Freundschaften in WhatsApp

Beziehungen von Jugendlichen sind für Erwachsene nicht immer nachvollziehbar. Ein Großteil der deutschen Jugendlichen organisiert heute Freundschaften und ganze Freundeskreise über mobile Instant Messenger.

Die "Screen-Time" von Jugendlichen steigt stetig Foto: © Fotolia – George Dolgikh

Digitale Kommunikation in realen Beziehungen und private ­Teilöffentlichkeiten im virtuellen Raum

Beziehungen von Jugendlichen sind für Erwachsene nicht immer nachvollziehbar. Ein Großteil der deutschen ­Jugendlichen organisiert heute Freundschaften und ganze Freundeskreise über mobile Instant Messenger. ­Instant Messenger gehören für 86 % der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren zu den wichtigsten Apps auf dem Smartphone, für 84 % ist WhatsApp die wichtigste App (vgl. MPFS 2014). Die Nutzung des Smartphones und die Möglichkeit, sich digital über WhatsApp mit Freunden auszutauschen, spielt auch eine entscheidende Rolle in der Gestaltung von realen Beziehungen. WhatsApp bietet Jugendlichen viele kommunikative Möglichkeiten an, die verschiedene Nutzungszusammenhänge erzeugen und die Beziehungsgestaltung von Jugendlichen verändern. Dieser Artikel setzt sich mit unterschiedlichen Aspekten der WhatsApp-Nutzung auseinander.

Mithilfe von WhatsApp lassen sich Eins-zu-Eins-Chaträume sowie Gruppen-Chaträume gründen. Dadurch ist es möglich, unkompliziert mit engen Freunden, Klassenkameraden, Familienmitgliedern oder fortgezogenen Freunden in Kontakt zu bleiben. In regelmäßig genutzten, „fest etablierten“ Gruppen-Chaträumen können Freundeskreise die App dazu nutzen, sich immer wieder auszutauschen, Treffpunkte zu vereinbaren oder Medieninhalte wie Fotos, Sprachnachrichten oder kurze Videos zu teilen. Demgegenüber stehen gerahmte Gruppen-Chaträume. Die Rahmungen solcher Gruppen-Chaträume sind zweckgebundene Anlässe, z. B. Klassen- und Vereins-Chaträume, zeitweise gegründete Gruppen-Chaträume für die Organisation von einmaligen Freizeitaktivitäten oder von Festen wie z. B. Geburtstagen.

Es entstehen viele einzelne Informationskanäle, die verschiedene Kommunikationsanlässe darstellen und je nach Gruppenkonstellation unterschiedliche Kommunikationsweisen erfordern. Im Zuge der Nutzung dieser Informationskanäle entwickeln sich auf unterschiedlichen Ebenen Spannungsverhältnisse, welche die jugendlichen Nutzer vor einige He-rausforderungen stellen können.

Spannungsverhältnisse – Jugendliche zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

Mobile Instant Messenger wie WhatsApp sind so aufgebaut, dass zur Kontaktaufnahme die jeweilige Mobilfunknummer bzw. die konkreten Kontaktdaten (Accountdaten) benötigt werden. Somit bietet WhatsApp keinen öffentlichen Zugang zu persönlich unbekannten Nutzern. Jedoch lassen sich durch Gruppen-Administratoren Gruppen-Chats erstellen, in denen sich Kontakte zusammenfinden können, die einander vorerst unbekannt sind. Damit befinden sich diese Personen letztlich nicht mehr in privaten Kommunikationsräumen. Es entstehen so private Teilöffentlichkeiten, da geteilte Inhalte wie Chatnachrichten, Fotos oder Sprachnachrichten in Gruppen gepostet werden, die ebenfalls für Dritte bzw. für weitere Gruppenmitglieder verfügbar gemacht werden, obwohl die Inhalte nicht primär für diese bestimmt sind.

Aufgrund der möglichen Vielzahl parallel laufender Chaträume lassen sich folglich Inhalte wie Bilder, Videos usw. einfach kopieren und in anderen Gruppen weiter verbreiten. Diese Inhalte, die mit einem engen privaten Umfeld geteilt wurden, können somit in weitere teilöffentliche Chaträume oder Soziale Online-Netzwerke gelangen.

Jugendliche zwischen realen und virtuellen Räumen

Gleichzeitig befinden sich Jugendliche durch die Zunahme digitaler Kommunikation und Interaktion zwischen virtuellen und realen Erfahrungsräumen. Voneinander trennen lassen sich virtuell und real gemachte Erfahrungen nicht mehr – oder nur noch sehr schwer –, weil sie sich zunehmend gegenseitig bedingen und einen gemeinsamen Sozialraum darstellen. Es entsteht eine Hybridisierung zwischen virtuellen und realen Erfahrungsräumen (vgl. Unger 2010), da sich die Lebenswelt der Jugendlichen nicht nur aus real gemachten Erfahrungen zusammensetzt, sondern sich parallel dazu Chaträume in WhatsApp als wichtige Kommunikations- und Informationskanäle etablieren und organisatorische Funktio­nen, wie Treffpunktvereinbarungen oder die Planung von Freizeitaktivitäten, übernehmen.

