Wie Homeschooling und Hybridunterricht gelingen

Unterricht in Zeiten von Corona

Am Freitag, dem 13. März, war die Schulwelt in Deutschland nicht mehr in Ordnung. Nachdem das Saarland in der Nacht beschlossen hatte, alle Schulen und Kindertageseinrichtungen bis nach den Osterferien zu schließen, zogen alle anderen Bundesländer nach. Viel Zeit, sich auf die völlig neue Situation einzustellen, hatten Schulleitungen und Schulen nicht. Ein Bericht aus zwei Schulen, deren Beispiel Schule machen kann.

Regina Schlossarek-Aselmeyer und der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (hinten) beim Unterricht auf Distanz an der BBG Seelze © Sandra Remmer

Die Bertolt-Brecht-Gesamtschule (BBG) in Seelze und die Neue IGS in Göttingen sind Integrierte Gesamtschulen im Aufbau. Digitale Medien haben an beiden Schulen einen hohen Stellenwert; die technische Ausstattung ist weit besser als an vielen anderen Schulen in Deutschland. An der BBG erhalten alle Schülerinnen und Schüler bei der Einschulung ein iPad; alle Klassenräume sind mit Visuboards ausgestattet. An der Neuen IGS gibt es je Jahrgang zwei Klassensätze iPads sowie ein Notebook für jede Tischgruppe. TV-Geräte und Apple-TV stehen in allen Unterrichtsräumen zur Verfügung; in der Schülerbibliothek, in den Forscherräumen und im Lernbüro Plus sind Notebook- bzw. PC-Arbeitsplätze eingerichtet. Und natürlich ist der WLAN-Empfang an beiden Schulen überall gewährleistet.  
Medienkunde und/oder Informatik stehen in beiden Schulen auf dem Stundenplan, die Schülerinnen und Schüler konnten mit Textverarbeitungs- und anderen nützlichen Programmen ebenso umgehen wie mit E-Mails und IServ, als der Shutdown begann. Und so waren sie besser aufs Homeschooling vorbereitet als viele ihrer Altersgenossinnen und -genossen. 

Bertolt-Brecht-Gesamtschule Seelze

An der BBG ist das iPad alltägliches Arbeitsgerät – für alle Schülerinnen und Schüler: Die Lehrbücher sind als E-Books auf den iPads abgespeichert, Unterrichtsmaterialien und Arbeitsanweisungen schicken die Lehrkräfte den Kindern als iBooks zu – in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Auch die Eltern wissen, was zu tun ist, wenn ein iPad streikt oder wenn ihr Kind sein Passwort vergessen hat. Für den Notfall gibt es eine Hotline, die weiterhilft – und Leihgeräte, wenn das eigene Gerät repariert werden muss.

Das Tablet ist Mittel zum Zweck. Es erleichtert das Lernen – in der Schule wie zu Hause. © Walitzek

Technik ist Mittel zum Zweck

„Die technischen Voraussetzungen sind bei uns sehr gut. Aber die Technik ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck“, sagt Schulleiterin Regina Schlossarek-Aselmeyer. Mindestens ebenso wichtig ist es ihrer Einschätzung nach, dass die Schülerinnen und Schüler gelernt haben, selbstständig zu lernen. „Sie wissen aus den Lernbüros, wie sie Inhalte eigenständig erarbeiten. Und sie sind es gewohnt, ihre Arbeitszeit selbst einzuteilen und zu organisieren. Das haben sie dann zu Hause getan, als die Schule plötzlich geschlossen wurde.“ 
 

In den Lernbüros entscheiden die Kinder selbst, in welchem Tempo sie was lernen. Jedes Kind hat einen Lernpfad, den es bearbeitet – allein, mithilfe der Lehrkraft oder gemeinsam mit Mitschülerinnen und Mitschülern. Die Arbeitsmappen wurden auch in Corona-Zeiten per Hand geführt. „Als die Schule geschlossen war, haben die Kinder sie abfotografiert und uns zugeschickt“, erzählt Jessica Hackbarth, Französisch-, Geschichts- und Klassenlehrerin in der siebten Klasse.

„Die Technik bietet viele Möglichkeiten. Aber Schule steht und fällt mit den Menschen, die in ihr arbeiten.“  
 Regina Schlossarek-Aselmeyer

Dank moderner Technik funktionieren kooperative Lernformen auch, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht an einem Tisch sitzen, sondern in verschiedenen Klassen­räumen oder zu Hause sind: „Sie können über Mindmaps zusammenarbeiten und Ergebnisse austauschen“, nennt die stellvertretende Schulleiterin Maren Krause ein Beispiel. Dass die Schülerinnen und Schüler viele Werkzeuge schon kannten, hat den Umstieg aufs Homeschooling erleichtert. Und manches, was in dieser Phase eingeführt wurde, wird beibehalten, weil es sich bewährt hat: So werden Aufgaben und Abgabe­termine jetzt generell in das Aufgabenmodul von IServ eingestellt.

