Künstlerisches Denken ist weder eine Kreativtechnik noch eine Wissenschaft

Es gilt, das Feld zu bespielen, nicht zu entschlüsseln

Das 4K-Lernen wird in der aktuellen Bildungsdebatte als ein wesentlicher Baustein von Schule im
21.Jahrhundert gesehen. Die vier Ks sind: Kollaboration, Kommunikation, Kritisches Denken
und Kreativität. Ausgerüstet mit diesen Kompetenzen sollen die Schüler auf ein Leben in einer
zunehmend digitalisierten und komplexen Welt vorbereitet werden. bildung+ sprach mit
Prof. Ursula Bertram über Kreativität in Bildung und Gesellschaft.

Foto: Adobe Stock/kirasolly

b+: Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit Schule kreative und innovative Menschen bildet?

Wir sollten 50 % wissenschaftliches Denken und Handeln lehren und 50 % künstlerisches Denken und Handeln.

b+: Stichwort Künstliche Intelligenz vs. Künstlerische Intelligenz. Wie wird sich das Verhältnis Mensch und Maschine zukünftig entwickeln? Welche Rolle werden schöpferische Kompetenzen in der Gestaltung dieser Beziehung haben?

Künstler wechseln heute den Pinsel mit Algorithmen demnächst mit etwas anderen. Hätte der marketingstarke Albrecht Dürer zu seiner Zeit diese Möglichkeit gehabt, hätte er sicher seinen Stichel für Druckplatten auch mit dem Werkzeug des Algorithmus getauscht und erprobt. Künstler haben immer zu den neuesten Techniken gegriffen. Nam Jun Paik hat sich bei der Erfindung des Fernsehers unmittelbar dessen bedient, andere bedienen sich heute der Gentechnik, um beispielsweise den fluoresziernden Hasen ALBA (von Eduardo Kac) herzustellen oder künstlich erzeugtes Froschfleisch. Letzteres um mit einer Alternative gegen den Verzehr von Froschschenkeln zu protestieren. Es handelt sich um Techniken jeder Art, die das künstlerische Denken beflügeln und schöpferische Kompetenzen erweitern. Letztlich kann jedoch künstliche Intelligenz ohne das Konzept eines künstlerisch denkenden Menschen kein künstlerisches Werk hervorbringen. Techniken werden weiterentwickelt, weiter divers genutzt. Das ist seit Erfindung des ersten Werkzeuges in der Steinzeit nichts Neues oder Erschreckendes. Lediglich die flächendeckende Anonymität von Autoren und ihren Veröffentlichungen, die das digitale Netz ermöglicht, scheint mir Verirrungen und sprachliche und soziale Verrohungen hervor zu bringen. Künstler übernehmen Verantwortung für ihr Werk, wenn sie es veröffentlichen und setzen sich dem Diskurs aus. Alles andere ist im wahrsten Sinne verantwortungslos.

b+: Sie haben in unseren Gesprächen mehrfach vom non-linearen Denken gesprochen? Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Non-lineares Denken ist eine Kernkompetenz künstlerischen Denkens. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die Frage nach einer Definition ist wissenschaftlicher Natur, da es sich um den Versuch einer endgültigen Festlegung und Entschlüsselung handelt (Definition). Daher habe ich in der Vergangenheit bereits vorgeschlagen, die Definition von Künstlerischem Denken und Handeln statt mit Tinte mit Wasser zu schreiben. Somit ist die temporäre Gültigkeit auch visuell nachvollziehbar. Sichtbar wird ein offenes Feld. Es gilt, das Feld zu bespielen, nicht zu entschlüsseln.
Eine Entschlüsselung beinhaltet immer eine bestimmte Wahrheit, die zu finden ist. Folglich befinde ich mich im Defizit, wie bei der Lösung von Rechenaufgaben. Hier nicht: Die Lösung verbirgt sich nicht im Defizit, sondern auf einer Spielwiese des Möglichen und des intelligenten Nichtwissens. Nichtwissen bedeutet dabei nicht die Erprobung von Dummheit, sondern die Erprobung des Zweifelns, des Loslassens, des nicht normierten Denkens, des Wegdenkens, Experimentierens, des freien Erfindens und des Querdenkens. Solange ich nur auf das Ergebnis fixiert bin, werde ich kaum ans Ziel kommen.

