Wie ein Gymnasium in NRW die Kreidezeit hinter sich gelassen hat

„Digitalisierung ist der richtige Weg“

Ende Juli beschloss NRW ein millionenschweres Programm für die Sofortausstattung mit Laptops. Schulleiterin Gabriele Streckert begrüßt das ausdrücklich, denn ihr Gymnasium in Gevelsberg macht bereits seit Jahren gute Erfahrungen mit der Digitalisierung

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Gabriele Streckert (61) ist seit zehn Jahren Schulleiterin am Gymnasium Gevelsberg. Vor acht Jahren hat sie mit der Digitalisierung ihrer Schule begonnen. Seither entwickelt die Schule multimediale Lernkonzepte und Unterrichtsreihen, die bei Lehrern und Schülern gut ankommen © Micus Strategieberatung GmbH

Frau Streckert, wann und wie haben Sie mit der Digitalisierung begonnen?

Wir haben bereits vor rund acht Jahren ein Konzept erarbeitet, um unsere Schule zukunftsfähig zu machen. Heraus kam, dass wir vor allem eine schnelle Internetverbindung brauchen und digitale Endgeräte. Und für beides haben wir dann gesorgt. Der Rest kam dann von alleine.

Wie lief das ab?

Wir haben mit Unterstützung des Fördervereins zuerst das Beratungsunternehmen Micus aus Düsseldorf mit einem Konzept für einen schnellen Breitbandanschluss beauftragt. Ziel war es, die Schule zukunftsfähig anzubinden und WLAN in jedem Raum zu haben. Da sind wir noch nicht ganz, aber ich denke, am Ende der Sommerferien werden alle Räume mit WLAN ausgerüstet sein. Die Stadt hat die Anschaffung von Tablets für die Lehrerinnen und Lehrer unterstützt. In jeder Klasse gibt es Beamer und Streamingboxen. Bislang bringen die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Endgeräte mit. Unser Ziel ist aber, auch die Schülerinnen und Schüler mit einheitlichen Endgeräten auszustatten. Wir haben also schon vor Corona auf Kreidetafeln verzichtet.

Und wie läuft der Unterricht nun ab?

Vor Corona gab es in jedem Fach auch digitale Unterrichtseinheiten. Von Physik bis zu Musik und Kunst, überall haben wir sinnvolle Lerneinheiten entwickelt, um Inhalte digital zu vermitteln und den Umgang mit den entsprechenden Medien zu fördern. Im Fach Musik unterlegen die Schülerinnen und Schüler beispielsweise Videos mit Audiodateien, in Kunst bearbeiten sie Fotos mit Bildbearbeitungssoftware, in Physik werden Messverfahren mittels App erarbeitet. In Chemie zeigen wir Filme von Experimenten, die heute aus Sicherheitsgründen nicht mehr zugelassen sind. Es gibt in jedem Fach unzählige Anwendungsfälle und das ist ein sehr positiver Effekt.
 

Sie haben das Pferd von vorne aufgezäumt und sich erst um Breitband und technische Ausstattung gekümmert. Wie sind die Lehrer*innen mit dem Ende der Kreidezeit umgegangen?

Ich denke, das 350-Millionen-Paket von NRW-Schulministerin Gebauer für die digitale Ausstattung von Schulen ist der richtige Weg. Sind die Schulen mit schnellem Internet ausgestattet und die Präsentations- und Endgeräte angeschafft, entwickelt sich vieles von selbst. Die Lehrerinnen und Lehrer haben sich gegenseitig unterstützt und alles, was sie erfahren haben, weitergegeben. Es ist fast ein kleiner Wettbewerb entstanden, wie man die Geräte bestmöglich im Unterricht einsetzt. Die Lehrerinnen und Lehrer sind sehr kreativ und produktiv mit der neuen Situation umgegangen.

Wie lief die Coronazeit bei Ihnen ab?

