Schule 1.5

Eine Google-Suche mit dem Begriff „Schule 4.0“ liefert mehr als 12 Millionen Links – inhaltlich reichen diese von pädagogischen Fachbüchern bis zur Selbstbeschreibung von Lernaktivitäten an Grundschulen im hintersten Winkel des deutschen Sprachraums. Spricht man hingegen mit Schülerinnen und Schülern, weicht deren Tageserlebnis gar nicht so sehr von dem ab, was man selbst vor Jahrzehnten erfahren hat. Das System Schule ist auf dem Weg von der „Schule 1.0“ zur „Schule 4.0“ sicher ein wenig vorangekommen. Aber eben nicht sehr weit – sagen wir mal, bis zur „Schule 1.5“. Aber woran liegt das und wo wollen wir eigentlich wirklich hin?

Fragen wir die Industrie, ist die Antwort eindeutig: „Mehr Hardware, neue Hardware.“ Digitale Whiteboards, Tablets für Lernende oder, als jüngste Forderung, „Dienstlaptops für Lehrkräfte“ – dann würde schon alles automatisch besser. Das ist, pardon, Käse. Nicht nachhaltig, mit großen Folgekosten verbunden und eben auch nicht zukunftsfähig. Whiteboards stehen in vielen Schulen jahrelang ungenutzt in der Ecke. Und „Dienstlaptops“? Die überwiegende Mehrheit der Lehrkräfte nutzt bereits Computer, viele davon in Form eines Laptops. Auf fast jedem davon lässt sich kostenfrei(!) eine „Virtuelle Maschine“ als quasi unabhängiges System installieren. Gesichert, verschlüsselt und allen Anforderungen des Datenschutzes genügend – und ohne dass man ein separates zweites Gerät benötigt, mit dessen (natürlich zentral beschaffter) Ausstattung man wieder unendlich viele Kompromisse schließen wird. So hätte es laufen können – aber kreatives Denken scheint irgendwie nicht gefragt zu sein, und pragmatische Lösungen werden nicht benötigt. Sichere Kommunikation? Jede Lehrkraft könnte heute schon kostenfrei(!) in absolut sicherer Verschlüsselung mit Schülerinnen und Schülern kommunizieren – auch auf privaten Mailadressen.

Es fällt außerdem auf, dass das große Heilsversprechen immer gerade die Dinge sind, die man in den vergangenen fünf Jahren nicht angeschafft hat. „Schulen ans Netz“ war der große Spruch im Jahr 1996. Schon seit 2001 haben wir alle Schulen am Netz – aber nein, es reichte immer noch nicht flächendeckend für einen Unterricht unter Einbeziehung des Netzes. Klar wissen wir, dass heute die Bandbreitenanforderungen größer sind, dass wir heute statt eines asymmetrischen DSL-Zugangs einen symmetrischen Glasfaseranschluss benötigen. Aber warum wurden eigentlich die langsamen Zugänge seit 2001 nicht in großem Umfang genutzt? Warum ist nicht spätestens ab 2001 eine neue Dynamik in die Schule gekommen, so wie dies etwa in Finnland oder Estland zu beobachten war? Könnte es sein, und diese Frage wird in dem krisenhaften Jahr 2020 erneut zu stellen sein, dass uns einfach der Mut zur Innovation und die Freude an der Zukunft abhandengekommen sind?

