Digitalisierung unserer Schulen stagniert

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Es scheint zwischen den  Bundesländern nun einen Wettlauf zu geben, wer zuerst alle Schulen am Glasfasernetz angeschlossen hat. Sehen Sie einen ähnlich rasanten Wettlauf bei  Schul- und Personalentwicklung, um Lehrer und pädagogische Konzepte  gleichfalls fit zu machen für das 21. Jahrhundert?

Peter  Hillebrand: Diesen Eindruck  vom „Glasfaserwettrüsten“ habe ich schon. Jedoch sind schnelle Internetzugänge nur ein Aspekt im Bereich der Digitalisierung der Schulen. Große Herausforderungen kommen auf die Schulen zu, wenn es um die Einbindung der Medien im Unterricht oder die Nutzung der Geräte beim Kooperativen Lernen. Hier sind geeignete Content-Management-Systeme gefragt, mit denen sich Lehrer und Schüler austauschen und kollaborativ arbeiten können.

Ein weiterer Aspekt ist die Entscheidung für die richtige Hardware. Klassische Computerräume sind aus der Mode gekommen. Mobile Lösungen wie Tablets und Notebooks werden häufig als die ultimative Lösung verkauft. Ich denke, dass es langfristig auf eine Mischung der verschiedenen Gerätetypen hinausläuft. In einigen wenigen Bereichen wird es sicher noch klassische Desktop-Computer geben, z. B. für den 3D-Druck. Tablets und Notebooks könnten ausgeliehen werden, um sie in unterschiedlichen Settings wie Klassenunterricht, Team- oder Einzelarbeit, nutzen zu können. Auch die schülereigenen Smartphones und Tablets sollten nach dem Prinzip des Bring Your Own Device in die schulische Infrastruktur eingebunden werden.

Jedes Kollegium muss sein eigenes Modell zur Digitalisierung ihrer Schule entwickeln. Zugespitzt könnte man den Auftrag der Schule also wie folgt formulieren: In Klassenräumen von vor-vorgestern soll die Generation von vorgestern – zu der ich mich zähle und die noch mit drei TV-Programmen groß geworden ist – mit der Technik von gestern die Jugend von heute auf die Zukunft vorbereiten!

Martin Brause: Für ganz entscheidend halte ich, das Potenzial digitaler Medien auch für Personal- und Unterrichtentwicklung zu nutzen. Genau zu diesem Zweck haben wir gemeinsam mit der Technischen Universität Hamburg und der Joachim Herz Stiftung das digital.learning.lab (www.digitallear-ninglab.de) an den Start gebracht.

40 Hamburger Lehrkräfte, einige von ihnen „early adopters“ der ersten Stunde, stellen ihre erfolgreichen Unterrichtsbeispiele als digitale Unterrichtsbausteine bereit. In diesen bildet sich prototypisch ab, wie sich der Erwerb fachlicher Kompetenzen und Wissens mit dem Erwerb solcher Kompetenzen verbinden lässt, die Lernende erwerben müssen, um weiterhin aktiv, mündig und erfolgreich an der Gesellschaft im digitalen Wandel teilhaben zu können.

Diese Kompetenzen für die digitalisierte Welt werden in der KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ beschrieben. Ganz wichtig: Der Erwerb dieser Kompetenzen, so auch in den digitalen Unterrichtsbausteinen im digital. learning.lab, vollzieht sich im Fachunterricht. Ich bin überzeugt, dass dies in der heutigen Schule ganz entscheidend ist. Lehrkräfte verstehen sich als Pädagoginnen und Pädagogen, aber eben auch als Fachexperten. So erhalten Lehrkräfte ausgearbeitete Beispiele an die Hand, wie digitale Medien entweder den Unterricht fachlich sinnvoll bereichern und dabei Kompetenzen für die digitalisierte Welt schulen oder aber etwa mit augmented reality, virtuellen Experimenten oder anderen erst durch digitale Medien möglichen Zugängen den Unterricht erweitern und grundlegend verändern. Im digital. learning.lab werden die dafür nötigen Tools vorgestellt und zudem aktuelle Trends zum Lehren und Lernen mit digitalen Medien beschrieben. Alle Materialien sind – und dies sollte so sein unter den Bedingungen der Digitalisierung – frei verfügbare und veränderbare offene Bildungsressourcen (OER), die jeder frei nutzen kann, nicht nur Hamburger Lehrkräfte.

Insofern gilt: Der Startschuss für den Wettlauf – um in Ihrem Bild zu bleiben – ist gefallen. Das Rennen gewinnen jedoch nicht die, die die beste technische Ausstattung in die Klassenzimmer bringen, sondern diejenigen, die tragfähige Konzepte für den unterrichtlichen Einsatz der zur Verfügung stehenden Hard- und Software entwickeln und ihre Lehrerinnen und Lehrer dazu qualifizieren, diese nachhaltig umzusetzen. Da sind die Hamburger Schulen auf einem guten Weg, meine ich.

Vincent Steinl: Im Sinne eines kooperativen Föderalismus finde ich es wichtig, dass es nicht bei einem Wettlauf bleibt, sondern dass die Bundesländer auch voneinander und miteinander lernen – Kooperation ein wichtiger Schlüssel, um in der digitalen Welt voranzukommen. Ich nehme hier bei den Kolleginnen und Kollegen aus den Bildungsministerien der Länder auch eine große Offenheit wahr, sich untereinander aber auch mit uns und anderen Organisationen der Zivilgesellschaft auszutauschen. Wir arbeiten gerne mit allen Bundesländern, die zur Umsetzung der KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt” und des Digitalpakts innovative Wege gehen möchten, ko-konstruktiv zusammen. Und was die technische Ausstattung und den Glasfaseranschluss angeht: Hier finde ich, dass WLAN in den Klassenzimmern und eine Breitband-Internetanbindung an Schulen, egal, in welchem Bundesland in Zukunft selbstverständlich sein sollte – so wie der Wasseranschluss in der Tafel- und Kreidezeit.