Interview zur Digitalisierung

Digitalisierung lässt sich ohne Technik nicht erklären

Prof. Gabriele Graube forscht an der TU Braunschweig unter anderem zu Schlüsselkompetenzen bei Konstruktionstätigkeiten. bildung+ spricht mit ihr über die Rolle der MINT-Fächer in einer digitalisierten Welt.

Zwei Jugendliche basteln an einer 3D-Arbeit.
Lernende bei der 3D-Druck-Konstruktionsarbeit mit analogen und digitalen Werkzeugen Foto: © Fa. Fabmaker

Zu Ihren Forschungsschwerpunk­ten gehören Technikbildung und Schlüsselkompetenzen bei Konstruk­tionstätigkeiten. Ein von Ihnen entwickeltes integratives Konzept heißt „Natur und Technik“. Welchen Stellenwert hat die Technik im Kanon der MINT-Fächer heute?

Prof. Graube: Wir sind nicht nur ein Land der Denker und Dichter, sondern auch ein Land der Erfinder. In einem Hochtechnologieland wie Deutschland ist es daher geradezu aberwitzig, Technikbildung hinsichtlich Stundentafeln, Verbindlichkeit und Durchgängigkeit als Stiefkind zu behandeln. Da ändert auch MINT nichts.

Eine Ursache sehe ich in einem tradierten und verkürzten Technikbild, das den Zusammenhang zwischen technischer und gesellschaftlicher Entwicklung ausblendet und sich am Handwerk orientiert. Die wissenschaftlich-technische Revolution (auch digitale Revolution) in der Mitte des 20. Jahrhunderts ist in Schule nicht angekommen. Heute reden wir von der 4. industriellen Revolution. Technik ist also schon lange mit Digitalität und Interdisziplinarität verbunden. Dieser integrative Gedanke ist zwar grundsätzlich in MINT angelegt, jedoch immer noch nicht umgesetzt. Und die Bildungs­potenziale integrativer Konzepte wie „Natur und Technik“ werden zu wenig diskutiert.

Zu wenig diskutiert werden auch der Stellenwert und das Verknüpfungspotenzial von Konstruktionstätigkeit. Durch Digitalisierung und digitale Bildungsmedien öffnen sich Verbindungslinien zwischen Technik- und Medienbildung. Technik verknüpft mit seinen vielfältigen Konstruktionsanlässen die digitale mit der analogen Welt und bietet Anknüpfungspunkte zu Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhundert: z. B. ganzheitliches Denken, Kreativität, Lernbereitschaft, Innovationsfreudigkeit, Gestaltungswille, analytische Fähigkeiten, fachübergreifende Kenntnisse und Problemlösefähigkeit. Eine Eingrenzung auf Informatik und Coding als diskutierte neue Kulturtechnik greift viel zu kurz.

Letztendlich geht es darum, das additive Verständnis von MINT aufzubrechen und die integrativen Verknüpfungen in MINT zu erkennen. Erst dann wird es gelingen, das T in MINT wirklich groß zu schreiben und die wissenschaftlich-technische Revolution auch für Lernende erfahrbar zu machen.

Die Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ (Dezember 2016) formuliert sechs Kompetenzbereiche, darunter „3 – Produzieren und Präsentieren“ und „5 – Problemlösen und Handeln“. Kommt damit der Technikbildung zukünftig ein höherer Stellenwert in der schulischen Bildung zu?

Prof. Graube: Das hat mich schon überrascht, dass der Bereich Produzieren explizit genannt wird und ihm ein Kompetenzbereich gewidmet wird. Vor dem Hintergrund von Digitalisierung sollen beispielsweise technische Bearbeitungswerkzeuge angewendet werden und Produktionen geplant werden können. Auch im Kompetenzbereich 5 (Problemlösen und Handeln) sind technische Bezüge eindeutig erkennbar: Es sollen technische Probleme gelöst werden, Werkzeuge sollen bedarfsgerecht eingesetzt werden u. a.

Das Papier lässt also prinzipiell die Möglichkeit zu, einen Beitrag zur Technikbildung leisten zu können. Erstaunlich ist jedoch, dass von Technikbildung an keiner Stelle die Rede ist. Das Papier zeigt stattdessen eine alleinige explizite Fokussierung auf Medien, Medienbildung und -kompetenzen und damit eine Fortschreibung bisheriger Konzepte. Insofern wird hier kaum jemand eine Legitimierung von Technikbildung ableiten.

Damit zeigt sich, dass man in einem Bildungsdilemma steckt: Digitalisierung lässt sich nämlich nicht ohne Technik erklären. Gleichzeitig hat Digitalisierung längst alle Lebens- und Arbeitsbereiche durchdrungen – Kommunizieren und Informieren ist also nur ein Bereich von vielen anderen (z. B. Produzieren). Technikbildung in einem Strategiepapier zur Bildung in der digitalen Welt zu ignorieren, ist keine Lösung.

Erst mit einem Verständnis von Bildung als Frage nach dem „Ort des Menschen innerhalb des Gesamtgefüges gegenwärtiger soziotechnischer Systeme” (nach Jörissen & Marotzki 2009), die durch Digitalisierung gekennzeichnet sind, erhält Technikbildung Anerkennung und einen höheren Stellenwert in der schulischen Bildung.