Wie kann eine Umgestaltung der Räume eine Kultur der Innovation fördern?

Das Lehrererzimmer als Einflugschneise für Innovation in der Schule

Die Anwendung der in diesem Beitrag vorgestellten 4-Zonen-Matrix bei der Umgestaltung des
Lehrerzimmers schafft neue physische und geistige Räume. Anwender der Matrix können neben
Schulkollegien auch Architekten oder Schulausstatter sein, die in den Prozess der Neu- oder
Umgestaltung von Lehrerarbeitsplätzen involviert sind.

In einer Welt, in der an jeder Ecke von Innovation im Klassenzimmer die Rede ist, wird erstaunlich wenig über Innovationen am Lehrerarbeitsplatz nachgedacht. Diesen blinden Fleck in der Schulentwicklungsdebatte auszuleuchten, machte sich ein fünfköpfiges multidisziplinäres Team aus Studenten zur Aufgabe. Im Rahmen eines Abschlussprojektes an der d.school des Hasso Plattner Institutes Potsdam wurden in Kooperation mit dem Schulmöbelhersteller Hohenloher Trends und Einflüsse auf die Lernumgebungen der Zukunft untersucht. Dabei entstand die nachfolgende 4-ZonenMatrix.

Die 4-Zonen-Matrix ist ein Werkzeug für die Gestaltung von Arbeitsplätzen, an denen unterschiedliche Bedürfnisse koexistieren. Die Matrix unterscheidet an einer Achse zwischen individuellen (ICH) und kollektiven (WIR) Aspekten des Zusammenseins an der Schule. An der anderen Achse zwischen den zwei Tätigkeiten ARBEITEN und ENTSPANNEN. Aus der Kombination der Achsen ergeben sich die Quadranten „ICH ARBEITE“, „ICH ENSPANNE“, „WIR ARBEITEN“ und „WIR ENTSPANNEN“. Jeder Quadrant repräsentiert einen Modus, der am Lehrerarbeitsplatz beobachtet werden kann.

Abbildung 1: 4-Zonen-Matrix mit Zitaten aus Interviews mit Lehrkräften, Referendaren und pensionierten Lehrkräften

Jede Zone weist besondere Charakteristiken auf und fördert bestimmte Tätigkeiten und Geisteshaltungen:

ICH ARBEITE
Die Zone ICH ARBEITE ist darauf ausgelegt, den Wunsch nach konzentrierter Einzelarbeit zu adressieren. Konzentrierte Einzelarbeit für Unterrichtsvor- und Nachbereitung oder administrative Tätigkeiten ist für einige Kolleginnen und Kollegen bisher nur im privaten Arbeitszimmer möglich, wo Ruhe herrscht und alle Materialien verfügbar sind. Was wäre, wenn der Arbeitsplatz in der Schule den Komfort eines privaten Arbeitszimmers aufweist?

ICH ENTSPANNE
Die Zone ICH ENTSPANNE adressiert das Bedürfnis nach all dem Lärm zur Ruhe zu kommen, in sich zu gehen, Kraft zu tanken und mit neuem Elan die nächsten Herausforderungen des Tages anzugehen. Die Zone ICH ENTSPANNE ist ein Rückzugsort für Pausen und Freistunden, an dem Lehrerinnen und Lehrer durchatmen und reflektieren, physisch und mental regenerieren. Was wäre, wenn dieser Rückzugsort Regeneration wie in einem buddhistischen Tempel ermöglicht?

WIR ARBEITEN
Die Bedeutung von Zusammenarbeit im Lehrerkollegium steigt. Die Zone WIR ARBEITEN bietet eine Umgebung, in der diskutiert, experimentiert und gemeinsam kreativ Lösungen für fächerübergreifenden Unterricht oder neue organisationale Herausforderungen entwickelt werden. Dort wird sich über Neues ausgetauscht und unbekannte Technologien, Konzepte und Methoden erprobt. Was wäre, wenn der Arbeitsplatz in der Schule die Möglichkeiten eines Maker Spaces böte?

WIR ENTSPANNEN

In der Zone WIR ENTSPANNEN ist informelles Miteinander erwünscht und möglich, ohne andere Kolleginnen oder Kollegen bei ihrer Arbeit einzuschränken. Gemütlicher Austausch, entspanntes Beieinander, der Wunsch nach einem Kaffee oder etwas zu Essen in der Pause können in diesem Bereich realisiert werden. Was wäre, wenn in der Schule gemütlicher Austausch wie in einem Café möglich wäre?