Beim sogenannten Digitalgipfel der Bundesregierung 2016 – Sie erinnern sich vielleicht, das war der, in dem man uns unter heftigem Lob gewisser großer Sponsoren versprochen hatte, dass im laufenden Schuljahr alle Schüler der 7. Klassen kostenlos einen Mikrocomputer „Calliope“ bekommen würden – gab es einen denkwürdigen Moment. Angela Merkel diskutierte per Videochat mit einer Schülerin aus einem der, wie immer „modellhaften“, Tablet- Projekte. „Und dürft ihr die Tablets denn mit nach Hause nehmen?“ „Nein“, so die Schülerin. Aufstöhnen im versammelten Hofstaat der deutschen Digitalindustrie. „Aber wir haben ja unsere Handys, damit geht das auch.“ Erleichterung im Publikum – und ich frage mich: Wieso nicht gleich so? Wofür brauchen wir dann überhaupt einheitliche und neue Tablets für jeden? Spätestens ab 2010 hätten wir mit einem ganzen Zoo von verschiedenen Endgeräten in jeder Klasse und einem begrenzten Pool von Leihgeräten für die weniger gut ausgestatteten Lernenden digital arbeiten können. Soziale Selektion? Lehrmittelfreiheit? Willkommen, bitte, im 21. Jahrhundert: Oft sind es gerade die Kinder aus den ärmeren Haushalten, die über die dicksten Smartphones verfügen. Und wie das Beispiel Eneza aus Afrika zeigt, kommt es nicht auf die Technologie an, sondern auf den Willen, damit etwas anzustellen.

Die Vorstellung, dass wir zu einer einheitlichen Ausstattung jeder Klasse kommen, ist jedenfalls vollkommen absurd. Lassen Sie nach zwei Jahren nur zehn Prozent der Geräte einer Klasse defekt sein. Sollen deren Benutzer dann Geräte der neuen Generation bekommen? Oder müssen wir alle Geräte der bisherigen Generation verschrotten? Erstaunlicherweise wird aber die Frage, wie denn der Gerätepark einer Schule gewartet und weiterentwickelt werden soll, fast nicht gestellt.

Es ist auch absehbar gewesen, dass der sogenannte Digitalpakt nicht zum Höhenflug kommen würde. Wenn nicht einmal die wirklichen Experten wissen, wie in fünf Jahren die aktuelle Technik aussehen wird: Wer kann dann einen sinnvollen und nachhaltigen Medienentwicklungsplan aus der Feder digitaler Autodidakten erwarten?

Doch lassen wir das Lamentieren über den Unsinn der Hardware-Fixierung deutscher Bildungspolitiker einfach sein. Auch mit der Gegenwart der Lehrerschaft will ich mich nicht weiter befassen. Denn sogar, wenn Sie als Leserin oder Leser extrem engagiert in der Nutzung digitaler Medien sind, neue Unterrichtskonzepte schon seit zehn Jahren ausprobieren und über die vorangehenden
Zeilen nur den Kopf schütteln, kennen Sie doch eines ganz genau. Wenn Sie nämlich – unter Ausschluss der Hardware-Software-Frage – nach der Digitalisierung im Unterricht fragen, kommen immer noch aus dem Kreis der Kolleginnen und Kollegen die Antworten „Wir haben keine a.) Ausbildung b.) Schulung c.) Anweisungen“ – je nach Tagesform ist anzukreuzen a.), b.) oder c.). Daran hat sich in den vergangenen Jahren zu wenig geändert – eben gerade mal von der Schule 1.0 zur Schule 1.5.

Versuchen wir stattdessen einen „Moon Shot“, indem wir alles „Nicht-Können“, „Nicht-Dürfen“ und „Nicht-Wollen“ vergessen und uns die Frage stellen, wo wir eigentlich hinwollen. Wie könnte die deutsche Schule der Zukunft aussehen, und was müssen wir tun, damit dies auch die Zukunft der Schule wird?

Eine fiktive Schülerin – nennen wir sie Anna – wird wie üblich um 6:45 Uhr geweckt. Auf ihrem Handy blinkt die Nachricht, dass die erste Lerneinheit ausfällt. Was aber kein Problem darstellt, weil der Inhalt (sagen wir mal „Natur- und Wirtschaftsraum Meer“) schon seit Jahren als Onlinekurs mit Videoclips und Texten verfügbar ist. Die Nachricht enthält den Link, die Zugangsdaten und den Hinweis, dass das Wissen in der nächsten Einheit – wann immer die sein wird – in einem „Inverted Classroom“ abgefragt wird. Es ist Anna überlassen, ob sie sich den Kurs jetzt ansieht oder irgendwann am Abend.