Ebenfalls treten begleitend zum Schulalltag WhatsApp-Gruppen in vielen Klassen auf, in denen während des Schultages weitere Kommunikationsinhalte – oft für Lehrer unbemerkt – ablaufen. Diese Kommunika­tionsvorgänge können sich auch weit über die eigentliche Unterrichtszeit hinaus erstrecken, z. B. für den Austausch von Hausaufgaben oder Klassenarbeitsterminen. Heranwachsende müssen sich in diesen medial vermittelten Kommunikationsräumen ebenso wie in realen Situationen verorten, ihr Handeln selbst gestalten, Informationen generieren und selektieren oder sich mit Haltungen, Problemen oder Streitigkeiten von einzelnen – aber auch mehreren Beteiligten – auseinandersetzen. Durch diese Spannungsverhältnisse entstehen in Bezug auf mobile Instant Messenger Herausforderungen, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll. Grundlage für die hier formulierten Herausforderungen waren Interviews aus dem Jahr 2014 mit Jugendlichen zwischen 17 und 20 Jahren, die Bestandteil meiner Master-Thesis sind.

Always On

Immer mehr Jugendliche sehen sich einem großen Informations- und Datenfluss ausgesetzt. Durch die Möglichkeit, mobil und kontinuierlich online bzw. „always on“ sein zu können, erweitern sich die Zeitfenster, Apps einsetzen und Chaträume als rund um die Uhr verfügbare Informations- und Kommunikationsquellen nutzen zu können. Obwohl der Begriff des „always on“ suggeriert, nonstop online zu sein, bezeichnet der Begriff viel mehr den Anstieg ­einer Nutzung von mobilen Internetanwendungen (vgl. van Eime­ren 2014).

Eine Schülerin berichtete beispielsweise von Chatverläufen, die sie regelmäßig auf eingehende Nachrichten überprüft und dort die als wichtig empfundenen Inhalte selektiert. Sie hat zwar eine hohe Nutzungsintensität und scheint „always on“ zu sein, überprüft jedoch und stuft eingehende Nachrichten nach Wichtigkeit ein und selektiert somit Medieninhalte nach persönlicher Relevanz.

Aufgrund der Nutzung parallel laufender Chaträume kann weiterhin die Notwendigkeit entstehen, mehrere Chaträume mit unterschiedlichen Freundeskreisen verwalten zu müssen, was nicht nur einen Anstieg der Nutzung von mobilen In­stant Messengern zur Folge haben kann, sondern auch eine hohe Selektionsleistung der Jugendlichen hinsichtlich eingehender Nachrichten erfordert.

Partizipationszwang und Abhängigkeitsgefühle

Eine weitere Herausforderung im Umgang mit WhatsApp stellt die Angst vor sozialem Ausschluss der Jugendlichen dar. Beispielsweise berichtete eine 18-Jährige, deren WhatsApp-Zugang während des Interviewzeitraumes defekt war, von einem nahezu kompletten Ausschluss aus ihrem gesamten Freundeskreis, da sämtliche Neuigkeiten, Informationen, Treffpunkt-Vereinbarungen usw. exklusiv in WhatsApp bereitgestellt wurden und ihr durch den Defekt der Anwendung vorenthalten blieben. Für die Interviewpartnerin erzeugt insbesondere die Verlagerung von Kommunikationsinhalten auf eine zentrale Plattform die gefühlte Notwendigkeit, ebenfalls an den exklusiv bereitgestellten Informations- und Kommunikationskanälen von WhatsApp partizipieren zu müssen. Dieses Beispiel zeigt, welche zentrale Bedeutung die Teilhabe an diesen exklusiven Informations- und Kommunikationskanälen besitzt und welcher soziale Druck durch eine digitale Mediennutzung auf jugendliche Beziehungen entstehen kann.

Obwohl weitere Interviewpartner viele Vorteile in der Nutzung von mobilen Instant Messengern sahen und WhatsApp dank der flexiblen und vielseitigen Einsatzmöglichkeiten schätzten, berichteten sie gleichzeitig von dem Gefühl, sich durch bestehende Nutzungszusammenhänge von WhatsApp abhängig zu fühlen.