Abbildung 2: Workshopzwischenergebnis, erste Prototypen jeder Zone der 4-Zonen-Matrix

Die Neugestaltung des Lehrerarbeitsplatzes entsprechend der 4-Zonen-Matrix ist der erste Schritt in Richtung Innovationskultur an der Schule.

Die Förderung und Umsetzung von Innovationen für die Lehrer erfordert die Entwicklung einer Innovationskultur. Dafür ist es unabdingbar, die nötigen Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte zu schaffen. Gerade das Lehrerzimmer, bzw. der Lehrerarbeitsplatz, birgt viele bisher ungenutzte Potenziale. Die Worte Lehrerarbeitsplatz und Lehrerzimmer in diesem Text dienen als Containerbegriffe, die Vorbereitungsräume im Schulgebäude beschreiben, den Backstagebereich des Klassenzimmers. Das Arbeiten in spezialisierten Zonen entsprechend der 4-Zonen-Matrix bietet Lehrerinnen und Lehrern Bedingungen, die für die Etablierung einer Innovationskultur entscheidend sind. Lehrkräfte werden durch spezialisierte Räume entlastet, die 4-Zonen-Umgebung unterstützt die Entwicklung neuer Innovationen und inspiriert dank frei gewordener Kapazitäten. Das gemeinsame Entwickeln des 4-Zonen-Arbeitsplatzes fördert zudem eine Geisteshaltung, die Innovation möglich macht. In den folgenden Abschnitten werden die genannten Punkte genauer erläutert.

 

1. Die Aufteilung des Arbeitsplatzes in 4 Zonen ermöglicht Innovation durch Entlastung aller

Stress, Überlastung und Unmut sind Gift für neue Ideen und große Gedanken. Die Entlastung jedes Kollegen ist Grundvoraussetzung dafür, sich mit Dingen zu beschäftigen, die außerhalb der Tagesordnung liegen. Im klassischen Lehrerzimmer finden Gespräche über Schülerinnen und Schüler Regeneration von Lärm, konzentrierte Unterrichtsvorbereitung und entspannte Gespräche beim Kaffee gleichzeitig in einem Raum statt (siehe Abb. 1), wodurch diese Tätigkeiten sich wechselseitig beeinträchtigen. Im Vergleich dazu sorgt die Umgestaltung des Lehrerarbeitsplatzes in 4 Zonen für Entlastung im Kollegium, da unterschiedlichste Tätigkeiten gleichzeitig durchgeführt werden, ohne sich gegenseitig zu stören. Die Effektivität und Effizienz der Tätigkeiten steigert sich so, wodurch das gesamte Kollegium Zeit und Kraft spart und entlastet wird.
Weitere Entlastung ist möglich, wenn die Raumgestaltung die Tätigkeiten in der jeweiligen Zone unterstützt. Im Idealfall folgt in der Raumgestaltung die Form der Funktion. Funktionierende Drucker, einwandfreies W-LAN, ausreichend Stauraum, funktionale adaptierbare Möbelstücke sind nicht gerade an allen Lehrerarbeitsplätzen in Deutschland Realität. Die Ausrüstung ist manchmal sogar Belastung statt Entlastung. Anstelle eines Lehrerarbeitsplatzes, der dort stattfindende Tätigkeiten kaum unterstützt und vielleicht sogar verhindert, ermöglicht das gezielte Einrichten und Ausstatten von 4 Zonen gesteigerte Funktionalität des gesamten Arbeitsplatzes. Jedes Möbelstück, technische Geräte, Farben, Details usw. unterstützen die im Arbeitsbereich dominierende Tätigkeiten und die dafür nötige Geisteshaltung (siehe Abb. 2). Ein weiterer Faktor, der die Tätigkeiten in der jeweiligen Zone unterstützt und somit zur Entlastung beiträgt, ist der Umgang miteinander. Der Umgang miteinander verändert sich an einem 4-Zonen-Arbeitsplatz, da individuelle Bedürfnisse durch den Aufenthalt in der jeweiligen Zone zum Ausdruck gebracht werden. Sich in der Zone „ICH ARBEITE“ aufzuhalten, signalisiert dem Kollegium wortlos den eigenen Arbeitsmodus und verhindert potenzielle Störungen bei der aktuellen Tätigkeit. Die Funktionalität einer Zone und die Effektivität der dort stattfindenden Tätigkeiten werden gesteigert, wenn ein passender Verhaltenskodex entwickelt wird, der die dort ausgeführten Tätigkeiten und Geisteshaltungen fördert. So können alle Anwesenden gleichsam von der Umgebung profitieren.
Die nötige Entlastung, um sich mit Neuem zu beschäftigen und eine Innovationskultur an der Schule zu etablieren, erfolgt durch die Trennung von sich beeinträchtigenden Tätigkeiten, eine die Tätigkeiten unterstützende Raumgestaltung und die Neugestaltung des Miteinanders in den jeweiligen Räumlichkeiten.