Neues ausprobieren

Gearbeitet wird nicht nur mit Texten, sondern auch mit Audio-­Dateien und Videos. Weil der Sportunterricht ausfiel, hat Sportlehrer Torsten Nickel verschiedene Übungen für zu Hause in einem sogenannten Padlet zusammengestellt. Jessica Hackbarth nahm regel­mäßig Videos auf, damit ihre Schülerinnen und Schüler auch hören konnten, wie neue Vokabeln ausgesprochen werden. „Die Schüler nehmen dann Audio-Dateien auf und senden sie mir zu. So kann ich ihre Aussprache kontrollieren und wenn nötig korrigieren“, erklärt sie. Auf diese Weise konnte der klassenübergreifende Französisch-Wahlpflichtkurs fortgeführt werden, ohne dass die Schülerinnen und Schüler verschiedener Klassen sich persönlich begegneten. 
„Die Kolleginnen und Kollegen haben viel Neues ausprobiert. Sie sind sehr kreativ und experimentierfreudig. Sie tauschen sich aus, welche Methoden und Apps sich bewährt haben, und lernen voneinander“, lobt Schulleiterin Schlossarek-Aselmeyer ihr Team.

Intensive Kontakte

Das Kollegium hat auf die Osterferien verzichtet. Wie es Ende April weitergehen würde, wusste im März noch niemand. Die neue Situation war für alle ungewohnt und beängstigend – besonders für die Kinder und Jugendlichen. „Manche leben in beengten Verhältnissen, viele durften in den ersten Wochen die Wohnung kaum verlassen. Sie waren froh, dass der Kontakt zu ihrer ‚Schulfamilie‘ auch während der Osterferien nicht abgerissen ist“, beschreibt Regina Schlossarek-Aselmeyer die Situation ihrer Schülerinnen und Schüler. 
Mindestens einmal in der Woche wurde jedes Kind angerufen. Die Schülerinnen und Schüler konnten sich per Telefon und E-Mail jederzeit an ihre Lehrer und an die Schulsozialarbeiter wenden. „Viele wollten auch während der Osterferien lernen. Deshalb haben die Kolleginnen und Kollegen freiwillige Angebote über IServ gemacht“, berichtet die Schulleiterin und fügt hinzu: „Die Technik ersetzt Beziehungsarbeit nicht, sie erleichtert und ermöglicht sie – gerade in Corona-Zeiten.“
So fand in der Homeschooling-Phase einmal in der Woche eine Videokonferenz mit der ganzen Klasse statt. „Die Kinder haben das Angebot gerne und gut genutzt“, erklärt Maren Krause. „Sie haben sich gefreut, ihre Lehrer und ihre Klassenkameraden zu sehen.“ Bei den Hausbesuchen via Internet lernten die Lehrkräfte auch bislang unbekannte private Seiten ihrer Schülerinnen und Schüler kennen. 
„Ein Schüler hat mir seine Katze gezeigt, ein anderer sein Zimmer“, erzählt Jessica Hackbarth. Der Kontakt, so ihre Erfahrung, hat unter der Corona-Krise nicht gelitten, sondern ist intensiver geworden. „Die Schülerinnen und Schüler melden sich oft außerhalb der Unterrichtszeiten. Viele warten nicht bis zum nächsten Schultag, wenn sie eine Frage haben, sondern schicken eine Mail oder rufen an. Und meist antworte ich dann ziemlich schnell, auch am Wochenende.“ Der Arbeitsaufwand für die Lehr- und pädagogischen Fachkräfte hat sich dadurch deutlich erhöht.
Nach dem Stufenplan des Kultusministeriums durften die Schülerinnen und Schüler der siebten Klassen in Niedersachsen erst Ende Mai wieder zur Schule gehen, die fünften und sechsten Klassen mussten bis Anfang Juni zu Hause bleiben. Unterricht wie gewohnt fand auch danach nicht statt: Der Ganztag fiel aus, der Unterrichtsschwerpunkt lag auf den Hauptfächern Deutsch, Mathe, Gesellschaftslehre, Naturwissenschaften und Fremdsprachen. Sport, Kurs- und Wahlpflichtfächer wurden nicht unterrichtet. 

