Digitalisierung der Bildung in Norwegen

Prio eins

Nach viel Gezerre konnte Ende 2019 in Deutschland endlich der DigitalPakt starten. Andere Länder messen der Digitalisierung schon lange hohe Priorität bei. Zum Beispiel Norwegen. Dort sind bereits vielfältige Maßnahmen zur Digitalisierung der Bildung umgesetzt oder in Arbeit – nach einem Masterplan, der uns offensichtlich fehlt

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Norwegen ist sich der Tragweite der Veränderungen bewusst, die Digitalisierung bedeutet. Dort hat die Regierung seit 2015 Strategien sowohl für digitale Kompetenzen in den Schulen als auch für die Digitalisierung der gesamten Gesellschaft und der öffentlichen Verwaltung vorgelegt. Das erste Dokument, die „Digitale Agenda für Norwegen“, legt Leitlinien fest, wie digitale Informations- und Kommunikationstechnologie eingesetzt werden soll, um der gesamten Gesellschaft zugute zu kommen. Dabei wurden fünf Prioritäten festgelegt: erstens ein Fokus auf die Nutzer, also die Bevölkerung sowie private und öffentliche Unternehmen. Zweitens sollen die Maßnahmen dazu dienen, die Wirtschaft zu stärken. Drittens soll der Erwerb digitaler Kompetenzen in allen Bildungsstufen, von der Grundschule bis zur Erwachsenenbildung, gefördert und vereinfacht werden. Viertens soll die Digitalisierung effizient sein, möglichst einheitlich und kompatibel mit den Lösungen in anderen europäischen Ländern. Fünftens soll ein Fokus auf Datenschutz und -sicherheit gelegt werden.

Der Masterplan

Die Agenda nennt vielfältige Maßnahmen: Um die Verwaltung effizient und nutzerfreundlich zu machen, sollen in jedem Sektor einheitliche digitale Lösungen zum Einsatz kommen, die gemeinsamen Qualitätsstandards gehorchen. Zudem sollen digitale Anwendungen im Gesundheitssektor gefördert sowie eine Strategie zu Cloud-Diensten entwickelt werden. Um die Wertschöpfung und die Inklusion zu fördern, sollen Daten wie öffentliche Statistiken, Forschungsergebnisse oder Geodaten öffentlich zugänglich gemacht werden. Cyber-Security soll verbessert und Programmierungskenntnisse sollen gefördert werden, etwa durch zusätzliche Studienplätze. Und um durch elektronische Kommunikation die Produktivität zu steigern und das Alltagsleben zu erleichtern, soll das Breitbandnetz ausgebaut, Netzneutralität garantiert und Mobilfunkabdeckung im Zugverkehr sichergestellt werden.

Strategie für digitale Bildung

Um, wie in der Agenda gefordert, digitale Kompetenzen über das gesamte Bildungswesen hinweg zu fördern, beschloss Norwegen 2017 eine Digitalisierungsstrategie für Primar-, Sekundar- und berufliche Bildung. Diese soll zum einen den Schüler*innen die digitalen Kompetenzen vermitteln, die sie für ein erfolgreiches Privat- und Arbeitsleben benötigen. Zum anderen sollen auch die Schulen digitale Möglichkeiten nutzen, um die Lernergebnisse ihrer Schüler*innen zu verbessern. Die Strategie betont, dass digitale Kompetenzen nicht nur die reine Nutzung digitaler Anwendungen umfassen sollen, sondern auch Elemente wie kritisches Denken, technologisches Verständnis oder Sozialkompetenz.
Bereits 2016 wurde das Wahlfach „Programmieren“ in der Sekundarstufe I eingeführt, auch in der Sekundarstufe II soll dies in den nächsten Jahren umgesetzt werden. Ein weiterer Schwerpunkt der Bildungspolitik liegt auf der Reform der Lehrerausbildung: 2014 wurden die Anforderungen für den Lehrerberuf erhöht, seit 2017 folgt die Lehrerausbildung einem Leitbild, das unter anderem die Stärkung der Kooperation von Lehrkräften untereinander und die Vermittlung digitaler Kompetenzen vorsieht.

Die Maßnahmen zeigen erste positive Folgen: Eine aktuelle Untersuchung im Auftrag der EU-Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass 93 Prozent aller norwegischen Grundschulen und 96 Prozent aller Sekundarschulen „hoch digital ausgestattet“ sind –
im EU-Durchschnitt sind es nur 35 Prozent der Grundschulen und 72 Prozent der weiterführenden Schulen. Zudem gaben zwei Drittel der norwegischen Lehrkräfte an, innerhalb der letzten zwei Jahre Kurse zu digitalen Anwendungen im Unterricht besucht zu haben. Im EU-Durchschnitt waren es nur 50 Prozent.

Vincent Hochhausen/mho