Abbildung 3: Erster Entwurf eines 4-Zonen-Arbeitsplatzes innerhalb eines Raumes mit multifunktionalen Möbeln (erstellt mit 3D-Software Google Sketchup).
Abbildung 4: Entwurf der Lehrerkonferenz mit den gleichen Möbeln aus Abbildung 3.

2. Die Aufteilung des Arbeitsplatzes in 4 Zonen schafft Raum für Innovation

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Schaffung einer Innovationskultur ist die Nutzung und Gestaltung der neuen Räume und Freiräume. Die Aufteilung des Arbeitsplatzes in 4 Zonen schafft mentalen sowie physischen Raum für Innovation. Zum einen schaffen die freigewordenen Kapazitäten Platz im Kopf für Experimente, Kreativität und neue Innovationsvorhaben, zum anderen inspirieren und fördern die neu entstandenen Räumlichkeiten Innovationsvorhaben in der Schule. Die durch die Entlastung entstandenen Freiräume laden zum Experimentieren ein. Denn ein Grund dafür, warum einige neue Arbeitsmethoden oder Technologien keine Anwendung im Unterricht finden, ist, dass manche Kollegen unsicher in deren Anwendung sind oder das Potenzial dieser noch nicht erkannt haben. Durch die im ersten Abschnitt erwähnte Entlastung entstehen Kapazitäten, die es dem Kollegium möglich machen, neue Technologien und Methoden gemeinsam auf Herz und Nieren zu testen und in aller Ruhe auszuprobieren, bevor sie im Klassenzimmer Anwendung finden.

Der neu entstandene Raum fungiert als Katalysator für weitere Innovationen in der Schule. Die Veränderung des Raumes führt zu verändertem Verhalten. Viele Kollegien an Schulen arbeiten in Räumlichkeiten, die eigenes Lernen und Explorieren wenig unterstützen oder womöglich sogar verhindern. Die jeweiligen Zonen unterstützen Lern- und Arbeitsformen, die vorher nicht möglich waren. Möbel auf Rollen beispielsweise, lassen eine einfache Konfiguration des Arbeitsplatzes nach eigenen Bedürfnissen zu. Vertikale Arbeitsflächen erleichtern die Einsehbarkeit und Kommunikation in der Zusammenarbeit. Die Gestaltung des neuen Lehrerarbeitsplatzes bietet die Möglichkeit, einen Ort zu kreieren, der eigenes Lernen inspiriert. Die Arbeitsumgebung, die das Angehen größerer Herausforderungen erfordert, wurde mit der Zonierung just geschaffen.
Zeit für das Ausprobieren von Neuem und eine Umgebung, die neue Arbeitsweisen zulässt, bilden die Grundlage für das Schaffen der schulischen Innovationskultur. Neben den nötigen Kapazitäten für Innovationsvorhaben ist die Geisteshaltung von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, eine Innovationskultur an der Schule zu etablieren.

