Wegweisende Antworten auf drängende Fragen

Schule verändern – jetzt!

Das Buch „Schule verändern – jetzt! Wegweisende Antworten auf drängende Fragen“ war in der Rohfassung fertig, als alle Schulen in Deutschland wegen des Coronavirus geschlossen wurden. Die Erfahrungen aus dem Shutdown sind in dieses Buch eingeflossen; der Schwerpunkt liegt aber nicht auf der Digitalisierung des Unterrichts. Denn die Fachleute sind sich einig: Die technische Ausstattung der Schulen und die Verlagerung der Inhalte auf mediale Plattformen allein reicht nicht aus. Weitreichende Veränderungen in Schulen sind notwendig.

In welche Richtung soll sich Schule entwickeln? Wie startet man einen Schulentwicklungsprozess? Und welche Zukunft hat eine Schule, die nicht mehr zu den Kindern und Jugendlichen von heute passt? Kati Ahl, frühere Schulleiterin, systemische Beraterin und heute Beraterin für Schulentwicklung, hat dazu Eltern, Schülerinnen und Schüler, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Bildungsfachleute befragt und als Fazit 17 Thesen für gute Schulen mit Blick auf das Zusammenleben von morgen formuliert. Hier ihr Gespräch mit Olaf A. Burow, emeritierter Hochschulprofessor für Erziehungswissenschaften mit den Schwerpunkten neue Formen des Lehrens und Lernens, insbesondere Schul- und Organisationsentwicklung, Kreativitätsförderung und Digitalisierung. 

Kati Ahl: Wie haben Sie Ihre persönliche Schulzeit erlebt?

Olaf A. Burow: Ambivalent. Ich komme aus Berlin, die Berliner Grundschule habe ich als positiv und anregend erlebt. Zum Beispiel mussten wir als Jungen Handarbeit machen, ich habe Topflappen gehäkelt. Ich war im Schulorchester, das war alles ganz lustig. Aber als ich nach Baden-Württemberg kam, war das ein mittlerer Schock. Als ich einmal etwas falsch gemacht hatte, musste ich nach vorne kommen und wurde vom Lehrer mit dem Rohrstock zwei Mal auf die Finger geschlagen, das war 1962. Dann kam der Gymnasialzweig, das war wieder ambivalent. Ich bin sogar mal sitzen geblieben, auch mal aus der Schule geflogen, ich war ein verhaltensorigineller Schüler. 

Womit kamen Sie in der Schule nicht klar, einmal abgesehen von dieser brutalen Züchtigungsmethode? 

Das Problem war, dass der Unterricht völlig verstaubt war und wir abgestandene Besinnungsaufsätze schreiben mussten. Sie müssen bedenken, das war die Zeit der 68er. Das Leben tobte woanders. Wir hatten aber den Pfarrer Wolfer, der fuhr mit uns drei Wochen in die Schweizer Alpen. Das war sehr kreativ, wir haben viel unternommen. Wir hatten auch eine Schulband, aber ein großer Teil dieser Aktivitäten fand außerhalb der Schule statt. Die Schule selbst hat das nicht gewürdigt. 
Heute haben wir ein ähnliches Phänomen: Schüler beschweren sich, dass sie in der Schule wenig für das Leben lernen. Und dann gibt es radikale Innovatorinnen wie Frau Rasfeld, die das Projekt „Herausforderungen“ gegründet hat, in dem Schülerinnen und Schüler drei Wochen die Schule verlassen und ein eigenes Projekt durchführen; im Prinzip ist das ein ähnliches Vorgehen, wie es unser Religionslehrer damals mit uns durchführte. 

Wo sehen Sie Zusammenhänge zwischen gestern und heute? 

Wir haben heute eine zu starke Verschulung und VerRegelung der Schule. Die freien Aktivitäten, die nicht bewerteten und kreativen, in denen die Schülerinnen und Schüler ihr Talent entdecken und ihr Potenzial entfalten, fehlen. Stattdessen sehe ich bei meiner Tochter, die gerade das Abitur gemacht hat, dieses „Bulimie-Lernen“. 
Aus meiner Sicht ist der Versuch, die Schule als ein wissenschaftliches und evaluiertes System zu organisieren, übers Ziel hinausgeschossen worden. Die notwendigen Freiräume zum Lernen wurden dabei viel zu sehr eingeschränkt, sowohl für Lehrerinnen und Lehrer als auch für Schülerinnen und Schüler. 
Wir machen seit 20 Jahren Zukunftswerkstätten zum Abbau von Belastungen, da haben mittlerweile 1.500 Schulleiter teilgenommen. Dort beginnen wir mit der Skizze, was sie am meisten belastet oder behindert. Auf fast jedem Analysebild, das die Lehrkräfte in der Diagnosephase anfertigen, ist eine Uhr zu sehen: Schule ist ein gehetztes System. Es ist außerdem viel zu viel normiert, das zeigen auch Studien. Gute Schulen haben einen großen Freiraum an Selbstgestaltung und sie haben gute Schulleitungen. 

Angenommen, eine Schule hat einen guten Schulleiter oder eine gute Schulleiterin: Wo sehen Sie dann die größten Herausforderungen für diese Person? 