Künstlerisches Denken ist weder eine Kreativtechnik, noch eine Wissenschaft, somit weder in der Anwendung noch im Hoheitsfeld der Logik zu finden. Künstlerisches Denken hat nicht Vereinbarungen wie wissenschaftliches Arbeiten, es sei denn die, dass es keine Vereinbarungen gibt. Es beansprucht keine Worte, und kommt mit dem Produkt gleichzeitig auf die Welt. Es handelt sich um einen gewissermaßen porösen Zustand einer offenen Wahrnehmung und Erfindungskraft, die keinen Konventionen folgt, die nicht auf Wissen basiert, sondern durch ihre Eigenart Wissen hervorbringt. Es ist eine Haltung, die sich in der Zuwendung ins Offene zeigt auf einer Art Flüssigkeitsmatrix der Möglichkeiten. Die Prozesse sind non-linear.

Kann Künstliche Intelligenz Kunstwerke hervorbringen?

Ja sicher, das sehen wir gerade an dem Kunswerk „min G max D Ex[log(D(x))] +Ez[log(1-D(G(z)))]“, auch «Edmond de Belamy» genannt, das jüngst für 432 000 Dollar bei Christies Auktionshaus den Besitzer wechselte. Es handelt sich um ein Werk, hier ein Portrait, bei dem zwei Algorithmen gegeneinander arbeiteten: der erste konstruierte Bilder auf der Grundlage von 15000 gespeicherten Porträts aus mehreren Jahrhunderten, der zweite nahm sie nur an, wenn er keine Maschine hinter der Arbeit vermutete. Das steigerte wiederum die Lernfähigkeit des ersteren. Das Konzept stammt vom Pariser Künstlerkollektiv
Obvious, die den Algorithmus aus einer open source entnommen hatten.

b+: Ich habe kürzlich eine sehr schöne Metapher zum Leben in der Digitalität gehört: In der Vergangenheit ging es darum Punkte zu sammeln, in der Zukunft geht es darum Punkte zu verbinden. Zielt Ihre Definition von non-linearem Denken in eine ähnliche Richtung? ... das was wir vom Web als Hyper-
Links kennen, als Modell für unser Denken zu erproben?

Ja, das ist eine schöne Metapher, die bereits der Physiker Fridjof Capra ähnlich resumierte: „Die rationale, reduktionistische und lineare Analyse ist einer kontextbezogenen, intuitiven, ganzheitlichen und nicht linearen Synthese gewichen.“ Das von Descartes zu seiner Zeit zu Recht geforderte objektivierte,
analytisch verifizierbare Denken hat uns 500 Jahre geprägt. Wir sprechen von einem Paradigmenwechsel, der grundsätzliches infrage stellt. Wir glaubten – gerade in den Naturwissenschaften – dass es Bausteine unseres Seins gibt, die uns das ganze Universum entschlüsseln würden, sozusagen als ordentliches begreifbares System. Noch Einstein glaubte, dass „Gott nicht würfeln würde“, will sagen, dass wir – sobald wir die Erkenntnisse hätten – sich uns ein schlüssiges System offenbaren würde. Daselbst, je tiefer wir in die Materie einsteigen, je mehr scheinen wir es mit Dimensionen und ihren Formen zu tun zu haben, die sich eher nonlinear verhalten. Und je mehr scheinen wir es mit dem System Kunst zu tun zu haben. Wie wunderbar! Wer hätte das gedacht:
Je genauer unser Wissen wird, desto mehr nähern wir uns dem System Kunst. Grund genug, das System Kunst mit all seiner Nonlinearität zu lehren. „Je näher wir der Kunst kommen, je näher kommen wir dem Profil der Zukunft“, so Catherine David, Dokumentaleiterin.

b+: Der technische Wandel ist enorm, wir erleben eine unglaubliche Innovationsrasanz. Wie kann uns das Denken des Künstlers dabei helfen, junge Menschen fit zu machen für eine immer komplexere, sich rasch wandelnde Welt? Für einen künstlerischen Prozess würde ich eher das Bild von Schwangerschaft und Geburt sehen, als etwas, das sich nicht beliebig beschleunigen lässt. Wie können wir aus diesem Feld Energien ziehen?