Drücken wir es etwas abstrakter aus: Es muss künftig ein System geben, das – natürlich gesichert und nachprüfbar – die digitale Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden erlaubt. Und zwar nicht nur für unverbindliche Diskussionen und strukturlose Gespräche, sondern auch zur Inhaltsvermittlung, zur Kursverwaltung, zur Aufgabenstellung, zur Abgabe von Arbeiten und mit einer lesenden Kopplung an das Schulverwaltungssystem. Die Pointe ist nun, dass viele der existierenden Lernplattformen genau dies bereits heute ermöglichen – man müsste sie nur entsprechend einsetzen.

Das geht natürlich nicht mit einem zentralen System für ein gesamtes Land, schon gar nicht, wenn es – der Horror für alle IT-Experten! – mit Steuermitteln entwickelt oder zusammengestückelt worden ist. Neben der erwiesenen Unmöglichkeit, solche Landesprojekte (euphemistisch auch „Schul-Cloud“ genannt) sinnvoll zu gestalten, kommt ein Sargnagel für die landesweite Lösung daher, den niemand vom Tisch wischen kann: Solche Systeme skalieren nicht mit der Anzahl der Benutzer. Sie mögen noch für ein paar Tausend Benutzer in einer Schule oder einem Schulverbund machbar sein – bei der Ausweitung auf ein ganzes Land ist nur Chaos die Folge. Ein Schelm, der hierin gewisse Ähnlichkeiten mit einem zentralen Landesprojekt entdeckt.

Das digitale System einer Schule der Zukunft ist also ein lokales System, für allerhöchstens wenige Schulen übergreifend organisiert. Und damit ist sonnenklar, dass dieses System nicht von pädagogischen Fachkräften betrieben und gewartet werden kann. Jede Schule, mindestens jeder kleine Schulverbund benötigt künftig eine Informatikfachkraft. Die selbstverständlich auch Kenntnisse über Hardware und Netzwerke haben muss, also so breit aufgestellt ist, dass man sie als „Digitalen Hausmeister“ betrachten kann. Als Qualifikation ist dabei die Stufe eines Fachinformatikers, besser noch die eines informatikbetonten Bachelor-Abschlusses anzustreben. Die gegenwärtig betriebene Vorstellung, man könne schnell einmal „IT-Administratoren“ für jede Schule ausbilden, ist auch in Anbetracht der verfügbaren Ausbildungskapazitäten vollkommen aus der Luft gegriffen.

KARLSRUHE 2019

Anna entschließt sich natürlich, noch etwas zu schlafen und den Kurs am Abend zu absolvieren. Zur zweiten Lerneinheit in der Schule angekommen, hat sie prompt ihr Tablet vergessen (passiert ihr öfter, weil das ein altes Gerät ist und schon ein paar Kratzer hat). Kein Problem: Sie geht beim digitalen Hausmeister vorbei, der ihr ein Leihgerät für den heutigen Tag ausgibt. Da sie die Hausaufgaben für die anstehende Lerneinheit in das Schulsystem hochgeladen hat, stehen ihr diese Abgaben natürlich sofort zur Verfügung. Ebenso wie alle Schulbücher – die Zeiten, in denen kiloschwere Buchpakete zum Schulalltag gehörten, sind für Anna lange vorbei.

Auch einen Klassenraum gibt es nicht. Sondern eine offene Lernlandschaft, in der sich Anna in kleinen Gruppen mit ihren Mitschülern/ Mitschülerinnen treffen kann. Näher am Lernbegleiter – oder fern von ihm, weil sie die heute zentral gestellte Aufgabe, am Computer ein schwimmfähiges 3-D-Objekt zu konstruieren und dieses später mit dem 3-D-Drucker zu fertigen, lieber mit Freunden gemeinsam bearbeitet. Unmöglich? Sicher nicht, das funktioniert schon hervorragend im Neuseeland des Jahres 2020. Und zwar ohne dass man erklären kann, zu welchem Fach diese Aufgabenstellung eigentlich gehört.