Klassen bleiben unter sich

Die Klassen waren in zwei Gruppen geteilt, bei denen Präsenz- und Homeschooling-­Tage abwechselten: Die eine Hälfte der Klasse kam vormittags zur Schule, die andere wurde mittags zu Hause betreut. Das bedeutete lange Arbeitstage für die Lehrkräfte.
Um die Infektionsgefahr so gering wie möglich zu halten, blieben die Klassen unter sich. Bei den klassenübergreifenden Lernbüros arbeiteten die Kinder in verschiedenen Klassenräumen über IServ zusammen. Versetzte Pausenzeiten für die verschiedenen Jahrgänge und getrennte Bereiche auf dem Schulhof verhinderten Kontakte in den Pausen. Die Lehrkräfte betreuten ihre Klassen auch in den Pausen und achteten da­rauf, dass die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten wurden. „Ich bin begeistert, wie gut das läuft“, zollt Maren Krause ihren Schülerinnen und Schülern ein großes Lob. 
Für die Kinder und Jugendlichen bedeutete die neue Situation eine große Umstellung, aber sie bietet auch Chancen. „Sie schätzen es jetzt, dass sie in die Schule gehen dürfen“, stellt Regina Schlossarek-Aselmeyer fest. Auch die halbierten Klassen haben sich positiv ausgewirkt. „Die Schülerinnen und Schüler arbeiten konzentrierter – und vielleicht behalten sie diese Einstellung und Arbeitsweise auch, wenn der Unterricht irgendwann wieder normal läuft“, hofft sie.

Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Unterricht ohne Masken und ohne Abstandsregeln an der Neuen IGS Göttingen © Neue IGS Göttingen

Neue IGS Göttingen

Weit aufwendiger als an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule gestaltete sich der Einstieg in den Shutdown für Peter Stahr und seine Kolleginnen und Kollegen an der Neuen IGS in Göttingen. 
„Wir haben in aller Eile eine ‚Notfallbestandsaufnahme‘ gemacht und zum Beispiel die E-Mail-Adressen der Schülerinnen und Schüler, Mailinglisten, Kennwörter, Speicherplatz usw. überprüft. So haben wir sichergestellt, dass alle Schülerinnen und Schüler einen Zugang zu IServ hatten. Und wir haben eine technische Hotline eingerichtet, an die sich die Kinder und Jugendlichen oder ihre Eltern bei Problemen wenden können“, berichtet der stellvertretende Schul­leiter und Koordinator für Digitale Bildung. 

Leitfaden fürs Homeschooling  

Den Umgang mit dem Schulserver IServ, über den sie Aufgaben abrufen und einstellen, sich mit Mitschülerinnen und Mitschülern oder/und den Lehrkräften austauschen können, hatten alle Kinder schon im Unterricht kennengelernt. In der Praxis war das Homeschooling für manche Schülerinnen und Schüler vor allem in der ersten Phase allerdings schwierig. „Die digitale Ausstattung zu Hause klafft weit auseinander. Viele Familien sind digital sehr schlecht aufgestellt – es gibt weder Drucker noch Notebooks, nur ein Smartphone steht allen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung“, nennt Peter Stahr einen Grund. Um zu verhindern, dass die Bildungsschere nach der Corona-Krise noch weiter auseinanderklafft, wurden nach den Osterferien die Schulnotebooks kostenlos an Schülerinnen und Schüler ausgeliehen, die keine eigenen Computer haben.
„Vor den Osterferien lief noch manches unkoordiniert“, räumt Peter Stahr ein. Um das zu ändern, erarbeitete das IT-Team der Schule den Leitfaden „Corona Home Office 2.0“, an dem sich Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler orientieren können. Danach müssen alle Aufgaben so gestellt werden, dass sie mit allen digitalen Endgeräten – PC, Notebook, Tablet oder Handy – auch ohne Drucker und handschriftlich bearbeitet werden können. Arbeitsblätter müssen ausgedruckt und digital in einem beschreibbaren Format zur Verfügung stehen; die erledigten Aufgaben können digital und analog übermittelt werden. 

© Walitzek

Feste Pläne

Weil sich die Eltern verbindliche Vorgaben wünschten, erhielten die Schülerinnen und Schüler in der Homeschooling-Phase nach den Osterferien feste Wochenarbeits­pläne mit Abgabefristen für die Haupt­fächer Deutsch, Sprachen, Mathe, Naturwissenschaften und Gesellschaft-Werte-Religionen. Die Tutorinnen und Tutoren vereinbarten mit ihren Schülergruppen einen verbindlichen Stundenplan, um die vom Kultusministerium vorgegebenen täglichen Arbeitszeiten von drei bis vier Zeitstunden zu strukturieren. In dieser Lernzeit unterstützten sie die Schülerinnen und Schüler telefonisch, per E-Mail, Messenger, Videochat oder im Forum beim Lernen. Die Jugendlichen mussten sich täglich in dieser Zeit mit ihren Tutorinnen und Tutoren in Verbindung setzen. Mindestens einmal in der Woche wurden die Lernergebnisse einzeln mit allen Kindern und Jugendlichen besprochen.

