Wie digitale Bildungswerkzeuge im Ausland eingesetzt werden

Der Blick über den Zaun II

Herausforderungen an das Bildungssystem zeigen sich derzeit in nahezu allen Ländern. In Deutschland soll der Digitalpakt Schulen in die Lage versetzen, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. Sabine Huber wirft diesmal einen Blick auf die Bildungsprogramme von drei Ländern, die sich seit vielen Jahren auf dem Weg der Schulreform unter Einbindung moderner Technik befinden: Österreich, die Vereinigten Arabischen Emirate und China.

Das Lernen mit iPad und anderen digitalen Medien bereitet Kinder und Jugendliche auf die Herausforderungen der kommenden Jahre vor – und ermöglicht individuelles Lernen © imtmphoto - stock.adobe.com imtmphoto

Jeder Mensch ist einzigartig, jeder Mensch hat eigene Herangehens­weisen und Vorlieben, Wissen zu erwerben, Kompetenzen aufzubauen und Lernerfahrungen zu machen. 
Wie gelingt es im institutionalisierten Lernen, das Individuum zu begreifen und zu begeistern, zu fordern und zu fördern? Worauf bereitet Lernen vor? Wie wird das Gelernte anwendbar und übertragbar? Sicherlich kaum durch eine Vereinheitlichung des Lernens im Gleichschritt. 
Individualisierte Lernangebote, die es ermöglichen, eigene Stärken zu erkennen und individuelle Kompetenzstufen zu erreichen, öffnen neue Wege zu sinnstiftenden Lernerfahrungen, zum Erhalt von Neugier und Kreativität, zu Kommunikationsfähigkeit und zum Arbeiten in Teams. Lernende und Lehrkräfte benötigen hierbei Unterstützung durch moderne, zukunftsweisende Lehr- und Lernwerkzeuge. 

Österreich – Vom EduHi zu digi.komp

Wissensmanagement in Form digitaler Datenablage – mit dem Education Highway (EduHi) begann bereits 1985 die Digitalisierung von Lerninhalten in Österreich. Die ersten Laptopklassen wurden im Schuljahr 2003/2004 als E-Learning-Klassen im österreichischen Eisenstadt eingeführt. In den folgenden Jahren wurde in Österreich die Herangehensweise an modernen Unterricht mit zukunftsweisenden Lernwerkzeugen verfeinert, untersucht und verbessert. Seit dem Schuljahr 2018/2019 wird in Österreich flächendeckend gemäß „digi.komp: Digitale Grundbildung in allen Schulstufen“ gelernt. 
Im Vordergrund stehen Kompetenzen, die bei der Nutzung digitaler Technologien Anwendung finden: Informationstechnologie, Mensch und Gesellschaft, Informatiksys­teme, Anwendungen und Konzepte. Paral­lel können Schulen sich bei „eEducation Austria: Digitale Schulentwicklung“ einschreiben, um Unterstützung beim Einsatz digitaler Medien im täglichen Unterricht zu erhalten. Mit „digi.check“ werden Lernende und Lehrkräfte bei der Planung und beim Aufbau des persönlichen Kompetenzportfolios betreut und Kompetenznachweise und Zertifizierungen angeboten.
Erfolgsfaktoren von Schulreformen in Österreich liegen im regelmäßigen Austausch von Lernenden, Lehrkräften, Schulleitung, dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie in solide geplanten Projekten, bei denen ausprobiert und Rückmeldungen gegeben werden dürfen. Der Weg der Schulreform hat sich über die digitale Bibliothek von Lerninhalten grundlegend zu einer Kompetenz­orientierung weiterentwickelt. Lernende und Lehrkräfte stehen im Zentrum und werden von vielfältigen modernen Werkzeugen und Lernräumen unterstützt.