Datenschutzrechtliche Probleme

Die Nutzung von WhatsApp wirft auf unterschiedlichen Ebenen datenschutzrechtliche Fragen auf. Zum einen sind die Rechte am eigenen Bild bzw. Persönlichkeitsrechte zu ­nennen. Das Teilen und vor allem das Streuen von Fotos in Gruppen ist eine gängige Praxis und führt nicht selten zu Streitigkeiten und der Verletzung von Persönlichkeitsrechten.

Neben dem Streuen von Medieninhalten in verschiedenen Chaträumen auf WhatsApp kann auch die Weiterleitung über andere Soziale Netzwerke in einigen Fällen problematisch werden. Durch die Verbreitung von empfindlichen Medien­inhalten auf mehreren Plattformen kann der Verteilungsprozess beschleunigt werden und können potenziell weitere Personengruppen erreicht werden.

Weiterhin bleibt die Frage zur Möglichkeit einer Überwachung von anderen NutzerInnen offen. WhatsApp besitzt als Basisfunktion das Protokollieren und die Statusanzeige empfangener, gesendeter bzw. gelesener Nachrichten über kleine Haken und Zeitstempel (vgl. Schönborn 2015). Eini­ge InterviewteilnehmerInnen berichteten über daraus entstandene Erwartungshaltungen, dass direkt nach dem Lesen einer Nachricht geantwortet werden soll und Streitigkeiten außerhalb der Chaträume entstehen können, sofern nicht zeitnah innerhalb der Chaträume geantwortet wird.

Doch nicht nur der Eingriff in die Privatsphäre unter ­Freunden oder Paaren stellt Herausforderungen für die ­Jugendlichen dar. Auch die Erfassung von Nutzerdaten durch Konzerne bleibt eine offene Frage. Jüngst zeigte ­eine von der Universität Nürnberg-Erlangen durchgeführte Studie, ­welche Aussagen sich allein durch anonyme Nutzungsdaten auf WhatsApp gewinnen lassen. Anhand anonym ­gesammelter Daten lassen sich Nutzungsprofile erstellen und Aussagen zu einzelnen Chatverläufen, Onlinezeiten usw. treffen. Das Projekt ist online auf www.onlinestatusmonitor.com einsehbar.

Ausblick

Trotz der skizzierten Spannungsverhältnisse ist es angesichts der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten nicht verwunderlich, dass sich Jugendliche über digitale Kommunikationsmedien wie WhatsApp austauschen und organisieren.

Will man der heutigen Lebenswelt von Jugendlichen gerecht werden, stellen Verbote von Smartphones und Anwendungen wie WhatsApp – trotz bestehender Herausforderungen – sowohl im privaten als auch im schulischen Kontext keine langfristige Lösungsmöglichkeit dar. Es ist nicht davon auszugehen, dass Smartphones und Kommunikations-Apps in den kommenden Jahren an Bedeutung verlieren werden. Daher erscheint gerade die medienpädagogische Arbeit wichtig, um Heranwachsende bei einem kritischen und reflexiven Umgang mit modernen Kommunikationstechnologien zu begleiten.

Am Beispiel der Schule zeigt sich zudem, dass die Auseinandersetzung mit digitalen Medien kein ausschließlich medienpädagogisches Thema bleibt. Die o. g. Spannungsverhältnisse machen nicht vor Schule und Unterricht halt. Es stellt sich somit abschließend die Frage, wie einerseits Jugendliche, andererseits PädagogInnen, Lehrkräfte und Bildungsinstitutionen mit diesen Herausforderungen umgehen können.

Literatur

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2014. Jugend, Information, (Multi-)Media. MPFS, Stuttgart 2014. – www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf08/JIM-Studie_2008.pdf [06.09.15].

Schönborn, Julia: Always On: Ständige Erreichbarkeit, Onlinestatus und Lebensgefühl. In: Stiegler, Christian; Breitenbach, Patrick; Zorbach, Thomas (Hrsg.): New Media Culture. Mediale Phänomene der Netzkultur. transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 163 – 180.

Unger, Alexander: Virtuelle Räume und die Hybridisierung der Alltagswelt. In: Grell, Petra; Marotzki, Winfried; Schelhowe, Heidi (Hrsg.): Neue digitale Kultur- und Bildungsräume. VS Verlag, Wiesbaden 2010.

Van Eimeren, Birgit: „Always on“. Smartphone, Tablet & Co. als neue Taktgeber im Netz. Ergebnisse der ARD/ZDF- Onlinestudie 2013. In: Media Perspektiven (2013), Nr. 7/8, S. 386 – 390. www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Onlinestudie/PDF/Eimeren.pdf [06.09.15] Wolf, Marco: Instant Messenger! Instant on? Eine qualitative Studie zu jugendlichen Kommunikationsroutinen im Umgang mit Instant Messenger Systemen (im Druck).