Unterrichtsentwicklung an der Gemeinschaftsschule Freisen

Das Lernen vernetzen

Die Digitalisierung stellt Schulen vor neue Herausforderungen und bietet zugleich einen größeren Handlungsspielraum im Unterricht. Wie muss sich schulisches Lernen entwickeln, um darauf zu
reagieren, und welche Veränderungen ergeben sich für den Lernprozess und die Entwicklung von
Kompetenzen? Die Gemeinschaftsschule Freisen hat ein neues Unterrichtsmodul geschaffen,
das die Vernetzung des Lernens in den Mittelpunkt rückt.

Stop-Motion-Film als möglicher Bestandteil einer VU-Mappe

Schule sollte sich an der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler orientieren. Das 21. Jahrhundert fordert von Schule neue Strukturen und Organisationsformen. Bei der Komplexität der Gegenwartsprobleme kann man Unterrichtsinhalte nicht mehr nur getrennt nach Fächern betrachten. Es muss eine Vernetzung der einzelnen Thematiken, angepasst an die Vernetzung unseres Gehirns, stattfinden, da vernetztes Denken nachhaltiger ist als das Denken in Kategorien. Das Leben unserer Schülerinnen und Schüler wird später schließlich auch nicht nach Schulfächern geordnet ablaufen.

Die Gemeinschaftsschule (GemS) Freisen hat sich im Schuljahr 2014/2015 als erste saarländische Schule nach einem Jahr intensiver Vorbereitung entschieden, ein neues, fest im Stundenplan verankertes Modul einzuführen, das auf diese Problematiken mit einem ganzheitlichen Ansatz eingeht – den Vernetzten Unterricht (VU). Uns wurde bewusst, dass die Veränderungen in unserer Welt auch eine Veränderung im Leben und Lernumfeld unserer Schülerinnen und Schüler nach sich ziehen müssen. Schule muss, unserer Ansicht nach, darüber reflektieren, welches Wissen und welche Fähigkeiten in Zukunft benötigt werden.

Die bereits vorhandene „Pensenplanarbeit“ vermittelt den Schülerinnen und Schülern in den traditionellen Fächern das benötigte Grund- und Fachwissen ebenso wie die notwendige Methodenkompetenz. Uns wurde allerdings bewusst, dass sie außer diesem Wissen auch Fähigkeiten benötigen, die es ihnen ermöglichen, die komplexen Aufgaben und Zusammenhänge unserer Zeit zu erkennen, zu lösen und zu verstehen.

Zur Organisation des VU

Das neue Fach VU sollte von Anfang an eine Symbiose zwischen Schule und Lebenswirklichkeit darstellen, damit das Lernen im Zusammenhang gesehen wird und für unsere Schülerinnen und Schüler einen größeren Sinn ergibt. Dabei wurde großen Wert daraufgelegt, nach neuen Anwendungen zu suchen, die das Wissen der traditionellen Einzelfächer in ein gutes Gleichgewicht mit dem Wissen aus anderen Bereichen bringen. Für die neu geschaffenen VU-Stunden sind keine regulären Unterrichtsstunden weggefallen. Diese wurden lediglich innerhalb der bestehenden Unterrichtstafel verschoben, sodass unsere Schülerinnen und Schüler weiterhin regulär 30 Wochenstunden Unterricht haben. Je nach Thematik des VU geben lediglich einzelne Fächer für ein Schuljahr eine Stunde ab.

Das Fach VU wird momentan in den Klassenstufen 5 – 8 drei bis vier Stunden in der Woche zum Teil parallel in der jeweiligen Jahrgangsstufe von den Klassenlehrerinnen und -lehrern unterrichtet und ist somit fester Bestandteil des pädagogischen Konzeptes. In diesen Stunden kommt es zu einer breiten Fächerung und Vernetzung von Unterrichtsinhalten der verschiedenen Fächer, wobei ein handlungsorientierter Unterricht und das Lernen mit Kopf, Herz und Hand im Vordergrund stehen. Inhaltlich orientiert sich der VU an den Lehrplänen der Einzelfächer, aber auch an der Lebenswirklichkeit und den Interessen der Schülerinnen und Schüler.

Mögliche VU-Ablaufvarianten

Die Schülerinnen und Schüler beginnen ihre Arbeit an den einzelnen VU-Themen meist mit einer Basismappe. Hier erhalten sie fächerübergreifende Informationen zum jeweiligen Thema. Diese Mappe dient als Einstieg in die Thematik und enthält wichtige Informationen für alle. Ebenso soll diese Mappe Interesse am Thema wecken. Im Anschluss bestehen verschiedene Möglichkeiten der Weiterarbeit:

  • Workshop-Phasen: Diese finden oft klassenübergreifend in der jeweiligen Jahrgangsstufe statt. Diese Phasen sind sehr handlungsorientiert. Die Schülerinnen und Schüler wählen je nach eigenen Interessen und Fähigkeiten einen für sie passenden Workshop aus, z. B. das VU-Thema „Re-/Upcycling“ in Klassenstufe 7. Dabei beschäftigen sie sich zunächst intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit und dem Leben in unserer Wegwerfgesellschaft. Großen Wert wird dabei auf nachhaltiges Denken und Handeln gelegt. Somit werden die Schülerinnen und Schüler für ein bewussteres Konsumverhalten sensibilisiert. Ebenso wird ihnen klar, welche Auswirkungen übermäßiger Konsum auf die Umwelt hat. Der Lerneffekt entsteht durch das Aufzeigen konkreter Handlungsalternativen.
  • Portfolio-Arbeit: Dabei steht das wissenschaftliche Arbeiten im Vordergrund. Die Schülerinnen und Schüler suchen sich zum jeweiligen VU-Thema ab Klassenstufe 5 ein eigenes Expertenthema aus, für das sie sich interessieren. Dazu stellen sie sich selbst eine Forscherfrage, zu der sie im Zuge ihrer Arbeit recherchieren und die sie beantworten möchten. Zu ihrem Expertenthema erstellen sie ein Referat (mit einem Plakat oder einer PowerPoint-Präsentation), das sie vor der Klasse und am Präsentationsabend den Eltern vorstellen.