Sogar in einer scheinbar gut definierten Domäne wie der Biologie ist es heute absurd, von einem abgrenzbaren „Fach“ zu sprechen – die wenigen Stunden, die Anna damit verbringen wird, können ihr deshalb nur einen winzigen Bruchteil des vorhandenen Wissens vermitteln. Heute ist zwar in der Schulbiologie eines der vermittelten Wissensbruchteile die „Bakterielle Infektion“ – doch wäre es nicht gerade jetzt sinnvoller, ein paar Jahrgänge über „virale Infektion“ zu unterrichten? Keine Chance. Denn während das zivilisatorische Innovationstempo immer größer wird, erfolgt Innovation in unserem Schulsystem immer noch in Zehnjahreszyklen – beispielsweise mit dem absurden Ergebnis, dass 2020 immer noch über „grafikfähige Taschenrechner“ diskutiert wird. Zu den wichtigsten Anforderung an eine echte „Schule 4.0“ gehört deshalb, den Lehrenden mehr Freiheit einzuräumen und zu kleineren wirklich autonomen – und im Zweifelsfall auch mal interdisziplinären – Einheiten zu kommen. Die auch bei Bedarf, vor allem aber lokal, schnell geändert werden können. Lehrmaterial? Gibt es schon seit Jahren frei im Netz, Open Educational Resources ist das Schlagwort – und sogar in vielen Projekten staatlich gefördert und von Medienzentren empfohlen.

Aber würde das nicht dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Inhalte lernen? Jede/-r Zulassungsverantwortliche an einer Hochschule weiß, dass Schüler aus Sachsen heute schon ein anderes Abiturwissen haben als Schüler aus Bremen. Keine Hochschule mit technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen könnte heute ohne Brückenkurs Mathematik überleben. Es ist deshalb geradezu ein Witz, dass wir föderale Vielfalt beschwören (die bisher keinem einzigen Lernenden, aber vielen Politikern etwas genutzt hat), jedoch Vergleichbarkeit der Ergebnisse anstreben. Auch diesen Zopf sollten wir schnellstens abschneiden und die Unterschiedlichkeit als Stärke auffassen. Einer unbekannten und immer schneller daherkommenden Zukunft begegnen wir nicht, indem wir uns nur auf Bewährtes verlassen – das ist eine der Lehren des Jahres 2020.

Ich will deshalb mit einem Appell enden: Lassen Sie uns aus der gegenwärtigen Krise den Mut zur Veränderung schöpfen. Wir haben gesehen, dass wir – wenn wir nur wollen – im Schulsystem mehr Veränderungen schneller durchziehen können, als uns die Bildungsstrategen in den föderalen Kultusministerien weismachen wollen. Das Beispiel Neuseeland zeigt, dass man die Krise als disruptiven Impuls verstehen kann, um das Schulsystem freier, lokaler, flexibler und innovativer zu machen. Was also sind die Fähigkeiten und die Kenntnisse, die wir jungen Menschen heute vermitteln müssen, damit sie in der Welt von morgen selbstbestimmt leben und diese auch gestalten können?

Dass das Schulsystem dabei auch auf natürliche Weise digitaler werden wird, ist klar – und zwar ohne dass es dabei eines „Digitalgipfels“ bedarf. Sondern einfach weil derzeit ein großer Teil der zivilisatorischen Innovation mit digitalen Verfahren erfolgt. „Digitalisierung“ ist also die Folge, wenn man Schulen ans 21. Jahrhundert anpasst – und nicht der Auslöser der Erneuerung.

Es kann und darf deshalb nach der Corona-Krise keine Rückkehr zur Schule des Jahres 2019 geben. Wer diese Rückkehr fordert oder erhofft, hat nicht verstanden, welchen Blick auf unsere Zukunft wir durch die Krise erhalten.