Von Frühaufstehern lernen

Digitalisierung und Digitalpakt

Kennen Sie die Snooze- oder Schlummerfunktion Ihrer Wecker-App oder Ihres Weckers auf dem Nachttisch? Das Signal hat Sie geweckt, aber sie wollen noch etwas dösen, dann verschafft Ihnen der Snooze-Modus noch zehn Minuten Aufschub – bis das Signal erneut ertönt und anzeigt: Für die Digitalisierung gibt es keinen Aufschub mehr.

ActivePanels unterstützen die unterschiedlichsten Lernszenarien und erlauben einen vielseitigen Einsatz digitaler Medien. Foto: Promethean GmbH

Ende 2016 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) mit ihrer Strategie die Bildung in der digitalen Welt eingeläutet. Seit dem Schuljahr 2018/19 sieht diese Strategie die Informatische Grundbildung in allen Schulfächern als verpflichtend vor. Viele Schulen, vielleicht die meisten, haben erst einmal in den Snooze-Modus geschaltet – bis zum Herbst 2019. Mit dem Digitalpakt und der Veröffentlichung der Förderrichtlinien der Bundesländer wird das digitale Zeitalter an den deutschen Schulen unüberhörbar ausgerufen.

Zu den „Frühaufstehern“ in Sachen Digitalisierung gehört die St. Franziskus Schule, ein katholisches Gymnasium in Olpe (NRW). Patrick Schwane, Lehrer für Physik und Informatik, berichtet von den Anfängen.

Investition in Zukunftstechnik

Eigentlich sollte vor etwa drei Jahren nur jeder Klassenraum mit einem Beamer ausgestattet werden. Während der Planung kam das NRW-Programm Gute Schule 2020, das finanziell deutlich mehr Möglichkeiten bot. Und dann kam die Diskussion auf: Wenn wir jetzt komplett umbauen, sollten wir dann nicht direkt Zukunftstechnik investieren, statt in eine Technik, die im Prinzip eigentlich auch schon über zehn Jahre alt und überholt ist?

Alle unter einen Hut kriegen

Um uns auf den neuesten Stand zu bringen, waren wir unter anderem bei einem Unternehmen für Bildungtechnologie in Essen. Dahin haben wir auch ältere Kollegen mitgenommen, um alle Anforderungen an die neue Technologie abzudecken. Für uns war schnell klar, dass wir zwei Gruppen unter einen Hut bekommen mussten. Die eine Gruppe hatte Angst davor, ohne funktionierende Tafel zu unterrichten. Sie fürcheten sich davor, mit den technischen Neuerungen nicht mithalten zu können. Die andere Gruppe sagte „Wir wollen die Zukunft“. Mit den sogenannten ActivPanels (Digitale Tafel) lassen sich beide Perspektiven vereinen: „Wir können etwas Neues haben“ und „Gut, ich kann das Alte behalten“ widersprachen sich nicht mehr.

Die erste Testphase

Probeweise haben wir fünf von diesen Panels angeschafft. Nach einer kurzen Testphase war die Akzeptanz bereits überwältigend. Mittlerweile hängt in jedem Klassenraum ein Panel.

Eine Realschule in Bayern geht den nächsten Schritt in Richtung Digitalisierung

Die Jacob-Curio-Realschule Hofheim in Bayern zündet aktuell schon die zweite Stufe der Digitalisierung. Dazu Stefan Wittmann, der Schulleiter:

„Wir starten momentan mit der Anschaffung von iPads für Schüler. Die Kollegen verfügen bereits alle über ein Service Tablet. Relativ früh sind wir auf diesen Zug mit den interaktiven Whiteboards aufgesprungen – wir haben sie schon seit acht Jahren. Jetzt rüsten wir um auf die modernen Panels. Wir haben seit diesem Schuljarh einen neuen Raum. Er nennt sich Kreativbox und ist als Raum für Gruppen oder für Kollegen gedacht, die vielleicht etwas recherchieren oder präsentieren wollen. In diesem Raum gibt es ca. 20 iPads und eben ein neues Panel. Dort können die Schüler ihre Ergebnisse, die sie auf dem Tablet haben, auf die digitale Tafel spiegeln.“

Die digitalen Tafeln sind ein Bestandteil des neuen pädagogischen Konzeptes:

„Sie bieten eben diese Möglichkeiten des Spiegelns beliebiger Endgeräte. Darauf haben wir lange gewartet. Nicht ohne Grund haben wir zuerst das Kollegium mit Tablets ausgestattet. Das, was sie zuhause recherchiert oder vorbereitet haben, tragen sie auf ihrem Microsoft Surface Pro bei sich. In einem beliebigen Klassenraum verbindet sich der Kollege einfach mit der Spiegelungsapp und schon arbeitet er auf seinem eigenen vertrauten Gerät, und auf dem großen Bildschirm ist das für alle Schüler sichtbar. Das funktioniert natürlich auch genauso mit den Schülerendgeräten. Dank des Androids des ActivePanels benötigen wir keinen weiteren Arbeits-PC mehr in den Räumen.“

In Olpe an der St. Franziskus Schule fährt man ein anderes Konzept

Unser Schwerpunkt liegt auf dem Windows-PC, der zusätzlich in jedem Klassenraum an die digitale Tafel angeschlossen ist. Wir haben Microsoft Office 365 für alle Schüler und alle Lehrer angeschafft und dadurch eine Cloud-Lösung für alle. Die Anmeldung erfolgt über einen Windows-Server. Im Prinzip hat dadurch jeder Lehrer seinen eigenen virtuellen Windows-PC. Physisch braucht er aber nichts mit sich herumzutragen. Egal, in welchem Klassenraum er sich befindet, er muss nichts mitbringen, sondern er loggt sich auf dem Panel ein und ist online. Wir haben diese Netz-Infrastruktur seit Sommer 2018 im Einsatz und mittlerweile alle technischen Hürden gemeistert. Nun geht es darum, die Optionen, die sich durch Cloudangebote, Apps und Programme eröffnen, pädagogisch sinnvoll zu nutzen.