3. Das gemeinsame Entwickeln des 4-Zonen-Arbeitsplatzes fördert eine Geisteshaltung, die Innovation möglich macht.

Das Verankern einer Innovationskultur in der Schule erfordert nicht nur entsprechende Räume, sondern auch das Einnehmen neuer Geisteshaltungen, die Anwendung unbekannter Techniken und Methoden und neue Verhaltensweisen. Innovation ist gekennzeichnet durch das Denken außerhalb der vorliegenden Strukturen – Denken „out of the box“, dem Umgang mit Ungewissheit und dem Einnehmen unterschiedlicher Perspektiven. Verhalten, Prozesse und Organisationsstrukturen am Lehrerarbeitsplatz verändern sich im Laufe der Zeit. Selten werden die Räumlichkeiten neuen Gegebenheiten und Anforderungen angepasst und so bilden sich im Laufe der Zeit Orte heraus, die niemand mehr nutzt oder deren ursprünglicher Sinn in Vergessenheit geraten ist. Das gemeinsame Gestalten des 4-Zonen-Arbeitsplatzes regt alle Beteiligten dazu an, neben anderen Faktoren, den aktuellen Zustand der Arbeitsräume zu reflektieren und in Frage zu stellen. Die vorhandene geistige Box des aktuellen Lehrerarbeitsplatzes wird verlassen, von allen Seiten und im Kontext betrachtet. Erst aus dieser Position können die Zusammenhänge überblickt, in Frage gestellt und Dinge neu gedacht werden. Was genau soll unser Arbeitsplatz können? Welche Orte zählen zu unserem Arbeitsplatz? Welche Orte werden wie umgestaltet? Welche Tätigkeiten sollen wo ausgeführt werden? All das sind Fragen, denen sich ein Team bei der Umgestaltung des Arbeitsplatzes konfrontiert sieht und auf die es auch keine einfache und schnelle Antwort gibt. Während der cokreativen Entwicklung des neuen Arbeitsplatzes muss das Team Entscheidungen treffen, bei denen erst die Zeit zeigt, ob es sich um eine gute oder schlechte Entscheidung handelte – genau dieser Mut zu Entscheidungen trotz Ungewissheiten ist eine gute Ausgangssituation für Innovation. Eine Kultur, in der Unsicherheit als Möglichkeit der Exploration wahrgenommen wird, bietet fruchtbarsten Boden für weitere Innovationen.
Ein Weg, um mit Ungewissheit umzugehen, ist das Einholen unterschiedlichster Sichtweisen. Bei der Gestaltung der neuen Arbeitsumgebung werden Annahmen in Gesprächen überprüft und verschiedene Perspektiven eingenommen, um ein für alle Beteiligten zufriedenstellendes Ergebnis zu entwickeln. Denn erst das tiefe Verständnis der unterschiedlichsten Bedürfnisse und das Einnehmen verschiedener Sichtweisen lassen Spannungsfelder deutlich werden und Ungewissheit sinken. Sie ermöglichen das Entwickeln neuer Lösungen, die allen dienen.
Während das Kollegium seine Arbeitsumgebung selbst gestaltet, die vorherrschende Situation hinterfragt, sich durch das Erkunden unterschiedlicher Sichtweisen Gewissheit in der Ungewissheit schafft, nimmt es neue Geisteshaltungen ein, die Voraussetzung einer Innovationskultur sind. Das Kollegium wird zu einem Team von Innovationsexperten.

Abbildung 5: Prototyp einer Zone „WIR ARBEITEN“.
Abbildung 6: Prototyp einer Zone „WIR ENTSPANNEN“.
Abbildung 7: Prototyp einer Zone „ICH ENTSPANNE“.
Abbildung 8: Prototyp einer Zone „ICH ARBEITE“.

Fazit und Ausblick

Die Umgestaltung des Lehrerarbeitsplatzes in 4 spezialisierte Zonen dient als Einflugschneise für Innovation in der Schule, indem es den Lehrerinnen und Lehrern Entlastung bietet, neue physische sowie geistige Räume schafft für neue Ideen, Experimente und Projekte und eine Geisteshaltung fördert, die den Grundstein einer Innovationskultur bildet.

Die Anwendung der 4-Zonen-Matrix hilft jedoch nicht nur bei der Gestaltung des Lehrerarbeitsplatzes, sondern auch bei der Gestaltung von Schülerarbeitsräumen. Ein erfolgreich umgestaltetes Lehrerzimmer bietet Lehrkräften die Möglichkeit, Raumkonzepte und Lernformate selbst auszuprobieren, die sie bei ihren Schülerinnen und Schülern testen möchten. Der selbst durchlebte co-kreative Gestaltungsprozess des Lehrerzimmers macht Lehrerinnen und Lehrer zu authentischen Innovationsberatern für ihre Lernende. Lehrkräfte leben die Innovationskompetenz vor, die sie ihren Schülerinnen und Schülern beibringen möchten.

Anwender der Matrix können neben Schulkollegien auch Architekten oder Schulausstatter sein, die in den Prozess der co-kreativen Umgestaltung von Lehrerarbeitsplätzen oder die Konzeption von Lehrerarbeitsplätzen für einen Schulneubau involviert sind. Nicht zuletzt hilft die Matrix Schulmöbelherstellern Raumkonzepte für den Lehrerarbeitsplatz zu entwerfen. Außerhalb des Schulgebäudes finden sich Anwendungsfelder in Bibliotheken, Bildungszentren und Unternehmen. Grundsätzlich sind alle Orte denkbar, an denen Menschen zusammenkommen, um zu arbeiten und zu lernen.