Während des VUs wird weitgehend auf eine Belehrung der Schülerinnen und Schüler verzichtet, damit sich diese in ihrem persönlichen Lernen entfalten können. So sind sie stark an der Problemlösung ihres eigenen Themas interessiert, wobei sie viel Herzblut in ihre Arbeiten stecken.

Chancen der Digitalisierung

Im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung in Schule und Alltag hat es sich unsere Schule zur Aufgabe gemacht, diese zukünftig verstärkt in den Fokus des VU zu rücken. Seit dem Schuljahr 2019/2020 macht sich unsere Schule auf den Weg zur schrittweisen Digitalisierung des VU. Die bestehenden VUMappen sollen in Zukunft digitalisiert und zu interaktiven E-Books umgestaltet werden, sodass eine Bearbeitung auch in digitaler Form möglich wird. Die Ablaufphasen des VU können durch den Einsatz von Erklärvideos, Stop-Motion-Filmen, eigenen Schüler-E-Books, Musik und Apps anschaulicher gestaltet werden. Niemand soll über- oder unterfordert werden. Die Arbeit mit Tablets wird eine didaktische Ergänzung zum bisherigen VU darstellen.

Die Digitalisierung bietet auch im Bereich der Inklusion einen echten Mehrwert. Da alle Schülerinnen und Schüler mit Tablets arbeiten, erfahren diejenigen mit Beeinträchtigungen weniger Stigmatisierungen als durch die ursprünglich genutzten Hilfsmittel wie Sprachcomputer und Leselupen. Der Lernstoff kann auf individuellen Lernwegen an das Lerntempo und Leistungsvermögen des Einzelnen angepasst werden. Tablets bieten unterstützende Maßnahmen, die eine individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen und auch mit Hochbegabung ermöglichen. Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen im Sehen können z. B. Texte vorgelesen werden. Ebenso können diese Texte sowie Bilder beliebig vergrößert werden. Sie können ihre eigenen Texte auch diktieren, womit die Textproduktion effizienter erledigt werden kann. Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen im Hören oder einer auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung können Lernvideos mit Untertitel nutzen und gleichberechtigt an den Unterrichtsinhalten der Lerngruppe teilhaben.

Spezielle Apps machen nicht nur eine Steigerung der Qualität der Aufgaben und Unterrichtsinhalte möglich, sondern bieten begabten und hochbegabten Schülerinnen und Schülern eine notwendige Herausforderung und den Anreiz zur Entwicklung von Denk- und Problemlösungsstrategien. Das Erschließen neuer und unbekannter Lernbereiche wird durch die Recherchemöglichkeiten im Internet erleichtert. Nutzbare Funktionen wie ein Glossar und die Verlinkung mit Onlinewörterbüchern oder Suchmaschinen können beim Einüben wissenschaftlicher Arbeitsweisen unterstützen, wodurch die Eigenständigkeit gefördert wird. Mit der Digitalisierung des VU setzen wir uns daher – neben dem ganzheitlichen Aspekt des Unterrichtens – auch die multimediale und effizientere Teilnahme aller Schülerinnen und Schüler am Unterricht zum Ziel, da diese Art zu lernen und zu arbeiten immer mehr ihrer persönlichen Lebenswelt entspricht.

Reaktionen auf das neue Fach

Unsere Schülerinnen und Schüler haben sich von Anfang für das neue Fach begeistert, was eine Grundvoraussetzung für das Gelingen des VUs darstellte. An manchen Themen arbeiten sie inzwischen intensiver, als es der reine Fachunterricht leisten kann, und erfahren mehr Förderung. So entwickeln sich ihre individuellen Stärken und Fähigkeiten weiter, was sie zu einer erhöhten Leistung im Unterricht motiviert. Zudem verlieren vor allem leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler die Angst vor Fächern, die ihnen zunächst schwierig erscheinen.

Im VU wird nicht nach Fächern, sondern ganzheitlich und themenspezifisch unterrichtet, sie werden eher unbewusst an die Fächer herangeführt. Die Leistungsstärkeren werden durch den VU stärker gefordert und gefördert, da sie ihr Wissen in Spezialthemen vertiefen können und somit zu Expertinnen und Experten werden können. Durch den VU werden vielseitige Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen gefördert. Der klassenübergreifende Unterricht in den Jahrgangsstufen fördert u. a. ihre Sozialkompetenz, weil die Schülerinnen und Schüler sich immer wieder in unterschiedliche Arbeitsgruppen integrieren müssen. Das fächerübergreifende Arbeiten macht ihnen bewusst, dass alle Unterrichtsinhalte zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Diese Vernetzung von Schule und Lebenswirklichkeit führt dazu, dass Lernen sinnvoll erscheint.