Acht Jahre Erfahrung mit den ActiveBoards an der Jacob-Curio-Realschule Hofheim, heißt auch acht Jahre Erfahrungen mit der Tafelbildsoftware ActiveInspire. Ich würde sagen, dass fast 100% des Kollegiums die Tafelbildsoftware nutzt. Wir bieten zu Beginn des Schuljahres im Rahmen pädagogischer Konferenzen schulinterne Fortbildungen für diejenigen an, die unsicher im Umgang mit der Software sind. Dabei werden grundlegende Funktionen der Software erklärt. Es gibt aber auch Lehrerfortbildungen für diejenigen, die schon relativ fit sind. Vielleicht haben sie selbst etwas gefunden, das sie gerne vorstellen möchten. Die Unterrichtsstunde basierend auf diesen digitalen Hilfsmedien aufzubauen, das ist für mich das Kerngeschäft, allerdings mit aktiver Einbindung von Schülern an der digitalen Tafel – das Board heißt ja ActivePanel und nicht PassivPanel.

Aktivierend ist auch das Stichwort für Patrick Schwane: „Die interaktiven Boards haben ja den Ruf, sie förderten den Frontalunterricht – das ist eigentlich völlig falsch. Es ist die Tafel, die Tafel ist immer frontal. Doch selbst wenn eine Kreidetafel im Klassenzimmer hängt, habe ich doch nicht Frontalunterricht, ich muss sie ja nicht permanent nutzen. Die Boards dagegen kann ich in meinen interaktiven Unterricht einbinden, deswegen heißen sie auch interaktive Tafeln. Die digitale Tafel ist dabei die Schaltstelle, das ist die Kommandozentrale. Da vorn passiert etwas – und ich finde Schaltung ist dafür eine schöne Metapher: gemeinsamer Einstieg, dann geht es in die Gruppe, vielleicht über Classflow ein Arbeitsblatt verteilen oder eine Arbeitsanweisung geben … Es findet Unterricht abseits der interaktiven Tafel statt, aber alles, was die Schüler machen, kann ich auch wieder hierherziehen. Und zwar nicht, indem ich es auf eine Folie schreibe und auf einen Overhead-Projektor lege, sondern indem ich digital vernetzt bin und so auch multimediale Inhalte managen kann … Ja, eigentlich ist hier vorn nur die Kommandozentrale.“

Stichwort Digitalpakt. Was können die Langschläfer in Sachen Digitalisierung von den Frühaufstehern lernen?

„Also das Wichtigste und das, glaube ich, war unser bester Schachzug: wir haben nie mit dem Gedanken gespielt, irgendwas über das Kollegium zu stülpen. Wir haben immer, als es damals anstand, die Kollegen mitentscheiden lassen. Wir haben gesagt: ‚Ok, machen wir es? Machen wir es nicht? Welches System nehmen wir?’ Wir hatten auch viele Geräte zum Testen da und dann am Ende wurde entschieden. Nur deshalb ist bei uns die Akzeptanz relativ groß.

Patrick Schwane

ist seit 2015 Lehrer am St. -Franziskus-Gymnasium in Olpe und begleitete dort die Ausstattung der gesamten Schule mit interaktiven Tafeln und WLAN. Außerdem gründete er den Verein Infotastic, zur Förderung von Digitalisierung im schulischen und außerschulischen Bildungsbereich

Stefan Wittmann

ist Schulleiter der Jacob-Curio-Realschule Hofheim in Bayern. Als Lehrer, Konrektor und Schulleiter hat er die Digitalisierung der Schule maßgeblich begleitet und diese über die Jahre hinweg federführend umgesetzt.

Es ist wichtig, wirklich alle Entscheider mit ins Boot zu holen. Also auch das Landratsamt, diejenigen, die die Geldmittel bereitstellen. Die haben wir damals, als es soweit war, zu uns die Schule eingeladen, haben ihnen gezeigt, was wir mit den Boards machen könnten, welche Auswirkungen es hätte und wie der finanzielle Rahmen ist. Und dann muss man einfach auch partnerschaftlich miteinander umgehen und das machen wir hier. Der Landrat hier und der des Landkreises Haßberge waren wirklich offen im Dialog mit uns und haben am Ende gesagt: ‚Ok, ihr habt uns gezeigt, das ist wirklich etwas, was die Schüler weiterbringt. Da sind wir auch bereit Geld zu investieren.’ Diesen Weg kann ich nur empfehlen“, sagt Stefan Wittmann. Patrick Schwane hat am Ende noch einen Wunsch: „Der Fortschritt ist schnell, aber an den Schulen gilt oft noch die Devise ‚für Schule reicht das‘. Ich würde mir wünschen, dass beispielsweise in Fernsehserien mal moderne Schulen gezeigt würden, statt eine Szenerie mit Kreidetafeln, wo der Putz von der Decke bröckelt. Dann würde ein anderes Bewusstsein dafür entstehen, was für eine Schule normal sein sollte. Denn digitaler Wandel ist in meinen Augen vor allem eine mentale und keine technische Herausforderung. Damit diese modernen Schulen gelingen, muss ein besonderes Augenmerk auf die Personalentwicklung der Unterrichtenden gelegt werden. Digitale Arbeitsmittel flächendeckend zu erkunden und zu nutzen, erfordert viel Zeit für die Lehrer. Diese fehlt aber oft, von daher sollten Bund und Länder auch dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, damit das Projekt ,Digitale Schule‘ gelingt.“