Stellen wir uns einen Transfer vor in ein anderes Fachgebiet oder eine andere Disziplin. Wie geht das? Wenn ich einem Künstler die Bilder wegnehme, dann bleibt das künstlerische Denken übrig und das ist die Essenz, die ich auch auf andere Gebiete anwenden kann, wenn sie zu einer Haltung geworden ist. Wenn ich Kunst nur mit Bildern verbinde, dann habe ich nur eine ganz kleine Insel, die ich mit ein paar Farben, Inhalten und Gedanken abbilden kann, aber ich kann es nicht übertragen. Diese Übertragungsmöglichkeit ist für mich spannend. Übrigens nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Wissenschaft. Was ist denn, wenn ich den Wissenschaftlern die Worte wegnehme? Was ist denn dann übrig? Da müsste doch ein wissenschaftliches Denken übrigbleiben? Wie wird das dann weiter umgesetzt? Da haben wir Zeichnungen, Skizzen, Systeme usw. Ich würde auch so weit gehen, zu fragen, was ist, wenn man der Wirtschaft
das Geld oder die Zahlen wegnimmt? Was bleibt dann übrig? Ein wirtschaftliches Denken. Wenn man jetzt die drei Essenzen zusammennimmt, das wirtschaftliche Denken ohne Zahlen, das wissenschaftliche Denken ohne Worte und das künstlerische Denken ohne Bilder und Objekte, wenn wir die zusammentun, dann erhalten wir eine Superessenz.

b+: In den USA gibt es aktuell eine wachsende STEAM-Bewegung ? Die STEM-Fächer - also unsere MINT-Fächer Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik werden erweitert um A wie Art, mit dem Ziel Wissenschaft und Kunst nicht länger getrennt zu denken und zu unterrichten. Gefällt Ihnen die Idee?

Kommt darauf an. Wenn es sich um eine Art Sahnehäubchen Kunst handelt, gefällt es mir nicht. Ein schnelles Einverleiben greift zu kurz. Die künstlerische Haltung steht in einem gewissen Sinn in synergetischem Widerspruch zum wissenschaftlichen Denken und Handeln. Das künstlerische Denken und Handeln führt zu einer Haltung, die im besten Fall Denk- und Handlungsoptionen ermöglicht, die wiederum bestimmte materielle oder immaterielle Ergebnisse erzeugt. Die Zugangsweisen von Wissenschaft und von Kunst sind wie Wasser und Öl. Ich bin der Meinung, dass sie sich nicht vermischen sollten. Wenn man beispielsweise Farben vermischt, dann gibt es Grau. Das ist nicht schön. Die ganzen bunten Farben, die man hat, wenn man – wie Goethes
Farbkreis zeigt – zusammenmischt, ergibt immer ein trostloses Grau, verschiedene Graustufen, aber immer Grau. Und ich meine, dass die Zugangsweisen, die wir in der Wirtschaft, in der Kunst oder in der Wissenschaft haben, kein graues Feld sein sollten. Sie sollten wie oszillierende bunte Felder sein, die sich – wie im Pointilismus – nicht vermischen, sondern nebeneinanderstehen und vielleicht aus der Ferne eine Farbe ergeben, aus der Nähe betrachtet aber unvermischt
nebeneinander stehen. Ich glaube, wir sollten hier auch keine Mengenlehre anwenden. Wir sind schnell dabei, zwei Kreise mit einer Überlagerung in der Mitte zu zeichnen, um so die wunderbare Mischung aus Kunst und Wissenschaft zu erhalten. Das stimmt meines Erachtens nicht, denn wir haben bei dieser Vermischung nur einen gemeinsamen Nenner und das ist bekanntlich der kleinste, der kleinste gemeinsame Nenner.

Es gibt einen Prozess des Logischen, Wissenschaftlichen, Beweisbaren, gemeint ist die auf Begründung, Falsifizierung und Verifizierung basierende Zugangsweise der Wissenschaft. In der Kunst gibt es eine ganz andere Zugangsweise, die sich auf Neugierde bezieht, auf Zufall, auf Spielerisches auf Non-lineares und das ist eine getrennte Zugangsweise. In dem Produkt können sie sich vereinen, aber in den Prozessen sollten sie getrennt bleiben. Vielleicht könnte man Kunst und Wissenschaft als Zwillingspaare betrachten, wie unser Kleeblattprinzip© zeigt. In den neuesten Erkenntnissen der Stringtheorie , wird der oszillierende Prozess von Physikern als elementare Balance unseres Seins vermutet. Ich denke, das künstlerisches Denken und wissenschaftliches Denken eine gleichberechtigte Verankerung haben sollten, 50/50 im Bildungswesen, damit wir aus der sozialen, gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Sackgasse herausfinden.

b+: Das Räume das Lernen stark beeinflussen ist unumstritten, obwohl die Architektur der meisten Schulen immer noch mehr einer Kaserne oder einem Krankenhaus ähneln als einer Werkstatt oder einem Atelier. Sie haben mit Kreativräumen experimentiert. Welche Empfehlungen können Sie Schulplanern
geben?

