedacht sind?

Johannsen: Sehr unterschiedlich. Da sind wir wieder im Zusammenspiel mit den kommunalen Schulträgern, die ja auch Beschaffer sind. Und Schulen können natürlich für sich, für ihren Bedarf, selber entscheiden, was sie anschaffen. Ein Medienzentrum wird in Zukunft stärker zu einem exemplarischen „Show-Case-Room“ werden können. Show und Case heißt ja zeigen und ausprobieren … hands-on, um bessere Entscheidungen bei der Anschaffung zu treffen. Das Euregionale Medienzentrum Aachen macht das zum Beispiel mit seinen iPad-Koffern – da sind ein WLAN-Router und ein Tutorial mit dabei, – die werden nicht einfach verliehen. Kommt der Koffer zurück, dann wird reflektiert, wie weit es gelungen ist, damit zu arbeiten, und wo es weiteren Beratungsbedarf gibt. Also ein „qualifizierter pädagogisch-technischer Verleih“, das ist ein Trend. 

b+:  Wird das gesamte Umfeld, mit dem Sie kommunizieren und technisch operieren müssen, komplexer oder haben Sie das Gefühl, über die Digitalisierung wird es eher einfacher?

Köster: Natürlich müssen Land und Kommunen gemeinsam versuchen, Standards zu entwickeln und den Anbietern zu sagen, dass sie Schnittstellen bedienen und sich in NRW mit LOGINEO NRW in Verbindung setzen müssen, damit es darüber funktioniert. Die Wirklichkeit vor Ort sieht aber zurzeit noch sehr viel komplexer aus und mir scheint, dass es im Moment auch nicht einfacher wird, weil eben Kommunen, Schulen oder Schulträger für sich entscheiden, was sie beschaffen. Medienzentren haben aber oft mit 10 oder sogar 20 Schulträgern zu tun. 

Johannsen: Damit steigen auch die Anforderungen an das Fachpersonal, das diese Komplexität managen muss. Aber das Bewusstsein in den Kommunen und auch auf Landesebene wächst, dass es gutes pädagogisches – technisch geschultes Fachpersonal geben muss. Solche Fachkräfte müssen mit den Medienberater*innen vor Ort kooperieren können – und in Zukunft stärker auch mit Schulträgern, denn die digitale Technik entwickelt sich weiter und die Pädagogik auch, da braucht es Katalysatoren. Ein Medienzentrum kann, wenn es sich mitentwickelt und auch so ausgestattet ist, ein guter Katalysator sein.