Mobile Lernwerkzeuge helfen, alle Kinder und Jugendliche entsprechend ihren Fähigkeiten zu fördern © Rawpixel.com - stock.adobe.com ©Rawpixel.com - stock.adobe.com

Vereinigte Arabische Emirate – Inklusion und Wertschätzung des Individuums

Im Jahr 2012 begann die Bildungsreform der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mit dem „Mohammed Bin Rashid Smart Learning Programme”: Bildung mit modernen Lernwerkzeugen basierend auf Inklusion und der Wertschätzung des Individuums. Erste Erfahrungen mit mobilen Lerngeräten mündeten in die Erkenntnis, dass modernere, die Fähigkeiten des Individuums adressierende Lerninhalte und Lernwerkzeuge benötigt werden. 
Die Sichtung von Schulbüchern aus der ganzen Welt lieferte ferner die Erkenntnis, dass eine Kombination attraktiver traditioneller Lerninhalte wie Text und Bild nicht ausreicht, sondern dass möglichst viele persönliche Lernerfahrungen gemacht werden sollten. Beim sozialen Lernen im Klassenzimmer sollen mobile Lernwerkzeuge helfen, alle Schülerinnen und Schüler der Klasse in den Unterricht einzubeziehen. Ergänzend finden unter anderem interaktive virtuelle Lern­reisen statt – beispielsweise zum Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Herzens oder zur Erkundung von Baudenkmälern in anderen Ländern. 
Kernmerkmal der Bildungsreform und damit der Nutzung moderner Technologien ist das Bestreben, die einzelnen Schülerinnen und Schüler gemäß ihren jeweiligen Fähigkeiten zu fördern und zu stärken sowie gleichzeitig Verständnis für andere zu vermitteln und gegenseitige Hilfe selbstverständlich werden zu lassen. Seit dem Jahr 2017 ist das Smart Learning Programme in allen staatlichen Schulen der VAE eingeführt. Die Zusammenarbeit zwischen den Bildungsministerien der sieben Emirate und die Investition von 25 Prozent der Gesamthaushaltsausgaben der VAE in Bildung hat gewiss erheblich zum Erfolg der Bildungsreform und zum Aufbau ganzer Bildungsregionen (z. B. University City in Sharjah) in den Emiraten beigetragen.

China – auf dem Weg zu personalisiertem Lernen durch künstliche Intelligenz

Wie unterrichtet man eine Klasse mit 100 Schülerinnen und Schülern? Wie lernt man mit 100 Klassenkameradinnen und Klassenkameraden? Große Bevölkerungszahlen erfordern mitunter eine schnellere Veränderung bestehender Systeme, als dies bei Nationen mit geringerer Bevölkerungsdichte der Fall ist. Vorhandene Technologien werden daher in China früher für schulisches Lernen und Lehren in Betracht bezogen als in vielen anderen Ländern. 
China setzt jedoch nicht nur auf die Einbindung fortschrittlicher Technologien wie künstliche Intelligenz, sondern verbindet diesen Einsatz mit einer grundlegenden Schulreform: China befasst sich mit dem Ausbau der Stärken der einzelnen Person, der Entwicklung von Patenten in Hochtechnologiebereichen und der Etablierung von innovativen Themen allgemein. Damit bedarf es einer Bildungsreform, die Lernende unmittelbar auf Herausforderungen der kommenden Jahre vorbereitet, bereits heute vorhandene Technologien einsetzt und Kompetenzen zu ihrer Handhabung aufbaut. Dennoch darf Technologie, nur weil sie vorhanden ist, nicht als Selbstzweck eingesetzt werden. Ein Abwägen, wo Technologie den Lernfortschritt zum Wohle des Einzelnen unterstützt und wo Technologie gegebenenfalls bewertet und überwacht, erscheint angebracht. 
Die Zeiten von Nachhilfestunden und Prüfungsvorbereitungskursen am frühen Morgen, am Abend und am Wochenende sind vorbei. Im modernen China unterstützt künstliche Intelligenz Lehrkräfte und Lernende im Schulalltag und zu Hause. Ergebnis ist die automatische Verteilung passgenauer digitaler Lerninhalte je nach Aufmerksamkeitsstand, Schwierigkeitsgrad und benötigter Zeitspannen zum Lösen von Problemstellungen. Dies wirkt motivierend. 
Die 100 Kinder starke Lerngruppe lernt in China nicht mehr im Gleichschritt, die Lehrkraft wird bei der Förderung des persönlichen Lernerfolgs maßgeblich von Technologie unterstützt. Zu beachten bleibt, dass hohe ethische Richtlinien beim Einsatz künstlicher Intelligenz grundsätzlich und beim Einsatz im schulischen Bereich insbesondere Verwendung finden müssen. Dies wiederum erfordert ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein.

Dr. Sabine Huber, Förderung des Lernens durch zukunftsweisende Lernwerkzeuge