Ich habe mit meinem Lehrstuhl „Plastik und Interdisziplinäres Arbeiten“ etwa zehn Jahre in kleinen, niedrigen Seminarräumen gearbeitet mit Metallwänden, in die man nicht bohren durfte, abgehängte Schaumstoffdecken, die keinerlei Tragfähigkeit besaßen und Linolböden, die keine Funken vertrugen. Ich habe einen Großteil meiner Seminare woanders abgehalten: in einem aufgelassenen Gewächshaus am Friedhof, in einer alten Brauerei (heutiges Kreativzentrum
Dortmunder U), am Meer in der Bretagne, in einem verlassenen Bunkergelände oder einfach auf dem Flur. Als der experimentierfreudige Rektor der TU Dortmund Prof. Becker und der damalige Prorektor Prof. Weihs uns drei große ehemalige Laborhallen als Lehrund Lernraum überließ, die meinen Entwurf
der „Kunst in außerkünstlerischen Feldern“ 2007 unterstützte, veränderte sich nicht nur unser Standort, sondern auch die Arbeiten der Studierenden. Der Mut wuchs mit den räumlichen Möglichkeiten. Allerdings blieb es immer spannend, „außer Haus“ zu arbeiten, was allerdings auch für uns organisatorische
Höchstleistung erforderte. Dennoch haben wir das auch in Schulen mehrfach erfolgreich umgesetzt.
Bezüglich der Schulplanung: Die baulichen Missverständnisse des Lernens unserer Zeit liegen nicht an den Planern, es gibt genügend Architekten, die ein kreatives Gebäude zu entwerfen wissen, das sowohl Denk- und Experimentierräume enthält, als auch Konzentrationsräume, Interdisziplinäre Kommunikationsorte, Erprobungsflächen und Erwartungsfelder. Kein Problem dies umzusetzen. Allein, es bedarf der geeigneten Voraussetzungen für die Planer. Bei den momentanen Wettbewerbsverfahren, einem kleinen Budget, rechtwinkligen Gutachtern und innovationsfeindlichen Steuerzahlern machen alle diesbezüglichen Überlegungen keinen Sinn. Auch Politiker müssten kühne Entscheidungen aushalten und verteidigen, die Stimme des Volkes ist nicht mehrheitlich risikobereit. Das ist schwer, solange das künstlerische Denken und Handeln nicht als unverzichtbares Lebensmittel in den Köpfen avanciert ist. Wie der russische Ökonom Kondratieff bereits 1926 in seinen Zyklen beschrieben hat: Ein wirtschaftliches Hoch bringt Unbeweglichkeit, Innovationsfeindlichkeit und Saturiertheit. Ich sehe eine Lösung darin zunächst etwa sieben Prozent der Schulen in jedem Bundesland räumlich ideal zu konzipieren, das würde das Bildungsbudget verkraften und entspäche in etwa dem Innovationsbedarf der Gesellschaft und Gesamtwirtschaft, wohlwissend, dass der Ansatz auf Dauer höher liegen muss.

b+: Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Frage: Wie kann das Denken und Handeln von Künstlern in anderen gesellschaftlichen Bereichen befruchtend etabliert werden? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Markus Rehm ist ein deutscher Leichtathlet im Behindertensport. Er ist auf den Weitsprung und die Sprintstrecken spezialisiert. Bei der Para-EM 2018 in Berlin springt er 8,48 Meter – Weltrekord! Mit dieser Weite wäre er auch bei den Nicht-Para-Sportlern Europameister geworden.
Den Erfolg verdankt er einer inzwischen weltweit bekannten Prothese, die ein Team aus einem Designer, einem Mediziner und einem Technologen entwickelt hat durch eine völlig andere Denkweise, die ich künstlerisch nennen würde.

Das Wegdenken aus den bestehenden Konventionen gehört zur Kernkompetenz Kunst. Das ist weit mehr als eine zielorientierte Optimierung von bisherigen Erfolgen und viele Unternehmen haben das mittlerweile erkannt. Der Innovationsmanager der Deutschen Post DHL, Uwe Radetzki fordert Schnittstellen zu den einzelnen Kreativfronten. In der Wirtschaft schließen sich Unternehmen zu großen Forschergruppen zusammen, wie „Connect Creativity“ von future-bizz unter Einbezug des künstlerischen Nachwuchses. Eine der erfolgreichsten Konferenzen ist die Berliner Veranstaltung „Falling Walls“, die die Fachdisziplinen, insbesondere auch die Kunst, in großen Zukunftsprojekten zusammenführt.