Die größte Herausforderung ist, eine Schulkultur zu entwickeln, in der die Schlüsselpersonen, also Lehrer, Eltern, Schüler, pädagogische Kräfte, gemeinsam eine Zukunftsvorstellung von dem haben, was sie erreichen wollen. Und sie brauchen einen Plan, wie sie dahin kommen. 
Ich glaube nicht, dass man Schulen normieren kann. Jede Schule muss ihr eigenes Profil erreichen. Zentrales Problem ist dabei, dass unser Schulsystem vor etwa 200 Jahren entwickelt wurde, also in der Zeit der Aufklärung und Industrialisierung. Damals ging es um Fließbandarbeit und das Sortieren der Schüler nach Alter. 
Dabei entsteht auch „Ausschuss“: 150.000 Schüler wurden im letzten Jahr als Sitzenbleiber aussortiert; eine pädagogisch sinnlose Maßnahme, die eine Milliarde Euro kostet, wie Klaus Klemm errechnet hat. Diese gewaltige Summe könnte man sofort für individuelle Fördermaßnahmen einsetzen. 
Wie der Soziologe Stefan Reckwitz he­rausgearbeitet hat, erleben wir zurzeit den Übergang vom industriellen Kapitalismus zum kulturellen Kapitalismus, da geht es um Singularität, um individuelle Potenzial­entfaltung, um Einzigartigkeit. Aber die Kinder in der Schule müssen immer noch den Einheitsbrei zu sich nehmen! Das entspricht nicht der Vielfalt der Neigungen und Begabungen und ist angesichts der Anforderungen einer globalisierten und digitalisierten Gesellschaft auch nicht mehr angemessen. 
 

Worauf kommt es Ihrer Meinung nach an? 

Es kommt darauf an, dass Schülerinnen und Schüler schon früh ihre Talente und Neigungen erkennen und darin gezielt gefördert werden, denn jeder ist etwas Besonderes und es geht darum, die Entwicklung des persönlichen Profils zu unterstützen. 
Wir müssten die verpflichtenden Curricula zurückfahren auf ein Basis-Curriculum. Man braucht bestimmte Grundfertigkeiten und daneben einen Raum für Selbstgestaltung und Potenzialentfaltung, individuell und im Team. Große Firmen wie Microsoft oder Google geben ihren Mitarbeitern zeitliche Freiräume von 20 Prozent. Da entstehen oft die kreativen Erneuerungen! 
Ein Lehrer in Rheine zeigte mir letztens im Keller ein sogenanntes Makerspace. Da gab es wilde Landschaften mit Maschinen und Geräten und eine „Hall of fame“ für die missglückten Projekte; da konnte jeder anpinnen, was schiefgegangen ist. Die Schule hatte sogar mehrere Preise bei „Jugend forscht“ gewonnen. Und dieser Lehrer macht das zusätzlich. Das wird nicht finanziell oder mit Stellen ausgestattet, sondern das ist Eigeninitiative. Das ist eigentlich der Prototyp der Garage, in der entwickelt wird. Die Garage ist die Metapher für einen Raum, in dem man keine „credit points“ kriegt und nicht bewertet wird.

Was bedeutet das für den Lehrerberuf, wenn solch hervorragende pädagogische Arbeit nur in zusätzlicher Arbeit entsteht? 

Es bedeutet, dass nicht die Kreativen in die Schule gehen; sondern dahin gehen – ich pauschalisiere jetzt – diejenigen mit dem Wunsch nach Verbeamtung. Sie fragen mich ja, warum sich Schulen so wenig verändern. Ich kann Ihnen eine Reihe fantastischer Schulen nennen. Deren Engagement geht aber immer von besonders engagierten und leidenschaftlichen Päda­gogen aus; zum Beispiel in der Alemannenschule Wutöschingen: Ein Lehrer dort sieht den Film „Treibhäuser der Zukunft“ von Reinhard Kahl. Er hat eine schlaflose Nacht und beschließt, die Pädagogik an der Schule zu ändern. Heute hat man dort ein fantastisches Schulmodell. 

Kati Ahl: Schule verändern – jetzt! Wegweisende Antworten auf drängende Fragen
© 2020. Kallmeyer in Verbindung mit Klett 
Friedrich Verlag GmbH 
22,95 Euro 
ISBN: 978-3-7727-1412-2 
www.friedrich-verlag.de
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Die Kolleginnen und Kollegen sagen ja oft: Wenn wir mehr Geld oder diese besonderen Bedingungen hätten, dann könnten wir was ändern. Aber ich habe gesehen: Die Schulen, die sich auf den Weg machen, die haben nicht viel Geld, die haben eine Vision. Wenn sie eine attraktive Idee und Vision haben, dann kommt das Geld zu ihnen, weil andere das interessant finden! Dieser Sog entsteht dadurch, dass die Schulen pädagogischen Spirit haben und sich mit ihrem Umfeld vernetzen.

Das ist genau die spannende Frage: Wo entsteht Veränderung? Was ist der zündende Funke?

Dazu müssen sie „Tipping Point“ von Gladwell lesen. Veränderungen gehen danach immer von wenigen aus. Wenn sie eine Sache attraktiv formulieren, dann entsteht das, was ich ein kreatives Feld nenne. Das habe ich in meinem Buch „Team-Flow“ beschrieben.

Kati Ahl hat Olaf A. Burows Rat befolgt und den Impulsen zu Veränderungsprozessen aus „Tipping Point“ ein eigenes Kapitel mit anschaulichen Beispielen aus einer Schule gewidmet.