Digitalisierung unserer Schulen stagniert

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Finnland erprobt seit dem Schuljahr 2016/17 „Phänome-Unterricht“. Die Reform sieht vor, dass alle Bildungs- einrichtungen für alle Schüler pro Jahr ein Fach anbieten, in dem der Unterricht mehr auf Ereignissen und Interessen basiert. Die Lernenden sollen die generelle Gestaltung des Fachs, wie das Thema und eventuelle Projekte mit den Lehrkräften selbst entscheiden und von Beginn an mitgestalten. Durch den „Phänomenunterricht“ soll Schülern geholfen werden, „mehr Eigenständigkeit beim Lernen und im Schulalltag zu entwickeln“. Mehr Freiheit für Schüler und Lehrer … Können Sie sich etwas Vergleichbares an deutschen Schulen vorstellen?

Peter Hillebrand: In den vergangenen Jahren erleben wir eine Wissensexplosion. Selbst Experten sind überfordert damit ein ganzes Fach zu beherrschen, deshalb sind sie hochgradig spezialisiert. Auch die Schule wird nie in der Lage sein, den Schülern die ganze Welt zu erklären. Es ist also notwendig, sich auf wesentliche Grundprinzipien eines Faches und grundlegende Arbeitstechniken zu beschränken. Es geht also um exemplarisches Lernen. Exemplarisches Lernen sollte aber keine Rechtfertigung dafür sein, ein Thema nur aus einem Blickwinkel zu betrachten. So kann man das Thema Photovoltaik unter den Aspekten des physikalischen Grundprinzips, der technischen Umsetzung, der ökologischen und ökonomischen Folgen betrachten. Es liegt also nahe, einen fächerübergreifenden Ansatz, etwa in Form eines Projektes, zu wählen. Diese Projektarbeit sollte aber nicht nur punktuell geschehen, sondern sie sollte fester Bestandteil der täglichen Arbeit der Schüler sein.

Der finnische „Phänomenunterricht“ geht sogar noch einen Schritt weiter, indem die Schüler mit den Lehrern über die Themen und die Projekte entscheiden. Das ist für die Schüler  sicherlich sehr motivierend, setzt aber sowohl bei Schülern als auch Lehrern ein hohes Maß an sozialer Kompetenz voraus. Der Einfluss des Lehrers bei der Entscheidung für ein Projekt stellt sicher, dass der Kompetenzerwerb nicht aus dem Blick gerät.

Das Beschriebene wäre wahrlich ein absoluter Pädagogen-Traum! Doch dann wird man mit der Realität konfrontiert: 45-Minuten-Takt, Schulgebäude, die sich in den letzten 100 Jahren kaum in ihrem Grundkonzept (lange Flure, abgeschlossene Fachräume usw.) verändert haben, Klassenräume wie sie schon vor 200 Jahren geplant wurden (Tafel – Lehrerpult – Schüler). Damit wird klar, dass eine Entwicklung des Unterrichts auch einhergehen muss  mit der Entwicklung neuer Schulraumkonzepte. Ohne das eine ist das andere nicht möglich!

Martin Brause: In Finnland wird diese Öffnung der Fächer für Schülerinnen und Schüler ab 16 Jahren in einigen – nicht allen – Schulstunden empfohlen. Wenn man einen Blick auf die Profiloberstufe wirft oder auf die Unterrichtskonzepte an verschiedenen Hamburger Schulen, veränderte Rhythmisierungen des Schultages, kollaborative und kooperative Unterrichtsmethoden, sehe ich solche Ansätze. Die kompetenzorientierten Bildungspläne lassen Unterricht in dieser besonderen projektorientierten Form bereits zu. Bei dieser Entwicklung geht es weniger um die Veränderung der äußeren Rahmenbedingungen als um die Umstrukturierung der Methodik, Unterricht von  innen  heraus zu organisieren. Konzepte für digitales Lernen können  diese Entwicklung unterstützen und dabei helfen, das eigenständige und selbstbestimmte Lernen zu fördern.

Vincent Steinl: Meine persönliche Meinung ist, dass die Herausforderungen der digitalen Welt ohne mehr Eigenständigkeit und ohne eine größere Offenheit in den Lernprozessen nicht bewältigt werden können. Ob dies dann Phänomene-Unterricht, Projektlernen oder Deeper Learning heißt. Schauen Sie sich die Kompetenzen an, die laut Kultusministerkonferenz für die digitale Welt entwickelt werden sollen – mit ambitioniertem Zeitplan innerhalb der nächsten fünf Schuljahre. Ich finde es gut, dass für die Umsetzung kein neues Fach geschaffen wurde, sondern diese in den Lernprozess und die bestehende Fächerstruktur integriert werden sollen. Aber diese Kompetenzen nicht nur theoretisch zu lernen, sondern auch zu leben und in neuen Zusammenhängen gewinnbringend anzuwenden, ist im klassischen 45-Minuten-Takt nur schwer vorstellbar. Und übrigens auch mit den klassischen Prüfungsformaten nur schwer erfassbar. Hier geht es darum, neue Wege auszuprobieren. Und dass dies möglich ist, kann ich mir gut vorstellen. Auch, weil ich in den letzten Monaten viele Schulen kennenlernen durfte, die im Rahmen ihres pädagogischen Konzepts genau dies versuchen.

Über die Bildungs- und Digitalexperten

Peter Hillebrand ist Schulleiter der Karlschule Hamm (NRW), die mehrfach für ihr pädagogisches Konzept ausgezeichnet wurde (Starke Schule, nominiert für den Deutschen Schulpreis). Infos unter: www.die-karlschule.de

Vincent Steinl ist Programmleiter beim Forum Bildung Digital, einem gemeinnützigen Verein, der sich der komplexen Aufgabe verschrieben hat, den digitalen Wandel im Bildungsbereich zu gestalten und die Chancen digitaler Medien für die Schul- und Unterrichtsentwicklung zu nutzen. Infos unter: www.forumbd.de

Martin Brause ist Chief Digital Officer (CDO) der Behörde für Schule und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg und verantwortlich für deren Digitalisierungsstrategie