Digital und vernetzt

Lehreralltag in der Zukunft

„Lernräume, wie wir sie heute kennen, werden in Zukunft obsolet sein“, sagt der Kölner Lehrer André Spang, der schon vor Jahren auf digitale Lehr- und Lernmethoden gesetzt hat. Vom Tablet als digitalen Schulranzen, auf dem alle Unterrichtsmaterialien zusammengefasst sind, schwärmt Christoph Igel, Professor an der TU Chemnitz und Leiter des Projekts „Klassenzimmer der Zukunft“.

Ein Konzept darf nicht fehlen

Das Anforderungsprofil der Schulen ändert sich derzeit dramatisch. Damit wandelt sich auch der Alltag der Lehrkräfte. Digital und vernetzt wird er sein, und zwar sowohl in pädagogisch-didaktischer als auch in inhaltlicher Richtung. „Intelligente Bildungsnetze haben das Potenzial, Kinder und Jugendliche mit individuell auf ihre Fähigkeiten, ihren Lernfortschritt und ihre Lernziele angepassten Inhalten zu unterstützen“, sagt der Chemnitzer TU-Professor Christoph Igel. „Assistenzsysteme via Internet helfen im Klassenraum oder zu Hause, sich auf Prüfungen vorzubereiten, Unterrichtsinhalte zu vertiefen und zu üben oder bieten die Möglichkeit, sich mit Mitschülern auszutauschen und gemeinsam neue Dinge zu lernen“, so Igel. Lehrer müssten diese Kommunikationsprozesse anstoßen, strukturieren, steuern und individualisieren.

Die technischen Rahmenbedingungen und ein pädagogisches Konzept sind dafür Voraussetzung. Das Konzept zu entwickeln, ist jedoch nicht leicht. Der digitale Wandel vollzieht sich in einem rasanten Prozess. So werden verlässliche Voraussagen, über mehrere Jahre, kaum möglich.

Anhaltspunkte liefern jedoch Untersuchungen wie der jährlich erscheinende „Horizon Report“*. Er untersucht den Einfluss moderner Bildungstechnologien auf Schule und Lernen und damit auch auf den Lehreralltag. Die 2018 erschienene Ausgabe beschreibt dabei mehrere Trends – und zeigt zeitlich gestaffelt, wie stark sich auch die Arbeitsanforderungen an Lehrer ändern:

  • Kurzfristig stehen demnach Themen wie analytische Technologien und sogenannte Makerspaces auf der Tagesordnung. Schüler werden dabei zu Akteuren ihrer eigenen Lernwelten. Für Lehrer bedeutet das eine Rollenverschiebung hin zu einer stärker digital gestützten Lernbegleitung.
  • Mittelfristig erwarten die Autoren des Reports eine starke Veränderung der Lernsituation in der Schule. Kollaboratives, forschendes und selbstgesteuertes Lernen wird zum Normalfall.
  • Langfristig müssen dafür die Lernräume völlig neu gestaltet werden. Das heutige Konzept von Schule ist dann überholt. Eine Kultur der Innovation sollte etabliert werden. So kann auch organisatorisches Design den Anforderungen von zukünftiger Arbeit gerecht werden.

Schule entsteht neu

Ein besonderes Augenmerk müsse dabei auf neue Lern- und Bildungsorte gerichtet werden, außerdem auf neue Formate, künstliche Intelligenz und tragbare Technologien, sagt André Spang: „Daraus erwachsen Herausforderungen wie der Wandel der Rolle der Lehrenden, die ‚digitale Gleichberechtigung‘ und die Aufgabe, unterschiedliche Leistungsniveaus durch personalisiertes Lernen in den Griff zu bekommen.“

Stattfinden werde diese neue Art des Lehrens in Räumen, die mit heutigen Klassenzimmern kaum noch etwas zu tun hätten: „Makerspaces, virtuelle Technologien, künstliche Intelligenz, Online-Kurse, kollaboratives Lernen an jedem Ort und zu jeder Zeit werden möglich sein – und das nicht erst in 20 Jahren“, sagt Spang, der mittlerweile die NRW-Landesregierung bei der Entwicklung digitaler Bildungsstrategien berät.

Zentrale Kompetenzen in einer vernetzten digitalen Gesellschaft im Hinblick auf konstruktive Mediennutzung sind für Spang Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken, Kreativität, Programmierkenntnisse und eine digital-soziale Verantwortung. Im Umkehrschluss hieße das: Die Lehrer der Zukunft werden diese Kompetenzen für das Leben und Lernen in der digitalen Welt nicht nur vermitteln, sondern auch selbst leben müssen.

* Er wird jährlich vom New Media Consortium (NMC) in Kooperation mit der EDUCAUSE Learning Initiative (ELI) herausgegeben. Das NMC (USA) ist ein international agierendes Non-Profit-Konsortium aus mehreren Hundert Bildungsinstitutionen, die sich der Untersuchung und dem Einsatz von neuen Medien und Technologien widmen. Das Multimedia Kontor Hamburg (MMKH) erstellt seit 2009 die deutsche Übersetzung der Hochschulausgabe.