Ursula Bertram, Künstlerin

Professur an der FH Mainz (1992–94), Univ.-Professur am Institut für Kunst und Materielle Kultur der Universität Dortmund 1994–2018, Fachgebiet Plastik und Interdisziplinäres Arbeiten, Gastprofessuren in den USA 1998 und Venezuela 2002. Senatsmitglied der Technischen Universität Dortmund 2012–16.
Gründerin der IDfactory/Zentrum für Kunsttransfer 2007, IDfactory FRANCE 2019. Lebt und arbeitet in Mainz und Quimper, Frankreich. www.id-factory.de;

Längst haben sich non-lineare Vorgehensweisen nicht nur im Web, sondern auch im Maschinenbau und der Logistik unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ etabliert, wo die neuartige Fabrik mit einer Jazzband verglichen wird: „Es gibt ein grobes Schema, an das sich alle Maschinen halten müssen, aber es gibt auch Raum für Improvisationen“, so Wolfgang Wahlster vom deutschen  Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.
Es geht um Interdisziplinarität, flexible Sichtweisen, alternative Vorgehensweisen, vernetzte Denkvorgänge, persönliche Entfaltung und visionäre Entwicklungspotenziale als Anforderungen der Zukunft. Es ist unumgänglich, dass die Ausbildung in Schulen und Universitäten den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung tragen und das traditionelle lineare ergebnisorientierte Lernen durch die Vermittlung überfachlicher, non-linearer Kompetenzen „auf Augenhöhe“ ergänzt wird. Das Zentrum für Kunsttransfer/IDfactory hat mit bereits 500 begeisterten Studierenden aus allen Bereichen erprobt, was es bedeutet künstlerische Kernkompetenz in außerkünstlerische Felder einzusetzen. Gemeinsam mit Unternehmen entwickeln wir Strategien, wie die Navigation im offenen System Kunst transferiert werden kann, wie die dazu notwendigen Kompetenzen der Improvisationskraft vermittelt werden können und wie folglich künstlerisches Denken in außerkünstlerische Felder übertragen und im Bildungsund Wirtschaftssystem der Zukunft wirksam werden kann.

b+: ... und wie haben Sie es gemacht?

Ich erinnere mich an meine erste Professur, als eine Studentin auf dem Flur kurz vor meiner ersten Vorlesung zu mir sagte: ...“und, was machst du hier?“ Ich: „Plastik und Zeichnen in der Hauptsache“. „Meinst du, das bringt was?“ Ich: „Denke schon, ja ...“ In den nächsten 20 Jahren haben wir Feuerkreise im Schnee gezeichnet, einen alten Bahnhof zur Dependance der Uni gemacht, eine abgegessene Chemiehalle zur IDfactory erklärt, Opern am Meer performt, auf Tonnen von Sand Ausstellungen gemacht, mit Unternehmen Innovationen entwickelt, fachübergreifende Symposien verhandelt, Bazon Brock überzeugt, Kunsttransfer zum educational turn proklamiert, publiziert, brennende Diskussionen geführt, gefordert, Schritt für Schritt Land erobert, Gralshüter verführt und gewonnen. Wir wurden gefeiert, ausgezeichnet oder als Brandstifter verklagt, als interessanter Fortsetzungskrimi von einer konsumfreudigen Jugend beäugt, hinterrücks vor Neid erdrosselt, zum Fahnenträger erklärt, geliebt, gehasst, gefeiert und geächtet. Das war ein Drahtseilakt auf dem Seil der Begeisterung über dem Fluss der Beharrlichkeit. Man kann es einfacher, aber dann sicher trostloser haben. Ich habe es zusammengefasst in einem Buch: Kunsttransfer- Effizienz durch unangepasstes Denken, Transcript, 2017, engl. Fassung 2018. Es geht um fachübergreifende Kompetenzen und Innovationskraft einer vielversprechenden Generation. Es wird Zeit, dass deutsche Universitäten den Anschluss an die internationale Bewegung der künstlerischen Forschung finden, die inzwischen als Zukunftsqualifikation für Wirtschaft und Wissenschaft verhandelt wird, in Südafrika, in China, in Finnland, in Brasilien und andernorts. Und es wird Zeit, dass wir in den Schulen ein Fach etablieren, das dem künstlerischen non-linearen Denken gewidmet ist, nicht der Kunstproduktion, was immer man darunter versteht, sondern dem überfachlichen Erfinden, dem professionellen Wegdenken, dem intelligenten Nichtwissen und der gleichberechtigten Synergie. Hiervon sind wir noch Lichtjahre entfernt, obgleich wir diese Kompetenz schon gestern gebraucht hätten.