„Um die Kommunikation zwischen Schülern und Lehrkräften zu verbessern, hat das IT-Team in den Osterferien in unserer Bildungscloud IServ ein Videokonferenz- und ein Messenger-Modul eingerichtet. Außerdem haben wir verschiedene Tutorials erarbeitet, um den Kolleginnen und Kollegen, aber auch den Schülern und den Eltern den Einstieg in die neue Technik zu erleichtern“, sagt Peter Stahr. 
Seit im Mai die ersten Klassen wieder zur Schule durften, wechselten ein Tag Präsenzunterricht und zwei Tage Homeschooling ab: Die Klassen wurden in drei Gruppen unterteilt und in mehreren Fällen von zwei Lehrkräften im Tandem unterrichtet. Die Lehrkräfte, die zur Risikogruppe gehören, übernahmen dabei den Heimunterricht. „Mit dem Konferenz-Modul ist digitaler Unterricht problemlos möglich“, weiß der stellvertretende Schulleiter aus Erfahrung. 

Kein schulischer Regelbetrieb

Wie es im kommenden Schuljahr weitergeht, wusste bis kurz vor den Sommerferien niemand. Eine Kommission von Expertinnen und Experten der Friedrich-Ebert-Stiftung hält – abhängig von den Infektionszahlen – drei Szenarien für möglich: 

  • Szenario 1: Präsenzunterricht als Regelfall 
  • Szenario 2: Kombination von Präsenz- und Fernunterricht
  • Szenario 3: Fernunterricht als Regelfall.

 

Klassenübergreifende Projekte gehören zum Konzept der Neuen IGS Göttingen. Sie sollen auch in diesem Schuljahr durchgeführt werden. © Neue IGS Göttingen Copyright 2012

An der Neuen IGS ist Präsenzunterricht für alle Jahrgänge räumlich nicht möglich, wenn Abstandsregeln eingehalten werden müssen; außerdem können einige Lehrkräfte aus gesundheitlichen Gründen keinen Präsenzunterricht erteilen. „Es wird wohl auch im Schuljahr 2020/2021 eine Kombination von Fern- und Präsenzunterricht geben“, vermutet Peter Stahr. 
Um eine Alternative zu haben, wenn viele Lehrkräfte digital unterrichten (müssen), plant die Schule den Kauf und die Installation eines zweiten stabilen Videokonferenzsystems als Ausweichmodul zu IServ. Schulinterne Fortbildungen zu Schuljahresbeginn sollen alle Lehrkräfte der Schule fit für den Online-Unterricht machen. Außerdem wurde der Leitfaden für den digitalen Unterricht und die Arbeit im Homeoffice in den Sommerferien überarbeitet.
Beim Präsenzunterricht mit Abstandsregeln werden die Klassen im neuen Schuljahr in zwei statt bislang drei Gruppen geteilt; jüngere Jahrgänge haben beim analogen Unterricht den Vorrang. Denn ältere Schülerinnen und Schüler kommen mit dem Fernunterricht offenbar besser zurecht. „Manche ältere Schüler haben vom Homeschooling und von den digitalen Lernmethoden profitiert“, meint Peter Stahr. 

Ziel Chancengleichheit

Voraussetzung ist, dass alle Schülerinnen und Schüler über die nötige technische Ausstattung verfügen, um am Online-­Unterricht teilzunehmen. „Chancengleichheit hat oberste Priorität. Zu Beginn des neuen Schuljahrs sollen möglichst alle ein iPad oder ein Notebook haben“, nennt Stahr ein Ziel. Die Geräte können von den Eltern gekauft, geleast oder dank des Sofortausstattungsprogramms des Bundes und der Länder von der Schule verliehen werden. Möglich ist auch, dass einige Klassen oder ganze Jahrgänge künftig zu iPad-Klassen werden – wenn die Eltern zustimmen. 
Wie schnell Fernunterricht zum Regelfall werden kann, hat man in Göttingen schon zweimal erlebt. Kurz nachdem der Präsenzunterricht im Mai wieder begonnen hatte, folgte ein zweiter Shutdown: Weil sich viele Menschen in Göttingen mit dem Corona­virus infiziert hatten, wurden am 8. Juni wieder alle Schulen der Stadt für eine Woche geschlossen.

Eva Walitzek