Bis zu den Osterferien haben wir nur mit E-Mails gearbeitet. Aber dann haben wir uns für eine Kollaborationsplattform zur Kommunikation entschieden, und ab diesem Zeitpunkt lief der Unterricht wieder deutlich geregelter ab. Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler konnten gleichzeitig das Tafelbild sehen, dieses bei Bedarf bearbeiten und über Mikrofon und Chat kommunizieren. Es gab Stundenpläne und einen strukturierten Ablauf. Der Vorteil für die Schülerinnen und Schüler war, dass sie sich zu Gruppenarbeiten oder zur gegenseitigen Unterstützung in separaten Chat-
räumen treffen konnten. Die Lehrerinnen und Lehrer trafen sich regelmäßig zu Sitzungen im virtuellen Lehrerzimmer. Das hat sich für uns als sehr gute Lösung entwickelt und wir würden gern auch zukünftig dabeibleiben, falls Distanzunterricht im Falle von Lockdowns notwendig sein sollte. Wir können uns den digitalen Unterricht aber auch im Krankheitsfall von Kindern oder Lehrerinnen und Lehrern vorstellen.

Was raten Sie anderen Schulen, um sich fit zu machen für die Zukunft?

Wichtig ist, dass es Unterstützung von vielen Seiten gibt. Das neue Ausstattungspaket vom NRW-Schulministerium ist das eine, das andere der geförderte Breitbandanschluss. Schon 2018 hat das NRW-Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie (MWIDE) eine Förderrichtlinie erlassen. Ich denke, Schulen sollten sich der Digitalisierung stellen und sich neue Wege zutrauen. Breitband und Technik sind die Grundvoraussetzungen, Qualifizierung und Weiterbildungen bauen auf den ersten Erfahrungen auf. Für den Fall einer zweiten Infektionswelle oder regionaler Lockdowns können alle Beteiligten dann auf ein tragfähiges Gerüst setzen, um guten Unterricht zu leisten.

Interview: Micus / Markus Hofmann
 

Geräte allein reichen nicht – ein Kommentar

Rund 500 Millionen Euro hat die Bundesregierung in ihr „Sofortprogramm Endgeräte“ gepumpt. Schulen sollen damit z.B. Laptops anschaffen und an Schüler*innen ausleihen –
vor allem an jene, die mangels technischer Ausstattung zu Hause abgehängt würden. Das ist löblich, aber blendet eines weitgehend aus: Ohne IT-Management, das zeit- und ortsunabhängig funktioniert, bringen die besten Endgeräte nichts.

Computer sind keine Bücher, die man aus der Bibliothek ausleihen und ohne große Abnutzungsspuren verwenden kann. Sowohl die Vorbereitung eines Geräteverleihs als auch die technische Komplexität von Services, Administration und Sicherheit sind Aufgaben, die Schulen bisher kaum leisten konnten. 
Falls die Geräte bei einer weiteren wochenlangen Schulschließung aus der Ferne verwaltet werden müssen, wird es noch komplizierter. Die Verantwortlichen in den Schulen brauchen daher ein – idealerweise cloudbasiertes –
System, um die Geräte außerhalb der Schule zu managen. Denn zu ihren Aufgaben gehört es unter anderem, …

  • für die datenschutzkonforme und jugendschutzgerechte Nutzung der Leihgeräte bei den Schüler*innen daheim zu sorgen;
  • die Geräte stets auf dem aktuellen Sicherheitsstand zu halten; 
  • Software und Updates unabhängig von Ort und Zeit installieren zu können; 
  • Geräte mit unterschiedlichen Betriebssystemen über eine Oberfläche zu steuern; 
  • die Zusammenarbeit zwischen Schüler*­innen und Lehrer*innen mittels pädagogischer Oberfläche zu gewährleisten; 
  • alle Geräte zu supporten und die Benutzer zu managen.

Ohne eine ganz- und einheitliche Plattform – ein Schul-IT-Management inklusive Lern- und Kommunikationsumgebung – sind diese Aufgaben jedoch kaum zu lösen. „Fernmanagement von Geräten und Inhalten in der Pädagogik ist weitaus komplexer als das Management von Geräten vor Ort“, bestätigt auch Thomas Jordans, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters AixConcept. 
Bereits im Rahmen des „DigitalPakt Schule“ hatten viel weniger Schulen eine Förderung beantragt als von BMBF und KMK erwartet. Gut möglich, dass dies beim „Sofortprogramm Endgeräte“ wieder so läuft. Doch nicht etwa, weil den Schulen die Digitalisierung schnuppe ist. Sondern weil sie genau wissen, dass aus modernen neuen Leihgeräten nicht automatisch eine pädagogisch nutzbare Plattform wird.
 

Markus Hofmann